Der erste Schritt: Selbst wenn man sich vor der Welt unter der Erde verkriechen wollte, konnte man dem Grinsen von George Soros auf den Plakatwänden immer noch nicht entkommen. Es steht außer Zweifel, dass die Plakatkampagne an sich nicht antisemitisch war. Es ist allerdings ebenfalls eine Tatsache, dass über den Zweck und die Wirkung der Kampagne eine riesige Diskussion entbrannte. Dabei formulierte ein Teil der lokalen und internationalen jüdischen Mitbürger Einwände dagegen beziehungsweise traten um das Bild des als Hauptfeind deklarierten Geschäftsmannes immer mehr verächtliche Schriftzüge und Hakenkreuze in Erscheinung. All diese Dinge beweisen, dass die Plakate auf der einen Seite sensible Bereiche verletzten und auf der anderen Seite antisemitische Gefühle weckten oder nährten.

Der zweite Schritt: Viktor Orbán verspürte gerade jetzt die Notwendigkeit, Miklós Horthy als Ausnahme-Staatsmann zu bezeichnen. Die Aussage war auf jeden Fall dafür geeignet, um die Aufmerksamkeit der Historiker und des öffentlichen Lebens auf das Bedürfnis zu lenken, dass die historische Rolle des Reichsverwesers nun ein für alle Mal geklärt werden müsste. In Ungarn bedeutet dies offensichtlich etwas anderes beziehungsweise muss dies etwas anderes bedeuten, als in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem in Jerusalem, wo Horthy sehr vereinfacht als Nazi-Kollaborateur abgestempelt wurde. Vielleicht löste das gerade deshalb keinen größeren Skandal in Ungarn aus.

Und all das wurde noch in einem dritten Schritt vom langersehnten Budapest-Besuch des israelischen Regierungschefs gekrönt. Zusammen mit Benjamin Netanjahu fiel – zumindest vor den Kameras – kein einziges Wort mehr über Miklós Horthy oder George Soros, dessen gefühlsgeladenen Plakate sich plötzlich in der Luft auflösten. Während Viktor Orbán noch im Juni eine positive Meinung über die Person des ungarischen Reichsverwesers formulierte, sprach er am Dienstag bereits völlig von dieser Linie abgekommen darüber, dass Ungarn ein Verbrechen beging, als es während des Zweiten Weltkrieges, teilweise also in der Zeit des Reichsverwesers Horthy, die Juden nicht beschützt hatte.

Koscher-Siegel für die ungarische Regierung

Mit anderen Worten: Der ungarische Regierungschef formulierte zuerst so, wie es seine potenziellen Wähler hören wollten, dann so, wie es Benjamin Netanjahu hören wollte. Währenddessen benutzte er ihn auch für seine eigenen Zwecke, denn der Besuch und der Handschlag des jüdischen Ministerpräsidenten zerstreute jegliche, aus Anlass der Soros-Plakatkampagne mal wieder geäußerte Antisemitismus-Unterstellungen. Die ungarische Regierung erhielt das Koscher-Siegel.

Viktor Orbán hatte auch in dem Punkt Recht, dass es von Israel noch etwas zu lernen gäbe. Der Fidesz und der Likud sind Parteienbrüder, und der große Bruder aus Israel zeigte dem kleinen Bruder in Ungarn auch schon früher ein paar nette Tricks. Der für seine außergewöhnlich harte Strategie berühmt-berüchtigte amerikanische Kampagnen-Guru Arthur Finkelstein verhalf beispielsweise durch seine Beratungstätigkeit schon beiden zum Sieg.

Von Israel lernen…

Wir könnten aber auch erwähnen, dass man in Israel schon zu einer Zeit Mauern errichtete, als es in Syrien noch gar keinen Krieg gab, geschweige denn Flüchtlinge. Israel ging aber auch mit gutem Beispiel voran, als es die palästinensischen NGOs regulierte, die Fördergelder aus dem Ausland erhielten.

Warum Benjamin Netanjahu überhaupt kam, und warum er gerade jetzt kam, wurde allerdings nicht ganz klar. Es könnte vielleicht verlockend gewesen sein, dass er sich jetzt gewissermaßen mit den „Galliern“ der Europäischen Union, den Visegrád-Vier, unter einem Dach beraten konnte. Und es war nur eine Zugabe, dass er bei eingeschalteten „vergessenen“ Mikrophonen der EU, die Israel in letzter Zeit immer unvoreingenommener behandelt, die Leviten lesen konnte. Und wenn man der EU eine Ohrfeige verpassen kann, muss man Viktor Orbán nicht zweimal rufen. Der Regierungschef schloss sich den „nicht verstandenen“ Schicksalsgenossen freudig an.

Benjamin Netanjahu wurde schon oft zu Besuch eingeladen, bisher hatte er aber leider nie Zeit. Jetzt verbrachte er ungewöhnlicherweise gleich drei Nächte in Ungarn. Er schüttelte Hände. Er lächelte. Er spielte auch noch ein wenig Fußball. Unbeabsichtigt hetzte er sogar die ungarischen jüdischen Gemeinden gegeneinander auf. Aber die große Ankündigung ließ viel zu wünschen übrig. Wir suchen heute noch nach der von Péter Szijjártó erwähnten „neue Dimension“, die sich nun zwischen den beiden Ländern erschlossen haben soll. Was für ein Glück, dass wir nicht an Verschwörungstheorien glauben.


Der hier wiedergegebene Kommentar erschien am 20. Juli in der Jobbik-nahen konservativen Tageszeitung Magyar Nemzet.

Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

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