Deutsche Einwanderer gab es in Ungarn schon im 10. Jahrhundert. Die ersten Deutschen im damals jungen ungarischen Staat waren Ritter und Mönche, die von Großfürst Géza, dem Vater des ersten ungarischen Königs István, ins Land gerufen wurden, um bei der Christianisierung der Bevölkerung zu helfen. Im Mittelalter kamen dann Handwerker, Händler und Bergarbeiter, die großen Anteil an der Urbanisierung Ungarns hatten und bald das Bürgertum der sich entwickelnden Städte bildeten. Nach dem Ende der Türkenherrschaft in Ungarn, Ende des 17. Jahrhunderts, siedelten sich mit Unterstützung der Habsburger zahlreiche Deutsche, vor allem Schwaben, im Land an. Die langfristige Folge dieser vom Staat organisierten Ansiedlung war, dass noch 1910 von circa 19 Millionen Einwohnern Ungarns 10 Prozent Deutsche waren. Aus diesem Grund waren auch die außenpolitischen Beziehungen zu Deutschland für Ungarn stets von großer Bedeutung.

Herr Prof. Dr. Németh, was können Sie uns über das Zusammenleben von Deutschen und Ungarn vor dem 20. Jahrhundert sagen?

Es war außerordentlich positiv. Nachdem die Staatsmacht und die Gutsherren die Ansiedlung der Deutschen angekündigt hatten, kamen in drei Wellen circa 110.000 von ihnen aus den verschiedensten Teilen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nach Ungarn. Hier bekamen sie wortwörtlich die Schlüssel zu ihren neuen Häusern in die Hand gedrückt. Es entstanden bald aber auch Dörfer, die von deutschen Architekten entworfen wurden. Die Deutschen brachten Schulmeister, Pfarrer und vor allem eine hoch entwickelte Produktions- und Handelskultur mit. Die Ungarn waren also die eindeutigen Gewinner dieser deutschen Einwanderung. Dieses Zusammenleben wurde später auch auf wirtschaftlicher und politischer Ebene unterstützt, denn 1879 schloss das Deutsche Kaiserreich und die Österreichisch-Ungarische Monarchie den sogenannten Zweibund, der die Grundlage für eine Koalition während des Ersten Weltkrieges war.

Wie veränderten sich die deutsch-ungarischen Beziehungen nach dem Ersten Weltkrieg?

Nach einer kürzeren Ruhepause, die auf den Krieg folgte, wendete sich die ungarische Außenpolitik unter der Regierung von István Bethlen ab 1921 wieder Deutschland zu. Premier Bethlen bestand darauf, dass eine politische und wirtschaftliche Kooperation mit Deutschland notwendig sei. Auch die Deutschen unterstützten den intensiven Ausbau der Wirtschafts- und Handelsbeziehungen, hielten jedoch Investitionen in ungarische Unternehmen aufgrund der unzureichenden wirtschaftlichen Konsolidierung des Landes für riskant. Hinzu kam, dass Deutschland Frankreich so kurz nach dem Krieg nicht provozieren wollte und deshalb zur keiner konkreten außenpolitischen Zusammenarbeit mit Ungarn bereit war. Doch bereits Mitte der 20er-Jahre war Deutschland hinter Österreich und der Tschechoslowakei der drittwichtigste Handelspartner Ungarns.

Ab 1922 überschatteten jedoch mehrere Streitfälle die deutsch-ungarischen Beziehungen. Sowohl die intensiven Kontakte zwischen bayerischen und ungarischen rechtsradikalen Kreisen als auch die Frage der deutschen Minderheit in Ungarn sorgten für Konfliktstoff. Deutschland beschuldigte Ungarn, die deutsche Minderheit assimilieren zu wollen. Ungarn wiederum betrachtete die Frage der deutschen Minderheit als eine innenpolitische Angelegenheit. Die deutsch-ungarischen Wirtschaftsbeziehungen kamen während dieser Zeit praktisch zum Erliegen. Auch das Streben der deutschen Industrie nach wachsenden Exporten und der Ausbau des deutschen Agrarschutzes brachte Ungarn in Bedrängnis. Ab 1926 durfte Ungarn seine traditionellen Exportprodukte, vor allem Rinder und Schweine, nicht mehr nach Deutschland liefern. Verhandlungen über ein Handelsabkommen zwischen den beiden Ländern blieben 1928 erfolglos und die weltweite Agrarkrise von 1929 besiegelte schließlich alle ungarischen Hoffnungen auf eine enge Zusammenarbeit mit Deutschland. Zwar einigte man sich 1931 doch noch auf ein Handelsabkommen, dieses wurde aber aufgrund der noch im selben Jahr ausbrechenden Finanzkrise nicht ratifiziert.


Welche Folgen hatte die Machtergreifung Hitlers auf die zwischenstaatlichen Beziehungen?

Die Lage änderte sich unter Hitler grundlegend. Deutschland akzeptierte auf politischer Ebene die deutsch-ungarische Interessengemeinschaft, was wiederum Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Beziehungen hatte. Der Vertrag zur Regelung der Wirtschaftsbeziehungen in dieser Zeit stammt von Karl Schnurre, dem Berater der deutschen Botschaft in Budapest (dieser arbeitete später auch das deutsch-sowjetische Wirtschaftsabkommen vom August 1939 aus). Schnurre verfasste im September 1933 ein zwanzigseitiges Memorandum über den notwendigen Ausbau der deutsch-ungarischen Wirtschaftsbeziehungen. Darin betonte er, dass man Ungarn an sich binden müsse, wenn man es davon abhalten wolle, sich gegen Deutschland zu richten. Zu dieser Zeit war das jedoch nur auf wirtschaftlichem Wege möglich. Deshalb begann man, ungarische Produkte in Deutschland zu überaus vorteilhaften Bedingungen zu vermarkten.

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Davon erhoffte man sich, Italien aus der Region zu verdrängen und die deutsche Dominanz im Donautal auszubauen. Am 21. Februar 1934 verpflichtete sich Deutschland in einem zweiten ergänzenden Abkommen zum ungarischen Handelsvertrag auch von offizieller Stelle dazu, den Absatz von ungarischen Produkten im eigenen Land zu fördern. Dadurch kamen die ungarischen Produkte auf dem deutschen Markt in den Genuss vieler Vorzüge: Sie konnten nicht nur den deutschen Zoll umgehen, sondern auch die Differenz zwischen den niedrigen Preisen auf dem Weltmarkt und den hohen ungarischen Preisen im Inland ausgleichen. Die ungarische Regierung versprach wiederum, den Export deutscher Produkte nach Ungarn angemessen zu behandeln. Man gestand Deutschland ein festes Exportkontingent zu. Des Weiteren wurden die Einfuhrbestimmungen erheblich gelockert. Die Neustrukturierung des Handelsvolumens beider Länder hatte zur Folge, dass die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Ungarn aufblühten und bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges äußerst erfolgreich waren. Am Ende des Krieges verschuldete sich Deutschland bei Ungarn in Höhe von 1,5 Milliarden Reichsmark. Diese Summe erhielt Ungarn nie zurück, was fatale Folgen für die ungarische Wirtschaft hatte.

Im Hinblick auf die deutsch-ungarischen Beziehungen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts klingt das ja ganz so, als ob Ungarn für Deutschland nur wirtschaftlich interessant gewesen sei?

Wirtschaftlich, aber auch politisch. Ungarn nahm geopolitisch gesehen eine zentrale Rolle ein, denn das Land hätte sich den nach Südosten richtenden deutschen Ambitionen in den Weg stellen können. Dazu gibt es ein sehr treffendes Zitat des damaligen deutschen Generalkonsuls in Budapest, Egon Franz von Fürstenberg-Stammheim. Dieser schrieb am 11. August 1918 in einem Brief an den deutschen Kanzler Georg von Hertling: „Wir brauchen Ungarn als wichtigen Lebensmittelhersteller, nicht nur in diesem Krieg, sondern auch noch für lange Zeit danach. Im Hinblick auf unsere orientalische Politik dürfen wir aber auch nicht vergessen, dass […] Ungarn den Weg nach Osten erschweren oder sogar ganz verschließen kann.”


Hat sich also das politische Interesse an Ungarn unter Hitler verstärkt?

So ist es. Während der Weimarer Republik sieht man Ungarn im Grunde genommen nur als wirtschaftlichen Partner. Außenpolitisch hatte der deutsche Staat zu dieser Zeit keine Interessen an Ungarn. Unter Hitler hingegen vermengen sich wirtschaftliche und politische Interessen. Von Anfang an war klar, dass er die Region in erster Linie für seine politischen Ziele brauchte, auch sein Versuch, einen größeren Einfluss auf die deutsche Minderheit in Ungarn auszuüben, war Teil der politischen Expansion des Dritten Reiches. Ich bin der Ansicht, dass die Radikalisierung der Ungarndeutschen in dieser Zeit allein das Produkt von Hitlers Politik war, denn historisch gesehen war das Zusammenleben von Deutschen und Ungarn immer harmonisch.


István Németh wurde 1945 in Sárvár geboren. Er studierte Geschichte und Hungaristik an der Loránd-Eötvös-Universität in Budapest. Seit den 70er-Jahren befasst er sich mit der Geschichte Deutschlands und den deutsch-ungarischen Beziehungen im 20. Jahrhundert. 1986 beendete Németh seine Dissertation, 2002 habilitierte er. Zwischen 1990 und 2004 unterrichtete Németh an der Loránd-Eötvös-Universität in Budapest, ab März 2004 an der Károly-Eszterházy-Universität in Eger. An beiden Universitäten war er Mitglied der jeweiligen Doktorschulen. Mithilfe verschiedener Stipendien forschte er zwischen 1979 und 2005 unter anderem in Archiven in Bonn, Berlin, München und Wien. Seine Forschungsergebnisse veröffentliche Németh in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen. Zu seinen jüngsten Werken gehören die Monografie „Ungarn und Deutsche (1914-1934)” und die Dokumentensammlung „Deutsche diplomatische Akten über Ungarn (1918-1934) 2 Bde.”.

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