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Frau Relle, 1999 stellten Sie für die Literaturzeitschrift die horen schon einmal einen Band mit zeitgenössischer ungarischer Literatur zusammen, das “Bestiarium Hungariae”. Was war der Gedanke dahinter und wie kamen Sie dazu?

Ein Freund von mir, ein Skandinavist, hatte damals für die horen einen Band mit skandinavischer Literatur zusammengestellt. So kam die Idee, dass es jetzt – knapp zehn Jahre nach der Wende – an der Zeit wäre, Einblick in die literarische Landschaft Ungarns zu geben. Damit bin ich dann an den Verlag herangetreten. Offensichtlich war es genau der richtige Moment: der Band erschien pünktlich zur Buchmesse 1999, auf der Ungarn das Gastland war.

Das muss für Sie eine unheimliche Herausforderung gewesen sein. Wie geht man vor, wenn man aus der Fülle der Literatur eines ganzen Landes auswählen soll?

Ich habe damals mit vielen Leuten gesprochen, die hier im literarischen Leben eine Rolle spielen. Wer mir ganz viel geholfen hat, war László Márton, damals selbst junger Autor. Aber auch andere Autoren haben mir Tipps gegeben und so hat sich das dann langsam herauskristallisiert.

Das Schwierigste an der Auswahl war das Weglassen, denn bei der Fülle an interessanten Autoren und guten Texten hätte ich leicht gleich drei solcher Bände füllen können.

Damals wie heute war es mir wichtig, auch junge und noch nicht so renommierte Autoren zu Wort kommen zu lassen. Damals waren das zum Beispiel László Darvasi und Attila Bartis.

Natürlich hatte ich auch Autoren wie Péter Nádas, Péter Esterházy und Imre Kertész dabei, die schon damals eine wichtige Rolle spielte, man konnte bereits ahnen, dass das außergewöhnlich bedeutende Autoren waren.

Im Dezember erschien nun ein weiterer horen-Band zur ungarischen Gegenwartsliteratur mit dem Titel „Von der unendlichen Ironie des Seins. Ungarische Ungereimtheiten“. Warum war die Zeit für einen zweiten Ungarn-Band gekommen?

Das „Bestiarium Hungariae“ wurde sehr gut aufgenommen und mehrere der Autoren, die damals noch ganz am Anfang ihrer Laufbahn standen, gehören mittlerweile zu den tonangebenden ungarischen Autoren und haben sich auch in Deutschland einen Namen gemacht. Inzwischen sind ganz neue Stimmen da – es gab einen Generationenwechsel, der Ton hat sich geändert, die Themen haben sich geändert, das Land hat sich geändert. In Deutschland betrachtet man ja schon seit vielen Jahren den Nationalismus, den Rechtsruck und die zunehmende Europafeindlichkeit in Ungarn mit Sorge und Unverständnis. Daher war der Verleger, als ich 2012 an ihn herangetreten bin, sehr interessiert. Es hat dann natürlich noch gedauert, bis die Finanzierung und alles klar waren.


Wenn Sie sagen, das Land hat sich geändert, wo sehen Sie persönlich die größten Veränderungen?

Es gibt gravierende soziale Probleme im Land. Auch wenn die Regierung kaum etwas dagegen unternimmt, sehe ich, dass sich in der Gesellschaft selbst langsam ein Wandel vollzieht: Es entsteht so etwas wie ein ziviles Verantwortungsbewusstsein. Es wächst gerade eine neue Generation heran, die nach der Wende sozialisiert wurde und ganz anders an die Dinge herangeht als die Generationen vor ihnen, die nie andere als autoritäre Systeme gekannt haben. Und hier spielt die Literatur eine ganz wichtige Rolle.

Inwiefern?

Sie ist eine Art lebendige Denkwerkstatt. Ein zentrales Thema der Literatur sind im Moment beispielsweise die verschiedenen Schichten und Befindlichkeiten der Gesellschaft. Eine ganze Reihe von Autoren nimmt sich der Randgruppen an und verleiht ihnen in zum Teil geradezu dokumentarischen Texten eine Stimme. Viele Autoren werden auch ganz konkret aktiv, zum Beispiel Kriszta Bódis, die eine Stiftung ins Leben gerufen hat, die es sich zum Ziel setzt, sozial benachteiligten Kindern – meist sind es Roma, die oft in unvorstellbarer Armut leben -, Schulbildung, einen erfolgreichen Bildungsabschluss und damit eine Zukunft zu ermöglichen.

Ich denke, dass jetzt viele Fragen angegangen werden, die in Ungarn lange verdrängt waren. Ich habe ganz oft so ein Déjà-vu-Gefühl zur Bundesrepublik Deutschland in den 70er-Jahren. Damals ist dort eine Vielzahl von Bürgerinitiativen entstanden, ein ziviles Verantwortungsbewusstsein bildete sich. Man ging auf die Straße, artikulierte, engagierte sich.

Genau das passiert jetzt hier. Die Literatur wirkt dabei wie ein Katalysator. Sie setzt sich beispielsweise mit der Wiederaufarbeitung der Geschichte vor allem des 20. Jahrhunderts und ihren Traumata auseinander. Anders als die offizielle Regierungsrichtung, die nur zudeckt und nicht darüber reden will, geht die Literatur sehr wohl auch den eigenen Verstrickungen auf den Grund. Sie deckt Wunden auf, was die Grundlage jeder Heilung ist.

„Von der unendlichen Ironie des Seins. Ungarische Ungereimtheiten“ soll ja wie zuvor auch das „Bestiarium Hungariae“ einen Querschnitt der ungarischen Literaturlandschaft abbilden. Doch muss man bei der Bewertung des Bandes nicht eigentlich die gedankliche Einschränkung machen, dass das jetzt hauptsächlich den liberalen Teil Ungarns widerspiegelt? Gerade in den letzten Jahren versucht man aber seitens der Regierung auch wieder sogenannte völkische Schriftsteller zu fördern, so etwas findet sich in den horen sicher nicht wieder?

Wohl kaum. Einfach, weil ernst zu nehmende Literatur gar nicht anders als „liberal“ sein kann. Besser gesagt: vielstimmig, gerade in dieser Region, in der Nationalitäten, Religionen und Kulturen seit Jahrhunderten eng miteinander verflochten sind. Welche verheerenden Folgen es hat, sie gegeneinander auszuspielen, haben die Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts gezeigt. Wirklich bedeutende Literatur setzt kritisches Denken und eine sensible Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt voraus. Die rechte Nationalliteratur ist jedoch an dieser Art kritischen Denkens nicht interessiert.

Dass völkische Autoren wie Albert Wass und József Nyirő jetzt wieder in den Lesekanon ungarischer Schulen aufgenommen und teils posthum ausgezeichnet werden, liegt also mehr im Politischen begründet als in der literarischen Qualität?

Ja, eindeutig. Außerdem gibt es ja jetzt die Tendenz, die Geschichtsbücher neu zu schreiben und auf die Größe der ungarischen Nation umzufrisieren. Man gefällt sich in der Opferrolle. An einer Aufdeckung der Tatsachen ist man nicht interessiert. Ich bin mit flammendem Herzen Ungarin, aber ich sehe mit Sorge, was da passiert.

Hinzu kommt, dass man sich von staatlicher Seite sehr rückwärtsgewandt gibt. Ich sehe darin so ein bisschen ein Heraufbeschwören der alten Ungarnromantik. Doch Csárdásfürstin und so weiter, das ist vorbei. Was jetzt zählt, das ist der Dialog und genau das ist mir mit dem horen-Band so wichtig: Denn auf der anderen Seite sehe ich auch, wie wenig die Menschen in Deutschland von Ungarn wissen. Kaum einer ahnt das Ausmaß an Armut, das zum Teil hier existiert, das Maß an Ausgrenzung und überhaupt die Situation der Roma. Aber längst nicht nur die Roma, sondern ganz weite Schichten der Bevölkerung sind am Abrutschen und leben an und unter der Armutsgrenze. Um verstehen zu können, warum in Ungarn heute die Rhetorik des Hasses und der Ausgrenzung so um sich greifen kann, muss man wissen, dass die Leute selbst kaum über die Runden kommen, dass die ungarische Gesellschaft bis heute in den ländlichen Gebieten sehr geschlossen ist und dass die Nachrichten leider sehr auf den eigenen Bauchnabel gerichtet sind. Menschen, die nicht informiert sind, sind aber für die Demagogie empfänglich.

Lassen Sie uns zu einem wesentlich erfreulicheren Thema kommen: Sie gelten als eine der herausragendsten Übersetzerinnen der ungarischen Gegenwartsliteratur ins Deutsche. 2006 wurden Sie für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert und 2012 mit dem Europäischen Übersetzerpreis ausgezeichnet. Bis dahin war es sicher ein langer Weg. Wie sind Sie zum Übersetzen gekommen?

Ich habe immer schon zwischen Ungarisch und Deutsch übersetzt. Ich musste so oft meinen Eltern aushelfen. Als Kind habe ich für meine deutschen Freunde ungarische Märchen übersetzt. Mit meiner Herkunft stand ich zwischen den Welten. Für mich war Ungarisch immer die innere, meine emotionale Sprache, das haben wir zuhause gesprochen und Deutsch, das war die Außenwelt. Da ich in Deutschland zur Schule gegangen bin, habe ich aber, wenn man so will, auf Deutsch denken gelernt. Es ist kein Zufall, dass ich vom Ungarischen ins Deutsche übersetze, weil ich im Deutschen einfach doch sicherer bin.

Sie haben in der Vergangenheit unter anderem Werke von Imre Kertész, Ferenc Fejtő, Attila Bartis, Gergely Péterfy, László Darvasi, László Márton und Noémi Kiss übersetzt. Woran arbeiten Sie gerade?

Im Moment bin ich auf der Suche nach meinen eigenen Dingen. Nach dem horen-Band wollte ich bewusst erst mal kein anderes großes Projekt in Angriff nehmen.

Gäbe es denn Autoren, die Sie unbedingt einmal übersetzen wollten?

Es entsteht so viel Interessantes. Gerade war das internationale Buchfestival, von dem ich wieder einen ganzen Stoß interessanter Neuerscheinungen mitgenommen habe. Und bald ist wieder Buchwoche. Ich lasse mich überraschen.

Gibt es eigentlich Autoren und Werke, die sich einfach nicht aus dem Ungarischen ins Deutsche übersetzen lassen? Ich denke da zum Beispiel an Jenő Rejtő, dessen Kriminal- und Abenteuerromane von den Ungarn für ihren Wortwitz geliebt werden, dessen Übersetzungen aber nie einen vergleichbaren Erfolg erzielten.

Ja, das ist, denke ich, auch so. Der ungarische Autor und Übersetzer Dezső Kosztolányi formulierte frappant: A fordítás ferdítés – Das Übersetzen ist ein Verbiegen. Was einem als Übersetzer wehtut, ist, dass oft Konnotationen, Schattierungen, Nuancen die im Ungarischen so wunderbar mitschwingen, im Deutschen unweigerlich verloren gehen. Wenn man Glück hat, kann man es dann doch irgendwie zurückschmuggeln. Ich frage mich immer, wie kann ich auf Deutsch eine ähnliche Stimmung oder ähnliche Bilder evozieren, die der Text bei einem ungarischen Leser auslöst. Dafür muss man sich oft ganz schön weit vom Original entfernen, um ihm wirklich nahezukommen.

In der Lyrik, die ja unwahrscheinlich verknappend ist, ist es oft sogar so, dass eine Übersetzung allein gar nicht alles wiedergeben kann. Darum wäre es im Grunde genommen schön, mehrere Übersetzungen zu haben, um in der Schnittmenge dieser Übersetzungen dem Original wirklich nahezukommen. Für den horen-Band, habe ich darum bei zwei Gedichten exemplarisch verschiedene Übersetzungen angeboten.

Sind denn die deutsche und die ungarische Sprache vom Wesen her so unterschiedlich, dass man nicht mit einer Übersetzung auskommt?

Bei einem der Gedichte hat die eine Übersetzerin eine weibliche Protagonistin vor Augen, die andere einen Mann – beides ist vollkommen richtig, das Original lässt es offen. Es gibt kein der, die, das, keine geschlechterspezifischen Personalpronomina.

Esterházy hat es wunderbar formuliert: da es kein der, die, das gibt, weisen diese Fürwörter nicht unmittelbar auf etwas hin, sondern zeigen nur irgendwie um sich herum. Im Ungarischen kann man die Dinge schweben lassen. Dadurch bekommen ungarische Gedichte meist eine ungeheure Vielschichtigkeitt, sie eröffnen Dimensionen, lassen der Phantasie Raum. Die großen ungarischen Autoren, wie Attila József oder Endre Ady spielen damit. Beim Übersetzen ins Deutsche ist man gezwungen diese Vielschichtigkeit zu reduzieren und auf den Punkt bringen.

Es ist kein Zufall, dass das Deutsche die Sprache der Philosophie ist. Sie ist sehr präzise. Als Übersetzer schwitzt man besonders bei wissenschaftlichen Arbeiten Blut. Im Ungarischen klingt es zwar irgendwie wunderbar, aber wenn man es sich genau anschaut, dann ist vieles schwammig und lässt damit Bezüge offen. Das Deutsche lässt das nicht zu, es fordert eindeutige Bezüge und das hat etwas, weil es exakt ist und zu präzisem Denken zwingt.

Und das ist im Ungarischen nicht immer der Fall?

Nein. Deshalb ist zum Beispiel besonders beim Übersetzen von Essays oft eine Rücksprache mit den Autoren nötig, weil das Deutsche solche Doppeldeutigkeiten nicht toleriert. Da muss man oft noch manches ändern. Wohingegen es in der Lyrik eine große Kraft der ungarischen Sprache ist, dass sie für Ideen und Assoziationen Raum lässt. Das fehlt mir im Deutschen.

Von daher glaube ich, dass sich beide Sprachen und Welten wunderbar ergänzen und dieser Austausch für beide Seiten sehr fruchtbar sein kann.

Die vierteljährlich publizierte Zeitschrift „die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik“ erscheint seit 1955 im Wallstein Verlag. Gegründet zu Zeiten des Kalten Krieges, haben die horen es sich zum Ziel gesetzt, sich „ohne Scheuklappen“ allen Aspekten zeitgenössischer Literatur zu widmen und immer wieder auch verfolgten Autoren, beispielsweise aus China, das Wort zu geben. Ein Markenzeichen der horen sich sind die Auswahlbände, die Einblick in die oft auch weniger bekannte Literatur einer Sprache oder eines Landes bieten.

Der Titel der Zeitschrift geht zurück auf die 1795 von Friedrich Schiller ins Leben gerufene gleichnamige Monatsschrift. Auch heute sind die Gedanken und Ideale der Aufklärung – Freiheit und freies Denken – wegweisend für die Ausrichtung der Literaturzeitschrift, die seit 2012 von Jürgen Krätzer herausgegeben wird.

Weitere Informationen zu den horen finden Sie unter www.die-horen.de.

Hier können Sie auch den Länderband zu Ungarn „Von der unendlichen Ironie des Seins. Ungarische Ungereimtheiten“ bestellen.

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