Was waren die Höhepunkte im vergangenen Kulturjahr des Collegium Hungaricum Berlin? Welche Veranstaltungen kamen besonders gut beim Publikum an?

Das Collegium Hungaricum Berlin verwendet viel Energie darauf, damit es zu einem sichtbaren Teil des starken und aufregenden kulturellen Lebens von Berlin avanciert. Deswegen bieten wir solche, die Grenzen der Genres und Nationen überschreitenden, ausgesprochen lokalspezifischen Programme an, die in der Lage sind, die junge kreative Community der Stadt anzusprechen. Ein gutes Beispiel dafür ist unser im Juni 2017 veranstaltetes, eigenes Festival FORMS. Das einwöchige Festival umfasste das gesamte Spektrum der zeitgenössischen Kunst und der Essenz des Programmrahmens unseres Hauses, angefangen von der Perfomance über akustische Genres bis hin zu verbalen Darbietungen und dem Genre des Schreibens. Einige unserer Programme waren auch Teil des offiziellen Programms des Performing Arts Festivals Berlin.

Das Rückgrat unseres Programmangebots stellten unsere wiederkehrenden Initiativen dar. Die alle zwei Monate veranstaltete Performance-Reihe Montag Modus, bei der sich ungarische und internationale Interpreten präsentieren, ist inzwischen zu einem bestimmenden Event der Berliner Performance-Szene geworden. Die auf internationaler Zusammenarbeit basierenden Konzerte des CHB Orchestra beziehungsweise unsere Veranstaltungsreihe für experimentelle Musik mit dem Namen Residenz sowie die vierteljährlich veranstalteten „Spiralen Residenzen“, stellen ebenfalls Fixpunkte für Liebhaber der anspruchsvollen zeitgenössischen akustischen Genres dar.

Im Herbst 2016 starteten wir das HUNIWOOD Filmfestival, das in Berlin einen Überblick der neuesten ungarischen Spiel-, Dokumentar-, Animations- und Kurzfilme bietet. Die mehr als 1.500 Besucher bestätigten bereits beim ersten Mal unsere Erwartungen. Deswegen bereiten wir uns auf das diesjährige, zweite Filmfestival mit noch größerem Elan vor.


Was planen Sie für die kommende Saison?

Neben unseren wiederkehrenden Programmen stellt im Herbst die Premiere der Budapester Forte Társulat mit dem Stück „Toldi“ von János Arany eine wirkliche Besonderheit dar. Die Vorführung des wichtigsten Werkes des in Deutschland weniger bekannten Dichters ist für uns eine wichtige Erfahrung. Damit können wir unserem Berliner Publikum dieses großartige Werk nahebringen und verständlich machen. Den lokalen Gegebenheiten angepasst findet zudem als aufregendes Experiment auch ein „interpretierender“ Workshop statt. Von unseren langfristigen Plänen möchte ich die Fortführung der begonnenen Zusammenarbeit mit der in Berlin lebenden Künstlerin Hajnal Németh beziehungsweise unsere für das kommende Jahr geplanten Programme hervorheben, in die wir so namhafte Künstler wie Iván Angelus, Csaba Antal und Ferenc Snétberger als Kuratoren einbezogen haben.


Im Gegensatz zum Balassi-Institut in Stuttgart trägt Ihr Haus „Collegium Hungaricum“ im Namen. Was verbirgt sich dahinter?

Als Collegium Hungaricum werden charakteristischerweise die sich mit der ungarischen Kultur und Wissenschaft beschäftigenden Institutionen bezeichnet, deren Gründung auf die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zurückreicht. Unsere Grundpfeiler sind auf die Maßnahmen von Kuno Klebelsberg, Minister für Religion und Unterricht, zurückzuführen. Zwar wurde das erste Institut noch vor seiner Ernennung zum Minister, 1916 in Istanbul gegründet, die Collegia Hungaricum, die auf dem Prinzip des internationalen Kontaktsystems von Kultur und Wissenschaft aufbauen, wurden jedoch auf seine Anregung hin 1924 in Wien und Berlin eröffnet. Sie haben sich in den vergangenen über 90 Jahren zu interdisziplinären, kreativen Werkstätten entwickelt.


Ein relativ neuer Bestandteil Ihres Programms ist das hauseigene künstlerische Residenzprogramm. Was soll damit erreicht werden? Wer war bislang da und wer soll noch kommen?

Ein wichtiges Merkmal der CHB Programme ist, dass wir bei den vor Ort entstehenden Arbeiten auch einen Einblick in den künstlerischen Schaffensprozess bieten. Angesichts dieser Bestrebung haben wir zwei neue künstlerische Residenzprogramme gestartet. CHB Residency bietet einem ungarischen Künstler ein mehrwöchiges Stipendium mit Unterkunft, Künstlerhonorar, Erstattung der Materialkosten und dem Ersuchen der Kuratoren, an verschiedenen Punkten des Hauses auf den Standort adaptierte Arbeiten zu schaffen. Die während des Aufenthalts entstehenden Arbeiten werden vom CHB im Laufe des darauffolgenden halben Jahres präsentiert. Die erste eingeladene Künstlerin war 2016 Hajnalka Tarr. Ihr folgte in diesem Jahr Áron Kútvölgyi-Szabó. Das CHB Atelier lädt wiederum auch in Berlin lebende ungarische Künstler zur Nutzung des im Haus eingerichteten öffentlichen Ateliers ein. Der Einladung von Dénes Ghyczy im März folgte hier im September die Einladung von Gyula Sági.

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Prof. Dr. Gábor Kopek, Direktor des Collegium Hungaricum Berlin: „Das Collegium Hungaricum Berlin verwendet viel Energie darauf, damit es zu einem sichtbaren Teil des starken und aufregenden kulturellen Lebens von Berlin avanciert.“

(Foto: Barbara Antal)


Inwiefern wird Ihre Arbeit am Collegium Hungaricum Berlin durch das gegenwärtig eher schlechte Ungarn-Bild in den deutschen Medien beeinflusst? Ignorieren Sie das oder nehmen Sie in Ihrer Programmplanung darauf Bezug?

Das in den deutschen Medien gezeichnete, oftmals auf Halbinformationen und Stereotypen beruhende Ungarn-Bild kann bedauerlicherweise durchaus einige Interessenten davon abhalten, sich uns gegenüber zu öffnen. Wir lassen uns aber nicht davon beirren und versuchen unvermindert, in erster Linie das lokale deutsche und internationale Publikum mit unseren Programmen zu erreichen, ihm das Beste der ungarischen Kultur und Kreativität zu präsentieren. Glücklicherweise steigt die Anzahl derjenigen, die sich hinsichtlich unserer Programme freudig überrascht zeigen. Wir können uns nicht beklagen, dass unsere Programme ignoriert würden.


Gemeinsam mit dem Programm Publishing Hungary beteiligen Sie sich an der konzeptionellen Vorbereitung des ungarischen Beitrages zur Leipziger Buchmesse. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Die ungarischen Programme und der ungarische Stand auf der Leipziger Buchmesse erfolgen in Finanzierung von Publishing Hungary und werden vom CHB betreut. Die damit in Verbindung stehenden Programme planen wir unter Berücksichtigung der lokalen Bedürfnisse und Möglichkeiten hausintern. Zur Planung und zum Bau des ungarischen Standes haben wir in den vergangenen beiden Jahren einen Einladungstender ausgeschrieben. 2016 wurde nach den Plänen von Sporaarchitects ein bislang noch nicht dagewesener, qualitativ hochwertiger Stand erstellt. Aufgrund dessen erhielt das Büro auch den Auftrag für den Stand zur Buchmesse in Warschau, bei der Ungarn Ehrengast war. Die Künstlergruppe LEAD82 hat 2017 aufgrund eines selbständigen künstlerischen Konzepts in Leipzig einen Erlebnispavillon geschaffen, dessen positives Feedback selbst uns überraschte. Mit Blick auf diese Rückmeldungen sieht es ganz so aus, dass unsere Bestrebungen hinsichtlich der Erneuerung der traditionellen Messepräsentation in die richtige Richtung weisen. Als Ergebnis unseres Engagements bei den beiden letzten Leipziger Messen wurden wir auch mit der architektonischen Planung des ungarischen Standes bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse beauftragt. Hier arbeiten wir mit dem Architekturbüro paradigma:ariadné zusammen.


Welche Autoren wurden auf der vergangenen Leipziger Buchmesse vorgestellt?

Aufgrund der aktuell erschienenen Übersetzungen waren 2016 György Dragomán und 2017 Gergely Péterfy unsere herausragenden Autoren. Die lokale Präsentation von „Der ausgestopfte Barbar“ („A kitömött barbár“) konnten wir im Grassi-Museum veranstalten, das die im Roman aufgeworfenen Fragen konkret reflektierte. Neben Péterfy hatten wir in diesem Jahr zur Buchmesse auch unter anderem János Térey, Judit Hidas, Zoltán Danyi, Orsolya Kalász und Kinga Tóth eingeladen. Bei den Programmen wirkten das Budapester-Berliner Musikduo HubaVazul, sowie der visuelle Künstler Vince Varga mit.


Während sich das Berliner Collegium Hungaricum an der Vorbereitung für die Leipziger Buchmesse beteiligt, ist das Stuttgarter Balassi-Institut in die Programmplanung für die Frankfurter Buchmesse involviert. Gibt es zwischen den beiden Instituten eine konzeptionelle Abstimmung mit Blick auf den unterschiedlichen Charakter der beiden Buchmessen?

Beide Buchmessen unterscheiden sich vor allem darin, dass Frankfurt ein internationales Forum für das Fachpublikum ist, während Leipzig eher das allgemeine deutsche Publikum anzieht. Dies bestimmt im Wesentlichen die Erwartungen in Verbindung mit den Ständen und Programmen. Über das Programm in Frankfurt kann natürlich das Stuttgarter Institut weitaus besser berichten. In Leipzig versuchen wir vor allem, uns aus der Masse der vielen Stände hervorzuheben und den Besuchern ein einmaliges Erlebnis sowohl am Stand als auch bei den Begleitprogrammen in der Stadt zu vermitteln.


Was planen Sie für die kommende Leipziger Buchmesse? Welche Autoren sollen im Frühjahr präsentiert werden?

Das fachliche und architektonische Programm der Leipziger Buchmesse 2018 befindet sich noch in der Vorbereitungsphase, über weitere Details kann ich erst später berichten.


Berlin übt ja seit jeher eine besondere Anziehungskraft auf ungarische Schriftsteller und Künstler aus. Worauf führen Sie das zurück? Welche Autoren sind gegenwärtig in Berlin tätig?

Berlin übt auf jeden, unabhängig von seiner Nationalität, eine besondere Wirkung aus. Selbstverständlich leben und arbeiten auch ungarische Künstler gern in Berlin, denn die Stadt ist inspirierend, dynamisch und aufnahmefähig. Die Erfolge der ausgezeichneten ungarischen Schriftsteller in Deutschland haben vor allem mit ihrer kulturellen Identität und Orientierung etwas zu tun. Ebenso aber auch mit der großzügigen Unterstützung durch die Stadt.

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Seit zwei Jahren sind Sie Institutsleiter. Welche Schwerpunkte haben Sie bisher gesetzt und welche Themen liegen Ihnen besonders Herzen? Inwiefern unterscheidet sich dabei Ihre Schwerpunktsetzung von der Ihres Vorgängers?

Die aufregendste Frage ist für mich, wie ein Kulturinstitut im 21. Jahrhundert in Erscheinung treten kann. Als Ausgangspunkt betrachte ich, dass es als kreative Werkstatt arbeiten, großes Gewicht auf die Entwicklung der Inhalte und das Einschlagen von interdisziplinären Wegen legen muss. Wir sollten die ungarischen Künstler im internationalen Zusammenhang eingebettet und interpretierend präsentieren. Das alles sind sehr schwierige, jedoch unumgängliche Aufgaben, die wir in der letzten Zeit umsetzen und deren Daseinsberechtigung wir beweisen konnten. Das CHB ist eine Institution mit Charakter, die im internationalen Wettbewerb und inmitten des Berliner Überangebots mit entsprechender Geschwindigkeit voranschreitet.

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