Wie kam es 2010 zur Gründung der Audi Hungaria Schule?

Die Initiative ging von der Geschäftsführung der Audi Hungaria aus. Genauer gesagt, ist die Gründung der Audi Hungaria Schule der Idee und dem persönlichen Engagement des damaligen Vorsitzenden der Geschäftsführung, Thomas Faustmann, zu verdanken. Sein Ziel war die Gründung einer Schule für die Kinder von Audi-Mitarbeitern – dabei stand die Beschulung der Expat-Kinder im Vordergrund, ihnen sollte bei der Rückkehr nach Deutschland ein reibungsloser Übergang in das dortige Schulsystem ermöglicht werden.


Wie ergab es sich, dass Sie Gründungsdirektor der Audi Hungaria Schule wurden?

Die Audi Hungaria Schule wurde 2010 als externe Abteilung des Ungarndeutschen Bildungszentrums (UBZ) Baja gegründet. Zu der Zeit war ich Schulleiter in Baja, so dass ich gleichzeitig auch Schulleiter der Audi Hungaria Schule wurde.


Worin bestanden damals Ihre größten Herausforderungen?

Der Aufbau einer neuen Schule ist immer eine riesige Herausforderung. In unserem Fall war das Bildungskonzept gegeben, das schulische Management und die Trägerfunktion lagen beim UBZ Baja, finanzielle Unterstützung erhielten wir aber auch von Audi Hungaria sowie von der Stadt Győr, die uns die Infrastruktur zur Verfügung stellte. Unsere schwierigsten Aufgaben waren daher administrativer Natur, unter anderem das Einholen der notwendigen Genehmigungen und die Zeugnisanerkennung in Deutschland. Ein wichtiges Thema war natürlich auch die Anwerbung von geeignetem Lehrpersonal, besonders schwierig gestaltete sich dabei die Suche nach bilingualen Lehrkräften.


Wie hat sich Ihre Schule seitdem entwickelt?

Im Schuljahr 2010/11, starteten wir mit nur 58 Kindern in drei Klassen. Im vergangen Jahr zählte unsere Schule schon 25 Klassen mit über 500 Schülerinnen und Schülern. Im kommenden Schuljahr 2017/18 werden wir in 28 Klassen an die 580 Schülerinnen und Schüler betreuen. Das zahlenmäßige Verhältnis von deutschen und ungarischen Kindern liegt derzeit bei 20 zu 80 Prozent.


Welche Stationen in der Entwicklung der Schule würden Sie besonders hervorheben?

Parallel zum rasanten Wachstum ergab sich die Notwendigkeit nach eigenständiger Verwaltung sowohl personell als auch wirtschaftlich. Im August 2012 wurde unsere Bildungseinrichtung quasi in die Selbständigkeit entlassen und seit September 2014 wird ihr Betrieb von einer eigenen Trägerstiftung – der Audi Hungaria Schule Öffentliche Träger- und Betreiberstiftung – sichergestellt.

Ein wichtiger Meilenstein war natürlich die Anerkennung als deutsche Auslandsschule im Jahre 2013. Dies ist von besonderer Bedeutung im Hinblick auf die Anerkennung von Zeugnissen und Abschlüssen in Deutschland. Zudem ist dadurch die Entsendung von deutschen Lehrkräften über die ZfA möglich geworden.

Das zahlenmäßige Wachstum machte naturgemäß eine bauliche Erweiterung notwendig. Die Sanierung der bestehenden Gebäude wäre nicht ausreichend gewesen, so dass ab 2012 mit der Planung und Vorbereitung für den Um- und Neubau – ausgelegt für 650 Schüler – begonnen wurde. Im Juli 2014 war die Grundsteinlegung, im September 2015 wurde der erste und ein Jahr später der zweite Bauabschnitt eingeweiht. Erwähnenswert ist noch, dass die Bauarbeiten bei laufendem Schulbetrieb vonstattengingen, ein beeindruckender Kraftakt aller Beteiligten.


Was macht das Besondere der Audi Hungaria Schule aus?

Wir sind eine deutsch-ungarische Begegnungsschule, deshalb genießt die deutsche Sprache einen hohen Stellenwert. Unsere Vorstellung ist, dass in Zukunft nicht nur im Unterricht deutsch gesprochen wird, sondern Deutsch zur gelebten „Verkehrssprache“ der Einrichtung wird. Unser Ziel ist eine etwas andere Ausbildung: wir vertreten eine klare Kompetenzorientierung, das bedeutet, wir möchten nicht nur fachliche und methodische, sondern auch personale und überfachliche Kompetenzen sowie Überblickswissen vermitteln. Die Grundlage hierfür ist die deutsche Sprache, so ist unser Lehrplan zum Teil an deutsche und baden-württembergische Standards angelehnt.


Wie macht sich in Ihrem Schulalltag die Präsenz des „Namenssponsors“ bemerkbar?

Natürlich ist der Name Audi Hungaria stets präsent. Der Erfolg der Einrichtung liegt dem Unternehmen sehr am Herzen, so dass wir sowohl dessen großzügige finanzielle als auch moralische Unterstützung genießen können. Audi Hungaria hat zwar keinen Einfluss auf die pädagogischen Inhalte, unterstützt aber außerunterrichtliche Projekte, wie zum Beispiel verschiedene Umweltprojekte, und bietet Praktikumsmöglichkeiten im Rahmen der Berufsorientierung an. Des Weiteren ist das Unternehmen unser Partner im Berufsbildungsprogramm.


Wie hoch ist der Prozentsatz von Kindern von Audi-Mitarbeitern?

Unsere Schülerinnen und Schüler sind überwiegend Kinder von Audi Hungaria-Mitarbeitern, aber nicht ausschließlich. Seiteneinsteiger sind immer willkommen, so kommen beispielsweise Kinder in unsere Vorbereitungsklasse 9N, wo sie innerhalb eines Jahres auf ein hohes sprachliches Niveau gebracht werden, um mit unseren Schülern mithalten zu können, die schon von der ersten Klasse an bei uns sind.


Mit welchen Motiven schicken ungarische Audi- und Nicht-Audi-Eltern ihre Kinder an die Audi-Schule?

Unsere Attraktivität besteht in erster Linie im deutschsprachigen Unterrichtskonzept. Unsere Absolventen bekommen anwendbare Sprachkenntnisse mit auf den Weg, lernen Kommunikation in der Fremdsprache. Durch den etwas anderen Bildungsansatz und die von der ungarischen Norm abweichende besondere Methodik vermitteln wir unseren Schülerinnen und Schülern wichtige Kompetenzen, die für ihr späteres Berufsleben unerlässlich sind.


Welche Aufnahmekriterien gibt es?

Die Kinder aus unserem eigenen Kindergarten werden automatisch in die Grundschule übernommen. Die Kinder von Audi Hungaria-Mitarbeitern werden bevorzugt aufgenommen, aber wir sind grundsätzlich auch offen für „Nicht-Audianer“ und gegenüber Seiteneinsteigern mit guten Deutschkenntnissen oder auch Angehörigen anderer deutscher Unternehmen. Hierbei spielt die Nationalität keine Rolle.

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Der moderne Komplex der Audi Hungaria Schule: „Die Bauarbeiten gingen bei laufendem Schulbetrieb vonstatten, ein beeindruckender Kraftakt aller Beteiligten.“ (Foto: Foto: Audi Hungaria Schule)

Im Gegensatz zur Deutschen Schule Budapest wird bei Ihnen kein Schulgeld erhoben. Wie ist das möglich?

Unsere Bildungseinrichtung erhält Zuschüsse sowohl vom ungarischen als auch vom deutschen Staat. Über die Betreiberstiftung bekommen wir finanzielle Unterstützung von der Audi AG, Audi Hungaria und der Stadt Győr. Ebenfalls wichtig ist die Unterstützung durch die Zentralstelle für Auslandsschulwesen (ZfA) in Form von nach Ungarn delegierten Lehrkräften.


Führt die Kostenfreiheit nicht zu einer Übernachfrage?

Es besteht zweifellos eine große Nachfrage, aber nicht wegen der Kostenfreiheit (in ungarischen Schulen wird sowieso kein Schulgeld erhoben), unser Zugpferd ist die deutsche Sprache sowie die Andersartigkeit von Bildungsangebot und Unterrichtskonzept.


Wie setzt sich der Lehrkörper der Schule zusammen?

Der Lehrkörper unserer Schule besteht aus insgesamt rund 65 Pädagogen. 20 davon sind deutsche Lehrkräfte, teils von der ZfA entsandt, teils frei angeworbene Lehrkräfte mit lokalen Verträgen. Die übrigen Lehrkräfte sind ungarische Pädagogen mit sehr guten Deutschkenntnissen.


In Ihrer Schule wird hauptsächlich auf Deutsch unterrichtet. Trotzdem bieten Sie auch ein ungarisches Abitur an. Wie ist das möglich?

Die deutsche Abiturprüfungsordnung lässt zu, dass auch Fächer in der Sprache des Sitzlandes Gegenstand der Abiturprüfung sein können. Auf diese Weise können ungarische Schülerinnen und Schüler zum Beispiel die ungarische Abiturprüfung in den Fächern Ungarisch und Biologie oder Chemie ablegen und ein ungarisches Abiturzeugnis erhalten.


Bald gibt es an der Audi Hungaria Schule auch eine Berufsausbildung. Wie sieht diese in der Praxis aus? Wie kam diese Idee zustande?

Die Initiative kam vom Auswärtigen Amt. Laut aktuellem Kooperationsvertrag haben nämlich die deutschen Auslandsschulen den Auftrag, die berufliche Bildung zu stärken. Aus diesem Grund haben wir in Zusammenarbeit mit der Audi-Akademie einen beruflichen Zweig an der Audi Hungaria Schule eingerichtet und starten im kommenden Schuljahr 2017/18 die deutschsprachige Ausbildung von Industriekaufleuten nach deutschem dualen System. Unsere Partner in der dualen Ausbildung sind Audi Hungaria, BOS, KACO und MAN. Um zukünftigen beruflichen Anforderungen kompetent begegnen zu können, genießt bei diesem Ausbildungsgang neben dem theoretischen Unterricht in der Schule der integrative Erwerb fachlicher Kompetenzen im praktischen Umfeld des Ausbildungsbetriebes einen besonders hohen Stellenwert.


Wie geht es mit Ihrer Schule weiter? Wie sehen die Zukunftspläne aus?

Das nächste große Projekt ist die Erweiterung und der Neubau des Kindergartens. Zukünftig sollen hier rund 150 Kinder in sechs Gruppen angemessenen Platz und Betreuung erhalten. Es ist geplant, dass die ersten Grundschulklassen hauptsächlich mit diesen Kindern, die bereits deutsch sprechen, in die Schulausbildung starten.

Zur Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität – sowohl was Unterricht als auch Personelles anbelangt – haben wir gemäß dem Qualitätsrahmen des Bundes und der Länder für Deutsche Schulen im Ausland ein Pädagogisches Qualitätsmanagement eingeführt. Für jedes Schuljahr werden Entwicklungsschwerpunkte definiert, welche unter Leitung einer Steuergruppe verwirklicht werden.


Wer wird Ihr Nachfolger?

Meine Nachfolge als Schulleiter der Audi Hungaria Schule tritt Herr Günther Schuster an, der im Moment noch Leiter des Staatlichen kaufmännischen Berufsbildungszentrums in Memmingen ist. Ich wünsche ihm für seine zukünftige Aufgabe, die sicherlich eine Herausforderung ist, alles Gute und ein glückliches Händchen!


Wie geht es für Sie privat weiter? Werden Sie Ungarn und Ihrer Schule in gewisser Hinsicht „erhalten“ bleiben?

Selbstverständlich werde ich den weiteren Werdegang der Audi Hungaria Schule auch aus dem Ruhestand mit großem Interesse verfolgen. Ich werde sicherlich ein Pendler zwischen den Ländern sein, aber so lange meine Frau noch aktiv im Berufsleben steht, wird mein Lebensmittelpunkt in Győr und Ungarn liegen. Alles andere wird die Zukunft zeigen.


Wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute für den wohl verdienten Ruhestand.

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„Selbstverständlich werde ich den weiteren Werdegang der Audi Hungaria Schule auch aus dem Ruhestand mit großem Interesse verfolgen.“ (Foto: Foto: Audi Hungaria Schule)

Helmut Seiler, 68, wurde in Bretzfeld geboren. Nach Abitur (1968) und Wehrdienst studierte er an der Universität Heidelberg Mathematik und Physik fürs Lehramt. Anschließend war er an verschiedenen Schulen in Baden-Württemberg tätig, unter anderem als Fachabteilungsleiter und Schulleiter. Seit 1998 ist er an verschiedenen Schulen in unterschiedlichen Funktionen in Ungarn tätig, unter anderem als ZfA-Schulkoordinator für die Region Mittelosteuropa /GUS. Er ist mit Dr. Elisabeth Knab, Vorstand Personalwesen Audi Hungaria, verheiratet.

Weitere Details über die Audi Hungaria Schule Győr sind auf der Homepage der Schule zu finden: www.audischule.hu

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