Warum wurde die Kultur- und Wissenschaftsdiplomatie schrittweise in das Ministerium für Auswärtiges und Außenhandel integriert?

Durch die Integration der Kultur- und Wissenschaftsdiplomatie in das Netzwerk der klassischen Diplomatie mit ihren 120 Botschaften und Generalkonsulaten haben sich unsere Möglichkeiten vervielfältigt. Auch in Ländern, in denen es kein ungarisches Kulturinstitut gibt, beschäftigen sich die ungarischen Außenvertretungen jetzt mit der Kulturdiplomatie beziehungsweise ist die ungarische Kulturdiplomatie auch dort vertreten. Generell ist die Koordinierung leichter, wenn diese Bereiche einem gemeinsamen Ministerium unterstellt sind und die Verantwortung dafür nicht auf mehrere Ministerien verteilt ist.


Was sind konkret die Aufgaben Ihres Staatssekretariats?

Zunächst möchte ich betonen, dass bei der Kultur-und Wissenschaftsdiplomatie die Betonung auf dem Wort Diplomatie liegt. Wir sind weder eine Kultur- noch eine wissenschaftliche Einrichtung. Wir sind lediglich für die Koordinierung und Unterstützung einiger ihrer internationalen Aktivitäten verantwortlich. Wir helfen den ungarischen Kultur- und Wissenszentren bei ihren internationalen Kontakten. Speziell bei der Wissenschaft versuchen wir, mit ausländischen Forschungseinrichtungen Kontakte aufzubauen, die für die ungarische Wissenschaft relevant sein könnten. Wir versuchen dort gezielt, auf die Möglichkeiten und Leistungen der ungarischen Wissenschaft, beziehungsweise auf die Möglichkeiten für eine Zusammenarbeit mit der ungarischen Wissenschaft aufmerksam zu machen. Wir helfen also bei der Kontaktanbahnung und beim Informationsaustausch in beide Richtungen

Wir koordinieren und finanzieren die kulturelle Tätigkeit der ungarischen Botschaften und Kulturinstitute, und überwachen die Arbeit unserer Wissenschaftsattachés, letzteres in Zusammenarbeit mit der für Forschung und Entwicklung zuständigen ungarischen Behörde.

Mein Staatssekretariat ist auch noch für die Bibliothek unseres Ministeriums mit immerhin über 80.000 Büchern verantwortlich. Über diese Bibliothek wird unter anderem das weltweite „Magyar Pont“-Netzwerk mit Büchern versorgt.

Worum handelt es sich dabei?

Weltweit gibt es 24 ungarische Kulturinstitute, die eigenen Bibliotheken unterhalten. Darüber hinaus gibt es aber auch an verschiedenen Universitäten und Forschungseinrichtungen sogenannte „Magyar Pontok“, also „Ungarische Ecken“. In der Regel befinden sich diese in regulären Bibliotheken, in denen wir eine „Ungarische Ecke“ eingerichtet haben, die wir mit ungarischen Büchern ausstatten. Inzwischen gibt es solche Punkte weltweit, unter anderem in Tunis und Karthum. Uns ist es ganz wichtig, die Beziehungen zu Ländern der Dritten Welt und zu Schwellenländern auch auf dieser Ebene zu pflegen und zu entwickeln. Diesem Ziel dient übrigens auch das von der ungarischen Regierung finanzierte Programm „Stipendium Hungaricum“.


Was verbirgt sich dahinter?

Im Rahmen dieses Programmes bieten wir komplett kostenfreie Studienplätze an. Die entsprechenden Studiengänge an ungarischen Universitäten und Hochschulen finden auf Ungarisch oder Englisch statt. Im Fokus dieses Programms sind insbesondere junge Leute aus Asien und Afrika. Es ist uns sehr wichtig, dass es in diesen Ländern immer mehr Leute gibt, die über eine gewisse Bindung zu Ungarn verfügen. Bisher kamen bereits fast 5.000 ausländische Jugendliche in den Genuss von solchen Stipendien. Der ungarische Staat stellt jährlich fast 14 Milliarden Forint für diesen Zweck zur Verfügung. Die meisten Studierenden kommen übrigens aus arabischen Ländern. Ich halte das deswegen für so wichtig zu betonen, weil Ungarn immer wieder eine fremdenfeindliche Haltung unterstellt wird. Die Wahrheit aber ist: wir sind lediglich gegen die illegale Einwanderung. Jeder legal nach Ungarn einreisende Studierende, Tourist, Geschäftsmann und so weiter ist bei uns herzlich willkommen – völlig unabhängig von seiner ethnischen oder geografischen Herkunft. Die Investition in Menschen halten wir für eine der besten Formen der Entwicklungshilfe. Nebenbei entsteht dabei ein weltweites Netz an Ungarn-affinen Leuten, was sich wiederum positiv auf unsere zukünftigen Handels-, Wissenschaft- und Tourismuskontakte auswirkt.

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„Die Investition in Menschen halten wir für eine der besten Formen der Entwicklungshilfe.“

Bei welchen internationalen Wissenschaftsbeziehungen wird Ihr Staatssekretariat aktiv?

Prinzipiell beschäftigen wir uns nicht mit Dingen, die auch ohne unser Zutun funktionieren. Wir werden aber aktiv, wenn es darum geht, Verbindungen und Beziehungen zu initiieren, die vorher noch nicht existierten. Wir sehen es als unsere erstrangige Aufgabe an, Partner zusammenzubringen. Wir helfen etwa, wenn ein ausländisches Forschungsprojekt ungarische Kooperationspartner sucht. Dafür, die entstandenen neuen Verbindungen mit Leben zu erfüllen, sind dann die konkreten Forschungseinrichtungen verantwortlich.

Wir legen auch einen großen Wert darauf, unsere wissenschaftlichen Ergebnisse im Ausland zu präsentieren und das Bild von einem innovativen Ungarn zu vermitteln. Dadurch können wir unsere Position in der internationalen Arena wesentlich stärken. Da Wissenschaft und Technologie bestimmende Faktoren des wirtschaftlichen Wachstums und der Wettbewerbsfähigkeit geworden sind, ist es unser grundlegendes Interesse, auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forschungen und Innovationen ganz vorne zu sein.


Sie waren bei der feierlichen Übergabe der V4-Präsidentschaft von Polen an Ungarn Ende Juni der hochrangigste ungarische Regierungsvertreter und haben auch die ungarische Hauptansprache gehalten. Etwa deswegen, weil die anderen drei V4-Länder auch für Ihr Staatssekretariat eine besondere Rolle spielen?

Bezüglich der Kultur- und Wissenschaftskooperation unter den V4-Ländern sehe ich noch viel Potenzial. Bereits 2015 haben wir ein Memorandum of Understanding zur Intensivierung unser gemeinsamen Aktivitäten auf den Gebieten von Forschung und Entwicklung unterzeichnet, die wir während der ungarischen V4-Präsidentschaft vorantreiben werden. Wenn wir unsere jeweiligen Kapazitäten vereinen, erreichen wir viel eher eine kritische Masse, um als Partner für internationale Forschungsprojekte interessant zu werden. Unter der ungarischen V4-Präsidentschaft wollen wir die Themen Innovation und Digitalisierung weiter forcieren. Im Herbst werden wir beispielsweise zu diesen Themen eine große Konferenz in Budapest abhalten.


Was ist bezüglich der Wissenschaftsdiplomatie Ihre strategische Ausrichtung?

An Asien führt kein Weg vorbei, wir wollen auf jeden Fall unsere Verbindungen mit Asien stärken, insbesondere mit China, Südkorea und Indien. Ungarn wird in den kommenden Jahren verstärkt in Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten investieren. Bis 2030 werden sich unsere F&E-Aufwendungen von gegenwärtig 1,38 Prozent am GDP auf 3 Prozent erhöhen. Natürlich kann Ungarn nur auf ausgewählten Gebieten vorne mitspielen. Der Ausbau der 5G-Infrastruktur ist so ein Gebiet. Bis 2018 soll Ungarn zum europäischen Zentrum für 5G-Entwicklungen werden. Schon jetzt stehen wir bei der mobilen Datenübertragung international hervorragend da. Das ungarische mobile Internet-Netz ist das drittentwickeltste der Welt. In einer Untersuchung der World Intellectual Property Organisation von 128 Ländern anhand von 82 Indikatoren kam Ungarn auf den 33 Platz, vor allem durch unsere ausgezeichnete Breitband-Infrastruktur. Ein weiterer Bereich, in dem wir weltweit führend mit dabei sein können, ist die Wasserwirtschaft.


Wie wollen Sie potenzielle Partner auf Ungarn und seine Kapazitäten aufmerksam machen?

Wir müssen noch stärker unser internationales Image pflegen und die einzelnen Elemente des Brands „Ungarn“ noch bekannter machen. Zu diesen Elementen zählen wir unter anderem: Offenheit, geistige Vitalität, Kreativität und Innovationsbereitschaft. Dabei kann die Kulturdiplomatie hervorragende Dienste leisten. Schon allein deswegen, da die Akzeptanz und Bekanntheit von Ungarn auf dem Gebiet der Kultur und der Wissenschaft viel größer ist als auf dem Gebiet der Wirtschaft. Wir werden dafür sorgen, dass auch andere Gebiete von der Leuchtkraft der ungarischen Kultur und Wissenschaft profitieren.

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„Bei der Zusammenstellung unseres internationalen Kulturangebots achten wir sehr darauf, dass wir Ungarn in seiner Vielfalt darstellen.“

Welche Aspekte berücksichtigen Sie noch beim internationalen Auftritt Ungarns auf kulturellem Gebiet?

Bei der Zusammenstellung unseres internationalen Kulturangebots achten wir sehr darauf, dass wir Ungarn in seiner Vielfalt darstellen. Wir wollen gezielt nicht nur die Kultur der Magyaren vorstellen, sondern ebenso die der hier lebenden nationalen Minderheiten. Auch hinsichtlich der präsentierten künstlerischen Richtungen setzen wir auf Vielfalt. Selbst wenn Ungarn auf dem Gebiet der Musik eine internationale Großmacht ist und auch die ungarische Literatur – nicht zuletzt dank unseres Förderprogramms Publishing Hungary – inzwischen ebenfalls auf einer internationalen Erfolgswelle reitet, wollen wir auch etwa den Bildenden Künsten zu einer stärkeren international Beachtung verhelfen. Auch hier verfügt Ungarn über reiche Traditionen, die eine stärkere weltweite Beachtung verdienen.


Wofür ist Ihr Staatssekretariat noch verantwortlich?

Wir sind auch für die Tätigkeit der öffentlichen Stiftung „Demokratiezentrale“ (DEMKK) verantwortlich, deren Kuratorium vom ehemaligen ungarischen Außenminister János Martonyi geleitet wird. Zu dieser Stiftung gehören wiederum zwei Institute: das Institut für Auswärtiges und Außenwirtschaft (KKI) und das Tom Lantos-Institut. Ersteres beschäftigt sich mit der Untersuchung internationaler Beziehungen, das andere unter anderem mit der Minderheitenproblematik, dem Antisemitismus und generell der ethnische Intoleranz. Die Stiftung DEMKK und beide Institute sind uns zwar rechtlich unterstellt, wir mischen uns aber nicht in deren Tätigkeit ein, wir stellen lediglich deren Funktionieren sicher. Außerdem organisieren wir gemeinsame Veranstaltungen.

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