Andererseits bleibt der Staat Israel eine letzte Realisierung der Nationalstaatenidee des 19. Jahrhunderts und ist ein Kind des Holocausts. Das macht ihn zu etwas Besonderem und insofern ist ein Vortrag darüber jedes Mal ein heikles Unterfangen. Im Publikum sitzen denn auch meist die unterschiedlichsten Personengruppen: Diejenigen, die die Juden sowieso nie leiden konnten und nun gerne etwas über die angeblich grausamen israelischen Soldaten hören wollen, betroffene Juden und Israelis selbst, die sich vielleicht doch noch einen Lichtblick erhoffen, und die diplomatischen Vertreter aus den arabischen Staaten, die gerne wiederholt nachfragen, wann Israel endlich ein neues Stück Land an die Palästinenser abtrete. Hier anzusetzen ist nicht einfach, vor allem sollte man wissen, was man genau vermitteln will und zu wem man spricht. Beides hatte der Referent, der britische Journalist, Menschenrechtsspezialist und Nahostexperte Tom Gross, nicht bedacht.

„Palästinenser“ gibt es erst seit einem halben Jahrhundert

Sicherlich war nicht alles, was Tom Gross vortrug, unbedeutend. Immerhin ging er darauf ein, was in jedem Geschichtsatlas nachgeschlagen werden kann: den Begriff „Palästinenser“ gibt es erst seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts. Es wӓre allerdings notwendig gewesen, hierauf detaillierter einzugehen, gegebenenfalls auch mit Projektionen von Landkarten aus den 20er Jahren. Denn in der Tat geht es um Gebiete des ehemaligen Osmanischen Reiches, die von den Römern bereits den Namen „Palästina“ erhalten hatten. Diese erstreckten sich bis ins heutige Syrien und Jordanien hinein und waren im Norden von syrischen Arabern und im Süden von ägyptischen Arabern besiedelt, die erst durch die Rückkehr der Juden ins Heilige Land eine so genannte „palästinensische“ Identität entwickelt haben. Zudem lebten in und um Jerusalem herum, wie auch in Tiberias und Galiläa mehrheitlich Juden. Insgesamt wohnten um 1923 herum rund 500.000 Menschen in der Region, die heute Israel heiβt.

Historische Fakten wie diese werden von der pro-palästinensischen Propaganda jedoch einfach weggewischt. Palästina, so wird behauptet, habe seit jeher als arabischer Staat existiert und mittlerweile wird sogar Jesus Christus als Palästinenser bezeichnet. Israel habe von daher nichts mit der Geschichte dieser Region zu tun und sei lediglich eine europäische Kolonialmacht. Insofern wird auch jedes neu gegründete Dörfchen als „Siedlungskolonialismus“ angeprangert.

Ständiger Terrorismus

Ausführlicher waren dagegen Tom Gross‘ Darstellungen der jetzigen geopolitische Situation Israels. Nie zuvor, so meinte er, war die Situation dieses Landes so widersprüchlich gewesen wie gerade jetzt. Einerseits ist es einem ständigen Terrorismus ausgesetzt. Ganz gleich ob es die schiitische Organisation der Hisbollah im Libanon ist, der sunnitisch-islamistische Hamas oder die Fatah, die politische Partei der autonomen Palästinensergebiete; das Ziel all dieser palästinensischen Organisationen ist es, Israel von der Landkarte zu streichen. Vom Nordosten fliegen die Raketen der Hisbollah ins Land, von der Westbank aus schießt die Fatah und vom Gazastreifen aus der Hamas, immer bereit die Friedensverhandlungen mit Israel so lange zu boykottieren, wie es eben geht.

Gleichzeitig aber unterhält Israel mehr als je zuvor gute Beziehungen zu den Großmächten. Dazu zählen nicht nur die USA. Auch China, Indien, Russland und sogar Saudi-Arabien gehören zu den neuen Partnern des kleinen Staates. Es steht auch in engem Kontakt mit Marokko, und seit kurzem gibt es eine erste Flugverbindung zwischen Rabat und Tel Aviv. Doch ist seine Existenz dadurch sicherer geworden? Würden diese neuen „Verbündeten“ sich im Kriegsfall auch neben Israel stellen? Auf diese Frage ging der Referent leider nicht ein. Die Diskussion schwappte zum syrischen Bürgerkrieg über. Der Vortrag hielt nicht, was er versprach. Die Bedeutung des israelisch-palästinensischen Konfliktes für die geopolitischen Strategien Europas und des Westens wurde aus den Augen verloren. Tom Gross vertrat lediglich die Meinung, dass der Friedensprozess zwischen den beiden Nationen unter Donald Trump wohl mehr Aussicht auf Erfolg habe. Eine Begründung für diese These liefert er jedoch nicht nach.

Fazit

Am Ende beschlich die Zuhörer nur das Gefühl von Leere. Tom Gross hatte sich nicht weit genug vorgewagt. Er wollte zu neutral bleiben und Israel blieb dabei auf der Strecke. Und so wurden denn nur die üblichen Fragen gestellt. Wieviel Territorium Israel bereits abgegeben habe, ob das nicht gefährlich für die Sicherheit des Landes sei und ob es nicht noch mehr abzugeben gäbe, als ob das winzige Ländchen mit der Rückgabe des Gazastreifens und anderen Gebieten nicht schon genug gezeigt hätte, dass es bereit ist, auf reale Friedensangebote einzugehen, was für die andere Seite keineswegs gilt. Bis heute ist von palästinensischer Seite kein wirkliches Entgegenkommen gezeigt worden. Israel wird weiterhin mit Raketen terrorisiert und die Bevölkerung mit Messerattacken und Selbstmordattentaten, immer unter dem Duktus der ewigen Opferrolle.

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Tom Gross wollte zu neutral bleiben und Israel blieb dabei auf der Strecke. (Foto: DI/Tamás Schneider)

Dieser Vortrag ging leider am Wesentlichen vorbei. Es wurde nicht gezeigt, wie sehr sich Israel in den letzten Jahrzehnten gegenüber anderen Nationen geöffnet hat, dass es schon lange kein rein jüdischer Nationalstaat mehr ist, dass dort Gastarbeiter aus aller Herren Länder leben, dass auch arabische und die immer zahlreicheren arabisch-israelischen Kinder aus Mischehen vollwertige israelische Staatsbürger sind. Es wurde auch mit keinem einzigen Wort erwähnt, dass Israel mit den christlichen Arabern mehrheitlich in Frieden lebt und nicht wenige von ihnen mittlerweile sogar ihren israelischen Militärdienst leisten. Es wurde auch nicht erwähnt, dass es palästinensisch-israelische Dörfer wie Neve Schalom/Wahat-al-Salam und Stadtteile wie das Künstlerviertel Wadi Nisnas in Haifa gibt, in denen ein friedliches Miteinander der beiden Bevölkerungsgruppen bereits Alltag ist. Auch die israelisch-palästinensischen Künstler –und Musikgruppen fanden keine Erwähnung, die, wie die beiden Sängerinnen Achinoam Nini und Mira Awad, im ganzen Land gemeinsam auftreten. Das alles war wie in den Mainstream Medien offensichtlich nicht erwähnenswert. Denn natürlich missfällt den vorwiegend muslimisch palästinensischen Behörden jede wirkliche Annäherung von Palästinensern und Israelis, weil sie es einfach nicht akzeptieren können, dass so etwas wie ein jüdischer Staat überhaupt existieren darf.

Lebensfern

Es fehlte dem Vortrag also insgesamt an israelischem Alltag. Die kulturelle und religiöse Vielfalt des Landes drang ebenso wenig durch, wie die Widersprüche der europäischen Politik, die sich überhaupt nicht darum schert, dass die Milliarden Euro an Subventionen, die zum Aufbau der palästinensischen Gebiete ausgezahlt werden, in die Privatvillen der palästinensischen Führer, in Waffen und in antijüdische und antiisraelische Propaganda investiert werden. Bereits 2013 bemängelte der europäische Rechnungshof, dass er Millionen für palästinensische Beamte bezahle, die gar nicht arbeiteten. Viel geändert hat sich seither allerdings nicht. Auf die Frage, ob das mittlerweile undifferenziert negative Israelbild, das durch die Welt geistert, auf Dauer die Existenz des Staates Israel nicht gefährden könne, meinte Tom Gross, die iranische Drohung eine Atombombe auf Israel zu werfen, wäre viel gefährlicher. Seine Antwort zeigte, dass er überhaupt nicht versteht, wie sehr das künstlich aufrecht gehaltene Negativimage auf lange Sicht die Unterstützung durch andere Staaten einschränken kann, was vor allem der unglücksselige kürzliche Besuch des deutschen Außenministers Sigmar Gabriel in Israel verdeutlichte.

Und es wurde auch viel zu wenig erläutert, weshalb denn die christliche Welt überhaupt daran interessiert sein sollte, dass eher ein moderner und demokratischer Staat wie Israel das Heilige Land und die Stadt Jerusalem verwaltet und nicht irgendein islamischer Staat oder ein islamisches Kalifat. Die Existenz des Staates Israel hat nämlich nicht nur etwas mit jüdischem Partikularinteresse zu tun. Will die christliche Welt weiterhin ihre tausendjährigen Kirchen und Heiligen Orte im Orient und in Jerusalem erhalten, so sollte sie sich dafür einsetzen, dass der einzige Partner im Nahen Osten, der politisch die gleiche Sprache spricht wie der Westen, langsam zur Ruhe kommt.

Insofern bleibt das Fazit dieses Vortrags – er war vor allem enttäuschend und hat den Vorurteilen gegenüber dem Land Israel nichts Konstruktives gegenüber stellen können.

Die Autorin publiziert und produziert Radiosendungen zu politischen Themen in MOE und religionshistorischen Debatten in Europa und Israel. Sie wuchs in Heidelberg auf, studierte in Paris und lebt seit 1990 in Bukarest, Paris und Budapest.

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