Sein Deutsch sei ein bisschen eingerostet, erwähnt Ertüngealp zu Beginn des Interviews. Doch wie sich herausstellt, meistert er diese Herausforderung ohne Probleme. Dabei hat Ertüngealp nie in Deutschland oder einem anderen deutschsprachigen Land gelebt. Internationalität ist bei dem Musiker eine Art Familientradition: Seine Vorfahren stammen aus Griechenland und in seinem Vornamen sind sogar noch asiatische Wurzeln zu erkennen.

Durch und durch Europäer

1969 in Istanbul geboren, ist allerdings Türkisch Alpaslan Ertüngealps Muttersprache. Aufgrund seiner Liebe zu Sprachen entschied er als Grundschüler eigenmächtig, weiterführend die Deutsche Schule zu besuchen, die einzige, die zu jener Zeit gleich zwei Fremdsprachen anbot: Deutsch und Englisch. Darüber hinaus hätte er sogar noch Französisch oder Spanisch lernen können. Dafür fehlte aber die Zeit, denn seit dem siebenten Lebensjahr studierte er neben der Schule Klavier am Konservatorium.

Dabei waren seine Interessen sehr breit gefächert. Fast ungläubig erinnert er sich der heutige Musiker, dass er ausgerechnet in Mathematik und Physik immer Spitzennoten hatte und Klassenerster war. „Ich habe mich schon darauf vorbereitet, in die USA zu gehen, Astrophysik zu studieren und für die NASA zu arbeiten. Das war mein Traum, das und Klavierspielen!“, entsinnt sich der Dirigent. Weil letztendlich seine Liebe zur Musik überwog, zog Ertüngealp 1987 auf Empfehlung des Direktors der Berliner Karajan-Akademie, der von der Virtuosität des jungen Klavierschülers überzeugt war, in ein, ihm bis dahin fremdes Land: In Ungarn nahm er ein Klavierstudium an der Franz-Liszt-Akademie auf.

Dass Ertüngealp auch nach seinem Abschluss dort blieb, lag unter anderem daran, dass er an der Musikhochschule seine spätere Frau, eine Ungarin, kennenlernte und mit ihr eine Familie gründete. Seine beiden Kinder besuchen, ganz wie der Vater, die Deutsche Schule in Budapest. Ist er heute also ein Türke? Grieche? Deutscher? Ungar? „Ich bin ein Weltbürger, vor allem aber Europäer. Ein echter Europäer“, ist Ertüngealp sich sicher.

Dirigieren auf verschiedenen Sprachen

Diesen multikulturellen Ansatz verankert er auch in seinem musikalischen Schaffen. Die Teilnehmenden seines Meisterkurses stammen aus Brasilien, Taiwan, Israel, Albanien, Griechenland, Weißrussland und einigen weiteren Ländern, die Liste ist lang. Viele haben, wie der Dirigent selbst, eine internationale Ausbildung genossen. Eine bunte Kombination ist Ertüngealp wichtig, um möglichst viele Hintergründe zu verbinden und einen fruchtbaren Austausch anzufachen. „Da kommen ganz unterschiedliche Kulturen, Lebensläufe und Erziehungsformen zusammen“, berichtet der 48-Jährige enthusiastisch. So bietet er mit dem Meisterkurs eine Plattform für einen internationalen musikalischen Dialog, eine Kombination vieler divergierender Prägungen der Musikgeschichte und verschiedener musikalischer Bräuche.

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Zuständig für die Balance auf der Bühne: Alpaslan Ertüngealp


Dabei holt er die ausländischen Studenten sozusagen vor seine Haustür, und das aus einem guten Grund: „Die ungarische Dirigierschule ist sehr stark und berühmt“, erklärt er und zählt dabei viele namhafte Größen auf, zum Beispiel Georg Solti, Fritz Reiner, George Szell und mehr. Interessant ist, dass das Projekt vornehmlich in der südöstlich von Budapest gelegenen Stadt Martfű und der Region von Szolnok stattfindet. Die Hauptstadt, so erklärt er, sei hinsichtlich musikalischer und kultureller Veranstaltungen übersättigt. „Es passiert zu viel für eine Stadt dieser Größe“, findet Ertüngealp. Er möchte daher die kulturelle Entwicklung in weniger touristisch erschlossenen Gebieten fördern – ein Konzept, das man auch von seinem Freund und Kollegen Claudio Abbado kennt. Der Italiener, der zu den berühmtesten Dirigenten weltweit gehörte, setzte sich insbesondere für kulturelle Förderung abgelegener Regionen ein.

Italienische Extravaganz

Wenn er von Abbado zu reden beginnt, leuchten Alpaslan Ertüngealps Augen geheimnisvoll auf. Sofort ist klar, wie sehr er seinen alten „Maestro” schätzt und verehrt – auch wenn er ihn nie so nannte. „Claudio wollte, dass ich immer seinen Vornamen benutze”, erklärt er. Für den engsten Kreis des italienischen Stardirigenten war dies üblich – und dazu gehörte Ertüngealp unumstritten. Ihr Verhältnis bestand über Arbeitsthemen hinaus. „Er hat mich praktisch als seinen Sohn betrachtet“, erzählt er. Die drei Jahre, die er mit dem Maestro zusammenarbeitete, bis dieser 2014 verstarb, waren einprägsam: „Mit ihm war ich bei den größten Orchestern der Welt, manchmal sozusagen als sein Stellvertreter. Bisweilen musste ich an seiner statt dirigieren, sogar bei öffentlichen Proben und Generalproben oder auch mal die erste Hälfte eines Konzerts! Das war sehr anstrengend“, erinnert sich Ertüngealp. „Diese Leute denken, sie seien omnipotent und könnten alles tun. Und tatsächlich können sie alles tun, was sie wollen. Man kann da einfach nicht Nein sagen.“

Claudio Abbado war für seine ausgefallenen Ansprüche berüchtigt. So stellte er 2010 für die Rückkehr in seine Heimatstadt Mailand, welche er bis dahin über viele Jahre aus persönlichen Differenzen gemieden hatte, eine ungewöhnliche Bedingung: Im Bestreben, die grüne Lunge Mailands zu stärken, forderte er von der Stadt die Pflanzung von 10.000 Bäumen als Gage. Diese zeigte zwar den Willen, seinem Wunsch nachzukommen, setze ihn aber nur zu einem Bruchteil um – soweit der bekannte Teil des Eklats. Alpaslan Ertüngealp erinnert sich jedoch an einen weiteren bizarren Abschnitt: Für besagtes Konzert in der Mailänder Scala habe Abbado zudem gewollt, dass man auf der Bühne, die nach oben hin offen war, ein Dach in Muschelform errichte, welches die Akustik verbessern sollte.

Als aber klar wurde, dass das Baumpflanzprojekt nicht realisiert wurde, blies er das Konzert drei Tage vor Beginn der Proben ab. „Dieses Dach kostete etwa 100.000 Euro und ich kenne niemand, der es benutzen konnte als es fertig war“, erzählt Ertüngealp amüsiert, „gebaut wurde es nur für Claudio. Man hat ihn damals förmlich angebettelt, nach Mailand zurückzukehren. Man hätte zu jedem seiner Wünsche Ja gesagt. Einige Male musste ich einschreiten und habe ihm andere, weniger komplizierte Sachen vorgeschlagen. Ich war immer der Mediator zwischen ihm und der Außenwelt, wie ein Puffer. Das war nicht leicht“, erinnert sich Ertüngealp.

Qualität dank Individualität

Solche vermittelnden Personen waren für Abbados Arbeit unerlässlich. „Er arrangierte immer alles durch andere Leute. Er konnte und wollte nicht direkt mit Organisatoren, Managern oder Orchestern über Sachen diskutieren.“ Konflikten und Auseinandersetzungen sei er stets aus dem Weg gegangen. Als zielstrebig und freundlich beschreibt Ertüngealp Abbados Umgang mit anderen Menschen, seinen Charakter als sehr introvertiert und nüchtern, nie aggressiv – und wenn, habe er es sich auf der Bühne nicht anmerken lassen.

Trotzdem habe man, so Ertüngealp, seine Macht und Autorität gespürt. Dem Maestro habe immer viel an seiner Meinung gelegen, darüber hinaus schätzte er sein musikalisches Können. Oft musste dieser Abbados ausschweifende Ideen modellieren und ihn zu weniger extravaganten Alternativen überreden. Dabei lässt Ertüngealp durchblicken, dass er trotz aller Freundschaft immer einen ausgesprochen höflichen, bittenden Unterton mit dem Maestro anschlug, was vermuten lässt, dass Claudio Abbado unstreitig auch eine einschüchternde Seite hatte, die ihn zur Respektsperson machte. Seiner Zeit mit Abbado verdankt Ertüngealp eine Vielzahl wichtiger Erfahrungen: „In meiner Rolle als Assistent musste ich ihn permanent observieren und alles aufsaugen, was er tat, wie er reagierte und mit anderen sprach, wie er sich auf Konzerte vorbereitete und wie er die Partituren benutzte“, führt der Dirigent aus.

„In memoriam Claudio Abbado”

Für seine heutige Lehrtätigkeit ist das Wissen, das er in seiner Zeit mit Claudio Abbado erworben hat, unerlässlich. „Man kann Musik nicht einfach lehren“, ist er überzeugt, „Technik und Methodik kann man zeigen und schulen, Musikwissenschaft kann man dozieren, aber das Talent zum Musizieren ist angeboren und das muss man selbst weiterentwickeln“, so Ertüngealp. Der internationale Meisterkurs, in der er junge Nachwuchsdirigentinnen und -Dirigenten ausbildet, leitet er ebenfalls nach dieser Maxime. Man könne zwar vorführen, wie man den Takt fühlt, ihn schlägt und welche Kontrolle das über das Orchester hat. Aber das ist nicht das Einzige, was die Arbeit eines Dirigenten ausmache, so Ertüngealp.

„Man muss auch inspirieren und anleiten können, aber so, dass die Musiker nicht fühlen, dass sie geleitet werden. Sie müssen die Musik selbst produzieren und trotzdem muss alles vom Dirigenten kontrolliert werden, damit es so klingt, wie er es will. Das kann man nicht lehren! Das kommt mit der Zeit.“ Ertüngealp zeichnet so ein von Abbado inspiriertes Idealbild vom allmächtigen Dirigenten, der als Puppenspieler an den unsichtbaren Fäden der Orchestermitglieder zieht, ihnen aber zugleich die Freiheit gibt, ihre individuellen Ideen zu verwirklichen. Die Teilnehmenden seines Meisterkurses sollen die Möglichkeit haben, sich in einem geschützten Raum auf eigene Faust über ihre musikalischen Werte auszutauschen.

Seine eigenen Erfahrungen als Dirigent, aber auch als Assistent Abbados will Alpaslan Ertüngealp an seine Studenten weitergeben – zumindest fast alle, setzt der Dirigent geheimnisvoll schmunzelnd hinzu. Denn demnächst will er sich auch als Schriftsteller versuchen: mit einem Buch, in dem er von seiner Zeit mit dem großen Maestro erzählt.

Claudio Abbado

Der italienische Stardirigent, der in seiner über 50-jährigen Laufbahn einige der größten Orchester der Welt leitete, wurde 1933 in Mailand geboren und verstarb am 21. Januar 2014 in seiner Wahlheimat Bologna.

Nach seiner Assistenzzeit bei Leonard Bernstein trat er 1989 als künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker die Nachfolge Herbert von Karajans an und leitete ab 1994 die Salzburger Osterfestspiele. Er dirigierte zudem die Wiener Philharmoniker, das Londoner Sinfonieorchester und die Mailänder Scala. Über die Jahre erhielt Abbado unzählige Preise und Auszeichnungen, darunter das Großkreuz des Verdienstordens der Italienischen Republik und das Verdienstkreuz der Bundesrepublik, der Deutsche Kritikerpreis und den Ernst-von-Siemens-Musikpreis. Er war Ehrendoktor der Universität Cambridge und wurde zum italienischen Senator auf Lebenszeit ernannt. Er gründete einige Orchester, darunter 1978 das European Community Youth Orchestra und 1981 das Chamber Orchestra of Europe, sowie 2003 das Lucerne Festival Orchestra. Seine Arbeiten zeichnen sich durch breit gefächerte Programme aus, die vor allem Werke der Komponisten Gustav Mahler, Claude Debussy, Franz Schubert und auch Wolfgang Amadeus Mozart beinhalten. Präzise Artikulation und musikalische Frische charakterisieren seinen Dirigierstil, den er meist ohne Taktstock ausführte. Im Gegensatz zur autoritären Musikerziehung vertrat Abbado ein offenes, antiautoritäres Konzept. So gab er klassische Konzerte in Fabrikgebäuden und Haftanstalten und senkte die Eintrittspreise für Studenten. Als Galionsfigur für die italienische Linke war er erklärter Gegner von Silvio Berlusconi und kämpfte insbesondere für ein vereintes Europa.

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