Der Sprecher von Soros oder Julian King wiesen bereits zurück, dass es einen Soros-Plan gäbe. Vor dem Weisesten aller Ungarn bleibt aber kein Komplott geheim. Es gibt also einen Soros-Plan – aus, Schluss, basta!

Konsultieren wir doch, das können wir schon gut!

Natürlich muss dafür gleich eine Konsultation her! Aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei. Weil ja die beiden vorherigen (…) ebenfalls nur darüber „informierten“, (…) welche Gaunereien man auf Soros-Kommando hin wieder im Schilde führt (…). Aber über die nicht zu vernachlässigende Tatsache hinaus, dass bei so einer Konsultationsparty für die Kumpels wieder ein paar Milliarden herausspringen werden, kann es schon nicht schaden, die Wähler bei Laune zu halten, denn der ganze Aufwand hat Großteils nur den Sinn (…) zu suggerieren: Wählt den Fidesz! (…)

Die Hexenjagd beginnt …

Gleich die erste Frage sorgt für die Stimmung und weckt Zweifel und Angstgefühle:

„George Soros will Brüssel dazu bewegen, aus Afrika und dem Nahen Osten jährlich mindestens eine Million Einwanderer auf dem Gebiet der Europäischen Union und somit auch in Ungarn anzusiedeln.“

Wir sehen schon gleich vor unseren geistigen Augen, wie aus den weit entfernten, exotischen Gegenden Afrikas Horden von Makaken mit allen möglichen Stammeszeichen geschmückt unsere schutzlose Heimat überrennen (…). Denn wir erfahren als eine Art „kleingedruckte Passage“ bei der Frage: Soros praktiziert schon seit geraumer Zeit Voodoo-Zauber über Europa.

Zurechtgebogene Wahrheiten

Apropos, dieser erklärende „Appendix“ ist methodisch und dramaturgisch ein ganz neues Element in der Geschichte der Konsultationen. Er sollte der als Behauptung gestellten Frage Glaubwürdigkeit und Authentizität verleihen: Denn nur direkt von Soros übernommene Zitate sind dazu berufen, das Regierungsdelirium entsprechend zu untermauern. Diese Zitate sind jedoch vollständig nach dem Trefferprinzip zusammengesucht worden, oft in ihren ursprünglichen Bedeutungen mehrfach verdreht. Im Falle der ersten Frage ist zum Beispiel die Übersetzung korrekt, denn Soros spricht von der Aufnahme von Flüchtlingen. In der Frage wird aber das Wort Ansiedlung verwendet, was in der Bedeutung des Textes bei Weitem aggressiver und befehlsartiger herüberkommt. Nicht zu sprechen von der – mehrfach auch in der ungarischen Presse publizierten – Tatsache, wonach in neueren Artikeln (New York Review of Books, Foreign Policy Magazine) Soros schon seit Langem nicht mehr von einer Million Flüchtlingen, sondern zuerst von 500 und jetzt von 300.000 spricht.

Ungerechtfertigte Anschuldigungen

Und nachdem der Fidesz-Quiz das Wesen des Soros-Plans bereits enthüllte, gehen die nächsten Fragen mit ähnlichen semantischen und rhetorischen Bravouren in die Detailtiefe.

In der Broschüre wird an einer Stelle angegeben, dass Soros den Grenzschutzzaun abbauen lassen will, natürlich, um dadurch ungehindert ein Paradies für „Einwanderer“ zu schaffen. (…) Nun, die Situation ist die: Der Zaun ist zwar nicht das Lieblingsobjekt des Autors, Soros ist dennoch ein Befürworter eines starken Grenzschutzes. Er drängte unzählige Male darauf, dass die Europäische Union mehr dafür ausgeben sollte.

Apokalyptischer Höhepunkt

In einer anderen „Frage“ wird Soros beschuldigt, dass er die verpflichtende Verteilung der „Einwanderer“ forciere, während man genau weiß, dass er die Quote ablehnt und in diesem Punkt einen ähnlichen Standpunkt vertritt, wie Viktor Orbán. Außerdem sprach er natürlich auch nicht die Empfehlung aus, dass man den Einwanderern persönlich Geld zukommen lassen sollte, denn laut Soros müsse man die Integrationsbestrebungen der Aufnahmeländer finanzieren.

Wenn wir in diesem, hinter Fragen verborgenen Propagandatext weiterlesen, schlägt die Phantasie seines Verfassers immer extremer aus, und es werden dem teuflischen Soros immer dreistere Niederträchtigkeiten angedichtet, bis wir bei der alles übertreffenden apokalyptischen Vision angelangen, wonach es Soros in Wirklichkeit auf die Vernichtung der europäischen Kultur abgesehen hat. Selbstverständlich hat er das!

Dämonisieren statt diskutieren

Aber ich möchte den Behauptungen des Textes nicht weiter auf den Zahn fühlen. In die Details gehend taten dies ohnehin schon andere vor mir. Sie machten dabei bereits auf die darin enthaltenen Halbwahrheiten und simplen Lügen aufmerksam. (…)

Die Macht will nicht diskutieren, sondern dämonisieren. Wofür man eigentlich Soros selbst nicht brauchen würde. Also den wirklichen Soros. Die Propagandamaschine der Regierung ist nämlich bereits bestens mit dem selbstkreierten Zerrbild seiner Selbst versorgt.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 1. Oktober in der links-liberalen Wochenzeitung 168 óra.

Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

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