Über zehn Kilometer weit erstreckt sich unter dem Budaer Burgviertel ein ausgedehntes Höhlensystem. Schon in der frühen Neuzeit machten sich die Bewohner der Stadt die natürliche Gesteinsformation zunutze. Während der Türkenherrschaft in Ungarn diente es unter anderem als Gefängnis. Doch erst Jahrhunderte später, 1935, begann man, die Höhlen systematisch freizulegen. 1939 richtete die Stadtführung, um sich auf eventuelle Luftangriffe vorzubereiten, einen Schutzraum in ihnen ein, von dem aus bis 1945 die Luftschutzsirenen des Budaer Burgviertels betätigt wurden. Da das Burgviertel damals auch Regierungsviertel war, lag die Idee nahe, die unterirdischen Räume für ein sicheres Krankenhaus und die Verpflegung der örtlichen Bewohner und wichtiger Amtsträger zu nutzen. Auf Grundlage eines gemeinsamen Beschluss des damaligen Bürgermeisters und des Verteidigungsministers begann man 1941 mit dem Umbau der Anlage. Im Februar 1944 eröffnete schließlich das Chirurgische Notfallkrankenhaus.

Ein hochmodernes Krankenhaus in den Felsen

Die Ausstellung im heutigen Felsenkrankenhaus-Atombunker-Museum zeigt, unter welchen Umständen dort während des Zweiten Weltkrieges und auch während des Volksaufstandes 1956 die Versorgung der Kranken und Verletzten erfolgte. Ausgestattet mit drei Krankensälen, einem Operationssaal und sogar einem Röntgenapparat galt das Notfallkrankenhaus für damalige Standards als hochmodern. Es verfügte zudem, um eine permanente Stromversorgung zu garantieren, über zwei Dieselaggregate (die auch heute noch funktionstüchtig sind), weshalb es gegen Ende des Krieges das letzte noch voll funktionstüchtige Krankenhaus der Stadt war.

Dies hatte jedoch auch zur Folge, dass es ständig überfüllt war. Ursprünglich war die Einrichtung auf eine Kapazität von maximal 200 Patienten ausgelegt, während des Krieges wurden hier jedoch zum Teil 650 bis 700 Menschen behandelt, manchmal unter sehr schlechten Bedingungen. Diejenigen, die keinen Platz mehr im Krankenhaus selber fanden, wurden in die angrenzenden Höhlen verlegt. Im Operationssaal wurden zu Stoßzeiten zwei Operationen gleichzeitig durchgeführt.

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Durch die verschlechterten Bedingungen und die hohe Infektionsgefahr war die Sterblichkeitsrate in dieser Zeit entsprechend hoch. Während des Krieges war das Krankenhaus sogar einmal für zwei Wochen von der Außenwelt abgeschlossen, es gab weder Wasser noch Nachschub an Medikamenten und Verbandszeug. „Eine Krankenschwester von damals berichtete, dass sie die Bandagen der Toten abnehmen musste, um sie erneut zu verwenden. Zudem fiel das Belüftungssystem aus, weshalb im Krankensaal Temperaturen bis zu 33 Grad herrschten”, erzählt Fruzsina Polácska, Mitarbeiterin des Museums.

Im Andenken an den Menschenretter Friedrich Born

Ein Raum der Ausstellung widmet sich dem Andenken Friedrich Borns, eines Delegierten des Roten Kreuzes in Ungarn. Er rettete zahlreichen Juden während des Krieges durch die Ausstellung von Schutzpapieren das Leben. 1987 wurde er deshalb als „Gerechter unter den Völkern” in die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem aufgenommen. Friedrich Born selbst ist in besagtem Ausstellungsraum in Form einer Wachsfigur sogar in voller Lebensgröße zu bewundern. Dabei ist Born nicht der einzige, rund 200 Wachsfiguren zeigt die Ausstellung im Felsenkrankenhaus-Atombunker-Museum. Das macht sie zugleich zur größten Wachsfigurensammlung Ungarns. In den verschiedenen Krankensälen stellen sie Verwundete, Krankenschwestern, Ärzte und das übrige Personal des Krankenhauses dar. Dem Besucher wird dadurch noch eindrucksvoller die von den Schrecken des Krieges geprägte Geschichte dieses Ortes vermittelt.

Die Schlacht um Budapest

Seiner intensivsten Nutzung sah sich das Felsenkrankenhaus während der vom 29. Oktober 1944 bis zum 13. Februar 1945 andauernden Schlacht um Budapest gegenüber. Im Dezember 1944 wurde Budapest von der Roten Armee völlig eingeschlossen. Hitler befahl, die Stadt um jeden Preis zu halten. Es begann ein blutiges Ringen, das heute oft als „zweites Stalingrad” bezeichnet wird. Am 11. Februar 1945 war die Lage der deutschen und ungarischen Soldaten so aussichtslos, dass sich SS-Obersturmbannführer, Karl Pfeffer-Wildenbruch, ab Dezember 1944 Befehlshaber von Budapest, entschloss, den Ausbruch aus der umzingelten Stadt zu wagen.

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Wildenbruch musste sich bewusst gewesen sein, dass Hitler diesen Schritt niemals akzeptieren würde, daher ließ er, nachdem er seine Entscheidung in einer Radiobotschaft verkündet hatte, alle Sende- und Empfangsgeräte zerstören, sodass sein Befehl auf keinen Fall rückgängig gemacht werden konnte. Doch der Ausbruchsversuch scheiterte blutig, die meisten deutschen und ungarischen Soldaten starben in den Kämpfen oder gerieten in Gefangenschaft, damit hatte die Rote Armee Budapest eingenommen. Dass das Krankenhaus, welches bis dahin vor allem die Verwundeten dieser Kämpfe betreut hatte, auch nach der sowjetischen Belagerung weiter in Betrieb bleiben durfte, ist auch dem Fürsprechen Friedrich Borns zu verdanken, der sich bei den Sowjets für das Krankenhaus einsetzte.

Da sich bis heute kein eigenständiges Museum um die Aufarbeitung der Schlacht um Budapest kümmert, widmet sich das Felsenkrankenhaus-Atombunker-Museum dieser Aufgabe in einer kleinen, aber umso authentischeren Mini-Ausstellung. In einem Raum wird das Chaos der Kämpfe nachgestellt, Wachsfiguren zeigen verwundete und tote Soldaten, die etwa auf den Trümmern ihrer Stellung liegen, rundherum sind Waffen, Munition und Sandsäcke verstreut. An den Wänden kann der Besucher originale Erkennungsmarken, Schutzhelme und Waffen von deutschen, ungarischen und sowjetischen Soldaten betrachten. Des Weiteren lässt eine Animation den Ablauf der Schlacht um Budapest nachvollziehen.

Revolution und Volksaufstand 1956

Im Juni 1945 wurde das Felsenkrankenhaus geschlossen. Die Anlage wurde jedoch weiterhin für die Herstellung von Schutzimpfungen gegen Typhus, mit denen man auch Jugoslawien belieferte, genutzt. In den 50er-Jahren wurde die Existenz des Felsenkrankenhauses als streng geheim eingestuft und 1952 reagierte man auf den sich zuspitzenden Kalten Krieg mit dem Ausbau der Anlage.

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Am 23. Oktober 1956 brach in Budapest der Volksaufstand gegen die kommunistische Regierung und die sowjetische Besatzungsmacht aus. Binnen kürzester Zeit entfesselte sich ein an breiter Front ausgetragener Freiheitskampf, der in bewaffnete Straßenkämpfe mündete. Nur zwei Tage später eröffnete das Felsenkrankenhaus erneut seine Türen, um die Versorgung der vielen verwundeten Zivilisten und Soldaten sicherzustellen. Zwar wurde die Revolution bereits am 4. November von der sowjetischen Armee niedergeschlagen, doch das Krankenhaus versorgte seine Patienten noch bis Weihnachten weiter.

In diesen wenigen Monaten lief das Felsenkrankenhaus erneut auf Hochtouren. Dabei kümmerte sich das Personal nicht um die Herkunft der Patienten, Ungarn und Russen wurden gleichermaßen versorgt. Ein Mitarbeiter, der in besonderer Weise die große Bedeutung des Krankenhauses versinnbildlicht, war András Seibriger. Er verrichtete hier schon während des Zweiten Weltkrieges seinen Dienst. 1944 war er der stellvertretende Chefarzt der Institution und unter den wenigen Ärzten, die auch nach dem gescheiterten Ausbruchsversuch noch im Krankenhaus blieben, um die Patienten zu versorgen.

1956 kehrte er zurück, um seine selbstlose Arbeit fortzusetzen. Von der kommunistischen Regierung wurde ihm daher nach der Niederschlagung des Volksaufstandes die Approbation entzogen. Erst viel später durfte Seibriger wieder praktizieren. Seine Nachkommen schenkten dem Felsenkrankenhaus-Atombunker-Museum ärztliche Geräte aus seinem Nachlass, die heute in der Ausstellung zusammen mit zahlreichen anderen Originalen betrachtet werden können.

Im Kalten Krieg

Zwischen 1958 und 1962 wurde das Felsenkrankenhaus umgebaut und erweitert, damit man das Gebäude auch im Falle eines Chemie- und Atomwaffenangriffes nutzen konnte. Unter anderem wurden Atemschutzfilter gegen Gasangriffe eingebaut. „Wenn uns wir allerdings den Entwicklungsstand der damaligen Atomwaffen vergegenwärtigen, dann können wir feststellen, dass das Felsenkrankenhaus einem Atomangriff nicht standgehalten hätte”, erklärt Fruzsina Polácska, Mitarbeiterin des Museums.

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Trotzdem rüstete man das Krankenhaus in dieser Zeit erneut zu einer hochmodernen Anlage auf, selbst eine Klimaanlage gab es. Bis in die 80er-Jahre wurden Ärzte und Krankenschwestern verpflichtet, jährliche Zivilschutzübungen im Felsenkrankenhaus abzuleisten. Der Plan für den Ernstfall sah vor, dass das Personal bei einem Angriff in die Anlage geeilt wäre, wo es 72 Stunden in totaler Abgeschlossenheit verbracht hätte, danach hätte man das Felsenkrankenhaus erneut geöffnet, um die Verwundeten zu versorgen. Eine partielle Abriegelung der Anlage wäre aber auch drei Wochen danach in Kraft geblieben.

Die Eröffnung des Museums

Bis 2004 gab es einen Wärter, der die Wartung und Bewachung der der Geheimhaltung unterliegenden Anlage übernahm. Er lebte mit seiner Familie im vorderen Teil des Krankenhauses. 2006 konnte man das Felsenkrankenhaus erstmals wieder als Besucher besichtigen. Ab 2007 wurde die Anlage renoviert und umfassend modernisiert, doch erst im März 2008 eröffnete das Felsenkrankenhaus in Form eines Museums erneut seine Tore.

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Seitdem zieht es jährlich Tausende Besucher aus dem In- und Ausland an. In den Jahren nach der Eröffnung folgten zahlreiche Erweiterungen und thematische Ausstellungen, so beispielsweise die „Atombunker- und Zivilschutzausstellung” oder die „Ausstellung über die Spezialeinheiten des Militärs”, für letztere bekam das Museum vom Verteidigungsministerium sogar einen sowjetischen Rettungshelikopter geschenkt, den die Besucher zusammen mit einigen anderen Militärfahrzeugen und Wachsfigursoldaten in kompletter Ausrüstung während der Dauer der Ausstellung bestaunen konnten.

Die Atombombe

Am 1. Juni diesen Jahres eröffnete das Museum auch eine Atombomben-Ausstellung. Die Ausstellung, die noch bis zum 31. Oktober besichtigt werden kann, widmet sich den Atombombenabwürfen vom 6. und 9. August 1945 auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Der Atomangriff hatte in Hiroshima 135.000 Menschen und in Nagasaki 64.000 Menschen, die meisten davon Zivilisten, das Leben gekostet. Die Stadt Hiroshima verlor damit rund die Hälfte ihrer Bevölkerung. Zahlreiche weitere Menschen verstarben an den Folgeschäden der Strahlung. Die beiden Atombombenabwürfe führten zur Kapitulation Japans am 2. September 1945 und somit zum Ende des Zweiten Weltkrieges auch in Asien. Kritiker behaupten, dass Japan auch ohne die beiden Massentötungen kapituliert hätte, und es den USA vor allem darum gegangen sein soll, die neuartigen Waffen zu testen und im beginnenden Kalten Krieg gegenüber der Sowjetunion einen Vorteil zu erlangen.

Laut Aussagen der Museumsleitung ist die Ausstellung im Felsenkrankenhaus-Atombunker-Museum die erste in Europa, die die zerstörerische Wirkung einer Atombombe auf den Menschen und die Natur darstellt. Mit der thematischen Ausstellung will das Museum auch ein Zeichen für eine Welt ohne Atomwaffen setzen. Die Ausstellung gibt den Besuchern erschütternde Eindrücke von den Auswirkungen der beiden ersten (und hoffentlich auch letzten) Atombombenangriffe in der Geschichte der Menschheit. Besonders schockierend ist der Einblick, den die Ausstellung in das heutige Zerstörungspotenzial von Atomwaffen gibt. Während die über Japan abgeworfenen Bomben gerade einmal eine Sprengkraft von 13 beziehungsweise 21 Kilotonnen TNT besaßen, erreichte eine sowjetische Atombombe gegen Ende des Kalten Krieges bereits eine Sprengkraft von 20.000 Kilotonnen und hier sprechen wir noch nicht einmal von Wasserstoffbomben.

Fakt ist, dass die Menschheit schon seit Langem im Besitz von Atomwaffen ist, die den gesamten Planeten ohne weiteres zerstören könnten. „Bei der Explosion einer Atombombe entsteht ein sogenannter Feuerball, in dessen Kern Temperaturen herrschen, die denen an der Oberfläche der Sonne nahekommen”, erklärt Fruzsina Polácska. Die Ausstellung verdeutlicht das Zerstörungspotenzial heutiger Atombomben ebenfalls anhand der Druckwellen, die im Epizentrum eines Einschlages bei Angriffen in Großstädten wie Paris, Berlin, London oder Budapest entstehen würden. Zur Ausstellung gehören auch Fotos von Überlebenden der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki. Diese sind jedoch zum Teil so verstörend, dass sie nur in abgeschirmten Schaukästen, in die man durch ein kleines Loch blicken kann, ausgestellt sind. Auch persönliche Gegenstände von Überlebenden sind in der Ausstellung zu sehen und erzählen die Geschichte der unvorstellbaren Schrecken. Diese Objekte sind Leihgaben des Friedensmuseums in Hiroshima und des Atombombenmuseums in Nagasaki.

1.300 Papierkraniche

Sasaki Sadako war zwei Jahre alt, als die Atombombe auf Hiroshima fiel. Zwar überlebte sie den Atomangriff, bekam jedoch kurz darauf Leukämie. In Japan ist der Kranich ein Symbol des Glücks und der Langlebigkeit. Eine Freundin Sadakos erzählte ihr die Legende vom tausend Jahre alten Kranich. Diese lautet: „Wenn ein Kranker tausend Papierkraniche faltet, dann wird er wieder gesund.” Sadako nahm den Kampf mit der Krankheit auf und begann zu falten. Doch 1955 verstarb das Mädchen mit gerade einmal zwölf Jahren. Bis dahin hatte sie über 1.300 Papierkraniche gefaltet.

Im Mai 2016 besuchte Barack Obama als erster amtierender US-Präsident das Friedensmuseum in Hiroshima, wo er auch die Ausstellung über Sadakos Papierkraniche besichtigte. Im Anschluss sprach sich der US-Präsident für die Abschaffung atomarer Waffen aus und faltete selbst einen Papierkranich, den er dem Museum schenkte. Auch dieser Papierkranich ist nun in der Ausstellung des Felsenkrankenhauses in Budapest zu sehen und soll jeden Besucher an die Sinnlosigkeit von Kriegen erinnern.

Felsenkrankenhaus-Atombunker-Museum

Budapest, I. Bezirk, Lovas út 4/c

Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag von 10 bis 20 Uhr

Anfragen unter (+36-70) 701-0101 oder info@sziklakorhaz.hu

Der Eintritt kostet 4.000 Forint. Die Ausstellung kann nur mit einem Fremdenführer besichtigt werden. Führungen, auch in deutscher Sprache, fangen zu jeder vollen Stunde an. Die Teilnahme ist für Kinder unter 6 Jahren nicht erlaubt und wird auch für Kinder unter 12 Jahren nicht empfohlen. Eine Vorabanmeldung per E-Mail ist nur ab einer Besucherzahl von mehr als zehn Personen nötig, ab 15 Personen erhält man einen Gruppenrabatt von 15 Prozent.

Über weitere Programme im Museum können sie sich unter www.sziklakorhaz.eu informieren.

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