247 Ausstellungsgebäude, fünf Kilometer Fußwege – das Museum ist riesig. Man sollte genügend Zeit mitbringen, braucht sich aber von der Größe auch nicht gleich erschlagen zu fühlen. Man muss nicht jedes Gebäude unter die Lupe nehmen, um einen guten Eindruck von den Ausstellungen zu bekommen. Und wer nicht gut zu Fuß ist, kann sich einen Roller oder ein Fahrrad mieten. Oder mit dem Skanzen-Zug fahren, der am Eingang startet und einmal durch das Gelände führt. Auch eine Kutsche kann man mieten. Wir haben den ganzen Tag Zeit und beschließen, zu Fuß zu gehen.

Leben wie vor zweihundert Jahren

Das Museum möchte zeigen, wie es war, vor hundert oder zweihundert Jahren auf dem Land in Ungarn zu leben. Dazu wurden in sieben verschiedenen Bereichen sieben verschiedene Regionen darstellende, traditionelle Dörfer und Marktflecken errichtet. Die meisten der Gebäude kann man betreten, sie sind liebevoll mit Alltagsgegenständen aus längst vergangenen Zeiten bestückt und geben einen authentischen Eindruck davon, wie die Lebens- und Arbeitsweise damals ausgesehen hat.

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Neben den Wohnhäusern gibt es noch zahlreiche weitere interessante Gebäude, die Auskunft über die Kultur und Wirtschaft in der jeweiligen Region geben. Dazu gehören zum Beispiel eine Bäckerei, eine Kirche, ein Krämerladen, ein Bauernhof und eine Mühle. Und auch wenn die Zeit hier scheinbar stillsteht, das Alltagsleben tut es nicht: Wir sehen Menschen in traditioneller Kleidung alltägliche Arbeiten verrichten. Sie füttern die Tiere, ernten Gemüse und kochen Kräutertee, den man unbedingt probieren sollte. Sie zeigen gerne, wie zum Beispiel die traditionelle Blaufärberei funktioniert oder was in einem Rauchhaus gemacht wird. Und wer ein bisschen ungarisch versteht, kann von ihnen noch mehr über ihre Arbeit erfahren.

Sieben Regionen

Der Rundweg führt uns zuerst zu einem Marktflecken, wie es sie früher in der Gebirgsregion Felföld (dt.: Oberland) im Norden Ungarns gegeben hat. Hier steht der Wein im Zentrum, der in der Region zur Triebkraft der Stadtentwicklung wurde. Man kann einen Weinkeller und eine Weinstube besichtigen, auch zahlreiche traditionelle Wohnhäuser gibt es hier zu sehen. Der nächste Abschnitt zeigt ein Dorf aus dem Balaton-Oberland, dessen schneeweiß verputzte Häuser ein wenig an das Mittelmeer erinnern. Hier gibt es eine Wassermühle, die früher auch ein beliebter Treffpunkt der Dorfbewohner war. Auch eine katholische Kirche findet man am Rand des Dorfes.

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Gut zu wissen

Der Name Skanzen kommt ursprünglich aus dem Schwedischen und wird heute oft als Synonym für den Begriff „Freilichtmuseum“ verwendet. Diese Begriffsverwendung stammt aus der Gründungszeit der ersten Freilichtmuseen. Das weltweit erste dieser Art wurde 1891 in Stockholm eröffnet – und zwar im Stockholmer Stadtviertel „Skanzen“. Die Idee des Freilichtmuseums verbreitete sich in Skandinavien und später auch in anderen Teilen Europas. In vielen Ländern, so auch in Ungarn, wurde jedoch nicht nur die Idee des Freilichtmuseums, sondern eben auch der Begriff Skanzen übernommen.

Der Weg führt uns weiter in das nächste Dorf, das das Leben in Westtransdanubien darstellt. Hier fallen vor allem die mit Stroh gedeckten Dächer auf, die sogenannten „Schaubendächer“. Außerdem kann man eine Schule, einen Glockenstuhl und eine Schmiede bestaunen. Weiter durch das nächste Dorf, und damit durch Südtransdanubien, wo besonders die mit Kartoffelstempeln dekorierten Wände hervorstechen, geht es nach Kisalföld (die Kleine Ungarische Tiefebene). Hier werden nicht nur typische Bräuche des Dorflebens, sondern vor allem auch soziale Unterschiede aufgezeigt. Auf der einen Seite sehen wir verzierte Ziegelhäuser, auf der anderen bescheidene Lehmbauten. Daneben befindet sich auch der Krämerladen, in dem neben Kaffee vor allem traditionelle Süßigkeiten und kleine Souvenirs verkauft werden.

Das Herzstück des Museums

Vorbei an dem Glockenturm und einer kleinen, malerischen Kirche gelangt man zum Herzstück des Museums: einem „Einzelhof“ (ung.: tanya) in der Tradition der Nagy-Alföld, also der Großen Ungarischen Tiefebene. Hier gibt es traditionelle ungarische Tierarten zu sehen: Graurinder, Zackelschafe, Mangalica-Schweine, Pferde und Hunde. Während man sich die Zackelschafe mit ihren verrückt gedrehten Hörnern stundenlang betrachten könnte, scheinen die Mangalica-Schweine Besucher, die ihrem Gehege zu nahe kommen, sehr gerne mit Grunzlauten verjagen zu wollen. Im nahe gelegenen Marktflecken findet man eine traditionelle Blaufärberei und das Wirtshaus, in dem auch heute noch köstliche ungarische Spezialitäten serviert werden. Auf dem Weg dahin kommt man an einer Mühle vorbei. Hier gibt es auch eine Bäckerei, die mit Kaffee und traditionellem ungarischen Gebäck zu einer Pause einlädt. Zum Schluss gelangt man in die Theiß-Region im Norden Ungarns. Auch hier gibt es wieder zahlreiche traditionelle Wohngebäude zu sehen, außerdem eine Kirche, einen Glockenturm und eine Rossmühle, in der mithilfe von Pferden Weizen, Mais und Hirse gemahlen werden.

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Neben den traditionellen Lokalen, wie dem Wirtshaus, der Bäckerei und der Weinstube, die liebevoll in die Ausstellung integriert sind, kann man auch im Eingangsgebäude Leckereien, Kaffee und andere Getränke bekommen. Wer sich selbst etwas zu essen mitbringen möchte, findet auf dem Gelände zahlreiche Sitzmöglichkeiten. Tische, Bänke, saftige Rasenflächen und ein Spielplatz laden zum Verschnaufen ein. Pausen sind auch nötig, denn ein Tag im Skanzen-Museum kann lang werden – lohnt sich aber auf jeden Fall. Egal, ob man sich alles ganz genau anschauen möchte oder einfach die Atmosphäre einer längst vergangenen Zeit bei einem entspannten Spaziergang genießen will, das Museum bietet für jeden gute Möglichkeiten, seine Zeit angenehm zu verbringen. Und wer nach dem Besuch noch nicht zu müde ist, sollte einen Abstecher in die nahegelegene Künstlerstadt Szentendre machen. Hier kann man den Tag wunderbar ausklingen lassen.

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Szabadtéri Néprajzi Múzeum Skanzen / Ethnographisches Freilichtmuseum

Szentendre, Sztaravodai út

Öffnungszeiten: 9 bis 17 Uhr (1. April bis 5. November), montags geschlossen, Ticketverkauf bis 30 Minuten vor Schließung

Eintritt: 2.000 Forint für Erwachsene / 1.800 Forint für Erwachsene mit Kindern / 1.000 Forint für Ermäßigte / 700 Forint für Kinder

Anfragen unter +36-26-502-537

Weitere Informationen auf www.skanzen.hu

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1967: Die Geburtsstunde des Museums

Das Skanzen-Museum wurde 1967 eröffnet und feiert dieses Jahr seinen 50 Geburtstag. Aus diesem Anlass gibt es auf dem Gelände eine temporäre Ausstellung zu sehen, die sich mit dem Entstehungszeitraum des Museums beschäftigt. Dr. Zsolt Sári, der Kurator der Ausstellung, möchte mit ihr die Frage beantworten, wie es dazu kam, dass das Museum ausgerechnet 1967 eröffnet wurde – zu einem Zeitpunkt, an dem die Neueröffnung von Museen in Ungarn noch relativ unüblich war.

Betritt man die Scheune, die ehemals als Getreidespeicher genutzt wurde und nun als Ausstellungsraum dient, fallen zunächst die riesigen schwarzen Quader auf, die mitten im Raum stehen und die Ausstellung thematisch untergliedern. Die Quader, so erklärt uns Sári, sollen die typischen Kádár-Würfelhäuser der 60er-Jahre sowie die Plattenbauten, die zu dieser Zeit überall in Ungarns Städten gebaut wurden, darstellen. In ihren Innenräumen findet man Ausstellungsstücke, Bilder und Infotafeln. Man erfährt etwas über den großen gesellschaftlichen Wandel, der in den 60ern in Ungarn stattgefunden hat und im Zuge dessen viele Menschen vom Land in die Stadt zogen. Dabei ließen sie oft nicht nur Alltagsgegenstände zurück, sondern legten auch Traditionen und Bräuche ab, die die ländliche Lebensweise prägten. In einer Gegenbewegung zu diesem Umbruch sieht Sári die Begründung dafür, dass das Museum zu diesem Zeitpunkt eröffnet wurde. Traditionen und Kulturgegenstände, die drohten, vollständig aus dem Leben und den Köpfen der Menschen zu verschwinden, sollten in einem Museum unbeirrt von der modernen Welt bewahrt werden.

Die Ausstellung bietet daher auch interessante Einblicke über die Ursachen und Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels der 60er-Jahre, die vor allem mit der politischen Situation zusammenhingen. Unter den Ausstellungsstücken findet man unter anderem ein sozialistisches Monopoly, eine Milchtütengießhilfe, die auch DDR-Kindern bekannt vorkommen dürfte und das meistverkaufte Möbelstück Ungarns in den 60ern. Die Objekte wurden teilweise von Privatpersonen gespendet.

Neben der Ausstellung, die noch bis Ende 2018 in der Scheune in der regionalen Einheit Ober-Theiß zu sehen ist, gibt es dieses Jahr noch zwei weitere Veranstaltungen: Vom 21. bis zum 23. Oktober finden täglich Theateraufführungen unter dem Titel „’56 in the Village“ statt. Hier werden die Auswirkungen der Revolution von 1956 in den ländlichen Gebieten Ungarns dargestellt. Am 11. und 12. November wird es ein Gänse- und Weinfest anlässlich des Martinstags geben, das uns besonders warm empfohlen wird. Über den Winter schließt das Museum allerdings seine Pforten. Bis zum 5. November kann man es aber noch besichtigen, danach bleibt es (mit Ausnahme des Martinstags und einiger Tage im März, auf der Webseite einsehbar) bis zum 1. April geschlossen.

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