Es war ein für viele überraschendes Comeback: Nach fast zwei Jahrzehnten andauernder Leinwandabstinenz kehrte die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi mit ihrem Film „Über Körper und Seele“ 2017 in die ungarischen Kinos zurück. Schon im ersten Monat sahen mehr als 50.000 Zuschauer in Ungarn den poetischen Liebesfilm, der bei seiner Premiere auf der Berlinale den Hauptpreis der Jury, den Goldenen Bären, abräumte. Wir sprachen mit der 61-jährigen Filmemacherin über die Tücken der Filmfinanzierung, das Feuer, das im Innern lodert und Ohnmachtsanfälle im Kinosaal.


Frau Enyedi, „Über Körper und Seele“ (im Original „Testről és Lélekről“) ist Ihr fünftes Spielfilmprojekt, zuletzt war mit „Simon mágus“ im Jahre 1999 eines Ihrer filmischen Werke in den Lichtspielhäusern zu sehen. Was war der Grund für Ihre fast 18 Jahre andauernde Abwesenheit von der Leinwand und was hat Sie gerade jetzt dazu bewegt, zum Spielfilm zurückzukehren?

Um ehrlich zu sein, der Grund ist: Ich habe endlich finanzielle Förderung bekommen. Ich weiß, das klingt langweilig, aber für die meisten Regisseure sieht so die Realität aus.

Seit 1999 habe ich mich immer wieder mit unterschiedlichen Projekten beworben, habe Drehbücher geschrieben, sie vorgestellt, überarbeitet, wieder vorgestellt und bin doch gescheitert. Jetzt hat es geklappt.


Dabei hatten Sie sich doch bereits einen Namen in der Filmwelt gemacht, immerhin wurde schon Ihr Erstlingswerk „Mein 20. Jahrhundert“ beim Filmfestival in Cannes mit der Caméra d’Or für den besten Nachwuchsfilm ausgezeichnet. Sollte es dadurch nicht einfacher werden, Filmförderung zu erhalten?

Es passiert sogar den Giganten des Filmgeschäfts, Regisseuren, die noch viel erfolgreicher mit ihren Filmen waren als ich. Man kann es einfach nie vorhersagen. Insbesondere, wenn eine Filmidee nicht gleich abgelehnt wird, sondern zunächst positive Rückmeldungen erhält, dann gibt es keinen Grund sofort zum nächsten Projekt überzugehen. Man arbeitet immer weiter daran, dieses eine Projekt zur Reife zu bringen und so gehen dann schnell mal fünf oder sechs Jahre ins Land.


Was denken Sie, warum waren Sie diesmal erfolgreich? Was war anders?

Zum einen ist es das erste Mal, dass ich einen Film nicht als Koproduktion geplant habe, sondern er nur durch den Ungarischen Nationalen Filmfonds (Anm.: Magyar Nemzeti Filmalap, MNF) gefördert wurde. Es war mein Glück, dass der MNF mit großer Transparenz und Vorhersehbarkeit arbeitet – eigentlich schon fast absurd für dieses Land. Das Gute ist, wenn sie entscheiden, dass ein Film verwirklicht werden soll, dann zahlen sie dir nicht nur ein Drittel der Kosten, sondern übernehmen die komplette Finanzierung. Das ist natürlich auf der einen Seite sehr beruhigend, auf der anderen Seite denke ich, dass es nicht gesund ist, finanziell von einer Quelle abzuhängig zu sein. Deshalb möchte ich meinen nächsten Film wieder in Form einer Koproduktion realisieren.


Haben Sie Angst, dass der MNF durch die finanzielle Abhängigkeit versuchen könnte, Einfluss auf Ihren Film zu nehmen und so Ihre künstlerische Freiheit zu kompromittieren?

Ich lasse mich nur ungern kontrollieren, meine Arbeit leidet darunter. Es gibt Menschen, die können gut, beinahe spielerisch, mit solcher Kontrolle umgehen, ich kann es nicht. Was man jedoch fairerweise sagen muss: Es gab einen Kollaps in der ungarischen Filmfinanzierung, danach erst wurde der MNF gegründet. Beinahe zwei Jahre lang habe ich dann abgewartet, ich war mir nicht sicher, ob diese neue Filmförderung etwas für mich ist, insbesondere weil ich fürchtete, dann nicht mehr die Kontrolle zu haben. Ich habe jedoch gesehen, dass es respektable Regisseure gab, die mithilfe des MNF gute Autorenfilme gemacht haben, ohne das es eine Einmischung gab. Da habe ich mir gedacht, „okay, versuchen wir's“. Und es war eine gute Erfahrung.

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Endre und Mária begegnen sich jede Nacht im Traum (Szene aus dem Film "Über Körper und Seele")

Also würden Sie den Vorurteilen, die vor allem zu Anfang dem MNF sowie seiner Galionsfigur Andy Vajna entgegengebracht wurden, beispielsweise der Unmut darüber, dass sich der MNF das Recht auf die Bestimmung der letztendlichen Schnittfassung vorbehält, heute nicht mehr zustimmen?

Die Vorurteile haben ja gestimmt und sie stimme auch heute noch, die Gründung des MNF geschah nicht in einer demokratischen Weise und ohne den Konsens der hiesigen Film-Community. Und es stimmt auch, dass Andy Vajna eine Schule repräsentiert, die nicht wirklich etwas mit europäischem Film zu tun hat. Das Gute ist, dass er gelernt zu haben scheint, sich in diesem Feld zurechtzufinden. Und noch viel besser ist, dass ihm dabei Ágnes Havas zur Seite steht. Sie unterstützt eben auch Autorenfilme und hat sich beispielsweise für László Nemes Jeles eingesetzt. Wäre sie nicht gewesen, hätte es diesen Film (Anm.: „Saul fia“) nie gegeben – es ist einzig ihrem Sinn für Qualität und ihrer Ausdauer zu verdanken, dass der Film Förderung erhalten hat. Es ist auch kein Geheimnis, denke ich, dass Andy Vajna „Saul fia“ bis heute nicht mag. Im Grunde genommen waren die größten Erfolge des MNF allesamt keine Favoriten Andy Vajnas. Die Tatsache, dass sie aber trotzdem gemacht werden konnten, zeigt, dass er flexibel ist.

Und zum Recht des Final Cut: Als wir unseren Film fertig hatten, haben wir ihn beim MNF vorgestellt, sie haben gesagt: „wunderbar“ und das war's. Ich konnte also in völliger Freiheit arbeiten.


Lassen Sie uns über die Geschichte des Films sprechen: „Über Körper und Seele“ ist eine Liebesgeschichte zwischen zwei überaus schüchternen Mitarbeitern eines Budapester Schlachthofes. Während beide im Betrieb nur wenig Kontakt haben, begegnen sie sich Nacht für Nacht nach dem Einschlafen als Hirsch und Hirschkuh in ihren Träumen. Schließlich bahnt sich diese geteilte Traumromanze jedoch auch in der Wirklichkeit ihren Weg. Was hat Sie inspiriert?

Der Film ist aus einem Gefühl heraus entstanden. Es war Frühling und ich bin die Straße entlanggelaufen und mein Herz wollte fast bersten vor Lebendigkeit und von all der Schönheit der Welt. Ich habe mich unter Menschen bewegt und war erfüllt von diesem starken Gefühl und vielleicht ging es auch einigen Menschen um mich herum so, aber niemand hat es in irgendeiner Form gezeigt – das habe ich ja auch nicht. Irgendwie hat mich diese Szene so bewegt, dass ich einen Film über diese Art der Verschlossenheit machen wollte, über dieses Feuer, das im Inneren mancher Menschen lodert, aber nie die Oberfläche erreicht.


Jetzt haben Sie sich mit Mária und Endre zwei Charaktere erschaffen, die beide in ihrer eigenen Weise – Mária ist autistisch, Endres Arm ist gelähmt – auf den ersten Blick „beschädigt“ wirken. Warum eignen sich diese beiden besonders, um eine solche Geschichte zu erzählen?

Beide Charaktere sind extrem verschlossen, sie schirmen sich vom Leben ab, um nicht verletzt zu werden. Gerade für Mária ist es ein extremer Schritt, sich aus der Sicherheit ihres enorm eingeschränkten und langweiligen Lebens herauszuwagen. Und auch wenn sie am Ende in Liebe vereint sind, ist, was wir im Film sehen nur der Anfang einer sehr langen und sehr schwierigen Reise dieser beiden Charaktere. Mir war wichtig, keine plötzlichen wundersamen Verwandlungen zu zeigen, auch am Ende sind sie immer noch dieselben Menschen, aber sie sind zumindest nicht mehr alleine und können endlich anfangen, zu leben.

Ich denke, viele Menschen, auch wenn sie an der Oberfläche nicht verkrüppelt sind, verkrüppeln sich selbst, indem sie sich nicht erlauben, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Auf die eine oder andere Weise tragen wir alle Wunden in uns und ich denke, dass es daran liegt, dass unsere sogenannte zivilisierte Gesellschaft im Grunde genommen grausam ist.

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Was macht sie in Ihren Augen so grausam?

Alles ist auf Effizienz ausgerichtet. Wir haben den Bezug zueinander und zu den Ritualen des Lebens verloren. Nehmen wir nur moderne Krankenhäuser und wie hier mit Sterbenden umgegangen wird. Es gibt Ärzte, es gibt Maschinen, es gibt Schläuche und alles läuft sehr effizient. Doch in dieser ganzen Maschinerie gibt es keinen Raum mehr, um zu begreifen, was da eigentlich gerade passiert: Da nimmt ein Mensch Abschied vom Leben, von seinen Lieben. Und das trifft auf viele Bereiche zu, auf die Geburt oder auch auf die Art, wie wir mit den Tieren umgehen, die wir essen. Und so tragen viele von uns Wunden, vielleicht nicht so offensichtliche wie die beiden Hauptcharaktere des Films.


Es ist nicht das erste Mal, dass Sie sich mit Figuren auseinandersetzen, die emotionalen Ballast mitbringen, vor „Über Körper und Seele“ haben Sie ja von 2012-2014 in der ungarischen Fernsehserie „Terápia“ Regie geführt. Hier geht es um Patienten einer psychologischen Praxis. Ist die Erforschung seelischer Abgründe etwas, dass sich wie ein roter Faden durch Ihr filmisches Werk zieht?

Das kann ich so nicht sagen. Es war zwar wunderbar für HBO an Terápia zu arbeiten, aber es war in erster Linie ein „Job“. Generell gibt es wenig, was sich durch alle meine Filme zieht. Ich habe keinen festen „Stil“, was aber doch irgendwie in all meinen Filmen präsent ist, ist, dass sie die Wechselwirkungen zwischen größeren Problemen einer Gesellschaft und den privaten Entscheidungen des Individuums zeigen. Sie zeigen auch Beispiele, wie wir zumindest im kleinen Rahmen gesellschaftliche Strukturen verändern können, indem wir uns selbst und unsere Lebensweise ändern. Es ist also nicht der emotionale Ballast, der für mich im Vordergrund steht.


Die Handlung des Films spielt in einem Schlachthaus und es sind authentische Schlachtszenen zu sehen. Warum haben Sie sich so einen brutalen Ort für die Handlung ausgesucht?

Ich wollte mit jeder Art von Scheinheiligkeit aufräumen. Wie schon erwähnt – uns fehlt heute der Bezug dazu, wo unser Essen herkommt. Es ist nicht mehr wie früher als die meisten Menschen noch selbst Tiere aufgezogen und geschlachtet haben. Heute gehen wir in den Laden und kaufen unser Fleisch, seine Herkunft ist jedoch zu etwas Abstrakten geworden. Doch egal, ob wir nicht sehen, was in den Schlachthäusern passiert, sie existieren und sie laufen auf Hochbetrieb. Obwohl die meisten Menschen wissen, wie Fleisch produziert wird, sind sie doch geschockt, wenn man es ihnen vor Augen hält. Diese unbwusste Scheinheiligkeit ist eines der lähmenden Elemente unserer Gesellschaft.

Im Grunde hätte der Film aber auch in einer chinesischen iPhone-Fabrik stattfinden können, auch hier denken wir lieber nicht darüber nach, unter welchen Bedingungen produziert wird.


In Berlin fielen angesichts einiger recht expliziter Szenen bei einigen Vorführungen sogar Zuschauer in Ohnmacht. Haben Sie mit solchen Reaktionen gerechnet?

Nie im Leben. Es ist ja nicht nur in Berlin passiert, sondern auch in Budapest und vor Kurzem auch in Warschau. Was mich schockiert hat, ist, dass es nicht die realen Schlachthausszenen waren, die für Ohnmachten sorgten, sondern eine Szene in der Mária versucht, sich das Leben zu nehmen. Normalerweise distanzieren sich Zuschauer in solchen Momenten von der Handlung, machen sich beispielsweise bewusst, dass es nur ein Film ist und dass der Schauspielerin in Wirklichkeit nichts passiert ist. Dass die Szene auf manche Menschen so stark wirkte, heißt für mich, dass sie sich zuvor sehr in die Handlung des Films vertieft haben. Es hat mich sehr berührt, dass sich das Publikum anscheinend so für meinen Film geöffnet hat. Ich hatte mich auf andere Reaktionen eingestellt. Ich dachte, es würde nur wenige Zuschauer geben, die durch die Tür treten würden, die ich für sie geöffnet habe und für die der Film so funktionieren würde, wie ich es mir mit meinem Cutter beim Schneiden des Films gedacht habe – als riesige emotionale Achterbahn. Ich dachte einfach, dass es den meisten Leuten an der nötigen Empfindsamkeit, Offenheit und Geduld fehlen würde. Dass der Film dann aber doch so erfolgreich war und so viel positive Rückmeldung erhalten hat, zeigt für mich, wie falsch wir unser Publikum zum Teil einschätzen. Wir sollten den Zuschauern mehr zutrauen.


Es gibt ja auch viele Szenen, die den Zuschauer zum Schmunzeln bringen, beispielsweise als ein Polizist wegen eines Diebstahls vorbeikommt und deutlich macht, dass der Fall vergessen ist, wenn er dafür ein gutes Stück Fleisch bekommt. Gerade deutsche Medien witterten da schnell Kritik an den korrupten Zuständen in Ungarn. Wie sehen Sie das, gibt es da tatsächlich versteckte Systemkritik?

Ach, natürlich findet man überall Gesellschaftskritik, aber wenn ich die ungarische Regierung kritisieren wollte, dann würde ich das mit größeren Kanonen tun und nicht mit subtilen humoristischen Szenen.

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Sind Sie eine politische Künstlerin?

In den 80er-Jahren habe ich mich sowohl in politischen Bewegungen in Ungarn als auch der oppositionellen Künstlergruppe INDIGÓ engagiert. Damals haben wir unter anderem systemkritische Pamphlete gedruckt. Später habe ich mich aber sehr bewusst entschieden, nicht in die Politik zu gehen. Es hat mich irritiert, mich tagtäglich mit Dingen zu beschäftigen, die für mich abstoßend, frustrierend und letztendlich für mein Leben nicht essenziell sind. Ich will ein sinnerfülltes Leben führen, wenn ich dabei mit dem aktuellen System in Konflikt gerate, dann ist das deren Problem, tue ich es nicht, heißt das wiederum aber auch nicht, dass ich für sie bin.

Wenn ich Dinge in diesem Land sehe, mit denen ich nicht einverstanden bin oder von denen ich denke, dass sie Gift für unsere Gesellschaft sind, dann stehe ich auf und äußere meine Kritik. Ich unterstütze beispielsweise auch die Proteste für die CEU.


Erlauben Sie uns noch eine letzte Frage: Sie sind mit einem Deutschen verheiratet, dem in Ungarn lebenden Germanisten, Autoren und Übersetzer Wilhelm Droste. Stand es da jemals zur Debatte nach Deutschland zu ziehen? Und wenn ja, wohin hätte es Sie verschlagen?

Als wir uns kennengelernt haben, war ich sehr in die Stadt Hamburg verliebt. Mein Mann hat dort gelebt. Heute ist mir Hamburg viel zu schick, doch damals war das Leben dort echt entspannt.

Aber mein Mann war damals auch schon in Budapest und wollte hier bleiben, und was soll ich sagen, er hat sich durchgesetzt. Mein Sohn studiert dafür heute in Köln und ihm gefällt es dort sehr. Wir haben natürlich von Zeit zu Zeit immer mal wieder darüber nachgedacht, nach Deutschland zu ziehen, doch es ist nie etwas daraus geworden. Heute würden wir es wahrscheinlich nicht mehr tun – außer das politische Klima in Ungarn wird unerträglich –, weil meine Mutter mittlerweile recht alt geworden ist.

Ein bisschen hat die Herkunft meines Mannes übrigens auch diesen Film beeinflusst. Er stammt ja ursprünglich aus Nordrhein-Westfalen, sein Bruder lebt da heute noch. Er ist Ingenieur, züchtet aber auch Rinder. Ich denke, das Furchtbare ist nicht, dass wir Tiere töten und sie essen, sondern das die meisten Tiere zuvor keine Chance hatten zu leben. Doch dort in Nordrhein-Westfalen konnte ich Kühe beobachten, die ein Leben hatten, die ihre Zeit damit verbringen konnten, auf der Weide zu grasen und mit Artgenossen spielerische Wettkämpfen auszutragen – das hat mich beeindruckt.

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