Wann kam Helmut Kohl erstmals in Kontakt zu führenden ungarischen Politikern?

Der erste Kontakt fand im Juli 1977 statt. Während des Staatsbesuchs von Parteichef János Kádár in der Bundesrepublik gab es auch ein kurzes Treffen Kádárs mit Helmut Kohl, der damals CDU-Vorsitzender und CDU/CSU-Fraktionschef, also Oppositionsführer war. Im Mittelpunkt der Unterredung standen internationale Themen, wobei Kohl aber offenbar versuchte, die brisante deutsche Frage, also die deutsche Teilung, zum Hauptthema zu machen. Dass Kádár hierauf – nicht ohne Polemik – die „Realität“ zweier deutscher Staaten betonte und die Ostpolitik der Sozialdemokraten lobte, machte dieses erste Treffen nicht gerade zu einem Erfolg für Kohl.

Helmut Kohl wurde am 1. Oktober 1982 im Zuge eines konstruktiven Misstrauensvotums Bundeskanzler. Kohls sozialdemokratische Vorgänger Willy Brandt und Helmut Schmidt hatten, auch in Zeiten verstärkter Ost-West-Spannungen, sehr enge wirtschaftliche und politische Beziehungen zu Ungarn entwickelt. Wie gestalteten sich die politischen Kontakte des christlich-konservativen Politikers Kohl zu Ungarn?

Bereits kurz nach seiner Wahl wandte sich Kohl im November 1982 in einem Schreiben an Kádár, in dem er betonte, die bilateralen Beziehungen weiterentwickeln zu wollen. Damit bezweckte er offensichtlich, ungarische Befürchtungen vor einer außenpolitischen Wende beziehungsweise „Abkühlung“ der Beziehungen zu zerstreuen. Als Bundeskanzler kam Helmut Kohl dann erstmals im Juni 1984, im Zuge eines der regulären, etwa alle zwei Jahre stattfindenden wechselseitigen Staatsbesuche nach Ungarn. Trotz der damals sehr angespannten Ost-West-Beziehungen, des eindeutigen Bekenntnisses Kohls zur Politik der westlichen Allianz und der grundsätzlichen ideologischen Gegensätze verlief der Besuch aber betont freundschaftlich, beide Seiten demonstrierten ihren festen Willen, die bilateralen Beziehungen weiter auszubauen und zum Abbau der Spannungen zwischen den Blöcken beizutragen.

Das Treffen stand also ganz im Zeichen der Kontinuität?

Ja, das ist richtig und kann natürlich auch darauf zurückgeführt werden, dass das Außenministerium vom Regierungswechsel nicht betroffen war, also weiterhin in den Händen des liberalen Politikers Hans-Dietrich Genscher lag. In einer Frage ging Helmut Kohl aber sogar über die Kooperationspolitik seines Vorgängers hinaus und stärkte Ungarn auf europäischer Ebene – ganz unvermutet – offen den Rücken: Vor dem Hintergrund wachsender Wirtschaftsprobleme und den (west)europäischen Integrationsprozessen hatte sich Ungarn seit Anfang der 1980er Jahre – als erster Staat des östlichen Wirtschaftsbündnisses RGW – darum bemüht, offizielle Beziehungen zur Europäischen Gemeinschaft aufzunehmen und ein bilaterales Handelsabkommen abzuschließen. Diese Bestrebungen waren von Bundeskanzler Schmidt noch skeptisch, ja ablehnend aufgenommen worden. Offenbar betrachtete Schmidt einen derartigen Schritt als unvereinbar mit den Interessen Moskaus und befürchtete dementsprechend Störungen im Ost-West-Verhältnis. Bundeskanzler Kohl stand den Budapester Plänen hingegen aufgeschlossen gegenüber. Er unterstützte seit Juni 1984 das ungarische Vorhaben aktiv auf internationaler Ebene und hielt bis zum tatsächlichen Abschluss des Handelsabkommens zwischen der Europäischen Gemeinschaft und Ungarn im Sommer 1988 auch an dieser Politik fest.

Was hat Bundeskanzler Helmut Kohl wohl zu dieser Haltung bewegt?

Ich denke, zum einen waren es – nicht ganz uneigennützige – wirtschaftliche Überlegungen: Er befürwortete die Schaffung engerer Beziehungen zwischen Ungarn und dem sich integrierenden westeuropäischen Wirtschaftsraum, um damit auch die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ungarn und der Bundesrepublik zu fördern beziehungsweise langfristig rechtlich zu fundieren. Zum anderen kann ich mir vorstellen, dass Kohl – als christlich-konservativer Politiker und „Enkel“ des überzeugten Antikommunisten Adenauer – auch die Absicht verfolgte, alle möglichen Schritte zu fördern, die langfristig zu einer allmählichen Desintegration des östlichen Wirtschaftsbündnisses und damit des „Ostblocks“ überhaupt beitragen konnten. Ganz im Sinne einer Schwächung des östlichen Lagers war meines Erachtens auch das Drängen Kohls im Juni 1984, endlich wechselseitig Kulturinstitute in Ungarn und der Bundesrepublik zu errichten. Ein solcher Schritt hätte nämlich nicht nur einen wesentlichen Impuls für die Entwicklung der bilateralen Kulturbeziehungen bedeutet, sondern auch ein Ende der ostdeutschen Hegemonie in den deutsch-ungarischen Kulturkontakten beziehungsweise ein Einbrechen in diese Domaine der DDR impliziert.

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Premier Viktor Orbán stattete Altkanzler Helmut Kohl am 19. April 2016 einen Besuch ab: „Ich bin gekommen, ihm unsere Ehre zu erweisen, auch im Namen aller Ungarn“, sagte Orbán nach dem fast anderthalbstündigen Treffen der Presse. (Foto: MTI miniszterelnok.hu / Daniel Biskup EPA)

Wie gestaltete sich das Verhältnis von Helmut Kohl zu Ungarn, nachdem sich infolge der Politik Gorbatschows auch ein neues Verhältnis zwischen der Sowjetunion und ihren Verbündeten herauszubilden begann?

Als sich aufgrund der Politik Moskaus auch die Möglichkeit zu tiefgreifenden politischen und wirtschaftlichen Reformen in Ungarn abzeichnete, beschloss Helmut Kohl im Jahre 1986, diesen Prozess aktiv zu fördern, also die Reformkräfte Ungarn (und Polen) politisch, finanziell und wirtschaftlich zu unterstützen. Hierbei spielte auch Helmut Kohls außen- und sicherheitspolitischer Berater Horst Teltschik eine herausragende Rolle. Über die Motive der Regierung Kohl sagte Teltschik später: „Zuerst einmal sind demokratische Nachbarn besser als kommunistische. Zweitens sagten wir uns: Wenn diese Staaten, Polen, Ungarn und die Sowjetunion, Reformen einführen, dann muss das auch Auswirkungen auf die DDR haben.“ Die Unterstützung für Ungarn hatte – neben wirtschaftlichen – also auch deutschlandpolitische Motive.

Welche Politik verfolgte Bundeskanzler Kohl in den folgenden beiden Jahren gegenüber Ungarn?

1987 und 1988 betrieben Helmut Kohl und sein Berater Horst Teltschik eine Politik des rasanten Ausbaus der Beziehungen zu Ungarn, auf die auch die ungarische Seite unter Ministerpräsident Károly Grósz und ZK-Sekretär Ferenc Havasi beziehungsweise Miklos Németh positiv reagierte. Unter unermüdlicher Mitmitwirkung des ungarischen Botschafters in Bonn, István Horváth, konnte es so bereits im Oktober 1987 zu einer Reihe von Vereinbarungen kommen, die ein-zwei Jahre zuvor noch undenkbar gewesen wären: die Abkommen über die wechselseitige Einrichtung von Kulturinstituten und über wissenschaftlich-technologische Zusammenarbeit, eine staatliche Bürgschaft der Bundesrepublik für einen Milliardenkredit für Ungarn und eine Vereinbarung über die Unterstützung der – bislang ausschließlich von der DDR „betreuten“ – ungarndeutschen Minderheit durch die Bundesrepublik. Vor diesem Hintergrund sprach Helmut Kohl dann auch Anfang 1988 vom „Modellcharakter“ der westdeutsch-ungarischen Kontakte im Beziehungsgefüge von Ost und West.

Wie stand Helmut Kohl zu den politischen Veränderungen, die Mitte 1988 in Ungarn einsetzten?

Während die radikalen Veränderungen in Richtung Marktwirtschaft, die Ungarn bereits Mitte 1987 eingeleitet hatte, auf das eindeutige Wohlwollen des Kanzlers stießen, war er hinsichtlich der politischen Veränderungen lang Zeit zurückhaltender und sah hier eher Polen als Vorreiter. Noch im Frühjahr 1989 bezeichnete er – zusammen mit Außenminister Genscher – den demokratischen Wandel in Ungarn als inkonsequent und äußerte sich vor allem ziemlich geringschätzig über die dortige Opposition. Erst ab Mitte Juni 1989, als sich Ungarn unter Ministerpräsident Miklós Németh mit einem neuen Kabinett ohne Wenn und Aber auf den Weg der politischen Transformation begab, gewannen die ungarischen Politiker auch hier seine vollen Sympathien. Dies zeigte sich auch daran, dass Kohl Ende Juni 1989 beschloss, Ungarn einen weiteren Milliardenkredit zu gewähren. Kohl war zu diesem Zeitpunkt einer der wenigen Politiker, die das rasante Tempo der politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in Ungarn nicht als Gefahr, sondern als Chance für Europa betrachteten.

Im Sommer 1989 schien die Position Helmut Kohls in seiner eigenen Partei ins Schwanken zu geraten, seine innerparteilichen Konkurrenten, insbesondere Lothar Späth und Heiner Geißler, arbeiteten an seiner Entmachtung. Da kamen dem Kanzler die Ereignisse in Ungarn zu Hilfe. Was passierte damals?

Vom 11. bis 13. September 1990 fand in Bremen der 37. Bundesparteitag der CDU statt. Im Vorfeld des Parteitags sah es ganz so aus, als würde der erschöpft wirkende und innenpolitisch wenig erfolgreiche Kohl inmitten der Legislaturperiode seinen Posten als Parteivorsitzender verlieren. Nun erwies es sich als glücklicher Zufall, dass die ungarische Regierung unter Miklós Németh am 10. September verkündete, die ostdeutschen Flüchtlinge ab dem 11. September um 0 Uhr aus Ungarn in den Westen ausreisen zu lassen. Diese spektakuläre Maßnahme konnte Kohl dann den Delegierten des Parteitags als herausragenden Erfolg seiner Verhandlungen mit der ungarischen Seite präsentieren. Das rettete wohl seine Position als Parteichef.

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War das wirklich ein glücklicher Zufall? Oder hatte die ungarische Führung nicht vielleicht – auch diese Meinung ist zu hören – die Grenzöffnung zeitlich bewusst so angesetzt, um dem Bundeskanzler innenpolitisch den Rücken zu stärken?

Richtig ist, dass die Grenzöffnung ursprünglich auf den 6. Oktober angesetzt war. Aufgrund der Indiskretion eines sozialdemokratischen Politikers, der den Termin, der bis zuletzt geheim gehalten werden sollte, ausplauderte, musste die Grenzöffnung aber verschoben werden und fiel dann aus rein organisatorischen Gründen auf den 11. September 1989. Der Bremer Parteitag der CDU spielte – das bestätigte auch der damalige, in die Entwicklungen bestens eingeweihte Botschafter Horváth – bei der Terminplanung für die Grenzöffnung keine Rolle.

Ist es wahr, dass Helmut Kohl bei seinen Gesprächen mit Ministerpräsident Németh und Außenminister Horn auf Schloss Gymnich Ende August 1989 der ungarischen Seite für den Fall der Grenzöffnung einen Kredit von einer Milliarde DM in Aussicht stellte?

Nein! Es ist ein Gerücht, das sich leider sehr hartnäckig hält und auch von einigen meiner deutschen Historikerkollegen übernommen wurde. Der zweite Milliardenkredit wurde von Bundeskanzler Kohl – wie gesagt – bereits im Juni 1989, also noch bevor das Problem der DDR-Flüchtlinge akut wurde, beschlossen. Überhaupt handelte es sich hier auch nicht um einen „Regierungskredit“, sondern (erneut) um eine Kreditbürgschaft der Bundesregierung beziehungsweise der Länderregierungen von Bayern und Baden-Württemberg. Das Geld selbst wurde dann von deutschen Banken zur Verfügung gestellt. Mit diesen Kreditbürgschaften bezweckte die Bundesregierung in erster Linie, den ökonomischen Transformationsprozess in Ungarn zu unterstützen, wovon natürlich auch westdeutsche Unternehmen profitieren sollten.

Die Grenzöffnung selbst löste bei Helmut Kohl bekanntlich aber doch große Dankbarkeit aus!

Natürlich! Noch während des Bremer Parteitags äußerte Kohl hinsichtlich der Entscheidung der ungarischen Regierung: „Es ist eine Entscheidung der Menschlichkeit, es ist eine Entscheidung der europäischen Solidarität. Und ich bin für diese Entscheidung sehr, sehr dankbar.“ In den folgenden Monaten und Jahren – auch dann noch, als die Bundesrepublik mit den gewaltigen Herausforderungen der deutschen Einheit konfrontiert wurde – zeigte sich, dass das keine leeren Worte waren, sondern die Bundesrepublik unter Kanzler Helmut Kohl bereit war, ihre Dankbarkeit durch konkrete politische und wirtschaftliche Unterstützungsmaßnahmen für Ungarn zum Ausdruck zu bringen. In diesem Zusammenhang möchte ich nur auf die bundesdeutsche Hilfe bei der Reorganisation der ungarischen Polizei und der ungarischen Kommunalverwaltung, auf die Ausbildung ungarischer Manager in der Bundesrepublik, auf die Entsendung deutscher Sprachlehrer, auf die Streichung der Visapflicht, auf die Weiterführung von ungarisch-ostdeutschen Wirtschaftsverträgen durch die Bundesrepublik oder auf die Anregung von umfangreichen Investitionen durch deutsche Unternehmen in Ungarn verweisen. Diese Hilfen hatte Ungarn wahrlich nötig, denn das Land befand sich wie Ostdeutschland in einem äußerst komplexen und langfristigen Transformationsprozess – allerdings ohne „großen Bruder“ an der Seite, immerhin aber mit einem „großen Freund“.

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Historiker Dr. Andreas Schmidt-Schweizer: „Als sich aufgrund der Politik Moskaus auch die Möglichkeit zu tiefgreifenden politischen und wirtschaftlichen Reformen in Ungarn abzeichnete, beschloss Helmut Kohl im Jahre 1986, diesen Prozess aktiv zu fördern.“ (Foto: Karolina Schmidt-Schweizer)


In seiner Berliner Rede am 4. Oktober 1990, also einen Tag nach der Vereinigung, kam Helmut Kohl auch auf Ungarn zu sprechen. Damals fielen die – später unzählige Male wiederholten – Worte, Ungarn habe „den ersten Stein aus der Mauer“, also aus der Berliner Mauer, geschlagen. Wie beurteilen Sie diesen Satz?

Ich denke, Helmut Kohl brachte damit den Kern der damaligen Rolle Ungarn besonders treffend zum Ausdruck: Mit der Grenzöffnung trug die ungarische Regierung unter Ministerpräsident Miklós Németh und Außenminister Gyula Horn wesentlich zur Ingangsetzung des dynamischen Prozesses bei, der über die Schwächung und den Sturz des Honecker-Regimes schließlich zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten führte.

Wie entwickelte sich das Verhältnis zwischen Helmut Kohl und Ungarn in den folgenden Jahrzehnten?

Kohl war der ungarischen Seite nicht nur für ihre Rolle als deutschlandpolitischer Katalysator dankbar, sondern auch dafür, dass sich die ungarische Politik sowohl unter Miklós Németh als auch unter József Antall von Anfang an offen und konsequent zugunsten der Vereinigung ausgesprochen hatte. Als Bundeskanzler und auch nach seiner Ablösung als Regierungschef 1998 blieb Helmut Kohl Ungarn immer besonders verbunden. Wie aus seinen Reden hervorgeht, war sich Kohl nicht nur der Rolle ungarischen Regierung für die deutsche Vereinigung bewusst, sondern sah auch die besondere Leistung der ungarischen Politik als Vorreiter bei der Überwindung des „Realsozialismus“ beziehungsweise beim osteuropäischen Systemwechsel überhaupt. In den 1990er Jahren, aber auch im folgenden Jahrzehnt besuchte Helmut Kohl mehrmals Ungarn und brachte immer wieder – und unabhängig von der jeweiligen Regierung in Budapest – seine Dankbarkeit und Sympathie gegenüber Ungarn zum Ausdruck. Gleichzeitig fand der „Vater der deutschen Einheit“, „Architekt der europäischen Einheit“ und gleichzeitig überzeugte Anhänger der EU-Osterweiterung auch auf ungarischer Seite bis in sein letztes Lebensjahr hinein große Anerkennung. Ganz zweifellos bleibt Helmut Kohl eine herausragende Symbolfigur der engen deutsch-ungarischen Beziehungen.

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