Statt mit dem ungarischen Mihály lässt sich Liszkay am liebsten bei seinem englischen Vornamen, Michael, rufen. Das ist insofern nachvollziehbar, als dass der heute 77-Jährige den Großteil seines Lebens im Ausland verbracht hat.

Doch beginnen wir am Anfang: Liszkay wurde während des Zweiten Weltkriegs in Budapest geboren. Als Folge des von den sowjetischen Truppen niedergeschlagenen Volksaufstands 1956 verließ er Anfang 1957 mit siebzehn Jahren völlig allein seine Heimat in Richtung Jugoslawien. Seine Eltern sollte er erst nach dreizehn Jahren wiedersehen, in seine ungarische Heimat kehrte er erst 50 Jahre später zurück.

Eine schwierige Rückkehr

Es ist wohl nur verständlich, dass es Liszkay nach so vielen Jahren sichtlich schwerfiel, sich in die Geschäftswelt des Nachwende-Ungarns einzufügen. Und auch heute gibt es kulturelle Eigenheiten, für die der ungarischstämmige Geschäftsmann einfach kein Verständnis aufbringen kann. „Die Kellner schlafen im Gehen fast ein”, bemerkt Liszkay trocken, als wir zwei Cappuccinos bestellen. „Das ist Ungarn.”

In den Jahren seit seiner Rückkehr steckte Liszkay all seine Energie in den Aufbau und den erfolgreichen Betrieb eines der eindrucksvollsten Weingüter des Landes, die Liszkay Borkúria. Dieses befindet sich in der beschaulichen Ortschaft Monoszló an der Nordseite des Balaton. Zum Gut gehört ebenfalls ein Anwesen, in dem Liszkay eine gediegene Pension betreibt. Diese verfügt über neun, im geschmackvollen Vintage-Stil eingerichtete Suiten, einen Pool, eine Sauna und natürlich einen Weinkeller.

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Auf allen Seiten von sanften Weinbergen umgeben, genießt man von hier aus einen atemberaubenden Ausblick auf das Káli-Becken. Wohl auch darum wird das Hotel häufig für Hochzeitsfeiern gebucht, bei denen es bis zu 150 Personen Raum bietet. Wie uns Liszkay erzählt, lässt er es sich bei derartigen Feierlichkeiten manchmal nicht nehmen, dem frisch vermählten Paar ein Ständchen am Klavier darzubringen. Denn in jungen Jahren verdingte sich der Vollbluthotelier und Gastronom eine Zeit lang als Pianist und tourte so sogar um die halbe Welt.

Das Multitalent

Und auch ansonsten lebte der „Self-made man”, der sich als Unternehmer schon in den unterschiedlichsten Bereichen versucht hat, ein buntes Leben: Nach einem rund zehnmonatigen Aufenthalt in Jugoslawien verschlug es Liszkay in die Niederlande, wo er das Abitur ablegte und dank eines staatlichen Stipendiums eine prestigeträchtige Ausbildung zum Hotelmanager in Maastricht absolvierte. „Nach dem Studium habe ich mein erstes Restaurant eröffnet und ein paar Jahre später hatte ich schon drei Lokale”, erzählt Liszkay sichtlich stolz.

1976 wanderte Liszkay mit seiner Familie (er hat eine Tochter und einen Sohn) nach Kanada, British Columbia, aus. Dort lebte er auf einer 35.000 Hektar großen Ranch in der Nähe von Vancouver. Was er dort gemacht habe? Er habe das gigantische Gut der steinreichen Reichmann-Brüder aus Toronto verwaltet. Ein Hotel, ein Golfplatz, rund 5.000 Kühe, etwa 200 Pferde, Seen, Langlaufpisten und ein kleiner Flughafen seien auf dem Gut gewesen. Später ging er nach Vancouver selbst, wo er sich darauf spezialisierte, asiatische Investoren ins Land zu locken.

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Doch nach mehreren erfolgreichen und gedeihlichen Jahrzehnten in Kanada zog es Liszkay schließlich nach Ungarn zurück. „Eigentlich wollte ich ja niemals nach Ungarn zurückkehren”, erinnert sich Liszkay, „doch ich brachte all dieses Geld von kanadischen Investoren mit und ich hatte die Illusion, die Leute hier würden uns zu Füßen fallen, schließlich hat es doch die politische Wende gegeben. Ich dachte, die Leute wären nun offen für neue Ideen.” Doch wie der westlich geprägte Geschäftsmann bald feststellen musste, sah die Realität im postkommunistischen Ungarn ganz anders aus: „In diesem Land läuft nichts, ohne dass man unterm Tisch noch einen Umschlag rüberschiebt.”

„Mit Weinanbau hatte ich eigentlich nichts am Hut”

Am Ende war es sein Ehrgeiz, eine sichere Existenz für seine Familie aufzubauen, der ihn in die Balatonregion und zum Weinanbau brachte. „Mit Weinanbau hatte ich eigentlich nichts am Hut. Mein Ziel war es, ein Ferienhaus für meine Enkelkinder zu bauen. Von daher ist das Anwesen auch eher ein ganz persönliches Projekt, ich habe es nicht in erster Linie als Hotel erbaut”, so Liszkay. Das Weingut übernahm der Geschäftsmann von einer staatlichen Landwirtschaftsgenossenschaft, die es jahrelang stark vernachlässigt hatte. „Ich musste alle alten Weinstöcke herausreißen und den Boden bis auf einen Meter Tiefe erst einmal grundlegend desinfizieren und düngen”, erklärt Liszkay.

Heute erstreckt sich sein Weingut auf insgesamt zehn Hektar und spezialisiert sich hauptsächlich auf Rotweine – und das, obwohl die Balatonregion als solche eher für ihre Weißweine bekannt ist.

Beim Anbau setzt Liszkay statt auf typisch ungarische vor allem auf die vier klassisch französischen Rebsorten, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Pinot Noir und Merlot. Die Entscheidung dafür begründet er auch mit der Geschichte Ungarns: „50 Jahre Kommunismus haben das Ansehen der ungarischen Weine zerstört, da in dieser Zeit nur noch die schlimmsten Weine als Massenware auf den Weltmarkt exportiert wurden. Selbst wenn Sie heute versuchen, einen preisgekrönten Wein bei einem Händler anzupreisen, spielt das keine Rolle, denn er wird nicht die Zeit und Energie aufbringen wollen, die es braucht, um einen solchen Wein zu vermarkten. Es besteht einfach keine Nachfrage nach ungarischen Weinen”, ist sich Liszkay sicher.

Ausgezeichnete Weine

Trotzdem ist er außerordentlich stolz sowohl auf die Gastronomie als auch die Weine, die er Gästen auf seinem Anwesen anbieten kann. „Meine Weine sind sehr erfolgreich. Einer unserer ersten Weine wurde beim Paneuropäischen Weinwettbewerb sogar mit einer Goldmedaille ausgezeichnet", erzählt er uns.

Auf die Frage, was er vom geschäftlichen Umfeld für junge Unternehmer in Ungarn hält, antwortet Liszkay: „Ich sehe bei der jungen Generation einfach nicht denselben Antrieb, dieselbe Energie und die Konzentration auf feststeckte Ziele hinzuarbeiten. Die wollen nur so schnell wie es geht, so viel wie nur möglich erreichen und das auch noch ohne größere Kraftanstrengungen. Die meisten jungen Leute von heute würden nicht mehr mit 24 Jahren ein eigenes Unternehmen gründen, so wie ich das damals gemacht habe. Es gibt riesige Unterschiede zwischen der heutigen und meiner Generation.”

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