In der Galerie der ungarischen Botschaft müssen Besucher nicht unbedingt stehen: Ein besonderer Stuhl lädt zum Sitzen ein, unterlegt von einem farblich passenden Teppich, beleuchtet von einer stilechten Lampe. Was wie eine Installation daherkommt, ist nichts weniger als eine Reproduktion eines der berühmtesten Stühle der Welt. „Wassily-Stuhl“ heißt das gute Stück und ist das Werk des ungarischen Designers und Architekten Marcell Breuer. Seine Erfindung aus dem Jahr 1926, ein Stuhl aus mehreren gebogenen Stahlrohrstücken und reißfestem Eisengarngewebe, widmete Marcell Breuer seinem Kollegen Wassily Kandinsky, nachdem dieser sich begeistert von dem Stuhl gezeigt hatte. Daraufhin fertigte Marcell Breuer ihm kurzerhand ein Duplikat an. Beide waren zu der Zeit am Bauhaus Dessau tätig, Kandinsky als Leiter einer Malklasse, Breuer als Meister in der Möbelwerkstatt.

Konstruktivistische Tendenzen – Bauhäusler aus Pécs

„Neben Marcell Breuer wurden auch Alfréd Forbát und Farkas Molnár um die Jahrhundertwende in Pécs geboren. Deswegen gilt Pécs als die Wiegestätte des ungarischen Bauhauses“, erklärt Valéria Fekete vom Janus Pannonius Museum in Pécs. Zusammen mit Péter Salamon, der auch an der Gestaltung des Kulturprogramms für „Pécs – Europäische Kulturhauptstadt 2010“ beteiligt war, und dem Kunsthistoriker József Sárkány, hat sie die Ausstellung konzipiert, die bereits am Balassi-Institut in Stuttgart zu sehen war. Insgesamt 30 Werke werden gezeigt, ein Großteil sind Grafiken von „alten Meistern“ wie Jenő Gábor, Victor Vasarely, Marcell Breuer, László Moholy-Nagy, Farkas Molnár, Sándor Bortnyik und Lajos Kassák.

Eine alte Idee, die immer noch neu ist

Dass nächstes Jahr eine große Feier ansteht, nämlich das 100 jährige Gründungsjubiläum des Bauhauses, spielte in den Hinterköpfen der Initiatoren natürlich eine Rolle. Denn obwohl die Hochschule für Gestaltung nur 14 Jahre Bestand hatte, zuerst in Weimar, dann in Dessau und zuletzt in Berlin, wirkt sie bis in die Gegenwart fort. „Uns war es deswegen wichtig, einen Bogen von den Ursprüngen des Bauhauses bis hin zur Gegenwart zu spannen“, erläutert Dezső Szabó. Der Leiter des Balassi-Institutes in Stuttgart war ebenfalls in die Entwicklung der Ausstellung involviert. „Die Ideen dieser Kunstbewegung werden auch heute noch in der Architektur, Buchgestaltung, Grafik, Fotografie und Formgestaltung verarbeitet.“

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Dauerausstellung: In der Napraforgó utca im II. Bezirk von Budapest können permanent 22, im Bauhausstil errichtete Familienhäuser betrachtet werden. (BZT-Fotos: Jan Mainka)

Als Beispiel für zeitgenössische Künstler, die in ihren Werken einen Bezug zum Bauhaus-Stil herstellen, entschied man sich unter anderem für Hans Karl Zeisel. Inspiriert vom Konstruktivismus, aber auch vom Neoplastizismus der niederländischen Architektengruppe „De Stijl“, schuf der bei Stuttgart lebende Künstler vor allem grafische Werke.

Ungarische Künstler beeinflussen Modernismus weltweit

Die Bauhaus-Ausstellung wird in Berlin noch bis zum 18. Juli zu sehen sein. „Dann geht es weiter nach Paris und Rom“, erwähnt Dezső Szabó und verweist auf eine große Schau des New Yorker Guggenheim-Museums anlässlich des 70. Todestages von László Moholy-Nagy. Der enge Mitarbeiter von Walter Gropius gilt als einer der wichtigsten ungarischen Vertreter der Bauhaus-Bewegung. Szabó betont nachdrücklich, dass Moholy-Nagy ursprünglich dem ungarischen Modernismus nahegestanden und dieser einen nicht unwichtigen Einfluss auf den weltweiten Modernismus gehabt habe. Die wechselseitige Beeinflussung der Kunstströmungen lässt sich übrigens in der Ausstellung anhand zweier Grafiken von Victor Vasarely erkennen, dem Vater der späteren Op-art. In seinen frühen Schaffensjahren hatte er noch die Darstellungsprinzipien des Bauhäuslers Sándor Bortnyik übernommen.

Ausstellung „Bauhaus in Ungarn - Zwischen Originalität und Reproduzierbarkeit“

Galerie der Botschaft von Ungarn in Berlin, Unter den Linden 76, 10117 Berlin

Öffnungszeiten: 16. Juni bis 1. Juli 2017, Montag-Donnerstag 8 bis 16.30 Uhr, Freitag 8 bis 14 Uhr, Samstag-Sonntag geschlossen, Eintritt frei

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