Aber warum sollte überhaupt noch jemand eine neue Cola auf den Markt bringen wollen? Über Jahrzehnte schien es so, als könnte der Ur-Marke Coca-Cola und ihrem „ewigen Konkurrenten“ Pepsi keiner das Wasser reichen. Die beiden US-amerikanischen Unternehmen regierten den Getränkemarkt mit eiserner Faust und beförderten vergleichbare Produkte europäischer Anbieter – und hier gab es einige Versuche – nicht zuletzt durch ein überlegenes Marketing aus dem Rennen. Insbesondere die Coca-Cola avancierte früh zu einer „Love Brand“, die wie kaum ein anderes Getränk auf der Tastatur unserer Emotionen zu spielen wusste. Für uns Ostkinder schmeckte der erste Schluck der braunen Brause noch nach Freiheit, nach einer grenzenlosen Welt und vor allem nach dem berühmten „American Way of Life“. Doch gerade ihr allumfassender Erfolg könnte die Coca-Cola nun Marktanteile kosten. Denn durch ihre Omnipräsenz wurde das „Kultgetränk“ alltäglich, ja sogar langweilig. Selbiges gilt auch für den Konkurrenten Pepsi. Vor allem für die nachwachsenden Konsumentengenerationen, die bei der Produktwahl auch vermehrt auf Individualität, Nachhaltigkeit und Gesundheit achten, scheinen die alten Platzhirsche nicht mehr so attraktiv. Ihr Erfolg bröckelt. Coca-Cola etwa verzeichnet seit 2012 einen stetigen Umsatzrückgang.

Mehr Vielfalt

Gleichzeitig erleben wir in vielen Ländern Europas einen Aufstieg der sogenannten „Underdogs“, also kleiner Marken, die mit einem vergleichbar winzigen Marketingbudget maximale Verbreitung erzielen. Gerade in Deutschland lässt sich dies anhand der Erfolgsgeschichten vieler Marken, wie Fritz-Kola, der neu aufgelegten Afri-Cola, ebenso wie der Ostmarke Vita-Cola oder auch der Club-Mate-Cola belegen. Einige von ihnen – Fritz-Cola und Club-Mate-Cola — sind heute auch in Ungarn zu finden. Dabei scheinen sie vor allem das Bedürfnis vieler Gastronomen und Händler nach mehr Vielfalt im Getränkeregal anzusprechen. Auch Martin Neumann und seine Frau Edit Neumann-Bódi fanden es, als es um die Auswahl der passenden Getränkepalette für ihre Gastronomiebetriebe ging, „ziemlich eintönig“, immer nur Coca-Cola anzubieten. Gar keine Cola zu verkaufen, kam jedoch auch nicht infrage, schließlich ist die braune Brause, da sind sich verschiedenste Verbraucheranalysen einig, immer noch das Erfrischungsgetränk Nummer 1. „Da kamen wir auf die Idee, dass wir doch eine eigene Cola auf den Markt bringen können“, erklärt Neumann. Gemeinsam entwickelte das Paar vor einigen Jahren eine Colarezeptur, die sie begannen, unter dem Markennamen „Tikkadt Szöcske“, liebevoll auch „Szöcsi“ genannt, zu vertreiben. Seit 2015 starten sie damit am ungarischen Markt richtig durch.

Wir besuchen Martin Neumann in seinem Büro im Budapester XVIII. Bezirk. Das Gebäude liegt an einer verkehrsreichen Straße, ein großes Markenschild gibt es außen nicht, am Nachbarhaus prangt ausgerechnet ein Pepsi-Logo über einem Tante-Emma-Laden. Im Inneren wiederum dominieren Colaflaschen den Vorraum, der auch als Zwischenlager dient, die Etiketten der Flaschen sind relativ schlicht in grün, weiß und schwarz gehalten, den Schraubverschluss ziert ein trinkender Grashüpfer. Ein weiterer Raum ist spartanisch mit Schreibtischen und weiterem Büromobiliar eingerichtet. „Wir sind gerade erst eingezogen“, begrüßt uns Tikkadt-Szöcske-Gründer Martin Neumann. „Früher saßen wir am Malomudvar im IX. Bezirk, aber hier sind wir für Händler, die die Cola mit dem Auto bei uns abholen, besser zu erreichen.“

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Die Ironie, dass die Idee für eine ungarische Cola ausgerechnet im Kopf eines Deutschen mit herangereift ist, tut Neumann mit einem Schulterzucken ab. Er wohnt ja schließlich schon seit 2003 hier, hat eine ungarische Frau, spricht fließend Ungarisch und ist heute sogar schon ungarischer Staatsbürger. Die Kinder des gelernten Wirtschaftsingenieurs mit einem Hintergrund in Lebensmittelverfahrenstechnik besuchen eine ungarische Schule, in der sie wenig überraschend auch ungarische Gedichte lernen, beispielsweise die des Nationaldichters János Arany. Aus seinen Gedichten schöpften Martin Neumann und seine Frau auch bei der Taufe ihrer Colamarke Inspiration. Tikkadt Szöcske bedeutet auf Deutsch so viel wie „ausgedörrter Grashüpfer“ und ist ein Sinnbild, welches der, auch als der ungarische Shakespeare bekannte Arany in einem seiner Gedichte verwendet. Natürlich ist das sprunghafte Insekt auch das Maskottchen der Marke und ziert zusammen mit anderen liebevollen Zeichnungen unter anderem das Etikett der Cola.

Was macht die Cola eigentlich zur Cola?

Was genau in seiner Cola drin ist, will uns Martin Neumann natürlich nicht verraten: „Es gibt einige Leute, die versuchen uns nachzumachen, da muss ich genau aufpassen, was ich sage.“ Doch natürlich gibt es eine Art Grundrezeptur, die allen Colasorten zugrunde liegt. Was der Cola ihren eigentlichen Colageschmack verleiht, ist der Extrakt der Kolanuss, der Samen des in den Tropen beheimateten Kolabaums. Dieser ist reich an Koffein und gehört zu den Wirkstoffen, der die Cola ihre aufputschende Wirkung verdankt. Doch lange nicht alle Hersteller würden heute noch echte Kolanuss für ihre Rezeptur nutzen, erzählt Neumann: „Stattdessen verwenden sie Aromen, um der Cola ihren typischen Geschmack zu geben. Für die Herstellung der Tikkadt Szöcske nutzen wir aber nach wie vor natürliche Kolanuss.“

Was sonst noch in eine Cola gehört? Natürlich Wasser, Kohlensäure, natürliche Aromen, Phosphorsäure als Säuerungsmittel und Farbstoffe. Denn die braune Farbe, die für viele von uns fest zum mentalen Konzept der Cola gehört, ist eigentlich recht beliebig, verrät uns Martin Neumann. Sie könnte also auch rot, grün oder gar lila sein – am Geschmack würde es nichts ändern. Aufgrund des Wiedererkennungswertes haben sich Neumann und seine Frau jedoch dafür entschieden, auch der Tikkadt Szöcske einen schönen dunklen Braunton zu verpassen.

Zu guter Letzt gehört natürlich auch Zucker in die Cola. 11 Gramm auf 100 Milliliter sind es bei der Tikkadt Szöcske, immerhin 0,2 Gramm weniger als bei der vergleichbaren Coca-Cola.

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Doch neben der mit Zucker gesüßten Cola führt Tikkadt Szöcske auch eine zuckerfreie Version in ihrem Sortiment.

Ein bisschen überrascht ist Neumann darüber, dass es diese bisher als einzige Cola am Markt schaffe, praktisch kalorienfrei zu sein. „Natürlich sind das gerundete Werte, auch unsere Kola hat minimal Kalorien, aber laut der Rundungsregel müssen wir null Kalorien draufschreiben“, erklärt Neumann. Coca-Colas zuckerfreie Varianten, die Cola Light und die Cola Zero, werden hingegen mit 0,3 bzw. 0,2 Kalorien je 100 Milliliter angegeben. Die zuckerfreie Pepsi Max begnügt sich mit der Angabe „<1 Kalorie“. Der Rekordwert der Tikkadt Szöcske ist jedoch keiner gezielten Forschung zu verdanken, sondern mehr oder weniger ein Nebenprodukt, der mit dem natürlichen Süßstoff Stevia angereicherten Rezeptur.

Von der Idee bis in die Flasche

Bis die geheime Formel für die Herstellung der Tikkadt Szöcske, ob mit oder ohne Zucker, feststand, erzählt er uns, ging jedoch viel Zeit ins Land. Schon seit Jahren habe er sich, auch inspiriert durch den Erfolg von Fritz-Kola und Co., mit der Idee einer ungarischen Cola herumgeschlagen.

„Ich hatte schon einiges probiert, bin auch schon bei vielen Abfüllern gewesen“, erinnert sich Neumann, doch aus dem Projekt schien zunächst nichts zu werden, weshalb der Familienvater es für einige Jahre auf Eis legte. Erst 2013 nahm er die Fäden wieder auf, Neumann und seine Frau gingen zu einem professionellen Aromapartner, um ihr durch privates Experimentieren entdecktes Colarezept noch weiter zu perfektionieren. „Wir hatten jedoch das Problem, dass wir lange keinen Abfüller finden konnten, der zu uns passt. Einem größeren Betrieb muss man ja auch eine größere Menge abkaufen und das haben wir uns in der Anfangsphase noch nicht zugetraut. Die erste Serie, die wir schließlich 2015 abfüllen ließen, umfasste dann 7.000 Flaschen“, erklärt uns Martin Neumann.

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Um das Kapital, welches nötig war, um der Tikkadt Szöcske aus den Startlöchern zu verhelfen, aufzubringen, verkaufte das Paar ihre Gastronomiebetriebe. „Im Moment haben wir noch ein Lokal, aber auch das ist schon so gut wie verkauft“, so Neumann. Heute wollen sich die beiden ganz dem Aufbau der Getränkemarke widmen. Dabei gibt es noch einiges zu tun, denn auch ein noch so gutes Produkt bringt sich nicht von selbst an den Mann. „Wir haben Gott sei Dank einen guten Vertriebler, der fährt die Geschäfte für uns ab und erzählt den Leuten von unserem Produkt“, erklärt Neumann. Dabei würde die ungarische Cola auf ganz unterschiedliche Reaktionen stoßen. „Die einen sagen, ‚Super, das probier‘ ich und die anderen sagen ‚Oh, das find‘ ich doof‘.

Auf jeden Fall weckt die Marke Emotionen. „Das merkt man insbesondere bei Leuten, die sie zum ersten Mal sehen.“ Genau deshalb bemüht sich das Unternehmen, in dem neben Neumann und seiner Frau auch noch zwei weitere Mitarbeiter beschäftigt sind, um ein starkes Marketingkonzept. Ein großes Budget haben sie dafür nicht. „Natürlich werben wir in den sozialen Netzwerken, aber wir versuchen auch, auf den kleinen bis mittelgroßen Festivals in Ungarn vertreten zu sein. Wir waren beispielsweise auf dem Bánkitó-Festival. Dieses Jahr haben wir aber auch in der Budapester Innenstadt ein Kickerturnier veranstaltet.“

Mittlerweile landesweit erhältlich

Heute kann man die Tikkadt Szöcske nicht nur in Budapest kaufen, wo man sie beispielsweise in alternativen Lokalen wie dem Kulturclub Gólya findet, sondern fast überall in Ungarn. „Natürlich gibt es hier noch ein paar weiße Flecken auf der Karte“, gibt Neumann zu. Die Gründe dafür sind vor allem logistischer Natur: „Innerhalb von Budapest liefern wir ja selbst aus, aber auf dem Land sind wir eben auf Partner angewiesen, was nicht immer ganz einfach ist.“ Neben Kneipen, Bistros und kleineren Restaurants nehmen auch immer mehr Händler die ungarische Cola in ihr Sortiment. Sowohl bei den ungarischen Ketten Manna abc, Roni und Tom Market als auch beim deutschen Handelsriesen Metro steht Tikkadt Szöcske mittlerweile in den Regalen, und auch bei den deutschen Discountern Lidl und Aldi wurde das Erfrischungsgetränk im Rahmen einer ungarnweiten Aktion beworben.

Dabei kann die Tikkadt Szöcske preislich durchaus mit ihren großen Kontrahenten mithalten. Für 0,5 Liter in der PET-Flasche zahlt man in einem Budapester Manna abc derzeit gerade einmal 245 Forint. Genau so viel wie für eine vergleichbare Pepsi und sogar 10 Forint weniger als für den halben Liter vom Marktführer Coca-Cola.

Punktuell gebe es die Tikkadt Szöcske sogar im Ausland zu kaufen, erzählt Martin Neumann beinahe beiläufig. „Wir haben Partner in Holland, England und Irland. Meistens handelt es sich um Ungarn, die etwa ein Spezialitätengeschäft oder ein Restaurant betreiben und unsere Cola dort anbieten wollen.“ Doch auch bei der ungarischen Minderheit in den Nachbarländern Slowakei und Rumänien sei die Cola beliebt und werde gern gekauft. Dass es seine Cola aber bald weltweit zu kaufen gibt, sieht Neumann noch nicht kommen: „Dafür haben wir die Marke auch nicht ausgelegt. Der Name klingt bewusst sehr ungarisch und hat ja auch etwas mit der ungarischen Literatur und Kultur zu tun. Wir sind eben wirklich so eine Cola für Ungarn.“

Diese ungarische Cola wird heutzutage in einer großen Abfüllanlage in Veresegyház, im Komitat Pest, abgefüllt. Ganze 40.000 Stück sind es fast jeden Monat. Und für die Zukunft sieht Martin Neumann noch viel Luft nach oben. Der Unternehmer, der sich übrigens auch im Vorstand der Wirtschaftsjunioren Ungarn (WJU) engagiert, träumt außerdem davon, noch weitere Getränkeprodukte auf den Markt zu bringen: „Man könnte natürlich eine weitere Geschmacksvariante der Tikkadt Szöcske herausgeben, aber vielleicht werden wir auch noch eine ganz andere Limonade, dann aber unter einem anderen Markennamen launchen.“ Neumann steckt voller Ideen, so dass man wohl auch in Zukunft gespannt bleiben darf, womit er die Gaumen seiner durstigen Kunden als nächstes herausfordern wird.

Und wie schmeckt sie nun eigentlich, die ungarische Cola? Davon muss sich wohl jeder selbst ein Bild machen. Das Resultat unseres Geschmackstests ergibt jedenfalls: obwohl dem Geschmack der Coca-Cola sehr nahekommend, hat die Tikkadt Szöcske doch ihr ganz eigenes unvergleichliches Aroma. Genießen sollte man sie am besten gut gekühlt und – für ein möglichst prickelndes Trinkerlebnis – unverzüglich nach dem Öffnen.

Weitere Infos auf Ungarisch gibt es hier:

www.tikkadtszocske.hu


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