Wenn man eben Ihre Ausführungen bezüglich der Personalentwicklung an den ungarischen Bosch-Standorten gehört hat, könnte man den Eindruck gewinnen, der zunehmende Arbeitskräftemangel in Ungarn würde um Ihre Gruppe einen Bogen machen.

DK: Auch wir spüren natürlich, dass die Lage auf dem Arbeitsmarkt immer schwieriger wird. Gute Mitarbeiter in der richtigen Zahl zu finden, wird immer mehr eine Herausforderung. Wir könnten uns jetzt hinsetzen und über diese Situation lamentieren. Davon halten wir aber nicht viel. Wir sind eher dafür, uns den Herausforderungen offensiv zu stellen und die Entwicklung weiter voranzutreiben. Hier wurde bereits Großes geleistet. Unser Erfolg bestätigt zugleich unsere schon seit Jahren gefahrene Strategie, potenzielle Mitarbeiter nicht erst an den Universitäten anzusprechen. Wir müssen weiterhin viel früher anfangen, Menschen für technische Berufe zu begeistern. Die Voraussetzungen dafür sind vorhanden. Die Ungarn sind richtige smarte Menschen. Die Kompetenz, die sie mitbringen, ist genau das, was wir brauchen. Wir sollten uns aber nicht nur darauf beschränken, die Mitarbeiter zu begeistern, sondern die ganze Gesellschaft.

Mit welchen Alleinstellungsmerkmalen kann Bosch in Ungarn auf dem Arbeitsmarkt punkten?

OS: Ein Thema heißt: Shape the future. So etwas tun nicht viele in Ungarn. Bei den weitaus meisten Firmen heißt das Hauptthema immer noch verlängerte Werkbank, das trifft häufig sogar selbst auf Entwicklungsprojekte zu, wo noch immer bei den Mutterfirmen die Musik spielt und den ungarischen Töchtern im Rahmen von größeren Projekten nur kleinere, untergeordnete Teilaufgaben zufallen. Das ist bei uns nicht so. Bei uns läuft diesbezüglich deutlich mehr. Das schafft natürlich eine enorme Attraktivität, deren Wirkung wir durch eine gezielte Kommunikation noch weiter erhöhen, etwa durch Auftritte an Universitäten oder Veranstaltungen wie TechNights oder unsere Mitwirkung an der kürzlichen DUIHK-Veranstaltung TechGirls. Der Erfolg all dieser Maßnahmen gibt unseren Anstrengungen auf diesen Gebieten Recht. Unsere Fluktuationsraten sind im Vergleich zu anderen Firmen minimal. Ganz offensichtlich können wir die Mitarbeiter nicht nur auf uns aufmerksam machen, sondern auch an uns binden. Oder nehmen wir unseren modernen Campus im Entwicklungszentrum mit einem kleinen Teich. So etwas können in Ungarn nicht viele Firmen bieten.

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Entwicklungszentrumsleiter Oliver Schatz: „Zur emotionalen Verbundenheit mit uns trägt übrigens auch bei, dass wir viele Produkte haben, auf die die Leute enorm stolz sind.“


DK: Erst recht nicht in so einer Kombination. Bei uns kann die Zukunft in einer top-modernen Umgebung mitgestaltet werden. Der richtige Mix macht es. Dazu gehört auch die große Bandbreite an attraktiven Tätigkeiten, die es bei uns gibt. Wenn ich eine Leidenschaft habe für irgendwelche Sensor-Themen, dann kann ich bei uns auf einem solchen Gebiet arbeiten. Wenn ich zwischenzeitlich spüre, dass ich mich mehr für Software interessiere, dann ist auch das bei uns möglich. Das Thema Automatisierung ist ja nur ein Überbegriff. Darunter fallen viele Teilaspekte. Ein kreativer Kopf kann sich bei uns auf enorm vielen Gebieten – ich sage das mal etwas salopp – austoben. Bei uns gibt es schon eine gewisse Fluktuation, diese vollzieht sich aber intern und ist von uns voll gewollt. Wir rotieren intern. Das ist übrigens ein relativ neues Thema, das wir aber extrem forcieren, damit die Leute diese Möglichkeit auch wahrnehmen.

Sobald sich bei Ihnen jemand langweilen sollte, werden ihm also firmeninterne Job-Alternativen aufgezeigt?

DK: So weit soll es gar nicht erst kommen. Die Leute sollen von sich aus auf die Idee kommen, sich umzuschauen, was es bei uns für sie noch Interessantes gibt. Es geht uns nicht in erster Linie darum, die Unzufriedenheit der Mitarbeiter zu minimieren, sondern ihre Zufriedenheit zu maximieren.

OS: Zur emotionalen Verbundenheit mit uns trägt übrigens auch bei, dass wir viele Produkte haben, auf die die Leute enorm stolz sind. Das sind ungarische Produkte. Das sind Produkte, die komplett hier entwickelt wurden oder zumindest hier zur Serienreife gebracht wurden. Je mehr solcher Produkte es gibt, umso höher ist der Stolzfaktor. Auch deswegen bemühen wir uns, immer mehr solcher Produkte nach Ungarn zu holen. Dafür müssen wir wiederum permanent unsere Kompetenzen erhöhen, mit denen wir uns um die Entwicklung solcher Produkte bewerben können. Dabei geht es übrigens nicht nur um Fachkompetenz.

Sondern?

OS: Auch um Sozialkompetenz wie etwa die Fähigkeit zur Projektleitung. So etwas könnte an den Universitäten durchaus noch besser vermittelt werden. Bei inhaltlichen Themen sind ungarische Absolventen gut. Bei den Softskills sehe ich aber noch Nachholbedarf.

Welchen?

OS: Es wird schon im Team gearbeitet, die Teams haben aber manchmal ein etwas anderes Verständnis. Sie werden häufig von informellen Führern gesteuert. Dann ist gelegentlich, so haben wir festgestellt, das Ziel nicht so recht klar. Man macht etwas zusammen und stellt dann fest: „Oh, das ist ja auch ganz schön. Lass uns doch das angehen.“ So etwas können wir bei der Projektarbeit natürlich nicht zulassen. Es gibt ein ganz klares Ziel und es muss jemanden geben, der erkennen kann, was zu tun ist, um dieses Ziel zu erreichen und der die entsprechenden Taktzahlen vorgibt. Dazu bedarf es neben technischem Knowhow durchaus auch diplomatischer Fähigkeiten.

Wie punkten Sie noch auf dem Arbeitsmarkt?

DK: Wir haben gemerkt, dass unsere Mitarbeiter in der Lage und dazu bereit sind, zukünftige Mitarbeiter zu begeistern. Sie wollen ihr Wissen teilen. Deswegen bieten wir unseren Mitarbeitern gezielt an, an wissenschaftlichen Einrichtungen Stunden zu geben. Dafür werden sie von uns freigestellt. Sie sollen den ungarischen Jugendlichen an den Unis vermitteln, wie neben der Theorie die Praxis aussieht. Wir spekulieren darauf, dass dabei auch der eine oder andere Funken an Begeisterung überspringt. Diese Auftritte von unseren Mitarbeitern erhöhen über unsere bisherigen Maßnahmen hinaus, unsere Präsenz an den Universitäten und in den Köpfen der Studierenden.

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Moderner Campus im Entwicklungszentrum der Robert Bosch Kft.: „So etwas können in Ungarn nicht viele Firmen bieten.“


OS: Es hat bei uns einen Paradigmenwechsel gegeben. Zunächst haben wir – wie so viele Firmen mit einer ausländischen Mutter auch – als verlängerte Werkbank angefangen. Dabei haben wir nur kleine Teilaspekte bekommen. Mit der Zeit hatten wir aber erkannt, dass so eine Arbeitsteilung enorme Nachteile hat und die Mitarbeiter frustriert, zumal die ungarischen, die enorm stolz sind. Wenn man auf die Dauer nicht zeigen kann, was in einem steckt, dann ist das schon enorm demotivierend. So begannen wir Schritt für Schritt, unsere eigene Kompetenzbasis auf- und auszubauen und immer höherwertige und vor allem komplette Entwicklungsprojekte nach Budapest zu holen. Die Ergebnisse dieser Strategie ließen nicht lange auf sich warten. Während ich Anfang 2013 in Deutschland für den Standort Budapest noch Werbung machen musste, geht es jetzt eher in die andere Richtung: Wir haben in der Bosch-Welt viele Interessenten, die unbedingt hier entwickeln lassen wollen.

Dann können Sie sich die Projekte ja inzwischen aussuchen!

OS: Ja, langsam geht es in diese Richtung. Zumindest halten wir uns immer etwas bedeckt, wenn wir neue Entwicklungsanfragen bekommen und schauen uns diese erst genauer an. Wenn wir merken, dass es sich bei den Projekten eher um Auslaufmodelle handelt, dann hält sich unser Interesse daran in Grenzen. Schließlich sind unsere Entwicklungsressourcen begrenzt und die Motivation unserer Mitarbeiter ein zu pflegendes Gut.

DK: Auslaufprojekte anzunehmen, wäre nicht zielführend für uns. Unser Motto lautet ja: Shape the future, und nicht Shape the past. Wir würden nur unnötig Kapazitäten blockieren, die uns dann bei Zukunftsprojekten fehlen könnten. Wenn aber ein Projekt zu uns passt, dann versuchen wir es intensiv, nach Budapest zu holen.

Hat das Entwicklungszentrum innerhalb der Zukunftsthemen spezielle Kompetenzen für bestimmte Gebiete aufgebaut?

OS: Ja, Automated Driving ist ganz sicher so ein Thema. Dieses Thema wird zwar aus Deutschland gesteuert, es gibt aber einen Entwicklungsverbund, bei dem wir ebenbürtiger Partner sind.

Herr Korioth, Sie sind seit einem guten halben Jahr an der Spitze der erst ungarischen Bosch-Gruppe. Was sind Ihre ersten Eindrücke?

Ich war sehr überrascht, wie schnell und wie stark wir hier gewachsen sind. So eine Geschwindigkeit habe ich in meinem gesamten Berufsleben, darunter in den 28 Jahren bei Bosch, noch nicht erlebt. Ich bin happy, jetzt mit von der Partie zu sein. Ein großes Lob an Oliver und die gesamte Mannschaft, die hinter den beeindruckenden Erfolgen stehen.

Und was sind Ihre Eindrücke von Land und Leuten?

Ungarn ist ein wirklich tolles Land. Es ist übrigens das erste Mal für mich, dass ich endlich einmal in einer Hauptstadt lebe. Sonst ist man im Automotivbereich eher abseits der Hauptstädte tätig. Mein letzter Standort lag in Brasilien, in Curitiba. Das liegt etwa 500 km südlich von Sao Paulo. Eine sehr schöne, kosmopolitische Stadt. Aber halt keine Hauptstadt …

Budapest ist eine sehr schöne Stadt. Freilich war für mich nach acht Jahren Brasilien der harte Winter etwas gewöhnungsbedürftig. Was mich nur etwas verwundert, erst recht, wenn ich den Vergleich mit Südamerika ziehe, ist, dass die Ungarn nicht so stolz auf das Erreichte sind, wie ich annehmen würde. Stattdessen sind die Menschen hier diesbezüglich eher reservierter und zurückhaltender. Auch das Lächeln fällt ihnen hier etwas schwerer. Wenn sie das noch hinbekämen, wäre mein aktueller Einsatzort fast der Himmel für mich.

In Brasilien wurde mehr gelächelt?

Dort wurde vielleicht etwas zu viel gelächelt und ein wenig mehr Ernsthaftigkeit wäre sicher nicht verkehrt.

Wie ist die Zusammenarbeit mit der Politik?

Als wichtigster industrieller Arbeitgeber des Landes haben wir natürlich unsere Verbindungen zur Politik. Bisher, muss ich sagen, sind diese recht gut. Sie sind sachlich und inhaltlich in Ordnung. Ich bin schon der Meinung, die Entscheidungsträger kennen ihre Probleme und Herausforderungen mehr und besser als in den Medien zuweilen vermittelt wird. Die Zusammenarbeit ist recht gut. Wir werden von der Regierung als strategischer Partner wahrgenommen und auch so behandelt. Daher hoffen wir auch, etwas beeinflussen zu können, um Ungarn langfristig nach vorne bringen zu können. Was wir der Regierung auf jeden Fall mit auf den Weg gegeben haben, übrigens nicht nur in Ungarn, sondern weltweit: Wir brauchen vorhersagbare Spielregeln. Wenn Bosch so sehr in einem Land investiert, dann brauchen wir einfach eine gewisse Sicherheit in die Zukunft. Wir investieren schließlich nicht kurzfristig, sondern mittel- und langfristig.


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