Überraschenderweise wird in Ungarn im Vergleich zu anderen Ländern ziemlich viel gelesen. Im Ranking des World Culture Score Index, der Lesezeiten auf der ganzen Welt vergleicht, steht das Land sogar an zehnter Stelle. Mit durchschnittlich 6,8 Stunden Lesezeit pro Woche liegen die Ungarn über dem weltweiten und auch über dem deutschen Durchschnitt. Hier beträgt die durchschnittliche Lesezeit pro Woche gerade einmal 5,7 Stunden. Die Zahlen des Vereins Ungarischer Verlage und Buchhändler (MKKE) zeigen sogar, dass das Buch in Ungarn beliebter wird: Der Umsatz des Buchmarktes steigt permanent, zuletzt 2016 um 2,3 Prozent auf 46,8 Milliarden Forint. Belletristik, Kinderbücher, fremdsprachige Literatur, E-Books und Hörbücher: All diese Genres werden beliebter.

Péter László Zentai, Direktor des MKKE, fasst die Situation in Ungarn so zusammen: „Wir gehören zu den Ländern in Europa, die über eine kultivierte, interessierte, neugierige und für Kultur empfängliche Mittelschicht verfügen.“ Ein Beleg dafür sei auch, dass das Internationale Buchfestival und die Buchfestwoche in Budapest ein riesiges Publikum anziehen. Belletristik nimmt beim Buchumsatz in Ungarn, so Zentai, den ersten Platz ein, in ganz Europa gebe es dafür kaum Beispiele. „Ich glaube, die spektakuläre Entwicklung im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur beweist, dass sich die Situation nicht verschlechtert, sondern sogar verbessert – die sogenannte ‚Harry-Potter-Generation‘ legt Wert auf Bücher und kauft sie auch ihren Kindern“, ist sich der MKKE-Direktor sicher.

Zentralisierung des Buchhandels

Das Besondere am ungarischen Buchmarkt ist, dass die meisten größeren Verlage zu einer der großen Buchhandelsketten gehören. 75 Prozent des Gesamtumsatzes wird von den Ketten Libri, Líra und Alexandra gemacht. Diese Zentralisierung erschwert die Situation unabhängiger Buchhandlungen, die sich gegen die Preise der Ketten kaum noch durchsetzen können. Anna Dávid, Leiterin des Magvető-Verlags, der zu Líra gehört, sieht in der Zusammenarbeit mit den Buchketten aber auch Vorteile: „Die Bücher des Verlages werden in den Buchhandlungen sehr prominent platziert, und vor allem werden Lieferungen immer rechtzeitig bezahlt.“ Trotzdem setzt sich der MKKE für eine Buchpreisbindung ein, wie es sie in Deutschland bereits gibt. Damit will man kleineren Verlagen bessere Chancen auf dem Markt einräumen. Doch noch konnte sich der Verein nicht durchsetzen.

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Dadurch, dass auch der Online-Buchmarkt von denselben großen Buchketten dominiert wird, gibt es auch von dieser Seite keine Konkurrenz. 15 Prozent der Bücher werden in Ungarn derzeit online gekauft, der Verkauf erfolgt aber fast ausschließlich über die Webshops der Verlage und Buchketten, sodass internationale Konkurrenten wie etwa Amazon zumindest bisher noch keinen großen Einfluss auf den Markt haben.

E-Books als gute Investition

Der Umsatz mit E-Books liegt derzeit verschwindend gering bei etwa einem Prozent. Im Vergleich: In Deutschland, dessen Leser als nostalgische Anhänger des gedruckten Buches gelten, macht der Verkauf von E-Books 11 Prozent des Gesamtumsatzes aus, in den USA sind es sogar über 30 Prozent. Die Magvető-Verlegerin sieht darin aber keinen Beleg dafür, dass die Ungarn das gedruckte Buch bevorzugen würden. „Die meisten Menschen können sich einfach keinen teuren E-Book-Reader leisten.

Wenn das Lesen von E-Books auf Smartphones weiter zunimmt, wird wahrscheinlich auch die Nachfrage nach E-Books steigen.“ Ein weiterer Grund für die geringen Verkaufszahlen von E-Books sind aber auch illegale Downloads. Laut Umfragen lesen etwa 40 Prozent der ungarischen Leser E-Books, doch nur 5 Prozent sind bereit, dafür auch Geld auszugeben. Trotzdem sieht Anna Dávid in elektronischen Büchern eine gute Investition: „Der Verkaufserfolg ist sehr schwer abzusehen. Aber der Aufwand, aus einem fertigen Buch ein E-Book zu machen, ist relativ gering. Deshalb versuchen wir in unserem Verlag, möglichst jedes neue Buch auch als E-Book anzubieten.“

Der Magvető-Verlag

Der Magvető-Verlag hat einen guten Stand auf dem ungarischen Markt. Er ist einer der wohl prestigeträchtigsten ungarischen Buchverlage und kann, auch wenn er mit nur elf Mitarbeitern in einer ganz anderen Größenordnung spielt, inhaltlich sehr wohl mit dem deutschen Suhrkamp-Verlag verglichen werden. Denn wie auch Suhrkamp ist der Magvető-Verlag vor allem auf Hochliteratur spezialisiert. „Es gibt zum Glück viele ungarische Leser, die dieses Genre anspricht, sodass wir sehr zufrieden mit unseren Verkaufszahlen sein können“, erzählt uns Anna Dávid. Neben Belletristik verkauft der Verlag vor allem Biografien, Lyrik und Kurzgeschichten. „80 Prozent der Buchtitel stammen von ungarischen Autoren. Die meisten der Bücher ausländischer Autoren, die wir verkaufen, sind Übersetzungen fremdsprachiger Klassiker.“

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Anna Dávid berichtet von der Arbeit mit Autoren (hier György Spiró), die im Grunde nicht anders sind als andere Menschen auch.

Der Magvető-Verlag kann sich mit einer Reihe sehr erfolgreicher Autoren schmücken. Das erfolgreichste Buch, das bei Magvető erschien, ist der „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertész. Es ist das meistverkaufte Buch Ungarns, sein Autor wurde 2002 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Weitere namhafte Autoren des Verlags sind László Krasznahorkai und Péter Esterházy, die ebenfalls zahlreiche namhafte internationale Preise gewonnen haben.

Von der Idee bis zum fertigen Buch

Wie die meisten Verlage besteht auch der Magvető-Verlag aus den Abteilungen Lektorat, Herstellung und Vertrieb. Anna Dávid ist eine von vier Lektorinnen, die – anders als meistens vermutet wird – nicht den ganzen Tag mit Lesen verbringen: „Ich würde auf keinen Fall sagen, dass wir zu viel lesen müssen. Ich wäre froh, wenn ich mehr Zeit zum Lesen hätte, aber es gibt oft so viel anderes zu tun.“ Denn Lektoren müssen nicht nur Manuskripte lesen, sondern auch eng mit den Autoren zusammenarbeiten, die Skripte mehrmals überarbeiten, und den gesamten Prozess bis zur Veröffentlichung eines Buches begleiten. „Es ist schwer zu sagen, wie lange dieser Prozess normalerweise dauert, weil natürlich jedes Buch anders ist“, sagt Dávid. „Aber grob geschätzt sind es bei einem Buch mit 300 Seiten etwa drei bis vier Monate bis zur Veröffentlichung.“

Damit das Lesen nicht nur auf Abende und Wochenenden verschoben werden muss, findet im Magvető-Verlag etwa viermal im Jahre eine Art „Intensiv-Lesezeit“ statt: „Wir teilen dann alle Skripte, die gelesen werden müssen, untereinander auf und verbringen etwa eine Woche nur mit Lesen“, für die Verlegerin ist das immer einer sehr schöne Zeit. Auf die Frage, ob es schwierig ist, mit Autoren zusammenzuarbeiten, entgegnet sie: „Natürlich gibt es auch unter den Autoren sehr „spezielle Typen“, aber nicht mehr als in anderen Gesellschaftsgruppen auch. Im Grunde kann man mit den meisten Autoren sehr gut zusammenarbeiten.“ Doch nächtliche Anrufe von verzweifelten Autoren kämen auch bei ihr manchmal vor.

Wie auf dem Gemüsemarkt

Ein wichtiger Termin im Kalender eines Verlegers sind natürlich die Buchmessen. „Für uns sind die wichtigsten Buchmessen die in Frankfurt und in London, wo wir Buchrechte internationaler Werke einkaufen, sowie das Internationale Buchfestival Budapest, auf dem wir hauptsächlich Rechte verkaufen.“ Doch was passiert eigentlich auf einer Buchmesse? Geht man von Stand zu Stand und liest sich ganze Bücher durch? „Natürlich nicht“, lacht die Verlegerin.

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„Die meisten Bücher, für deren Rechte man sich interessiert, kennt man schon vorher, oftmals werden auch Manuskripte im Vorhinein untereinander verschickt. Auf der Messe geht es dann zu wie auf einem klassischen Gemüsemarkt: Die Verleger preisen ihre Waren an, geben kurze Zusammenfassungen der Bücher und werben mit Angeboten.“ Die Buchmesse sei aber auch der Ort, an dem man wichtige Kontakte knüpft und Menschen trifft, die man ansonsten nur aus E-Mails kennt.

Präsenz ungarischer Literatur im Ausland wächst

Zum Abschluss des Gesprächs gibt uns Anna Dávid noch ein paar persönliche Buchempfehlungen mit auf den Weg: Da ist zum einen der Roman „Melancholie des Widerstands“ von László Krasznahorkai, eine schwarze Parabel auf Osteuropa, in der ein mysteriöser Zirkus eine verschlafene Kleinstadt in Atem hält. Auch der Roman „Der Scheiterhaufen“ von György Dragomán, der in Zeiten des rumänischen Sozialismus spielt, sei lesenswert. Ebenso das Werk „Bauchspeicheldrüsentagebuch“, das letzte Buch des 2016 verstorbenen Péter Esterházys, kann sie nur empfehlen.

Glücklicherweise gibt es von vielen ungarischen Büchern deutsche Übersetzungen. Das Nachrichtenportal hirado.hu zitiert einen Experten des ungarischen Buchmarktes: „Der ungarische Markt wird wahrscheinlich nicht unbedingt weiter wachsen – aber die Präsenz ungarischer Autoren im Ausland wird immer größer.“ Wenn dieser Trend so weitergeht, dürften also auch diejenigen unter uns, die kein Ungarisch sprechen, weiterhin in den Genuss ungarischer Literatur kommen.

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