Musik ist nicht nur ein fester Bestandteil unseres ganz alltäglichen Lebens – wir hören sie beim Autofahren, beim Duschen oder beim Einkaufen –, sondern auch ein kulturelles Ausdrucksmittel, mit dem Gefühle, Meinungen und sogar die Befindlichkeit einer ganzen Nation vermittelt werden können. Dabei ist es vor allem die immer dem Zeitgeist und dem ständigen Wandel unterworfene Rock- und Popmusik, die helfen kann, Kritik an politischen Verhältnissen zu üben, Liebesgeständnisse zu untermalen und gesamtgesellschaftliche Entwicklungen zu kommentieren. Wer wissen möchte, was die Ungarn bewegt, sollte daher auch einen Blick auf die hiesige Musikszene werfen.

Auf der Suche danach führt in Budapest kein Weg an den Litfaßsäulen und Plakaten in Metro-Unterführungen und anderen öffentlichen Plätzen vorbei. Hier wird man bereits mit den ersten Namen belohnt. Dieser Tage sind da an vielen Stellen groß die Namen ungarischer Künstler wie Szabó Balázs Bandája, Budapest Bár oder Ivan & The Parazol zu lesen. (Wer diese Bands sind und was für Musik sie machen, erklären wir Ihnen in den blauen Infoboxen am Rande dieses Artikels.)

Um darüber hinaus einen tieferen Einblick zu erhalten, haben wir bei Ungarns größtem Musikmagazin, dem „Recorder“, vorbeigeschaut. Seit 2011 erscheint das Blatt monatlich in einer Auflage von etwa 5.000 Exemplaren. Chefredakteur Endre Dömötör gab uns Einblicke in die ungarische Musikgeschichte und ihre Entwicklungen – von den 60er Jahren mit der Band OMEGA bis in die Gegenwart – und warf einen Blick in die Zukunft.

OMEGA – zwischen Ost und West

OMEGA gilt als eine der erfolgreichsten ungarischen Rockbands. Sie wurde 1962 gegründet. Richtig beliebt wurde sie Mitte der 60er-Jahre, und das nicht nur in Ungarn. Während ihres Bestehens hat sich die Zusammensetzung der Band immer wieder verändert, sodass von den Gründungsmitgliedern einzig Bläser Lászlo Benkő und Sänger János Kóbor bis heute als Frontleute von OMEGA auf der Bühne stehen. Begleitet werden sie von Tamás Mihály am Bass, Ferenc Debreceni am Schlagzeug und György Molnár an der Gitarre.

„OMEGA ragte während des Kommunismus in Ungarn definitiv als Band hervor“, erklärt Endre Dömötör. Denn trotz des Eisernen Vorhangs und der Beobachtung durch das kommunistische Regime in Ungarn haben sie es geschafft, einen Fuß in die westliche Welt zu setzen, was hinsichtlich der politischen Spannungen während des Kalten Krieges definitiv bemerkenswert war, findet Dömötör. Doch wie kam der Erfolg in der westlichen Welt zustande? Nach Touren in der Region, also auch in sozialistischen „Bruderländern“ wie Polen, Russland und der DDR, bekam OMEGA im Jahr 1967, nachdem eine englische Band in Ungarn auftreten durfte, die Chance, in London Konzerte zu geben. Das war jedoch noch nicht alles, erzählt Dömötör. OMEGA hat mit ihren teils englischen aber auch ungarischen Liedern, die ein besonderes Interesse an dem Leben hinter dem Eisernen Vorhang geweckt hatten, in Großbritannien für so viel Wirbel gesorgt, dass die Band sogar eine Einladung zur Aufnahme einer Platte erhielt.

Das befeuerte auch den Erfolg in Ungarn: Sobald OMEGA in ihr Heimatland zurückkehrt war, sei die Band von der Regierung empfangen und kurzerhand ins Plattenstudio geschickt worden, weil es gegen die Ideologie des sozialistischen Staates sprach, dass eine ungarische Band zuerst im Westen ihren Durchbruch feierte. Dazu müsse man wissen, erklärt Dömötör, dass zuvor in Ungarn keine einzige Band ein komplettes Album aufgenommen hat, sondern nur einzelne Singles aufgezeichnet wurden. Laut dem Recorder-Chefredakteur ist die Band OMEGA daher als eine Art Startpunkt der ungarischen Rockmusik auf nationaler als auch auf europäischer Ebene zu betrachten.

„Neue Ungarische Welle“

Wie in Deutschland gab es auch in Ungarn eine „Neue Ungarische Welle“. „Diese brach Ende der 70er-Jahre über die Gesellschaft herein und schon in den frühen 80ern wurde der neue Musikstil, der auch Punk und Funk mit einschloss, zum Symbol für den Zeitgeist der Untergrundszene und den Protest gegen das damalige Regime“, so Dömötör. Allgemein habe die ungarische Musik in dieser Zeit stark an ihre westlichen Vorbilder erinnert. Doch anders als im Westen war es in Ungarn schwer, an Platten der Sex Pistols, David Bowie oder Iggy Pop heranzukommen. Falls dies doch gelang, kopierte man sie schnell. Bands, die diesem Zeitgeist entsprachen und die ungarische Musikszene nachhaltig geprägt haben, auch wenn ihr Erfolg teils nur von kurzer Dauer war, waren unter anderem URH, Albert Einstein Bizottság und Trabant.

Doch war es damals eigentlich gefährlich durch diese neue Art der Musik Kritik am Regime zu üben? „Es gab eine Art ungeschriebene Regel zwischen dem Regime und den Bands der ‘Neuen Ungarischen Welle‘: Es war zwar geduldet, ein Konzert zu geben, aber den Weg auf eine Platte haben die Lieder eher nicht gefunden“, so Dömötör. Ab und an habe es auch Auftrittsverbote gegeben. Doch wirklich hart traf es die Untergrund-Punkrock-Band CPG aus Szeged. Deren Bandmitglieder wurden 1983 verhaftet und als Feinde des Kommunismus für anderthalb bis zwei Jahre inhaftiert. Dies sollte ein Signal an die ungarische Untergrundszene senden, dass das Regime bereit ist, die Rebellion mit allen Mitteln zu zähmen.


Hinter die Kulissen einer ungarischen Plattenfirma geschaut

Gold Record ist eine ungarische Plattenfirma, die seit 1997 existiert und laut eigenen Angaben zurzeit Verträge über 35 Produktionen und 2.000 Tonaufzeichnungen hat, hauptsächlich mit Bands, die bereits seit 5 bis 10 Jahren existieren.

Unter Vertrag sind zum Beispiel die ungarischen Bands Honeybeast, Margaret Island, Fish! und The Biebers. Außerdem besteht eine Zusammenarbeit mit Teilnehmern der Talentshow X-Factor und deren Gewinnern wie beispielsweise Gergő Oláh und Tibor Kocsis. Gábor Molnár, der Firmenchef von Gold Record, erklärt, wie man als Plattenfirma in Ungarn neue Bands entdeckt: Zunächst würde sein Team dazu Musik-, TV-Talentshows und das Onlinevideoportal Youtube nach Talenten durchforsten. Dies sei allerdings einfacher gesagt als getan, denn die Suche ist wie die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen.

„Seit ein paar Jahren haben wir den Fokus auf internationale Auftritte und die weltweite Vermarktung unserer ungarischen Bands gelegt. Wir erscheinen auf Showcase-Festivals und haben die Initiative „HOT – Hungarian Oncoming Tunes“ zur Vorstellung ungarischer Popmusik im Ausland gegründet. Damit erhöhen sich die Chancen unserer Bands für einen internationalen Durchbruch“, erzählt Molnár.


Entwicklungen bis heute

Nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion galt es auch in Ungarns Musikszene, die neuen Freiheiten und Möglichkeiten auszunutzen und auszuprobieren. Der Markt wurde frei und das Verkaufen aller Platten möglich. Nachdem es zur kommunistischen Zeit nur eine Plattenfirma in Ungarn gab, etablierten sich nach und nach viele andere. Angekommen im 21. Jahrhundert ragte im Bereich der in Ungarn neu aufgekommenen elektronischen Musik das Label UCMG Hungary heraus.

Zum Beispiel erlangte der Musikkünstler Yonderboi Bekanntheit, dessen Musik man dem Easy Listening zuordnen kann und der auch in den Niederlanden, Deutschland und Spanien gehört wird. Um das Jahr 2007 herum fand auch der Indierock seinen Weg nach Ungarn. Ungefähr zu dieser Zeit wurde sogar von staatlicher Seite einiges unternommen, um beispielsweise auch kleinen Bands eine Plattenaufnahme zu ermöglichen, Musikclubs besser auszustatten und mehr Auftritte außerhalb von Budapest zu ermöglichen. Auch das Radio öffnete sich für aktuelle Acts der ungarischen Musikszene.

„Insbesondere in den letzten Jahren, vielleicht ab 2013 bis 2015, gab es eine Vielzahl an Talenten mit Aussicht auf internationalen Erfolg, die neuen Schwung in die ungarische Musikwelt gebracht haben“, berichtet Endre Dömötör. Einzelne Beispiele zu nennen, sei bei einer derartig großen Palette allerdings schwer. Fakt ist, bessere Chancen auf einen Durchbruch scheint zu haben, wer aus der ungarischen Hauptstadt stammt, denn die meisten ungarischen Bands, die sich einen Namen gemacht haben, sind in Budapest zu finden. Wer nicht aus Budapest stammt, kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Pécs. Die Uni-Stadt im Süden des Landes hat sich in den letzten Jahren zur zweiten Musikhochburg Ungarns entwickelt.

Ungarische Bands auf internationaler Bühne

„Von besonderer Wichtigkeit für das Bekanntwerden neuer Bands sind sogenannte Showcase-Festivals“, so Dömötör. Hinter diesen Veranstaltungen verbergen sich Konzerte für äußerst talentierte Künstler, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Im Publikum befinden sich hier meist auch Vertreter von Plattenfirmen und andere Promoter. Europas größtes Festival dieser Art ist in Groningen, weitere in Bratislava und in Estland. „Die Erkenntnis, dass die Teilnahme an Showcase-Festivals notwendig für die Entdeckung und Etablierung ungarischer Künstler auf der internationalen Bühne ist, ist ein Schritt in die richtige Richtung“, so Endre Dömötör.

Er sieht die ungarische Rock- und Popmusikszene, die noch voller unentdeckter Talente stecke, insgesamt auf einem sehr guten Weg. Dömötör hofft, dass sich ungarische Künstler in den nächsten Jahren auf dem internationalen Markt noch mehr durchsetzen werden.

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Szabó Balázs Bandája

Seit 2009 gibt es die Fünfergruppe rund um den sympathischen Frontmann Balázs Szabó. Folk-Pop auf Ungarisch ist wohl die passendste Bezeichnung für ihren Stil. Besonders großen Zuspruch finden beim ungarischen Publikum die harmonische gefühlvolle Stimme des Sängers und die einnehmenden Geigenklänge. Meist sind Konzerte der Band etwa auf dem Konzertschiff A38 oder im Budapester Akvárium Klub schon lange im Voraus ausverkauft. Wer es verpasst, eines der begehrten Tickets zu ergattern, kann auf die bisher erschienenen vier Studioalben – „Élet Elvitelre“, „Megcsalogató (Újracsalogató)“, „Át Járók“ und „Közelebb“ – zurückgreifen. Besonders empfehlenswert ist das Lied „Bájólo“, das auf einem Gedicht des ungarischen Dichters Miklós Radnóti basiert und dem Hörer Gänsehaut pur beschert. Zu sehen ist die Band im Übrigen auch am 28. Juni auf dem VOLT-Festival in Sopron.

Schauen Sie vorbei unter: www.facebook.com/szabobalazsbandaja

Budapest Bár

Auch Budapest Bár gehört zu den nicht mehr ganz jungen Hasen im ungarischen Musikgeschäft. In diesem Jahr feiert die Band ihr 10-jähriges Jubiläum. Ihre Musik ist ein musikalischer Cocktail aus Roma-Klängen, alten ungarischen Chansons gemischt mit Rock’n’Roll. Budapest Bár nimmt ihr Publikum mit auf eine Zeitreise in die 20er- bis 50er-Jahre und begeistert mit wechselnden Gastsängern und -Musikern, sowohl aus der ungarischen als auch internationalen Rock-, Underground- und Jazzszene. Am 6. Juli können Sie sich beim Festkonzert zum 10-jährigen Bestehen der Band im Budapest Park, dem neuesten und größten Open-Air-Konzertgelände Budapests, vom musikalischen Können dieser einzigartigen Band überzeugen.

Mehr zu Budapest Bár gibt es hier: www.facebook.com/budapestbarband oder auf www.budapestbar.hu/

Ivan & The Parazol

Mit Ivan & The Parazol wird die Stimmung noch ein bisschen rockiger. Seit 2010 machen die fünf jungen Männer rund um Frontmann Iván Vitáris Vintage Rock vom Feinsten. Dabei ist die Hommage in Sachen Musik und Look an die Rockszene der 70er-Jahre nicht zu leugnen. Mit ihren rockigen Klängen und einer schrägen Bühnenshow haben es Ivan & The Parazol auch schon auf die internationale Bühne geschafft: Im Jahr 2013 haben sie beim renommierten South-by-Southwest-Festival in den USA gespielt. Dieses Debüt brachte ihnen auch die Teilnahme am CBGB-Festival in New York ein. Ihr erster Song „Take My Hand“ wurde zum Hit in den ungarischen Musikcharts und lief für Wochen auf Platz 1 im MR2 Petőfi Rádió. Ivan & The Parazol heizen regelmäßig die Stimmung auf dem Konzertschiff A38 in Budapest auf.

Rocken Sie mit auf www.facebook.com/ivanandtheparazol oder www.ivanandtheparazol.com

Die ungarische Musikszene aus der Sicht eines Veranstalters

Laut Dávid Bali, zuständig für „Promotion and Production” auf dem Konzertschiff A38, sind diese ungarischen Bands empfehlenswert.


Hallenfüller mit über 10 Jahren Erfahrung:

Budapest Bár

Szabó Balázs Bandája

Hiperkarma

Elefánt

Péterfy Bori & Love Band

Kiscsillag

30Y

Fish!

BRAINS

Punnany Massif


Noch-Newbies mit internationalem Touch:

Ivan & the Parazol

Middlemist Red

Margaret Island

Fran Palermo

Bagossy Brothers Company

Apey & The Pea

Konversation

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