Obwohl man es annehmen könnte, ist Omaras Herkunft für Péter Bencze, dem Kurator dieser Ausstellung, kein Thema. Eigentlich wird in dieser Kunsthalle Demokratie gelebt, die viel zu selten gehörte Stimme einer Minderheit verstärkt. Aber all dies tritt heute zurück – hinter der Künstlerin, Omara und ihrer Fertigkeit. Es geht um sie, nicht um ihren Hintergrund. „Viele Leute sehen in Omara zunächst eine Roma-Künstlerin. Aber das ist sie nicht, sie ist eine Gegenwartskünstlerin“, sagt Bencze. Eine, die ihren Traum verwirklicht hat, von Kunst zu leben, die von ihrer Überzeugung nie abgelassen hat, obwohl ihr nicht wenige Steine in den Weg gelegt wurden.

Anarchie der Kunststile

Die Person, die diesen Idealismus ausstrahlt, winkt an diesem Nachmittag auf der Schwelle des Art Quarters Budapest energisch ihrem Besuch zu. „I love you!“ ist Omaras erster Satz, dann führt sie nach zahlreichen Begrüßungsküsschen durch die Tür in den Ausstellungsraum. Der ist groß und hell, wirkt steril, allein auf Augenhöhe strahlt eine bunte Bande von Gemälden auf: Der Platz auf den vier Wänden ist bis auf den letzten Zentimeter bedeckt. Bunt, das ist nicht nur das Farbschema. Bunt, ist alles: die Motive, die Techniken, die Bildgrößen, die Aussagen, die Künstlerin selbst. Chronologisch angeordnet antizipieren die Werke ihre künstlerische Entwicklung. Am meisten fallen dabei drei Kategorien auf: Ölporträts, szenische Gemälde und Collagen.

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Fotos: Aron Weber

Kritische Augenpaare dominieren die rechte Wand des Raumes. Vor einfarbigen Hintergründen blicken dunkelhaarige Frauen, die Augenbrauen gerunzelt, herausfordernd und fast missbilligend links aus ihren Rahmen heraus. Sie ähneln einander stark, ist es doch fast immer die selbe Person: Omaras Tochter. Bei deren Porträt arbeitet die Künstlerin ausschließlich mit Primärfarben und Kontrasten. Die dunklen Haare finden in der hellen Gesichtsfarbe der Abgebildeten ihr Pendant. Die Hintergründe sind oft komplementär zu den im Gesicht verwendeten Farben gehalten. Durch ihre klar definierten Linien und Umrisse und die eindeutigen Farben sind Omaras Porträts plakativ und erinnern stilistisch stark an Pop-Art, eine Kunstrichtung, die Mitte der 1950er-Jahre vor allem in Großbritannien und den Vereinigten Staaten Erfolg feierte. Durch den bildlichen Einsatz von Werbe- und Comic-Elementen übte diese Bewegung Kritik an der im gesellschaftlichen Diskurs entstandene Dichotomie von „Hochkultur“ und „Popkultur“. Dass keine Kunstform einen höheren Wert als die andere hat, dafür tritt Omara offenkundig auch ein.

Präzision auf mehreren Ebenen

Denn genauso zählen andere Genres zu ihrer Kunst, so auch szenische Ölgemälde. Auch sie sind in definierten Farben gehalten, ein grober Pinselduktus sticht hervor. Jedes einzelne erzählt ausführliche Geschichten: Da ist das Bild der planschenden Kinder, die einen Schwimmwettbewerb veranstalten wollen. Der kann aber nicht stattfinden, denn der antiziganistische Bürgermeister des Ortes hegt Abneigung gegen sie und verbietet es. Oder die nachdenkliche Frau, die zusammengekauert unter Bäumen sitzt, die Hände im Schoß gefaltet, und ihre Meinungsfreiheit kontempliert. Drei Mädchen, die sich gegenseitig beschützend, innig umarmen. Eine riesige Menschenmenge, die sich vor den Eingangstüren eines Supermarktes drängt, denn es gibt Käse im Angebot.

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Zuletzt erstreckt sich über die rechte Wand des Ausstellungsraums eine bunte Borte unzähliger, winziger, bunt bemalter Papierschnipsel. „Kritzeleien“ nennt Péter Bencze sie liebevoll, 25.000 an der Zahl. Drei davon sind so winzig, dass sie allesamt auf ihren Fingernagel passen, wie Omara stolz zeigt. Dunkle Kuli- oder Filzstiftlinien verranken sich dort großflächig und unsortiert in einem Wirrwarr, dessen Zwischenräume mit Wasserfarben koloriert sind. Und obgleich diese Sammlung von Weitem den Anschein von etwas Nebensächlichem, Beiläufigem, ja Unüberlegtem hat, sind bei genauerer Betrachtung scharenweise Gesichter zu erkennen, die sich in dem Geflecht verstecken: schlafend, wachend, lächelnd, unbewegt, lassen sie kaum andeuten, wie viel Mühe, Arbeit und Präzision in ihnen steckt.

Charme durch unkonventionelle Methoden

Omaras Kunst umfasst ein große Palette an Stilrichtungen, Farben, Techniken. Teils figurativ und gegenständlich, teils abstrakt. Vor allem aber ist ihre Kunst narrativ, und das auf mehreren Ebenen. Zwar treffen die Bilder inhaltlich, gleichwohl aber auch auf technischer Ebene eine Aussage. Eine Leinwand sucht man in diesem Raum vergebens, die konnte Omara sich zu Beginn ihrer Karriere nicht leisten. Sie musste sich mit dem begnügen, was sie auf der Straße fand: Holzplatten. Die waren natürlich selten symmetrisch und rechteckig, doch die undefinierten, oft ausgefransten Umrisse tragen zum natürlichen Charme der Gemälde bei. Als Ersatz für Aquarellpapier dienten ihr leere Zigarettenschachteln, die auch heute aufgeschnitten auf einem Tischchen liegen. Sie ist ihren Utensilien treu geblieben, allein sie drücken ihren persönlichen und künstlerischen Stil aus. Nur den Filzstift scheint sie in letzter Zeit hinzugefügt zu haben: Sie möchte verhindern, dass ihre Kunst missverstanden wird, also schreibt sie ihre persönliche Erklärung darauf. Manchmal mit Ölfarben, manchmal auch mit Filzstift. Und der fügt sich auf bizarre Art in die Ölmalerei ein, bricht diese als „klassische Königsdisziplin“ der Bildenden Kunst auf und führt sie in die Moderne.

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Ihre Erläuterungen erzählen von Gesellschaftskritik, Konsumkritik, Rassismus, Antiziganismus, Naturverbundenheit, Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Handlungsfreiheit. Freiheit spielt die Hauptrolle, wie auch in Omaras Leben. Ihr Auftreten und ihre Vergangenheit verraten, dass sie sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt: Sie habe von Anfang an ihr eigenes Konzept gehabt, den Ausstellungsraum zu gestalten, erzählt Bencze. Manchmal habe es deswegen auch Auseinandersetzungen gegeben. „Freedom Freak“ nennt er sie schmunzelnd. „Sie lässt nicht zu, dass man sie einschränkt. Das ist wirklich verblüffend und etwas, was viele Kunstschaffende von ihr lernen sollten. Dadurch ist jedes ihrer Werke nichts als ihre ganze Wahrheit, was jede Künstlerin, jeder Künstler ja zu vermitteln sucht. Deswegen ist sie ein riesiges Vorbild.“

Taxi, Milch und unterschiedliche Ohrringe

Das antizipiert, dass es bei dieser Ausstellung in der Tat nicht nur um Omaras Kunst geht. Das wahre Kunstwerk ist sie als Person, Mara Oláh, aus Szarvasgede, einem kleinen Dorf im Nordosten Budapests. Wäre sie nicht im Raum, würde die Ausstellung nicht vollständig wirken. Aber das muss sie auch nicht: Omara ist nämlich für die zweiwöchige Dauer kurzerhand im Nebenraum eingezogen. Das ist nur eine der vielen Bedingungen, die sie Kuratoren stellt, bevor sie mit Ihnen zusammenarbeitet. Wenn ihre Kunst nicht mit einer festgelegten Summe versichert werden kann, bleibt Omara da, bis die Show vorüber ist. Das ist nur verständlich: bei einer vergangenen Ausstellung wurden 15 Gemälde entwendet und tauchten nie wieder auf. Aber Omara hat noch weitere Prämissen verhandelt. Sie fährt nur Taxi, und zwar überall hin, auch zum Einkaufen. Immer mit einem der drei gleichen Taxifahrer. Außerdem musste Péter Bencze auf seinem Weg zum Ausstellungsraum bei einem Supermarkt anhalten, um Milch zu kaufen, die erwartet sie. Schließlich verlangt die Künstlerin vor Eröffnung einer Ausstellung stets 200€, um sich dafür einzukleiden.

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Foto. Everybody Needs Art


Auch heute wirkt sie sehr stilvoll. Sie trägt ein schwarzes, bodenlanges Kleid, darunter eine schwarze Netzstrumpfhose. Ihren Hals ziert eine goldene Perlenkette, außerdem trägt sie unterschiedlich farbige, schwere Ohrringe und ihre Füße stecken in silbern glitzernden Flip-Flops. Dass sie auf Garderobe Wert legt, fällt auch gleich bei Betrachtung des Raumes ins Auge. An einem Balken, der den Raum teilt, hängen mehrere Kleider und Schuhpaare – alle mit Beschriftungen versehen: Eins davon trug sie während einer Operation, bei der wegen eines Tumors ihr linkes Auge entfernt wurde. Ein anderes gehört ihrer Tochter, der wichtigsten Person in ihrem Leben. So sind auch ihre Kleider Teil der Kunst, Teil ihrer selbst. Sie erinnern an ihr Leben, die Erfolge und Schicksalsschläge, die Omaras Inspiration und die Quelle ihres schier unendlichen Ideenreichtums bilden.

„Sie hatte ein hartes Leben, aber ist dem mit harter Arbeit begegnet“, erklärt Bencze. Drei Krebserkrankungen hat sie überlebt, die Ehe und Trennung von einem ausfälligen Ehemann, wodurch sie die Achtung ihrer Tochter verlor, die Omara fast verehrt. Zahlreiche Anfeindungen durchlitt sie, ob von außen oder aus ihrem Umfeld, dem gegenüber sie sich stets behaupten musste weil Freunde ihr den Erfolg nicht glaubten. Vor allem aber Armut – die sich verstärkte, als sie ihr gesamtes Kapital in Kunstzubehör investierte. Dies alles erzählt Omara nebenher, als wären es Anekdoten, Schwänke aus ihrer Jugend, lacht dabei immer wieder auf: laut, lang, echt, aus vollem Halse. Es ist offensichtlich, dass sie hier keine Show abzieht, sie strahlt einen schwer zu übersehenden Positivismus aus. Dieser hat garantiert auch ihrer Karriere nicht geschadet: in der Kunstszene hat sie sich schon längst einen Namen gemacht. Durch die Ausstellung von Omaras Kunstwerken sind zur Halbzeit weit mehr Besucher gekommen, als das im Art Quarter Budapest üblich ist. Und das ist kein Zufall: Omara ist ein echtes Phänomen.

Weitere Informationen zu Mara Oláh und ihren Werken finden Sie unter www.omara.hu/

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