Es wird davon noch keiner ein Judenfresser, dass er die jüdischen Intellektuellen von Budapest nicht ausstehen kann, genauso wenig wird jemand dadurch zum Philosemiten, dass er gelegentlich Hüte trägt und persönlich für die Sicherheit der Juden garantiert. (Auch) das Verhältnis des Regierungschefs zum Judentum wird ausschließlich über seine eigenen Machtinteressen bestimmt: Ausschlaggebend ist, ob irgendwer, irgendeine Gemeinschaft beim Erbauen dieses autoritären Systems, das er manisch aufbaut, mithilft, mithelfen kann oder es zerstören will. (Das ungarische Judentum wird diese Welt auch in dem Irrtum überleben, dass es ihr Dasein eher durch das „Wohlwollen“ eines autoritären Führers gesichert sieht, als durch das Institutionensystem der liberalen Demokratie.)

Macht in Gefahr durch Philanthropie, offene Gesellschaft und CEU

Frans Timmermans, (sozialdemokratischer) Vizepräsident der Europäischen Kommission und EU-Kommissar für Grundrechte, äußerte sich vergangene Woche in der deutschen Wochenzeitung Die Zeit und interpretierte Orbáns Ausfälligkeit im Europäischen Parlament gegen CEU-Gründer George Soros, den er als „amerikanischen Finanzspekulanten“ bezeichnete, als Antisemitismus. Er hat Unrecht. Der Regierungschef hat in Wirklichkeit nichts an der jüdischen Herkunft von Soros auszusetzen. Ja, er hat selbst damit kein Problem, dass er ein „Finanzspekulant“ ist. (Was nicht interpretierbar ist und auch keinen ethischen Gehalt hat, denn jeder Investor fällt unter diese Bezeichnung.) Der Regierungschef hat in Wirklichkeit mit der freien Marktwirtschaft und der liberalen Demokratie beziehungsweise damit ein Problem, dass er auf der anderen Seite der „Spekulation“ steht. Er hat ein Problem mit der Philanthropie des George Soros, mit der Idee der offenen Gesellschaft und deren finanzieller Unterstützung. Die CEU und die Zivilorganisationen sind deshalb für die autoritäre politische und wirtschaftliche Macht Orbáns lebensgefährlich.

Antisemitismus nur Schein

Das wäre die eigentliche Wahrheit, der Antisemitismus ist nur der markante Schein. Die westliche Werteordnung, vertreten durch die Politische Korrektheit, aus deren „Umhüllung“ sich Orbán mit kräftigen Bewegungen befreite, hat den festen Eckpfeiler, dass ein Mensch mit gesundem Menschenverstand und einer gesunden Moral nach Auschwitz kein Antisemit mehr sein kann. Ist es glaubwürdig, dass der Regierungschef dies akzeptiert, während er Brüssel mit Mann und Maus verflucht? Ist es vorstellbar, dass Orbán fähig sein wird, vom Gebrauch zweideutiger Ausdrücke Abstand zu nehmen, nur damit seine Worte nicht als Provokation aufgefasst werden, wie er vom Sprecher der Kommission ersucht wurde? Und das, während Orbáns Mameluckenheer, wie dies schon oft der Fall war, auch jetzt bis zur Verblödung über das Ziel hinausschießt und aus dem Schein Wirklichkeit macht. Unter dem Schutzmantel der autoritären Macht können sie Dinge von sich geben, wie es die CÖF-Führungspersönlichkeit István Stefka tat, der meint, Soros hätte von Hitler gelernt und für ihn gearbeitet. Des Führers Hirn müsste wirklich sehr untertourig gearbeitet haben, wenn er sich auf einen 1930 geborenen jüdischen Buben verlassen musste… Aber wundern wir uns nicht über solche Aussagen in einem Land, in dem der Gegensatz zwischen dem volkstümlich Geprägten und dem Urbanen nie ganz ausgestorben ist. Wundern wir uns nicht, wenn die Politik – sei es ungewollt oder aus taktischen Berechnungen für den Machterhalt oder aus purer Angst vor der Jobbik – Spannungen zu den Minderheiten aufbaut, indem sie hinter jeder kleinen Bewegung eines 87-jährigen „Spekulanten“ eine Weltverschwörung wittert. (…)

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 8. Mai auf dem Online-Portal der linksliberalen Tagesszeitung Népszava.

Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

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