Das Außenressort (…) veranstaltete jedenfalls ein ordentliches diplomatisches Theater. (…) Unser Held Szijjártó rief mit spürbarem Stolz den ungarischen Botschafter aus den Niederlanden zurück.

Wegen eines schlecht formulierten, missverständlichen Satzes. Welchen gerade der scheidende niederländische Botschafter in einem Interview für 168 Óra formulierte. Ich wiederhole: Es handelt sich um einen schlechten Satz! (…)

Man kann nämlich keineswegs die feindbildende Logik der islamistischen Extremisten mit der Hasspropaganda der ungarischen Regierung gleichsetzen, egal wie sehr wir davon auch angewidert sind. Schon allein deshalb nicht, weil es einfach unmöglich ist, von diesen Horror-Gräuel und Entsetzlichkeiten abzusehen, zu denen die „Prinzipien“ der islamistischen Extremisten in der Praxis führen. In diesem Kontext darf man die ungarische Regierung einfach nicht mit ihnen unter einen Hut bringen.

Es ist schon eine ganz andere Sache, dass der niederländische Botschafter nie ein „Gleichheitszeichen zwischen die Terroristen und die ungarische Regierung“ schieben wollte, wie es in der Anschuldigung des Außenministers hieß, der die Weisheit offensichtlich mit Löffeln gefressen hat. Und das kann man aus dem ominösen Text ohne eine deutliche Wahrheitsverdrehung auch nicht herauslesen. Bei der Fabrizierung von Halbwahrheiten ist die ungarische Regierung einfach Weltmeisterin.

Sie verdreht hemmungslos (…) die Aussagen ihrer politischen Gegner (…) und fälscht skrupellos den Standpunkt von – beispielsweise – George Soros. Aber noch viel schlimmer sind ihre Verbündeten dran, denn über „Brüssel“, also über die Union, verbreitet sie eine Fülle an Nettolügen. (…) Und da der Furor um den niederländischen Botschafter hervorragend in dieses Paradigma hineinpasst, ist es sehr schwer zu glauben, dass diesem Entsetzen tatsächlich eine ehrliche Entrüstung zugrunde liegt. Viel eher dient diese ganze überdimensionierte Reaktion dem Schüren von mobilisierendem Hass. (…) Wodurch ganz nebenbei auch indirekt die Aussagen des Botschafters bestätigt werden: Bei uns gäbe es auf der politischen Bühne nur eine Schwarz-Weiß-Sicht beziehungsweise produziere sich die Regierung manisch ein Feindbild.

In der völlig überzogenen diplomatischen Kräfte-Show kann man die nicht auszurottende Motivation des „Uns Ungarn wird schon wieder Leid zugefügt“ nicht übersehen. (…)

Man will fast schon krankhaft beweisen, was für großartige Kerle wir wären, dass wir viel größere Schw... ähm... Holzschuhe hätten als die Niederländer oder sonst wer.

Die heimische Machtclique glaubt, dass wir dafür Respekt ernten werden. Mehr Respekt verdient man sich aber bekanntlich nicht durch Plakate, sondern über harte, konsequente Arbeit.

Zum Beispiel durch die Pflege europäischer kultureller Werte und durch nachweislich tatkräftiges Teilhaben an der europäischen Solidarität. Aber da sind wir leider nicht gerade an der Spitze. Deshalb dieses lächerliche „Wer, wenn nicht ich“-Gehabe. Ungarn ist höchstens ein starker und stolzer Hinterhof Europas. Ein Ort, an dem ein unglaublich korruptes System herumwuchert, das sich der niederländische Steuerzahler finanziell nicht bieten lassen muss. Oder der Deutsche. Oder der Franzose. Genau das sprach der niederländische Botschafter an, und nach meinem Gefühl waren genau diese die wirklich stacheligen Sätze im Interview.

Sie zeigten nämlich genau jenes Grunddilemma auf, dem die maßgeblichen europäischen Anführer schon seit Längerem auszuweichen versuchen. Nämlich: wie lange die Europäische Union noch einen Schurkenstaat finanziert und dabei zähneknirschend zusieht, wie dieser gleichzeitig ihre Werte mit Füßen tritt. (…)

Dieses Urteil erzürnt die Fidesz-Koryphäen spürbar. Aber sie haben auch schon ein Gegenmittel: Sie spielen schon längst nicht mehr mit dem Publikum, das für diese Kritik empfänglich ist. Solange sie mit der zum Wahlsieg erforderlichen Zahl ihrer Anhänger fähig sind, diese glauben zu lassen, dass hier bloß der sterbende Westen die zukunftsweisende illiberale Progression unterdrücken will (…), hat der Fidesz den Sieg in der Tasche.


Und momentan sieht es leider verdammt danach aus.



Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 27. August in der links-liberalen Wochenzeitung 168 Óra.


Aus dem Ungarischenvon Dávid Huszti

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