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Ich befasse mich mit der Geschichte der Ungarndeutschen, besser gesagt mit den vergangenen 70 Jahren. Und innerhalb dieses Zeitraums interessiert mich vor allem die sogenannte „Oral History“, also die mündlich weitergegebenen Geschichten und Traditionen.

Die Grundlage hierfür bieten mehr als 170 Interviews, die ich in den vergangenen Jahren geführt habe. Dabei habe ich mich auf die Frage konzentriert, wie die Ungarndeutschen ihre eigene Geschichte erlebt haben, mit besonderem Augenmerk auf die Entrechtung nach dem Zweiten Weltkrieg.


Wie sah diese in der Praxis aus?

In den ersten vier bis fünf Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Ungarndeutschen quasi in Sippenhaft genommen, viele wurden aus Ungarn und den späteren Ostblockstaaten vertrieben. Während des Kommunismus richtete man sich dann eher gegen bestimmte gesellschaftliche Klassen statt gegen Nationalitäten. Doch auch hier geriet die Gruppe der Ungarndeutschen ins Visier, da viele von ihnen Bauern mit eigenem Land waren. Die Kollektivierung der landwirtschaftlichen Betriebe begann. An diesem Zeitpunkt setzt meine Forschung an. Dank meiner Arbeit sind Fragen und Tatsachen aufgetaucht, die in der ungarischen Geschichtsforschung so bisher noch nicht da waren.


Beispielsweise?

Zum Beispiel gab es nicht nur die Vertreibung der Deutschen in Richtung Deutschland, sondern auch Zwangsumsiedlungen innerhalb des Landes. Zwischen 1945 und 1947 gab es mehrere Regierungsanordnungen, die die Zwangsumsiedlung der Deutschen zum Ziel hatten. Dies war unter anderem deswegen „notwendig“, da nach 1945 ein dramatischer Mangel an freiem Land auftrat. Viele Ungarn wurden aus benachbarten Ländern vertrieben und siedelten auf das heutige ungarische Staatsgebiet um. So dauerte es nicht lange, bis die Ungarndeutschen enteignet wurden. Bis 1947 wurden rund 200.000 Ungarndeutsche aus Ungarn vertrieben, unter anderem auch meine Familie.


Gab es seitdem eine geschichtliche Aufarbeitung oder Wiedergutmachungen seitens des ungarischen Staates?

Nein. 1950 verabschiedete der Bund der Heimatvertriebenen (Anm.: dessen Rechtsvorgänger) die „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“, in der sie auf sämtliche Wiedergutmachungen verzichteten, um im Gegenzug dafür das Recht auf Bewahrung ihrer Kultur zu erhalten. In Ungarn gab es bis dato dementsprechend seitens des Staates keine sonderlichen Bestrebungen aktiv zu werden. Seit 2012 wird der 19. Januar im Gedenken an das geschehene Unrecht als „Tag der deutschen Vertriebenen“ begangen. Im Parlament sind die Ungarndeutschen durch einen eigenen Repräsentanten vertreten. Viel mehr ist nicht geschehen.


Stimmt es, dass sich deswegen auch heute beim Zensus nicht alle zu ihrem Minderheitenstatus bekennen, weil damals um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts eben diese Zensuslisten die Arbeitsgrundlage für Deportationen lieferten?

Dass sich einige nicht dazu bekennen Ungarndeutsche zu sein, hat mehrere Gründe: Der Wichtigste ist vielleicht, dass diese Menschen in der Vergangenheit aufgrund ihrer Muttersprache beziehungsweise ihrer nationalen Identität ins Fadenkreuz geraten waren. Während des Kommunismus gab es privilegierte Minderheiten — beispielsweise die Slowaken — und Minderheiten, denen man weniger wohlgesonnen war. Die Ungarndeutschen gehörten der zweiten Kategorie an. Dadurch galt es im Alltag schon fast als Schade, deutsch zu sein. Es gab auch lange keine eigenen deutschen Schulen, sondern nur Schulen, in denen Deutsch in höherer Stundenzahl unterrichtet wurde. Dieser Minderwertigkeitskomplex, Ungarn zweiter Klasse zu sein, hielt sich über Jahrzehnte. Nach der Wende wünschten sich die Ungarndeutschen, wieder als „gute Ungarn“ angesehen zu werden. Meine Theorie ist, dass die Ungarndeutsche auch deswegen sehr stark antikommunistisch eingestellt sind, weil sie damit das Fehlen der eigenen nationalen Identität wettmachen wollen.


Welche traditionellen ungarndeutschen Bräuche gibt es heute noch?

Heute werden viele Bräuche aus Deutschland übernommen, beispielsweise das Martinsfest im November. Bezeichnender ist aber, dass früher jedes Dorf seine eigenen Bräuche hatte. Was man vielleicht als Beispiel nennen kann, ist der sogenannte Kirchentag, also der Namenstag des Heiligen der Dorfkirche. Dieser und das Fest der Eucharistie (Anm.: das Fronleichnamsfest) sind die höchsten Feiertage im Kalender der Ungarndeutschen. Generell spielt die Familie bei allen Festen eine große Rolle. Beim Fest der Eucharistie wird beispielsweise ein Teppich aus Blütenblättern gewoben, wobei jeder Familie jeweils ein Segment zugeteilt wird. Dies bezieht sich natürlich nur auf die katholischen Gemeinden, daneben gibt es auch evangelische Ungarndeutsche.


Wie steht es heute um die Ungarndeutschen?

Ich denke, wenn wir die Situation mit der von vor zehn Jahren vergleichen, können wir optimistisch sein. Damals lebte noch die letzte Generation derer, die als Deutschmuttersprachler aufgewachsen sind, sprich Menschen, die teils bis zur Einschulung in eine ungarische Schule kein Ungarisch, sondern nur Deutsch gesprochen haben. Diese Generation ist langsam ausgestorben. Doch heute ist eine Rückbesinnung vieler junger Ungarndeutscher zu spüren. Beispielsweise gibt es regelmäßige Treffen, bei denen es ausgesprochenes Ziel ist, die eigene Muttersprache zu pflegen. Auch die Gründung der Gemeinschaft junger Ungarndeutscher (GJU) ist ein Schritt in diese Richtung. Gerade der GJU gelingt es, ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen – und wir reden hier vorrangig von jungen Erwachsenen unter 25 Jahren.


Warum besinnen sich diese jungen Erwachsenen auf ihre ungarndeutsche Identität zurück? Ist die ungarische nicht genug?

Nein, keineswegs. Die deutsche Identität ist bei uns Teil der ungarischen. Ungarndeutscher zu sein, steht für mich nicht im Gegensatz zu meiner Identität als Ungar. Schon mein Name spiegelt das wider: György Ritter. Die ungarische Variante eines altgriechischen Namens und dazu ein deutscher Familienname. Und beide stehen harmonisch nebeneinander und nicht in Spannung zueinander. Oder schauen wir uns die ungarische Hymne an: Der Text wurde von Ferenc Kölcsey geschrieben, aber ein ungarndeutscher Zuckerbäcker aus Gyula, Ferenc Erkel (Anm.: Franz Erkel), komponierte letztlich die Musik, von Franz Liszt ganz zu schweigen. In den vergangenen 200 Jahren ist das ungarische Nationalbewusstsein sehr von einem sprachlichen Nationalismus vereinnahmt worden. In den davorliegenden 500 bis 600 Jahren jedoch bedeutete Nationalbewusstsein vor allem Staatstreue, nicht dieselbe Sprache. Wenn wir die ungarische Geschichte betrachten, sehen wir, dass die Blütezeit des Landes sich zu Zeiten abspielte, in denen die Nation und nicht die Nationalität im Vordergrund stand.

Ich denke, dass die Rückbesinnung auch stark durch gesellschaftliche Umwälzungen bedingt ist. Heute fehlt es oft an Selbstreflexion. Wir leben eher in Märchen als in der Wirklichkeit. Dies hat auch viel mit der immer stärker um sich greifenden Digitalisierung zu tun. Ich selbst bin Archivar, ich sehe, wie viele Menschen heute kommen, um ihren Familienstammbaum zu erforschen. Und wir reden hier keineswegs nur von älteren Herrschaften oder Ahnenforschern. Die Menschen sind einfach interessiert an ihrer eigenen Geschichte, an der Geschichte ihrer Familie. Gerade in einer Welt, in der Wirklichkeit sehr selektiv wahrgenommen wird, wächst in vielen der Wunsch, ein Stück verlässliche Wirklichkeit zu erfahren.

Gerade die zwischen 1920 und 1960 geborenen Generationen sind dazu erzogen worden, keine Fragen zu stellen. Deswegen wurde über viele Dinge einfach nicht gesprochen, Fragen nach eventueller Kollaboration wurden entweder nicht gestellt oder nicht beantwortet. Kurz gesagt: Viele junge Erwachsene wollen heute einfach wissen, was ihre Großeltern wirklich getan haben und was nicht.

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