Genau diesen Fragen widmete sich vergangenen Mittwoch im traditionsreichen Budapester Restaurant Gundel die alljährliche Wirtschaftsrunde des Deutschen Wirtschaftsclubs Budapest (DWC). Fünf Experten aus Politik und Wirtschaft waren erschienen, um im Rahmen eines Podiumsgesprächs ihre Ansichten zu diesen Fragen mit den Zuhörern zu teilen. Den Auftakt der vom DWC-Vorsitzenden Dr. Arne Gobert geleiteten Runde machte Dr. József Czukor, der von 2010 bis 2015 die Ungarische Botschaft in Berlin als Botschafter leitete und derzeit als Hauptberater von Ministerpräsident Viktor Orbán tätig ist.

Reformen rechtzeitig durchgeführt

Zunächst ging Czukor auf die Gründe für das dynamische Wachstum ein. Dabei identifizierte er zwei Hauptgründe. Zum einem habe Ungarn die Nachkrisenjahre, insbesondere ab dem Regierungswechsel 2010 gut genutzt, um notwendige Strukturreformen durchzuführen. „Statt uns zu beklagen, haben wir eine Reform nach der anderen durchgeführt.“ Konkret sprach er die Verwaltungsreform an. Die Summe der vielen Einzelreformen würde für das heutige Wirtschaftswachstum ein solides Fundament darstellen. Als zweiten maßgeblichen Grund nannte er die nationale Wirtschaftspolitik der Orbán-Regierung. Mit Maßnahmen wie zur Schaffung von Wohnraum kurbele die Regierung ebenso das Wirtschaftswachstum an.

Auch Dale A. Martin, CEO der Siemens Zrt. und Präsident der DUIHK, sieht gute Gründe dafür, dass Ungarns Wirtschaft weiterhin dynamisch wachse. Als ersten Wachstumstreiber erwähnte er übrigens die EU-Gelder. Selbst wenn noch nicht bekannt sei, wie es in der neuen EU-Haushaltsperiode weitergehe, könne davon ausgegangen werden, dass die Auszahlungen aus der aktuellen Periode noch weit in die nächste hineinreichen würden. Auf das GDP-Wachstum der kommenden Jahre werden auch die geplanten Mega-Investitionen – konkret nannte er die Erweiterung der Mercedes-Fabrik in Kecskemét und das Projekt Paks 2 – eine spürbare Auswirkung haben. Ebenso der durch die Erhöhung der Realeinkommen mögliche Anstieg des Binnenkonsums. Hinsichtlich der Grenzen des ungarischen Wachstums erwähnte Martin die immer prekärere Arbeitskräftesituation. Er nannte aber auch externe Faktoren wie die Entwicklung der Beziehungen USA-Russland und die Währungspolitik.

Preiswerte Kreditversorgung der Unternehmen

Peter Szenkurök, der die ungarische Niederlassung der Oberbank AG leitet, sprach von einem „konsistenten erfreulichen Bild“, das ihm die ungarische Wirtschaftspolitik vermittle. Die überwiegende Mehrheit der Kunden seiner Bank blicke zuversichtlich in die Zukunft. Nicht zuletzt, weil die Zentralbank mit einer entsprechenden Zinspolitik und diversen Wachstumsprogrammen für eine preiswerte Kreditversorgung der Unternehmen sorge. „Die Regierung hat es geschafft, Ungarn für Investoren attraktiv zu machen“, so das positive Fazit des Bankers.

Als ein dritter Vertreter der freien Wirtschaft ergriff sodann Gerhard Fischbach das Wort, der die im westungarischen Mosonszolnok ansässige Bos Automotive Products Magyarország Bt. als Geschäftsführer leitet. Zunächst berichtete er von dem äußerst dynamischen Wachstum der 1992 gegründeten Firma. Ende kommenden Jahres wird der Automobilzulieferer schon fast 2.000 Mitarbeiter beschäftigen. Und das, obwohl es inzwischen immer schwieriger werde, Mitarbeiter zu finden und an die Firma zu binden. Während es in den Vorjahren stets Lohnerhöhungen im einstelligen Bereich gegeben habe, sei seine Firma in diesem Jahr zum ersten Mal gezwungen gewesen, auf einigen Gebieten ihren vorhandenen und zukünftigen Mitarbeitern mit einem zweistelligen Lohnwachstum entgegenzukommen.

Zu dynamische Lohnentwicklung

Das Problem dabei sei, dass dieses dynamische Lohnwachstum nicht mehr – wie in den Vorjahren – durch Produktivitätssteigerungen wettgemacht werden könne. Dass die diese Lohnpolitik die Wettbewerbsfähigkeit der Firma nicht ruiniere, habe unter anderem damit etwas zu tun, dass andere Standorte in der Region mit ähnlichen Entwicklungen zu kämpfen hätten. Bei einem Lohnanteil am Endprodukt im einstelligen Bereich stelle sich das Problem für Bos generell etwas entspannter dar. Allerdings ist Fischbach skeptisch, wie Firmen mit einem deutlich höheren Personalkostenanteil (etwa Lohnfertiger oder Shared Services Center) das Problem mit den dynamisierten Lohnerhöhungen stemmen werden. Bezüglich der ungarischen Investitionsinfrastruktur sprach er übrigens der ungarischen Investitionsförderungsagentur HIPA ein großes Lob aus. Die Zusammenarbeit mit ihr sei „sehr einfach“, es sei leicht, mit ihr Entscheidungen zu treffen. Weniger gut kam in seiner Beurteilung das System der dualen Ausbildung in seiner gegenwärtigen Form weg. Seiner Meinung nach sei es zu langsam und für Studenten zu wenig attraktiv.

Jürgen Schreder, der die Handelsabteilung der Österreichischen Botschaft in Budapest leitet, sprach eingangs von seinem „sehr guten Bild“, das die ungarische Wirtschaft abgebe. Die ungarische Regierung hätte ihre Hausaufgaben gemacht. Auch die Erfolge der in Ungarn aktiven österreichischen Firmen sprächen für sich. Allerdings warf Schreder die kritische Frage auf, warum Ungarn hinter Polen, Tschechien und die Slowakei zurückgefallen sei. „Was ist hier passiert?“

„Ungarn ist nicht die Türkei“

Bei der anschließenden Diskussion kam der ehemalige Diplomat Czukor auch auf das Ungarnbild im Ausland zu sprechen, das seiner Meinung nach im Gegensatz zu den guten Wirtschaftszahlen stehe. „Ungarn ist nicht die Türkei, wird aber in einigen deutschen Medien trotzdem so behandelt, wie die Türkei“, spitzte Czukor zu. In diesem Zusammenhang warb er für ein besseres gegenseitiges Verständnis und einen „neuen Dialog“. Er appellierte an alle Anwesenden, dafür zu sorgen, dass der Standort Ungarn nicht künstlich schlecht geredet werde.

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