Ein Gemälde, dessen Motiv man eher auf der Titelseite einer Bild-Zeitung, als in einem Museum vermuten würde – aber Hitler und sein riesiger, rosaroter Penis zählen tatsächlich zu den ersten Dingen, die Besuchern der Ungarischen Nationalgalerie dieser Tage ins Auge fallen. Provozieren, darin ist Georg Baselitz Experte und tut es darum seit jeher. Er sondert mal universelle, mal dezidiert deutsche Befindlichkeiten aus und stichelt tief in ihnen.

„Das eigene Werk re-interpretiert: ein Spiegelbild des Spiegels“

Wie angenagelt wirkt die übergroße Figur in graubrauner SS-Uniform mit schwarzen Haaren und Hitlerbärtchen auf dem schmutzigweißen Hintergrund der Leinwand. Arme und Beine von sich gestreckt, in einer Pose, die an den sterbenden Christus am Kreuz erinnert, blickt sie mit aufgerissenen Augen nach oben. Daneben hängt eine ähnliche Abbildung – diesmal in Schwarz-weiß gehalten, Pose und Gesichtsausdruck verändert: den Blick nach unten gerichtet, grausig und stumm steht sie da.

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„Partisan“ (Remix), 2005, Öl auf Leinwand, 300 x 250 cm. (Foto: Jochen Littkemann, Berlin © Georg Baselitz)

Beide Gemälde stammen aus der 2005 veröffentlichten Bilderserie „Remix“. Aus der Popmusik geborgt, bezieht sich der namensgebende Begriff auf die Neubearbeitung seines früheren Werkes. Dabei re-interpretiert der Künstler vor allem seine populären, figurativen Gemälde der 1970er- und 80er-Jahre – Heldenbilder, die er damals einer pragmatistischen Nachkriegsgesellschaft entgegenstellte. Dabei sind seine „Helden“ eigentlich Antihelden, verwundete Figuren mit zerschundener Kleidung vor verwüsteten Hintergründen. Sie finden, wie das frühe Selbst des Künstlers, keinen Platz in der Gesellschaft, sind Außenseiter.

Die Ausstellung gruppiert seine früheren Werke räumlich dicht mit ihren heutigen Verwandten. Dabei ist diese Kombination auch oft ein Prüfen, das die künstlerische Vorgehensweise von Baselitz beschreibt: Ein Interagieren mit der Vergangenheit, ein stetes Erinnern und Wiederholen, bei dem die zeitliche Dichotomie zwischen dem Jetzt und der Vergangenheit aufgelöst wird – nur steht in dessen Zentrum heute das Medium seiner eigenen Kunst, praktisch als Linse, durch die Baselitz seine Vergangenheit besichtigt.

„Vielfalt an Techniken“

Die Heldenthematik wird nicht nur auf der großen Leinwand aufgegriffen. Im zweiten Stock der Ausstellung wiederholt sich in zahlreichen experimentellen Grafiken beispielsweise das als skandalös verschriene Ölgemälde von 1963, „Die große Nacht im Eimer“, das einen onanierenden Mann mit Hitlerschnauzer darstellt. Er taucht gleich auf mehreren Linolschnitten der „Remix“-Serie auf, und doch gleicht keiner dem anderen. Auch nicht in den ebenfalls um 2005 entstandenen Tintenzeichnungen, welche häufig die gleichen Motive abbilden.

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„Dresdner Frauen - daneben Elster“, 1989, Öl auf Buchenholz, 91 x 67,5 x 32,5 cm. (Foto: Bill Jacobson Studio, New York © Georg Baselitz)

Aber zum Werk von Baselitz zählen auch Holzplastiken. Neben der übergroßen, tiefschwarzen Skulptur „Sing Sang Zero“, die zwei ineinander gehakte Figuren darstellt, befinden sich etwa Schnitzereien seiner Serie „Dresdner Frauen“: Deformierte, abstrahierte Schädel, aggressiv und grob mit Meißel, Axt und Kettensäge bearbeitet, kategorisch und gewollt hässlich. Hier wird ein Baselitz präsentiert, der nicht nur die Grenzen zwischen Zukunft und Vergangenheit, oben und unten, sondern auch Vordergrund und Hintergrund, Form und Formlosigkeit aufbricht. Er fordert damit unsere Wahrnehmung heraus, die sich stets bemüht, in einem Bild etwas Sinnvolles zu erkennen.

Baselitz in seiner Rolle als Kriegskind zu sehen und um die Umstände seiner Generation zu wissen, ist für die Aufnahme seiner Werke wesentlich. Ein persönlicher Dokumentarfilm und ausführliche Kommentare sorgen daher für notwendige Informationen. Trotzdem bleibt die Frage: Wie kommen diese Figuren wohl bei einem ungarischen, aber auch vermehrt europäischen, internationalen Publikum an? Einem Publikum, das mit dem geschichtlichen Hintergrund unter Umständen nicht besonders vertraut ist?

Learning by Doing

Genau diese Frage beschäftigt Michael Müller-Verweyen, Leiter des Goethe Instituts Budapest, das die Ausstellung in Kooperation mit der Nationalgalerie trägt. „Vom Ausland her werden die Dinge noch mal ganz anders gelesen“, erklärt er auf einer anlässlich der Ausstellung organisierten Podiumsdiskussion. „Wenn man die Werke außerhalb des Kontextes betrachtet, in dem sie entstanden sind, treten da auf einmal Bedeutungen auf, die keiner so erwartet hat.“ Den Bedeutungsraum zu erweitern, ihn auf bisher versteckte Gedanken auszudehnen, das wäre auch im Interesse des Künstlers selbst. Ein Gästebuch, das am Ende der Ausstellung auf Kommentare wartet, lädt dazu ein, eigene Beiträge zu verewigen.

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„Sing Sang Zero“, 2011, Bronze patiniert, 330,5 x 197 x 132 cm. (Foto: Jochen Littkemann, Berlin © Georg Baselitz)

Diesen individuellen Ansatz kann man dann gleich in echter Baselitz-Manier trainieren. Ein Dauerworkshop bietet der Kreativität die Möglichkeit, sich künstlerisch frei zu entfalten – allerdings mit Spielregeln: Es gibt eine Zeichenanleitung. Diese zwingt die Teilnehmenden, ihre gewöhnliche Perspektive aufzugeben. Gefordert wird, was beim bloßen Abmalen nicht im Vordergrund steht: ein Bild zu verinnerlichen, sich hineinzudenken, sodass es zuerst im Kopf entsteht, bevor es auf ein Blatt, eine Leinwand übertragen werden kann.

So bietet die Ausstellung zuletzt Besuchern aller Nationalitäten die Möglichkeit, eigenhändig zu erfahren, wie Baselitz sein gesamtes Werk konstituiert. Der Dokumentarfilm zeigt zudem, was in Ausstellungen oft verborgen bleibt, die Persönlichkeit des Künstlers und der Entstehungsprozess seiner Werke. Damit wird zu einem gewissen Ausmaß der individuelle Zugang, den Baselitz aus den Betrachtenden seiner Kunst herauskitzeln will, vorweggenommen. Um diese Spannung nicht zu verderben, sollte man sich den Film also besser als letzten Programmpunkt aufsparen. Praktischerweise wird er direkt vor dem Ausgang gezeigt.


„Baselitz. Preview with Review“ in der Ungarischen Nationalgalerie

noch bis zum 2. Juli

Budapest, I. Bezirk, Szent György tér 2 (Burgpalast, Gebäude A-B-C-D)

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr

Tickets: 2.200 / ermäßigt 1.100 Forint

Weitere Informationen unter www.mng.hu

Kurzbiographie

Hans-Georg Kern, alias Georg Baselitz, wurde am 23. Januar 1938 im sächsischen Deutschbaselitz geboren. Während seiner frühen Kindheit wohnte er mit Kriegsflüchtlingen unter einem Dach, erlebte die Auswirkungen des Krieges unmittelbar. Im Alter von 18 Jahren zog Baselitz für sein Studium an der Akademie für bildende Künste nach Ost-Berlin. Schnell wurde er der Schule verwiesen, da er mit seinen an Picasso orientierten Zeichnungen dem sozialistisch-realistischen Ideal der Hochschule widersprach. Er wechselte nach West-Berlin, fühlte sich dort aber weiterhin in der Außenseiterrolle, stellte sich quer gegen kunsthistorische Traditionen. Seine erste Einzelausstellung 1963 wurde zum Eklat, seine Bilder „Die große Nacht im Eimer“ und „Der nackte Mann“ wegen Obszönität beschlagnahmt. Zwei Jahre später gelangte er über ein Stipendium nach Florenz, wo er seine bekannte Bilderserie „Helden“ begann. Sein 1969 entstandenes Werk „Der Wald auf dem Kopf“ zeigt das Motiv kopfüber, eine Technik, die sich zu seinem Markenzeichen entwickeln würde. Nun folgte der künstlerische Durchbruch: zahlreiche (Ehren-)Professuren, Preise und Ausstellungen im In- und Ausland. Er veröffentlichte weitere Kunstreihen wie die „Russenbilder“ und „Remix“, außerdem Linolschnitte, Tuschebilder und Skulpturen. Seit 2013 lebt Baselitz in Salzburg und erhielt dort 2015 die österreichische Staatsbürgerschaft.

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