Hausherrin des Abends war die Literatin Anna Juhász, die zu Beginn ihre Gesprächspartner vorstellte: den außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafter Georg Habsburg-Lothringen, den Gemäldefachmann und Mitarbeiter des Auktionshauses BÁV, Péter Tűzkő, den Historiker Zoltán Fónagy und die Schauspielerin Patrícia Kovács. Schirmherrin des Abends war Elisabeth Ellison-Kramer, die österreichische Botschafterin in Ungarn.

Die Frau, die eigentlich gar nicht herrschen sollte

Maria Theresia wurde am 13. Mai 1717 als Tochter des römisch-deutschen Kaisers, Karl VI. geboren. Noch vor ihrer Geburt gab Karl die sogenannte Pragmatische Sanktion heraus. Dies war eine Urkunde, die unter anderem die Erbfolgeordnung neu regelte, sodass ihm auch die weibliche Nachkommenschaft auf den Thron folgen konnte. Nachdem Karls einziger Sohn noch als Säugling verstarb, wurde Maria Theresia als älteste von drei Töchtern somit zur Erbfolgerin. Ein, wie der Historiker Zoltán Fónagy erklärt, zur damaligen Zeit in Kontinentaleuropa skandalöses Unterfangen.

Der Historiker erklärte, dass bei der Erbfolge von Maria Theresia zwei Faktoren eine besondere Rolle spielten. Zum einen die Tradition des Vaterrechts, die festlegte, dass das Vermögen und der Rang in dieser Zeit nur von Männern geerbt werden konnten. Der andere Faktor war der der Familie. Fónagy erklärte, dass im Gegensatz zum Individualismus der Moderne, im 18. Jahrhundert die Stellung des Individuums vollkommen von der Familie abhing. Deshalb war es für die Oberschicht und die Herrschaftshäuser extrem wichtig, den eigenen Stammbaum fortzuführen. Dies wiederum ging nur mit männlichen Nachkommen. Karl VI. tat alles dafür, damit seine Familie weiterlebt, und versuchte deshalb sogar die strenge Tradition des Vaterrechts, zu überschreiben. Trotz seiner Bemühungen folgten nach seinem Tode jahrzehntelange Kriege um österreichische Gebiete. Am Ende konnte jedoch Maria Theresia ihren Anspruch auf den Thron bewahren.

„Eine starke Frau”

Trotz der Weitsicht ihres Vaters wurde Maria Theresia nicht auf die Herrschaft vorbereitet, vielmehr erhielt sie die gute Erziehung, die damals bei jungen Damen eines Erzhauses üblich war. Die Familie hatte vor allem eine Hoffnung für die junge Maria Theresia: sie so zu verheiraten, dass ihre Ehe ein politisches Bündnis mit einem der europäischen Herrschaftshäuser begünstigt. Die Vorsehung hatte jedoch ganz andere Pläne mit ihr.

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Georg Habsburg-Lothringen (2.v.l.): „Ich glaube, dass Maria Theresia aus ihrer Ehe sehr viel Energie für ihre Herrschaft gewann. Ohne eine liebevolle Ehe hätte es gar nicht funktioniert.“

Dass Maria Theresia trotzdem zu einer der prägenden Regentinnen ihrer Zeit wurde, erklärt die österreichische Botschafterin Elisabeth Ellison-Kramer in ihrer Eröffnungsrede damit, dass sie „eine sehr starke Frau war, die aber auch auf geschickte und charmante Weise ihre Ziele zu erreichen wusste. Sie war eine gute Strategin, große Reformerin und eine gute Wirtschafterin. Eine gute Ehefrau und gute Mutter, die beruflich extrem erfolgreich war.”

Wer hat Maria Theresia gesehen?

Die 40 Jahre andauernde Herrschaft Maria Theresias prägt bis heute die Sicht auf das Herrscherhaus der Habsburger. Im Rahmen der Podiumsdiskussion stellte Anna Juhász daher Georg Habsburg-Lothringen die Frage, wie es als Kind war, mit dem Namen Habsburg geboren zu sein. Der Botschafter erklärte: „Der Name Habsburg war während meiner Erziehung immer präsent, es war für mich klar, dass mein Leben ein bisschen anders ist und natürlich wusste ich auch, dass mit diesem Namen auch besondere Erwartungen zusammenhingen. Egal was ich mache, es ist nicht wegen des Namens Georg wichtig, sondern wegen des Namens Habsburg.”

Im Laufe des Abends wurden mehrere Porträts Maria Theresias gezeigt, die von Péter Tűzkő vorgestellt und kommentiert wurden. Zoltán Fónagy erklärte zur bildlichen Darstellung, dass die meisten Untertanen – trotz der vielen Gemälde – kaum je ein Bild ihre Herrscherin sehen konnten, denn Zeitungen gab es damals noch nicht. Der einzige Gegenstand, mit dem man sich damals eine Vorstellung vom Aussehen Maria Theresias machen konnte, fand sich mit etwas Glück im Geldbeutel der Menschen. Denn die Silbermünze in Österreich wurde immer mit dem Porträt des jeweiligen Herrschers verziert.

„Für Probleme in der Ehe blieb keine Zeit!”

Ein weiteres Thema des Abends war die Beziehung zwischen Maria Theresia und ihrem Mann, Franz Stephan von Lothringen. Es ist ja allgemein bekannt, dass diese Ehe aus Liebe geschlossen wurde. Nach Meinung des Historikers Zoltán Fónagy habe Maria Theresia jedoch vor allem genug Nüchternheit bewiesen, um sich in einen Mann zu verlieben, der auch aus dynastischer Sicht „eine gute Partie war”.

Georg Habsburg-Lothringen wiederum sieht es so: „Ich glaube, dass Maria Theresia aus ihrer Ehe sehr viel Energie für ihre Herrschaft gewann. Ohne eine liebevolle Ehe hätte es gar nicht funktioniert. Stellen wir uns doch vor, in welcher Lage sich die beiden befanden: mit 16 Kindern, in einer schwierigen politischen Situation, inmitten ihrer Reformtätigkeit. Für Probleme in der Ehe blieb überhaupt keine Zeit!”

Während des Podiumsgesprächs wurden von Patrícia Kovács auch mehrere Briefe von Maria Theresia vorgelesen. Daraus konnte man einen Einblick in die liebevolle, aber trotzdem stets eine respektvolle Distanz bewahrende Beziehung zwischen Kaiser und Kaiserin gewinnen. Einen ihrer Briefe beendete Maria Theresia zum Beispiel so: „Adieu Mäusl, ich umarme Sie von ganzem Herzen, schonen Sie sich recht. Ich bin Ihre Maria Theresia”.

Zoltán Fónagy erklärte, dass in dieser Ehe eine ideale Rollenteilung herrschte. Maria Theresia akzeptierte in ihrem Privatleben den Vorrang ihres Mannes, also dass er das Oberhaupt der Familie war. Franz von Lothringen wiederum fand anstelle der politischen Tätigkeit (er war nur Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, was in dieser Zeit keine echte politische Macht bedeutete) eine passende Beschäftigung: Er wurde zum idealen Geschäftsmann. Er hatte ein sehr gutes Gespür für die Wirtschaft, weshalb er für die Dynastie ein riesiges Vermögen sichern konnte.

Helikoptermutter der ersten Stunde

In der Fortsetzung wurde über die Kinder der Herrscherin gesprochen. Zoltán Fónagy erläuterte, dass 16 Kinder zu haben, in dieser Zeit nichts Besonderes war, denn es war ganz normal, dass die Frau, solange sie fruchtbar war, Kinder zur Welt brachte. Maria Theresia verbrachte gut 20 Jahre ihres Lebens damit, schwanger zu sein. Einige dieser Schwangerschaften fielen also auch in die kritische Periode ihrer Herrschaft. Diese Zeit soll die Kaiserin stark mitgenommen haben. In ihren Briefen klagte sie darüber, dass ihr die Verhandlungen und andere geistige Tätigkeiten während der Schwangerschaft sehr schwer fielen.

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Ein Portrait Marie Antoinettes. Eines der zahlreichen Gemälde, die im Laufe des Abends vorgestellt wurden.

Heute würde man Maria Theresia wohl vorwerfen, eine Helikoptermutter zu sein, denn die Erziehung ihrer Kinder verfolgte sie immer aufmerksam. Sie gab dem Personal ganz konkrete Anweisungen, so zum Beispiel für das Fasten, wo sie sehr strenge Richtlinien vorschrieb. Ob das auch auf die Nachkommen abgefärbt habe, wollte Anna Juhász von Georg Habsburg-Lothringen wissen und fragte ihn, wie er seine Kinder erziehe. Der Botschafter antwortete, dass er versuche, so viel Zeit wie nur möglich mit seinen Kindern zu verbringen. „Bei meiner Großmutter, Königin Zita war das nicht so, denn sie hatte 23 Geschwister und wer von ihnen mit dem Vater sprechen wollte, musste beim Haushofmeister um einen Termin bitten.” Habsburg-Lothringen findet, dass das gute Beispiel das wichtigste ist, was man als Elternteil seinen Kindern geben kann.

Bei den Eheschließungen ihrer Kinder hatte auch Maria Theresia in erster Linie den politischen Nutzen vor Augen. Deshalb hat sie ihrer „inoffiziellen Lieblingstochter” Marie Antoinette in ihren Briefen mehrmals Ratschläge gegeben. Die Ehe ihrer Tochter mit dem französischen König Ludwig XVI. war für die Kaiserin besonders wichtig, weil sie einen andauernden Frieden mit Frankreich zu schließen plante.

Maria-Theresia-Kronleuchter und Co.

Maria Theresia prägte auch die materielle Kultur ihrer Epoche, deshalb wurden im Rahmen des Podiumsgesprächs auch mehrere Bilder von klassischen „Maria-Theresia-Möbeln” gezeigt. Auf die Frage, ob seine Familie einen besonderen Gegenstand von Maria Theresia bewahre, erklärte Georg Habsburg-Lothringen, dass die Familie gar nichts von ihren Vorfahren besitze, da nach dem Ersten Weltkrieg alles verstaatlicht wurde. „Das ging so weit, dass selbst die Spielsachen meines Vaters heute im Keller von Schloss Schönbrunn aufbewahrt werden. Deshalb habe ich auch immer sehr auf das gute Beispiel meiner Eltern geachtet und auf die Familiengeschichten, die sie erzählten, denn diese trägt man in sich und niemand kann sie einem wegnehmen.” Anna Juhász wollte weiterhin wissen, wie Habsburg-Lothringen das geistige Erbe von Maria Theresia in seiner Familie pflege. Dieser antwortete: „Ich würde das nicht nur auf Maria Theresia beschränken. Ich versuche meinen Kindern nahezubringen, wie unglaublich viel sie aus der Geschichte lernen können. Es ist natürlich gut, dass wir uns in der Familie mit solchen Vorbildern befassen können und ich halte es auch für wichtig, dies an die nächste Generation weiterzureichen.”

Maria Theresia – eine Erfolgsstory

Zum Abschluss der Veranstaltung zog man erneut Bilanz über das Wirken Maria Theresias. Georg Habsburg-Lothringen meinte: „Maria Theresia war sicherlich eine geniale Herrscherin. Sie konnte Rat annehmen – was viele weise Menschen wiederum nicht können – und umgab sich mit schlauen Beratern. Sie hat vorbildliche Reformen durchgeführt und so gelang es ihr, ihre Sache sowohl wirtschaftlich als auch politisch sehr gut zu machen.”

Zoltán Fónagy resümierte: „Maria Theresia wurde nicht auf das Regieren vorbereitet, sie wurde nur zur Repräsentation erzogen. Dass sie zu den bedeutendsten Herrschern Österreichs wurde, hat sie ihrer Persönlichkeit zu verdanken. Ihre sehr hoch entwickelte emotionale Intelligenz hat eine große Rolle bei ihren Entscheidungen gespielt, so konnte sie für die verschiedensten Gebiete vom Unterrichtswesen und dem Gesundheitswesen über Wirtschaft und Verwaltung bis hin zu Militär und Politik die begabtesten Fachmänner auswählen. Das war die Fähigkeit, die sie so erfolgreich machte. Ihre Herrschaft kann als eine Erfolgsstory betrachtet werden, wir können fast nur positive Verfügungen von ihr nennen.”

Im Laufe und zum Abschluss des Abends sang die Opernsängerin Mónika Kertész mehrere Opernstücke der Epoche. Darunter solche, die auch von Maria Theresia selbst gesungen wurden. Denn die Kaiserin war eine begabte Sängerin, spielte Klavier, versuchte sich als Tänzerin in Opern und Komödien und war nebenbei sogar als Schauspielerin tätig.

Nach dem Gespräch stand Georg Habsburg-Lothringen auch für eine Frage der Budapester Zeitung zur Verfügung. Wir wollten wissen, ob er eigentlich weiß, in welchem Verwandtschaftsgrad er genau zu Maria Theresia steht. Nach kurzem Nachrechnen konnte uns der Botschafter mitteilen: Sie ist meine Urgroßmutter 8. Grades. Trotz aller Bescheidenheit also scheint der Herr Botschafter die Familiengeschichte sehr gut zu kennen. Denn wer von uns könnte schon aus dem Stegreif zurück bis zur Ururururururururgroßmutter rechnen?Ein Portrait Marie Antoinettes. Eines der zahlreichen Gemälde, die im Laufe des Abends vorgestellt wurden.

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