Trianon – Zahlen und Fakten

Die Friedensbedingungen, die Ungarn im Januar 1920 erhielt, besagten, dass neben den von nationalen Minderheiten bewohnten Gebieten auch Territorien abgegeben werden müssen, in denen mehrheitlich Ungarn lebten. Diese neuen Grenzen wurden von den alliierten Großmächten schon im Frühling 1919 festgelegt, also in der Zeit, als Ungarn noch überhaupt keine Vertreter auf der Friedenskonferenz hatte. Zwar wurden die ungarischen Grenzen im März nochmals diskutiert, jedoch änderten sich die Bedingungen schließlich nicht. So wurde am 4. Juni 1920 im Schloss Grand Trianon in Versailles der Friedensvertrag unterzeichnet. Infolgedessen verlor Ungarn – Kroatien nicht eingerechnet – zwei Drittel seiner Gebiete. Die Landesfläche schrumpfte von 282.000 Quadratkilometer auf 93.000. Die Einwohnerzahl Ungarns sank mit den Gebietsverlusten von 18,2 Millionen auf 7,6 Millionen. In den abgetrennten Gebieten lebten rund 10,6 Millionen Menschen, davon 3,2 Millionen Ungarn. Der Vertrag beinhaltete weiterhin, dass Ungarn nur eine 35.000 Mann starke Berufsarmee unterhalten durfte, der Besitz von schwerer Artillerie, Panzern, Kriegsschiffen, Luftstreitkräften etc. wurde verboten. Außerdem mussten ab 1921 über 30 Jahre lang Reparationen für die verursachten Kriegsschäden gezahlt werden.

Wo ist der Platz von Trianon im heutigen historischen Gedächtnis der Ungarn?

In Ungarn gibt es über Trianon – wie bei anderen Ereignissen des 20. Jahrhunderts auch – mehrere Erinnerungen, die grundsätzlich sehr politisch geprägt sind. Man denkt darüber auf der linken Seite anders als auf der rechten, daneben gibt es auch eine liberale und eine rechtsradikale Auffassung, die meistens unversöhnbar miteinander sind. Oft habe ich das Gefühl, dass Trianon in Ungarn gar nicht der Name des Friedensvertrags ist, denn wenn jemand darüber redet, spricht er nicht über den Vertrag, sondern über all das Übel und Unglück, das uns widerfahren ist. Ein Beispiel: Ich kam gestern am Flughafen an und auf dem Nachhauseweg fragte mich der Taxifahrer, wo ich war und was ich gemacht habe. Ich sagte, dass ich auf einer Konferenz über die Friedensverträge in Paris war, woraufhin er sofort drauflosredete, aber nach drei Sätzen sprach er überhaupt nicht mehr von Trianon, sondern darüber, wie schwer das Leben heutzutage ist und ob es vor der Wende besser war oder nicht. Das meine ich, wenn ich sage, dass Trianon der Name einer Tragödie ist.

Seit 1920 sind schon fast hundert Jahre vergangen. Wie veränderte sich das Trianon-Bild in dieser Zeit und welche Rolle spielten darin die Zwischenkriegszeit und die sozialistische Ära?

In der Zwischenkriegszeit oder Horthy-Ära konnte man nur auf eine Weise über Trianon reden. Die einzige Antwort, die man darauf geben konnte, war: Revision. Hinsichtlich der Art und Weise der Revision gab es verschiedene Vorstellungen, aber Fakt ist, dass im politischen Leben keiner ernsthaft sagte: Wir wollen nichts zurück. Auch die Liberalen und Sozialdemokraten stimmten zu, dass eine Revision in gewissem Maße nötig ist. Nach 1945 änderte sich das. Trianon war für die Kommunisten peinlich, weil die Nachbarländer, wo ungarische Minderheiten lebten, mit uns gemeinsam den Sozialismus aufbauten. In dieser Zeit war es sehr schwer, diese Länder zu kritisieren, ohne der nationalistischen Politik beschuldigt zu werden. Folglich wurde über Trianon nicht viel gesprochen. In der Kádár-Ära tauchten zwar die Themen ungarische Minderheiten in Nachbarländern und Pariser Vorortverträge wieder auf, aber Trianon an sich wurde kaum erwähnt.

Ich denke, das hängt mit dem wirklich großen Tabu des damaligen Systems, nämlich 1956 (Anm.: das Jahr des ungarischen Volksaufstandes), zusammen. Wenn jemand angefangen hätte Trianon zu diskutieren, hätte sich schnell herausgestellt, dass die Verantwortlichen dafür die rumänischen, tschechoslowakischen und jugoslawischen Genossen sind, mit denen wir jetzt gute Beziehungen pflegen. Zum anderen hätte die Frage der ungarischen Minderheiten schnell zur Unterstützung ihrer nationalen Souveränität geführt. Die Frage der Souveränität hätte jedoch die Anwesenheit der sowjetischen Truppen und die Niederschlagung des Volksaufstandes von 1956 infrage gestellt. Von Trianon aus konnte man also mit nur ein oder zwei Schritten zu 1956 gelangen, das war jedoch das absolute Tabu der Kádár-Ära.

Wie konnte es überhaupt zu Trianon kommen? Grundsätzlich wird ja der verlorene Weltkrieg als Grund genannt. Galt hier das Prinzip „Wehe den Besiegten”?

Es handelt sich wohl wirklich um dieses Prinzip, aber mit der Einschränkung, dass sich die früheren europäischen Friedenskonferenzen schon bemühten, lebensfähige Friedensverträge zu schaffen. 1918/1919 kommt es zum ersten Mal vor, dass man die Verlierer gar nicht zu den Friedensverhandlungen einlud. Wir müssen auch sehen, dass Österreich-Ungarn in einem größeren kontinentalen Zusammenhang behandelt wurde. Ein eigenständiges Ungarn gab es in dieser Hinsicht nicht, unser Schicksal war an die Monarchie gebunden. Die Monarchie wiederum war für die anderen Großmächte nur so lange wichtig, wie sie zum kontinentalen Gleichgewicht beitragen konnte. Gegen Ende 1917, Anfang 1918 sagten sich die Großmächte, dass es besser sei, die Monarchie vom Schachbrett zu nehmen und etwas radikal Neues, also mehr oder weniger ethnisch homogene Kleinstaaten zu erschaffen. Diesen sollte im kontinentalen Gleichgewicht die Rolle zuteilwerden, die früher die Monarchie einnahm.

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Balázs Ablonczy erklärte, dass es bei den Friedensverhandlungen für die Großmächte kein selbstständiges Ungarn gab, sondern nur Österreich-Ungarn.


Man hört jedoch oft Argumente, die besagen, dass die ungarische Nation Trianon mitverantwortet hat, weil sie gegenüber den nationalen Minderheiten eine schlechte Politik verfolgte. Kann das in dieser sowieso sehr nationalistischen Epoche Europas eine Rolle gespielt haben?

Ehrlich gesagt glaube ich das nicht. Vielleicht wäre unser Gewissen reiner, aber bei Trianon spielte das keine größere Rolle. Übrigens denke ich nicht, dass die ungarische Politik gegenüber den nationalen Minderheiten schrecklich unterdrückend gewesen wäre. Das Problem war, dass sie andauernd pendelte: Mal versuchte sie hart aufzutreten, mal nett zu sein. Auf der anderen Seite muss man auch verstehen, dass Mitteleuropa in den vergangenen 200 Jahren vor allem von einer Geistesströmung geprägt wurde, und das ist der Nationalismus. Die Idee, dass sich Menschen zusammentun und sagen: Wir sprechen die gleiche Sprache, also machen wir eine Kultur, mit Nationaltheater, Akademie, Universität und sonst was. Alle wollten zu einem großen Nationalstaat werden, wie die Franzosen und die Briten. Wenn wir die Entwicklungen der vergangenen 200 Jahre in Mitteleuropa betrachten, dann sehen wir, dass auf einem Gebiet, auf dem es um 1815 gerade mal vier Imperien gab, es heute 18 oder 19 Staaten gibt und die Phase der Staatsgründungen noch nicht beendet ist. Ein Beispiel dafür ist der Kosovo.

In Ihrem Buch „Trianon-Legenden” befassen Sie sich mit den Verschwörungstheorien, politischen Mythen und Spekulationen, die Trianon umringen. Wieso konnten sich diese Legenden relativ weit verbreiten und warum sind sie auch heute noch so präsent?

Die Menschen verstehen die Geschichte anhand von Anekdoten, wie eben diese Legenden. Eine zum Beispiel ist, dass es deshalb zu Trianon kam, weil der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau eine ungarische Schwiegertochter hatte, die er hasste, folglich hasste er auch die Ungarn, weshalb die Grenzen so wurden, wie sie sind. Das ist eine sehr einfache und praktische Geschichte, man kann sie verstehen, aber wenn jetzt ein Historiker damit kommt, wie das kontinentale Gleichgewicht aussieht und dass historische Entscheidungen immer mehrere Ursachen haben, dann sind das sehr neblige und schwer fassbare Antworten. Die Legenden haben fast immer einen wahren Kern, denn Georges Clemenceau hatte wirklich eine ungarische Schwiegertochter, die ihren Mann betrug und sich später auch scheiden ließ. Aber Clemenceau war nicht deswegen ein ruppiger, alter Mann, sondern weil er halt ein ruppiger, alter Mann war, nicht nur gegenüber Ungarn. Er konzentrierte sich darauf, dass Frankreich in Sicherheit ist und das Land von den Deutschen nicht noch einmal angegriffen werden kann. Er wusste ganz genau, dass man dafür Verbündete braucht. Die Monarchie konnte es nicht sein, weil sie sich völlig Deutschland verpflichtet hatte. Also werden neue Kleinstaaten erschaffen: Polen, Rumänien, die Tschechoslowakei und Jugoslawien, ganz einfach. Daneben gibt es natürlich auch wirtschaftliche Interessen, aber dass zu erklären ist eben viel komplizierter als die Story mit der Schwiegertochter.

Hätte aus dieser Sicht das Bildungswesen eine größere Verantwortung zu tragen?

Natürlich, aber ich muss auch bemerken, dass Studien belegen: Die Menge der verfügbaren Informationen hat nicht unbedingt genaueres Wissen zur Folge. Die Menschen glauben, woran sie glauben, weil sie es eben glauben wollen. Ich sehe in den vergangenen Jahren zwar positive Entwicklungen, aber wer an die Legenden glauben will, der wird das auch weiterhin tun, daran ändert auch der Geschichtsunterricht nichts.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass „die ungarische Politik und das öffentliche Leben ein treues Spiegelbild der mentalen Lage des Landes ist”.

Was ich damit meine, ist, dass in Ungarn die Auffassung herrscht, dass es auf der einen Seite uns ehrliche Bürger gibt, die zu überleben versuchen und auf der anderen Seite die Politiker, die Halunken. Ich glaube, die Lage ist ein bisschen komplizierter. Solche Politiker gibt es deshalb, weil wir ihnen vieles erlauben und die sind ja auch nicht dumm. Politiker thematisieren Dinge, die für die Gesellschaft zugänglich sind und spiegeln gewissermaßen die Meinung der Gesellschaft wieder. Ich glaube übrigens daran, dass Politiker auch eine Art Erzieher sein müssen, denn wenn einer von ihnen etwas oft wiederholt, dann wird es nach einer Weile vielleicht auch Menschen geben, die sich das überlegen.

Müssten Politiker also größere Verantwortung übernehmen, in dem Sinne, dass sie falsche Ansichten zumindest nicht verstärken?

Ich denke schon. Allerdings sehe ich, dass die Politik diese pädagogische Funktion in den letzten 25 Jahren immer mehr aufgegeben hat. Zum Beispiel hat das Parlament 1990 die Todesstrafe abgeschafft, obwohl Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Bevölkerung heute noch für die Todesstrafe ist. Ich bin mir nicht sicher, dass das heutige Parlament diese Entscheidung genauso treffen würde, eben weil in sehr vielen Fragen intensiv auf die Wählerschaft geachtet wird.

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Viele Ungarn haben bis heute die Karte „Großungarns“ bei sich zu Hause an der Wand hängen.


Bis 2021 wird die Trianon-Forschungsgruppe, der auch Sie angehören, tätig sein. Welche Ergebnisse können Ihre Forschungen haben, werden sie unser Wissen über Trianon präzisieren oder etwas ganz Neues ans Tageslicht bringen?

Neue Entdeckungen – im Sinne, dass wir einen Zettel mit der Aufschrift finden: „Es war nur ein Scherz. Georges Clemenceau” – wird es nicht geben, da bin ich mir ziemlich sicher. Natürlich wollen wir unser Wissen präzisieren, aber die Frage ist die Nützlichkeit und wie das Ganze zu einem sichtbaren, gesellschaftlichen Wissen werden kann. Das ist viel schwieriger. Ich bin dafür, dass wir unsere Entdeckungen auch in einer allgemein verständlichen Form verbreiten. Wir stehen beispielsweise mit Geschichtslehrern im Kontakt und versuchen gemeinsam zu überlegen, was man in den Schulen machen könnte. Wie das jedoch im Bildungswesen erscheint, darauf habe ich sehr wenig Einfluss.

Sie planen, einige Bände auch auf Englisch herauszugeben und an Konferenzen in Großbritannien und in den USA teilzunehmen. Was werden hier die Schwerpunkte sein, was erhoffen Sie sich davon?

Im Rahmen der Mitteleuropaforschung werden immer wieder bedeutende Konferenzen organisiert, wo wir unser Projekt vorstellen möchten. Im Falle Ungarns ist zum einen die Flüchtlingsfrage (zwischen 1918 und 1924 flüchteten ca. 400.000 Menschen aus den abgetrennten Gebieten nach Ungarn) ein Thema, das man international gut präsentieren kann. Hier geht es um die gesellschaftliche Integration und Erinnerung der Flüchtlinge, die vor allem aus der Mittelschicht kamen und einen unglaublichen Prestigeverlust erleiden mussten. Zum anderen gibt es die Frage der sogenannten „Übergangsstaaten”. Zwischen 1918 und 1924 wurden zahlreiche fiktive und zum Teil komische Staaten geboren, zum Beispiel im heutigen Burgenland oder Rijeka. Hier geht es zum einen darum, dass fünf Kerle in der Kneipe zusammenkommen, trinken und dann beschließen, eine Regierung zu bilden. Manche dieser Staaten existierten nur wenige Tage, andere sogar ein ganzes Jahr. Anhand der Untersuchung solcher Extremfälle können wir zentrale Probleme verstehen. Hier ist es die Frage des Staates. Wie kommt ein Staat in Mitteleuropa zustande? Wie denken die Bürger über ihren Staat? Wie definiert sich das Volk, wer kann Teil des Volkes sein? Eine weitere Frage ist, wie sich die Gewalt während des Krieges im Hinterland entfesselt. Sehr wenige wissen, dass Ende 1918 mehr Menschen einen gewaltsamen Tod starben, als im darauffolgenden roten und weißen Terror. Das ist deshalb wichtig, weil in Ungarn bis zum Ersten Weltkrieg über 70 Jahre Frieden herrschte und die Menschen an eine relative Sicherheit gewöhnt waren, in der man nicht einfach so jemanden töten konnte. Im Vergleich dazu gibt es um 1918 eine riesige Welle der Gewalt.

Wie wird Trianon international betrachtet, gibt es überhaupt Interesse an diesem historischen Ereignis?

In der internationalen Geschichtsforschung wird Trianon nur als Teil der Pariser Vorortverträge behandelt. Einige geben zwar zu, dass das Ungarn sehr weh tut, aber als selbstständiges Thema erscheint Trianon nicht. Wir werden international die eben genannten Teilthemen präsentieren, aber wie gesagt, Trianon an sich sorgt im Ausland für kein besonderes Aufsehen.

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„Politiker müssten auch eine Art Erzieher sein“ – meint der Historiker.

Balázs Ablonczy wurde 1974 in Budapest geboren. Er studierte Geschichte und Französisch an der Loránd-Eötvös-Universität in Budapest, wo er anschließend auch promovierte. Derzeit unterrichtet er am Lehrstuhl für Bildungsgeschichte. Er studierte und forschte an Universitäten in Paris, London und Berlin. Zwischen 2009 und 2010 war er Gastlehrer an der Indiana University Bloomington. Zwischen 2011 und 2015 war er Direktor des Ungarischen Instituts in Paris. Sein Fachgebiet ist die Geschichte der ungarischen Zwischenkriegszeit. Seit 2016 ist Ablonczy Leiter der Forschungsgruppe „Trianon 100”, die vom sogenannten Lendület-Programm (dt.: Schwung) der Ungarischen Akademie der Wissenschaften finanziert wird. Diese Forschungsgruppe betreibt im Rahmen des Trianon-Zentenarium fünf Jahre lang wissenschaftliche Arbeit.

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