Herr Szabó, seit knapp sechs Monaten leiten Sie als Direktor das Ungarische Kulturinstitut in Stuttgart. War das für Sie ein Wunschjob?

Ich würde es so ausdrücken: Ich war 2006 Kabinettschef im damaligen Unterrichtsministerium, dann habe ich vier Jahre als internationaler Direktor beim Balassi-Institut gearbeitet, danach war ich stellvertretender Staatssekretär im Außenministerium und dann wieder internationaler Direktor – 10 Jahre hinter dem Schreibtisch waren für mich genug. Ich wollte einfach wieder raus in die Praxis.

Natürlich verbinden mich tausend Fäden mit Deutschland, aber es hätte auch ein anderer Ort sein können. Der Grund, warum es mich aber doch nach Stuttgart verschlagen hat, ist ganz einfach: Stuttgart war frei. Also hab ich mich dort beworben und die Gutachterkommission hat mich als geeignet befunden.

Aber es freut mich natürlich, dass ich in Stuttgart bin, zumal das Land Baden-Württemberg mir nicht ganz fremd ist. Ich habe dort schon vier Jahre lang gearbeitet und auch die Universität Tübingen besucht. Außerdem lebt ein Teil meiner Verwandtschaft dort, denn mütterlicherseits bin ich donauschwäbischer Abstammung.


In 23 Ländern der Welt ist Ungarn mit einem Kulturinstitut wie dem Ihren vertreten, doch einzig Deutschland und Rumänien haben gleich zwei Balassi-Institute. Wie kommt es zu dieser besonderen Situation in Deutschland?

Das hat natürlich mit der ganz besonderen Rolle der deutsch-ungarischen Beziehungen zu tun. Und mit der Tatsache, dass Deutschland sowohl im kulturellen als auch im wirtschaftlichen Sinne einer von Ungarns wichtigsten Partnern ist. Das ist nicht erst seit der Wende so, sondern historisch bedingt. Wir sprechen hier über eine tausendjährige Bekanntschaft.

Insbesondere zum süddeutschen Raum gab es schon immer eine fast familiäre Beziehung. Nach der Wende war es also ganz klar, dass irgendwo in Süddeutschland ein zweiter Stützpunkt her musste. Dafür war auch Bayern im Rennen. Es war ein praktischer Aspekt, der schließlich zugunsten von Baden-Württemberg sprach. Das Bundesland hat uns ein Gebäude angeboten, wenn auch nicht ganz kostenlos, so doch mit einer bedeutenden Unterstützung. Und letztendlich hat natürlich auch die Vermittlung der aus Ungarn vertriebenen Ungarndeutschen eine wichtige Rolle gespielt.

Eine Bedingung dafür war damals, dass wir auch konsularische Tätigkeiten übernehmen. Diese Aufgabe hatte sich aber erübrigt, als vor zwei Jahren das Generalkonsulat in Stuttgart wieder eröffnete. Das war auch höchste Zeit, denn Ungarn ist mittlerweile ein EU-Mitgliedstaat. Und seitdem gibt es mindestens zehnmal so viel an konsularischer Arbeit, sodass diese heute in unserem Hause gar nicht mehr bewältigt werden könnte.


In welchem Verhältnis steht das Stuttgarter Kulturinstitut zum Collegium Hungaricum in Berlin? Werden beide Einrichtungen innerhalb des Netzwerks der Balassi-Institute als gleichwertig angesehen?

Eine Hierarchie gibt es so gesehen nicht. Allerdings wird innerhalb des Ministeriums zwischen verschiedenen Typen von Häusern unterschieden. Die Collegia Hungarica gibt es mittlerweile in sechs Städten, ausnahmslos Hauptstädte. Die Bezeichnung zeugt davon, dass es dort auch ein ausgeprägtes wissenschaftliches Profil gibt. Diese Institute wurden anfangs als Forschungsstätten mit einem großen Anteil an Studenten, Forschern und Stipendiaten gegründet. Das heißt auch, dass sie allesamt ein Gästezimmer oder Gästeappartement sowie ein Forschungszimmer haben mussten. Heute haben nicht alle ungarischen Kulturinstitute zum Beispiel Gästezimmer oder Forschungsstätten, manche arbeiten sogar nur als Agenturen. Dabei sitzen sie zwar in einem Büro, die von ihnen organisierten Aktivitäten finden aber außerhalb des Hauses statt. Wir in Stuttgart gehören zwar zu den größeren Instituten, sind aber so gesehen eine Mischform. Wir haben zwar ein eigenes Haus mit einem Vortragsraum, einer Galerie, sind aber kein Collegium Hungaricum, da wir keinen starken Fokus auf die wissenschaftliche Tätigkeit legen. Natürlich nehmen wir diese Tätigkeit sehr ernst, aber uns wird diese Aufgabe nicht so anvertraut wie dem Collegium Hungaricum in Berlin.


Gibt es Kooperationen zwischen Ihnen und den Berliner Kollegen?

Generell sind die Kollegen in Berlin eher für die östliche Hälfte Deutschlands zuständig, wir eher für die westliche und hier vor allem für den süddeutschen Raum, aber natürlich gibt es auch Kooperationen. Wir sind bestrebt, und zwar nicht nur mit Berlin, sondern im Sinne des europäischen Gedankens auch mit unseren Partnern in anderen Ländern zusammenzuarbeiten. Aufgrund der geografischen Nähe kooperieren wir sehr eng mit Brüssel und Paris, im Moment arbeiten wir aber auch mit Rom zusammen. Dabei übernehmen wir auch Impulse und konzeptionelle Ideen von anderen Kulturinstituten. Aber auch unsere Ideen haben wir schon weitergegeben. Wenn wir beispielsweise kulturelle Programme vorbereiten, sei es ein Filmfestival oder eine literarische Veranstaltung, und wir haben schon ein Format und die Akteure da, dann bietet es sich ja förmlich an, bei den anderen Instituten anzurufen und zu fragen, ob sie das übernehmen wollen. Wir haben zum Beispiel eine der besten ungarischen Jazzbands, die Elemér Balázs Group, schon auf eine kleine Tournee geschickt, mit Beteiligung von Stuttgart, Paris, Brüssel und London. So können wir uns dann auch Produktionen leisten, die für ein einzelnes Kulturinstitut nicht möglich gewesen wären.


Was für Programme und Veranstaltungen bietet Ihr Kulturinstitut im Moment an?

Im Leben eines jeden Kulturinstitutes ist es natürlich so, dass es langfristige Reihen und Vernetzungen gibt. Das sind in der Regel Festivals oder städtische Veranstaltungen oder Veranstaltungen im weiteren Umfeld, an denen das Institut jedes Jahr teilnimmt. Diese sind sozusagen vorgegebene Rahmen, die wir jedes Jahr nur noch mit Inhalt füllen müssen. Davon gibt es sehr viele, beispielsweise das Jazzfestival von Stuttgart, das internationale Trickfilmfestival, die lange Nacht der Museen, Literaturwochen oder das Festival der Kulturen. Im Moment kämpfen wir sogar mit der Schwierigkeit, dass, wenn wir all diese Möglichkeiten mit der gleichen Intensivität nutzen wollen, kein Platz mehr für eigene Initiativen bleibt.


Und trotzdem haben Sie ja auch da viel zu bieten. In Ihrem aktuellen Programm gibt es beispielsweise auch eine Fotoausstellung über das Sziget-Festival, wollen Sie sich damit speziell an junge Leute richten?

Das Schöne an den hauseigenen Veranstaltungen ist, dass man hier bei jedem Leiter den persönlichen Fingerabdruck sehen kann. Mein Vorgänger, Tamás Szalay, war eher in Kunstprojekten angesiedelt, weil das auch seine persönlichen Interessen und sein eigenes Netzwerk widergespiegelt hat, bei mir sind eher die Wissenschaft, Filme und die Musikszene ein Schwerpunkt. Das soll natürlich nicht heißen, dass andere Thematiken nicht mehr aufgegriffen würden.

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Die Sziget-Ausstellung haben wir vor einigen Wochen eröffnet. Dabei handelt es sich um Fotografien von einem der besten zeitgenössischen ungarischen Fotografen, György Konkoly-Thege. Er begleitet das Festival schon seit 10 Jahren. Wie Sie richtig feststellen, wollten wir damit auch eine Öffnung in Richtung der Jugendlichen wagen. Die Idee hat zunächst nicht unbedingt nur Lob geerntet. Man fand die Bilder zu gewagt. Ich bin das kleine Risiko jedoch ganz bewusst eingegangen, weil ich der Überzeugung bin, dass wir mit alten Klischees und Vorurteilen brechen müssen. Es ist 2017 und wir können nicht mehr automatisch davon ausgehen, dass die Deutschen uns ja kennen und wir diese Kenntnis nur noch bestärken müssen. Außerdem ist Deutschland internationaler geworden, es sind neue Zielgruppen entstanden. Der ungarische Tokajer und Ferenc Puskás sind zwar Hungarika, doch ich wage die Behauptung, dass wenn ich auf der Straße in Stuttgart wahllos zehn Menschen anspreche, dann kennt vielleicht einer den Namen Puskás, aber bestimmt zwei haben schon vom Sziget gehört. Ich kann nicht einfach ignorieren, dass im vorigen Jahr über 600.000 Menschen aus ganz Europa auf dem Festival waren. In diesem Sinne ist das Sziget für mich, obwohl es ein privates Unternehmen ist, auch ein Hungarikum.

Generell möchte ich mich von dem Piroska-Puszta-Paprika-Dreieck wegbewegen und auch die progressive, zeitgenössische ungarische Kultur aufzeigen.


Welche Gedenkjubiläen sind gerade besonders wichtig für Ihr Haus?

Das Kodály-Gedenkjahr gibt uns natürlich gerade viel Anlass für musikalische Veranstaltungen. Es gibt Konzerte, Workshops und Unterricht für alle Altersstufen. Dann gibt es das János-Arany-Jubiläum anlässlich des 200. Geburtstages des größten ungarischen Dichters. Leider ist er in Deutschland nicht so bekannt, obwohl er praktisch als der „Shakespeare von Ungarn“ gilt. Weiterhin feiern wir den 100. Geburtstag einer der namhaftesten und besten Frauengestalten der ungarischen Literatur, der Schriftstellerin Magda Szabó, sowie den 50. Todestag von Lajos Kassák.

Genauso müssen wir allerdings auf die internationalen und deutschen Jubiläen aufpassen: Beispielsweise „Reformation 500“, aber auch in zwei Jahren „100 Jahre Bauhaus“, zu dem wir bereits eine Ausstellung gemacht haben. Wir bereiten auch jetzt schon Veranstaltungen für das 30-jährige Jubiläum des Paneuropäischen Picknicks und der Grenzöffnung 2019 vor. Aus deutscher Sicht wiederum steht dieses Jahr im Zeichen von „70 Jahre Bundesrepublik“, auch das müssen wir, wenn auch in kleinerem Umfang, reflektieren.


Wie sieht es mit Veranstaltungen im Bereich der zeitgenössischen Literatur aus?

Seit ich das Kulturinstitut leite, hatten wir schon Veranstaltungen mit der Schriftstellerin Terézia Mora, die in diesem Jahr mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet wurde, mit dem Schriftsteller und Literaturübersetzer László Márton, der dieses Jahr den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland erhielt, und mit Orsolya Kalász, an die der diesjährige Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik ging. Gemeinsam mit der Akademie Schloss Solitude haben wir auch eine Lesung mit Márió Z. Nemes, einem aufstrebenden Stern der jungen ungarischen Literatur, organisiert.

Ungarische Literatur ist gerade sehr en vogue. Es ist jetzt ein Jahr her, da hat der deutsche Schriftsteller Daniel Kehlmann den Satz geprägt: „Wenn jemand gute, spannende Literatur sucht, dann soll er nach Ungarn schauen.“ Solche Botschaften vernehmen wir natürlich mit großer Freude und bauen darauf auf.

Im Herbst kommt noch mal ein ganz starkes Quartal auf uns zu, wir werden die Premiere von György Dragománs „Der Scheiterhaufen“ im Landestheater Stuttgart feiern, es wird eine gemeinsame Veranstaltung mit Péter Nádas geben und, und das sollte ich vielleicht als erstes nennen, wir werden auf der Frankfurter Buchmesse vertreten sein.


Hier beteiligen Sie sich ja gemeinsam mit dem Programm Publishing Hungary an der konzeptionellen Vorbereitung des ungarischen Beitrages zur Buchmesse. Wie sieht die Zusammenarbeit aus?

Mit dem Publishing Hungary Programm des Ministeriums für Auswärtiges und Außenhandel, das für die internationale Bekanntmachung und Verbreitung der ungarischen belletristischen- und Fachliteratur zuständig ist, arbeiten wir schon seit der Gründung vor fünf Jahren sehr eng zusammen. Die Frankfurter Buchmesse ist in dem Sinne speziell, als dass sich dort auch das Verlagswesen sehr stark präsentiert. Deshalb sind hier drei Akteure an den Vorbereitungen beteiligt: neben uns auch noch der Verein der ungarischen Verlage und Buchhandlungen, MKKE, und aufgrund der literarischen Präsenz wirkt auch das Petőfi-Literaturmuseum mit.

Wir erarbeiten mit diesen Akteuren die Konzeption für unseren Beitrag auf der Buchmesse und sind teilweise auch für die Organisation vor Ort zuständig.

In diesem Jahr wollen wir einen neuen Stand präsentieren, weil wir der Meinung waren, dass der alte nicht mehr unserer Präsentation würdig war. Im Äußeren soll der neue Stand unsere diesjährigen literarischen Jubiläen widerspiegeln. Besonders die Formsprache und das Œuvre Lajos Kassáks, der ja auch Maler und Wissenschaftler war und sogar seine eigene Schriftart entwickelt hat, werden den Stand prägen. Die Pläne sind noch nicht ganz fertig und müssen auch noch von einem neunköpfigen Kuratorium, in dem neben den drei wichtigen Akteuren auch weitere Vertreter aus der Branche und aus dem Schriftstellerverband, aber auch junge Schriftsteller sitzen. Dieses Kuratorium trifft im Übrigen letztendlich auch die Entscheidung, wer vorgestellt wird und welche Autoren zur Buchmesse mitkommen sollen.


Wie gehen Sie dabei vor?

Es gibt eigentlich nur eine Bedingung, der man gerecht werden muss: Es muss bereits eine deutsche Publikation vorliegen. Man kann eine noch so gute ungarische Schriftstellerin oder ein toller ungarischer Schriftsteller sein, wenn man nicht auf Deutsch vorliegt, kann man nicht auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert werden. Einige Schriftsteller wenden zwar ein: ja, wenn sie nicht präsentiert werden, dann werden sie auch nie übersetzt. Aber auch dafür gibt es eine Lösung: Publishing Hungary bietet Probeübersetzungen an. Ein Agent oder eine Literaturhausvertretung mit gutem Auge kann auch aufgrund von zehn bis 15 Seiten sehen, ob sich etwas für den deutschen Markt eignet.

Für uns ist aber erst einmal wichtig, die Dichter und Schriftsteller vorzustellen, die schon übersetzt worden sind. Dabei möchten wir natürlich auch so gerecht vorgehen, dass wir nicht nur die in Deutschland bereits populären Namen zu Wort kommen lassen.

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Und welche Schriftsteller werden Sie dann in diesem Jahr auf der Buchmesse vorstellen?

Wer jetzt schon feststeht, das ist Tibor Noé Kiss, eine sehr spannende Dichterpersönlichkeit. Ich benutze ganz bewusst dieses Wort, denn ich möchte nicht entscheiden, ob es sich um eine Autorin oder einen Autor handelt, das steht mir nicht zu. Aber was er oder sie schreibt, ist sehr spannend und provokativ.

Dann haben wir noch Attila Bartis, der auch mit seiner neuen Publikation teilnehmen wird.

Péter Esterházy werden wir uns in einer Hommage widmen. Die Übersetzung seines letzten Romans liegt jetzt schon vor. Leider ist er nicht mehr unter uns, aber wir haben vor, eine namhafte Persönlichkeit aus der Literaturszene einzuladen, die über sein Werk sprechen wird.

Auch János Arany stellen wir auf der Frankfurter Buchmesse vor: Ein Schauspieler wird die auf Deutsch vorhandenen Übersetzungen auf der Bühne vortragen. Magda Szabó werden wir mit der Premiere einer spannenden Literaturverfilmung gedenken, die gerade in Berlin angefertigt wird.


Bis Februar 2022 werden Sie voraussichtlich noch das Ungarische Kulturinstitut in Stuttgart leiten. Gibt es etwas, dass Sie sich für die kommenden viereinhalb Jahre Ihres Schaffens dort wünschen würden?

Wir brauchen mehr Verständnis für unsere Arbeit, auch von offizieller Stelle. Vor allem, wenn es darum geht, dass wir nicht immer nur Massenveranstaltungen machen können. Wenn mir nur wichtig wäre, dass das Haus immer voll ist, dann würde ich nur Jazzkonzerte veranstalten.

Unser Auftrag ist es jedoch, die ungarische Kultur in ihrer ganzen Breite zu präsentieren und das schließt eben auch progressive Kunst mit ein. Hier kommen nicht unbedingt Hunderte Besucher, sondern vielleicht nur ein Dutzend, doch auch die sind sehr wichtig, weil sie vielleicht zu größeren Kooperationen für ungarische Künstler führen, wo dann wiederum Hunderte kommen werden.

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