Eine kleine Ungarnfahne weht unauffällig unter der geöffneten Markise. Davor zwei Tische mit sorgfältig beschriebenen Getränkekarten und vier unbesetzte Bänke. Das kleine ungarische Feinkostgeschäft in der Jä- gerstraße, einer ruhigen Seitenstraße in Potsdams Innenstadt, fällt auf den ersten Blick nicht unbedingt auf. Doch dann schallt lautes Lachen aus der geöffneten Tür. Drei Kunden, die sich offenbar nur flüchtig kennen, sind in ein intensives Gespräch vertieft. Mit dabei steht Edit Keller, die Inhaberin dieses kleinen Geschäfts. Man unterhält sich über alles Mögliche, auch über die ungarische Politik, doch am meisten über die ungarischen Erzeugnisse, die man in diesem Geschäft probieren und erwerben kann.

Nur das Beste vom Besten

„Und, was haben Sie dieses Mal mitgebracht?“ Das ist die wohl häufigste Frage, die Edit Keller gestellt wird, wenn sie von einer ihrer Einkaufsreisen in Ungarn zurückkommt. Fünf bis sechs Mal im Jahr fährt sie in ihr Heimatland, um direkt vor Ort Lebensmittel auszuwählen und einzukaufen. Dabei achtet sie streng auf höchste Qualität, und das meint die hochgewachsene Dame mit dem beinahe akzentfreien Deutsch sehr ernst. „Da die Produktionsbedingungen der Kleinerzeuger, bei denen ich bevorzugt einkaufe, aus wirtschaftlichen Gründen nicht immer optimal sein können, muss ich umso mehr darauf achten.“ Dass sie auf Qualitätskontrolle so viel Wert lege, hätte einerseits einen rein praktischen Grund, schließlich müssten die Produkte ja auch möglichst lange haltbar sein. Andererseits sei es aber auch das Konzept ihres Geschäfts, nur das Beste vom Besten anzubieten. Das Premium-Segment sei das, was sie interessiere, und entspräche genau ihrem Berufsethos: „Erfolg bedeutet für mich, wenn ein Kunde hereinkommt, der keine Kenntnisse von der ungarischen Küche hat, möglicherweise auch noch ein wenig skeptisch ist und ich ihn dennoch durch passende Informationen, durch meine Begeisterung und natürlich durch die hohe Qualität der Produkte, die ich anbiete, umstimmen kann und er wiederkommt.“

Trüffelsalami vom Wollschwein

Uns so findet man bei Edit Keller neben den Klassikern wie Letscho oder der scharfen Paprikacreme „Starker Stephan“ (ung.: Erős Pista) aus dem Sortiment eines bekannten Importeurs eine große Auswahl von Lebensmitteln, die aus ungarischen Familienbetrieben stammen. Mit im Angebot ist natürlich die berühmte ungarische Salami in ihren besten Varianten, wie beispielsweise Trüffelsalami mit Mangalica-Fleisch, aber auch scharfe Paprikaknacker oder Käsetaler.. „Könnten Sie mich bitte bei der Zusammenstellung der Zutaten für ein Kesselgulasch beraten?“, fragt eine gerade ins Geschäft eingetretene junge Frau. Bereitwillig erklärt ihr Edit Keller alles genauestens und empfiehlt dabei ihr ungarisches Paprikapulver und andere Gewürze, die für ein Kesselgulasch benötigt werden. Im Gegensatz zum herkömmlichen Paprikagewürz, das in deutschen Supermärkt enerhältlich sei, stamme das Paprikapulver in ihrem Geschäft ausschließlich aus ungarischer Produktion, nämlich von Erzeugern aus Kalocsa und Szeged.

Geschäftsfrau mit viel Enthusiasmus: Edit Keller.

„Wer viel will, kann auch viel erreichen“

„Ich finde meine Hersteller teilweise auf Messen, insbesondere auf der Grü- nen Woche in Berlin, auch über die Internetrecherche, vor allem aber, indem ich mich vor Ort in Ungarn informiere. Das ist ein permanenter Prozess, ein ständiges, ziemlich zeitaufwändiges Suchen nach geeigneten Produkten.“ Sie selbst hatte auch bei null anfangen müssen, als sie 1995 nach Potsdam kam. „So schnell und gut wie möglich Deutsch zu lernen, war für mich eine Selbstverständlichkeit.“ Eigentlich wollte sie damals etwas mit Finanzen machen, aber dann ergab sich eher zufällig die Möglichkeit, bei einem Antiquitätenhändler einzusteigen, der nebenbei auch ungarische Spezialitä- ten anbieten wollte. Dass sie nun seit 2005 ein eigenes Geschäft betreibt, sei damals nie ihr Plan gewesen, erinnert sie sich. Edler Tropfen wartet auf Wiederentdeckung „Ungarn ist eines der ältesten Weinländer der Welt!“, fällt ein Kunde Edit Keller ins Wort, als diese eine Flasche öffnet, um einer kleinen Gruppe, die gerade eingetroffen ist, Wein einzuschenken. „Ungarischer Wein ist leider immer noch nicht so bekannt, wie er früher mal war. Aber er ist im Kommen!“, führt der freundlich lächelnde Herr mit erhobenem Weinglas fort. Und so ist es keine Überraschung, dass quasi eine ganze Wand den ungarischen Weinen und Obstbränden wie beispielsweise dem bekannten Pálinka gewidmet ist. Ob es nun die edelsüßen Tokaj-Aszú-Weine aus dem Nordosten Ungarns, Rotweine aus Villány, Eger und Szekszárd oder Weißweine aus dem Balaton-Gebiet Somló, aus Buda oder der Kiskunság (dt.: Kleinkumanien) sind – die Auswahl, Qualität und Geschmacksvielfalt lässt kaum Wünsche offen.

Fast ausschließlich deutsche Kundschaft

Ungarische Kunden trifft man in ihrem Geschäft eher selten, bestätigt Edit Keller. „Die meisten von ihnen vergleichen unsere Preise mit denen eines ungarischen Supermarkts.“ Unter den Deutschen könne man die Kundschaft zwischen den Ostdeutschen, die früher am Balaton Urlaub gemacht haben und aus Nostalgie zu ihr kämen und den Westdeutschen, die noch nie in Ungarn waren, aber großes Interesse an ihrer Heimat hätten, aufteilen. „Natürlich kommen auch Leute herein, die gerade zum ersten Mal in Ungarn waren oder es schauen Touristen vorbei“, erläutert sie. Die Stammkundschaft seien aber Menschen, die Ungarn bereits aus früheren Zeiten gut kennen würden. Da ruft ihr eine Dame mit Weinglas aus dem Hintergrund zu: „So ist es! Das ist hier sozusagen ein kommunikatives Zentrum von Leuten, die auf der gleichen Wellenlänge liegen!“, Edit Keller nickt lächelnd und bestätigt: „Ja, das stimmt, das hier ist irgendwie mehr als ein ganz normales Geschäft. Hier finden sich Menschen zusammen, hier werden Freundschaften geschlossen.“

Konkurrenzlos weit und breit

Im Raum Berlin-Brandenburg ist das Feinkostgeschäft aus Potsdam weitestgehend konkurrenzlos. Bis auf einen Weinhandel mit einigen ungarischen Spezialitäten hat die deutsche Hauptstadt wenig zu bieten. Das sei aber nicht nur ein Vorteil, meint Edit Keller: „Die italienischen Feinkostgeschäfte können ihre Produkte überwiegend im Großhandel in Berlin erwerben. Das ist für ungarische Händler unmöglich.“ Bleibt zu hoffen, dass der positive Aspekt für ihr Geschäft überwiegt. Die begeisterten Kunden sind sich auf jeden Fall einig: Edit Kellers ungarisches Spezialitätengeschäft ist eine große Bereicherung für Berlin und Brandenburg.

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Ungarische Spezialitäten Potsdam

Inhaberin: Edit Keller

Jägerstraße 35, 14467 Potsdam

Tel. (+49-331) 201-6909

www.ungarische-spezialiaeten-potsdam.de

Mo-Fr 10-18, Sa10-16 Uhr Juni-Aug. Mo geschlossen

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