Hans-Henning Paetzke erhält diesen Preis als Anerkennung für seine Übertragungen ungarischer Lyrik in eine Fremdsprache, in vorliegendem Fall konkret ins Deutsche. Und tatsächlich, Henning – es sei mir gestattet, ihn beim Vornamen zu nennen, wie es zwischen Freunden üblich ist –, Henning hat die Werke zahlreicher ungarischer Dichter für die deutschsprachigen Leser zugänglich gemacht.

Ihm ist die Übertragung fast des gesamten Lebenswerks von György Petri zu verdanken, der leider nicht mehr unter den lebenden Lyrikern Ungarns weilt. Doch auch die Dichtung János Pilinszkys, István Vas’, Sándor Weöres’ und Magda Székelys sind durch ihn in eine deutsche Sprachform gegossen worden. Von Gyula Illyés hat er lediglich ein einziges Gedicht übersetzt. Doch dabei – „Ein Satz über die Tyrannei“ – handelt es sich um ein derart sprachgewaltiges Epos, das bei anderen Dichtern einen ganzen Band einnehmen würde. Die Liste der zeitgenössischen Dichter, deren deutsche Stimme Henning geworden ist, ließe sich noch lange fortsetzen: von Zsófia Balla bis Krisztina Tóth, von Imre Oravecz über Dezső Tandori bis hin zu Géza Szőcs.

„Immer und gut“

Einmal wurde ein Übersetzer danach gefragt, wie er denn so viel arbeiten könne. Er entgegnete, man müsse nicht viel, sondern einfach nur immer arbeiten. Nach einigem Nachdenken fügte er hinzu: „Und immer gut!“ Ich kenne Henning seit Langem und kann bezeugen, dass er diesen beiden Kriterien – „immer und gut“ – restlos entspricht.

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Laudator László Márton:„Freiheit, Menschenwürdeund Solidarität. Ich glaube,das übersetzerischeSchaffenvon Hening ist, ohne Berücksichtigungdieser drei erwähnten Prinzipien, nicht zu verstehen.“

Doch wann können wir sagen, dass ein Lyrikübersetzer gut arbeitet? Dann nämlich, wenn er während des Übersetzens selbst zum Dichter wird, im Fall lyrischer Dichtung zum Lyriker. Henning ist auch Autor eigener Werke. Er schreibt ausgezeichnete Prosa, allerdings keine Gedichte. Zumindest habe ich davon keine Kenntnis. Ein solcher Lyrikübersetzer wird während der Arbeit zum Dichter, nicht nur um die lyrische Idee zu rekonstruieren, sondern auch um aus der ideellen Form ein literarisches Werk zu kreieren. Ein solcher Lyrikübersetzer unterliegt nicht der Versuchung, das übersetzte Gedicht in die eigene lyrische Welt zu integrieren, da er über keine eigene dichterische Welt verfügt. Dies indes kann gegebenenfalls mehr von Vorteil als von Nachteil sein.

„Wie Orpheus, der in den Hades hinabsteigt“

In einem Essay vergleicht Henning den Lyrikübersetzer mit Orpheus, der in den Hades hinabsteigt, das heißt in die fremde Sprache und Kultur, um von dort seine tote Geliebte zurückzuholen beziehungsweise das zu übersetzende Gedicht oder dichterische Lebenswerk. Daraus folgen wenigstens zwei Dinge. Zum einen ist das Originalwerk, solange es nicht übersetzt ist, solange es lediglich in der Sprache des Autors existiert, für den Übersetzer ein totes. Zum anderen darf der Übersetzer während der Arbeit seine aus dem Hades zu befreiende Geliebte, das Werk also, nicht ansehen. Sonst wird er sie verlieren.

Henning ist jedoch ein Übersetzer und überhaupt ein Mensch, der sich an das von ihm formulierte Verbot nicht hält. Dies ist nicht das erste Verbot, das er ignoriert. Wer sein Leben oder seine autobiografisch inspirierte Prosa kennt, der kann viele unbeachtete Verbote und abgelehnte Gebote anführen. Hierbei handelt es sich allerdings um äußerliche, von Machthabern verhängte Verbote und Gebote, die Henning nie geschätzt hat.

„Freiheit, Menschenwürde und Solidarität“

Umso treuer verhielt er sich seinen eigenen, von innen bestimmten Normen gegenüber. Die drei Wichtigsten davon lauten: Freiheit, Menschenwürde und Solidarität. Ich glaube, sein übersetzerisches Schaffen ist, ohne Berücksichtigung dieser drei erwähnten Prinzipien, nicht zu verstehen. Ein wesentlich größerer Umfang als der seiner Lyrikübersetzungen kommt dem Rahmen seines übersetzerischen Prosa-Lebenswerks zu.

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„Für Henning war Ungarn eineZufluchtsstätte. Hierher hatte ervor der auf ihm brutal lastendenUnterdrückung durch die DDR fliehen können.“

Zu Hennings ersten Arbeiten gehören die Romane von Miklós Mészölys „Saulus“ und Péter Nádas’ „Ende eines Familienromans“: gerade noch tolerierte Arbeiten von Autoren, die bei den damaligen Machthabern nicht sonderlich beliebt waren. György Konráds und Iván Szelényis Essayband „Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht“ indes gehörte in Ungarn zu den verbotenen Werken, wie sämtliche von Henning übersetzten Romane und Essays Konráds vor 1989. Es mag genügen, an dieser Stelle den Roman „Der Komplize“ und den Essay „Antipolitik“ zu erwähnen.

Doch auch andere von Henning betreute Autoren erfreuten sich in der sozialistischen Kulturpolitik keiner unbedingten Beliebtheit. In diesem Zusammenhang nenne ich ohne Anspruch auf Vollkommenheit Péter Esterházy, István Eörsi, Iván Mándy und Ágnes Heller. Betrachten wir die erste Halbzeit von Hennings übersetzerischem Schaffen, also die Periode vor 1989, dann stellt sich die Frage, ob er durch sein Übersetzen politisiert hat.

Dass er zur „Volksdemokratie“ eine politische Meinung vertrat, ist gewiss. Dies wird auch durch biografische Fakten unterstützt. Doch wer die übersetzerische Arbeit kennt, zu der auch Agententätigkeit, das Klinkenputzen bei den Verlagen, Kontaktpflege mit Autoren, Initiierung von Rezensionen, Beobachtung des literarischen Lebens sowie die Entdeckung von jungen Autoren gehört, der weiß, dass die mit der Ablehnung des Kommunismus einhergehende politische Einstellung nur ein Aspekt unter vielen ist.

Alternative geistige Landkarte Ungarns für deutsche Leser

Schon in den 80er-Jahren war Henning bewusst darum bemüht, dem deutschen Leser autonome Autoren der ungarischen Literatur vorzustellen. Seine Übersetzungen entwerfen eine alternative geistige Landkarte. Der literarischen Qualität kam hierbei eine entscheidende Rolle zu. Da auch die soeben erwähnten ungarischen Schriftsteller im Bewusstsein dessen arbeiteten, dass aus Qualität der ästhetische Widerstand gegen die Diktatur resultiert, war Hennings übersetzerisches Schaffen gleichfalls ein politischer Einsatz zwecks Vermittlung von Qualität.

Nach 1989, dank ständig wachsender Autorität und unter nunmehr günstigeren Umständen, beschäftigen Henning immer öfter theoretische Fragen des literarischen Übersetzens. Dass ein großer Teil der Übersetzungstheorien von Literaturkennern ohne übersetzerische Praxis artikuliert wird, ist schon eigenartig. Henning, der bis zum heutigen Tag unermüdlich übersetzt, beobachtet solche Theorien mit einem nachsichtigen Lächeln. Er beschreibt die übersetzerische Arbeit mittels Metaphern.

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Einmal vergleicht er den Originaltext mit Knete, dem der Übersetzer eine neue Form verleihen muss (hierbei ist anzumerken, dass er damit gegen überzogene Hochachtung vor philologischer Genauigkeit argumentiert), ein andermal bemüht er das Bild einer Partitur, die ein Geigenvirtuose oder Pianist, der literarische Übersetzer also, zum Klingen bringen muss, womit er sich dazu bekennt, dass im übersetzten Werk zumindest andeutungsweise das Fremde des ursprünglichen kulturellen Kontextes bewahrt werden muss.

Zufluchtsstätte Ungarn

An dieser Stelle muss Hennings Verhältnis zu Ungarn angesprochen werden. Denn dies gehört meines Erachtens zur Deutung seines übersetzerischen Lebenswerks. Für Henning war Ungarn eine Zufluchtsstätte. Hierher hatte er vor der auf ihm brutal lastenden Unterdrückung durch die DDR fliehen können. Ich will hier nicht die Unterdrückung in der DDR und in Ungarn miteinander vergleichen. Es mag genügen, dass man Henning in Ungarn im Großen und Ganzen in Ruhe ließ. Er konnte die seinem Geschmack entsprechende Arbeit verrichten. Daraus folgt, dass ihm nicht nur Ungarn eine Zuflucht gewährte, sondern auch die ungarische Sprache und Kultur.

Von Ungarn gelangte er einige Jahre später in die BRD, von wo er erst in den 90er-Jahren nach Ungarn zurückkehrte. Die ungarische Sprache aber hat er nie verlassen. Ich will ihm nicht sein deutsches Wesen absprechen, dennoch behaupte ich, dass er zu einem Ehrenungar geworden ist. Er lebt hier in Budapest, spricht akzentfrei ungarisch. Es klingt mir in den Ohren, wie er sich auf Ungarisch mit dem nach dem Familiennamen stehenden Vornamen vorstellt: „Paetzke Henning!“ All dies hängt mit jener übersetzerischen Strategie zusammen, mit seiner Strategie, das Übersetzen als Kommunikationsprozess zu begreifen, als Vermittlung zwischen Autor und Leser, zwischen der Kultur von Originalsprache und Zielsprache.

Diese Arbeit hat Henning als Emigrant begonnen. Emigriert ist er nicht wirklich nach Ungarn oder in die BRD, sondern in das literarische Übersetzen. Als Diplomat, als Botschafter von Autoren und Werken, übt er diese Tätigkeit nun schon seit Jahrzehnten aus. Dass die Position des Gesandten einer Tätigkeit als Dichter entspricht, ist wenigstens seit Walther von der Vogelweides Rollengedichten, in denen er die Boten zu Wort kommen lässt, allgemein bekannt. Und dass die Boten, insbesondere die Überbringer guter Nachrichten, eine Belohnung verdienen, wissen wir gleichfalls. Hennings übersetzerisches Schaffen samt seinen Lyrikübersetzungen kann gewiss als eine gute Nachricht betrachtet werden.

Meinen herzlichen Glückwunsch!

Hans-Henning Paetzke, geboren 1943 in Leipzig, 1963 bis 1964 politischer Häftling in Cottbus, 1968 Emigration nach Ungarn,1981 bis 1985 Persona non grata in der DDR, 1985 bis 1988 Persona non grata in Ungarn, literarischer Übersetzer und Schriftsteller. Neben 80 Buchübersetzungen Autor mehrerer Romane. Im Frühjahr ist im Mitteldeutschen Verlag sein viel beachteter autobiografisch inspirierter Roman „Andersfremd" erschienen.

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