Budapest hat sich in den letzten Jahren definitiv zu einer Hochburg für internationale Studierende entwickelt. Doch nicht nur Erasmus-Studenten fühlen sich von der attraktiven Mischung aus Kultur, Party und einem hohen akademischen Niveau angezogen, immer mehr ausländische Studierende entscheiden sich sogar dafür, einen ganzen Studiengang in der ungarischen Hauptstadt zu absolvieren. Das zeigte sich nicht zuletzt an den Protesten über die kürzlich vorgenommene Änderung des Hochschulgesetzes, die zwar die deutschen Studiengänge nicht betrifft, doch vielen bewusst gemacht hat, wie groß die Gruppe der ausländischen Studierenden in Budapest eigentlich ist.

Vielfältige deutschsprachige Studienangebote

Bereits seit 1983 ermöglicht beispielsweise die Semmelweis-Universität in Budapest Interessierten das Medizinstudium in deutscher Sprache. Aktuell nehmen 860 Studenten überwiegend aus Deutschland, aber auch aus anderen Ländern, dieses Angebot wahr.

Abgesehen von der Semmelweis-Universität – die gemeinsam mit ihrer Partneruniversität in Hamburg allein in diesem Jahr 80 Diplome vergeben wird, Tendenz steigend – bieten auch drei weitere Universitäten in Budapest deutschsprachige Studiengänge an. Die im Jahre 2001 von den Partnerländern Ungarn, Bayern, Baden-Württemberg und Österreich gegründete Andrássy Universität lehrt aktuell 224 aktive Studierende, darunter 202 Reguläre und 22 Erasmus- und Gaststudenten. Dabei ist der Anteil der regulären Studis mit deutscher Staatsbürgerschaft an der Andrássy Universität beeindruckend hoch: Es sind 84 an der Zahl.

Seit September 2002 herrscht hier der Lehrbetrieb, der auch deutschsprachige Programme umfasst. Da die Universität nur postgraduale Studiengänge anbietet, kommen die Absolventen ganz gezielt für ihr Masterstudium an die Andrássy und dies ist sicher nur ein Grund für die geringe Anzahl an Studienabbrechern – im Jahre 2016 waren es von allen Studierenden der Universität nur zehn, 2015 sogar nur sieben.

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Bis heute bereut es Medizinstudentin Christine Michels nicht, sich für ein Studium in Ungarn entschieden zu haben.

Neben der ELTE (Loránd-Eötvös-Universität), die mit zahlreichen Programmen insgesamt 24.685 Studenten – davon 2.000 ausländische Studierende aus 80 Ländern – in ihren Hörsälen vereint, bietet auch die Veterinärmedizinische Universität Budapest seit 1989 ein deutschsprachiges Studienprogramm an. Jedoch geht von den rund 120 Studenten, die in diesem Programm jedes Jahr ihr Studium beginnen, etwa die Hälfte nach den ersten zwei Jahren der Vorklinik zurück nach Deutschland. Grund dafür ist nicht zuletzt ein Mangel an deutschsprachigen Dozenten, der dafür verantwortlich ist, dass ab dem dritten Jahr nur noch auf Englisch gelehrt wird.

Ein großer Gewinn

Abgesehen von den attraktiven Studienprogrammen, für deren Zulassung nicht nur auf Noten, sondern ganz differenziert auf die Bewerbungsunterlagen geschaut wird, bietet Budapest noch weitaus mehr, schwärmt Christine Michels, deutsche Studentin der Humanmedizin im vierten Jahr an der Semmelweis-Universität. „Man kann so viel unternehmen, hat wahnsinnig viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, die hier trotz Großstadtfeeling auch für Studenten erschwinglich sind, und die Leute hier sind unwahrscheinlich nett und offen.“ Die 25-Jährige hat sich – wie auch viele andere deutsche Studierende – nach dem Physikum, welches sie in Szeged absolviert hat, durchaus an deutschen Universitäten beworben und doch ist sie inzwischen froh, in Ungarn geblieben zu sein. „Ich habe in Budapest meine zweite Heimat gefunden.“ Auf die Frage, ob sie es bereut, nicht nach Deutschland gegangen zu sein, erwidert Michels, die gebürtig aus Leverkusen stammt, vehement: „Auf keinen Fall! Das Auslandsstudium ist ein riesiger Gewinn an Erfahrungen, die man später sicherlich nicht missen möchte und für mich ist es ein Privileg, hier studieren zu können, welches mir dank meiner Eltern ermöglicht wird!“

Und so geht es auch vielen ihrer Mitstudierenden: In diesem Jahr werden gerade einmal 60 Studis nach ihrem Physikum die Semmelweis-Universität verlassen. Viele entscheiden sich wie auch Christine Michels nach den ersten beiden Jahren des Studiums, der sogenannten „Vorklinik“, ganz bewusst dafür, die restliche Studienzeit in Budapest zu verbringen, statt nach Deutschland zurückzukehren.

Schimpfwort „NC-Flüchtling“?

Im Volksmund gelten die „Studienauswanderer“ in Budapest als „NC-Flüchtlinge“. Die Abkürzung steht für Numerus clausus, also die vor allem in Deutschland gängige Praxis der Zulassungsbeschränkung zu besonders begehrten Studiengängen. Oftmals erfordert ein Numerus clausus, der je nach Bundesland variiert, einen überdurchschnittlich guten Abiturdurchschnitt. Abiturienten mit einem Notendurchschnitt von 1,4 sind beispielsweise mit einer Bewerbung um einen Studienplatz im Fach Medizin in Deutschland meist schon chancenlos. Um trotzdem ihr Wunschfach studieren zu können, warten viele junge Menschen zum Teil Jahre auf einen Studienplatz in Deutschland oder weichen auf Universitäten in anderen Ländern, allen voran Österreich und Ungarn, aus.

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Für Veterinärmedizinstudentin Jacqueline Kusterer stand schon immer fest, dass sie im Ausland studieren möchte: „Aufgrund zahlreicher positiver Berichte fiel die Wahl auf Budapest“, so die 22-Jährige aus Ulm.

Christine Michels sagt über sich selbst, dass sie sich von der Verwendung der häufig abwertenden Bezeichnung „NC-Flüchtling“ nicht angegriffen fühlt. „Es entspricht eigentlich der Wahrheit. Ich habe es ja schwarz auf weiß, dass mein Abiturdurchschnitt nicht gut genug war“, gibt sie offen zu. Für sie kam die Möglichkeit der ewigen Wartesemester in Deutschland aber nicht infrage und so blieb ihr zur Erfüllung ihres Traums nur das Auslandsstudium.

Auch Jacqueline Kusterer, die im zweiten Jahr Veterinärmedizin an der Veterinärmedizinischen Universität Budapest studiert, fühlt sich keinesfalls durch die Bezeichnung verletzt. „Für mich stand von Anfang an fest, dass ich im Ausland studieren möchte und aufgrund zahlreicher positiver Berichte von Bekannten und Freunden fiel die Wahl auf Budapest“, erzählt die 22-Jährige aus Ulm. Sie möchte keinesfalls nach Beenden der Vorklinik nach Deutschland wechseln, soviel steht fest. Auch ihr war klar, dass ihr Abiturdurchschnitt nicht für ein Veterinärstudium in Deutschland ausreichen würde und doch sieht sie sich nicht im Nachteil. Die Ausbildung an den ungarischen Universitäten werde weitestgehend hochgeschätzt, Kritiker gebe es jedoch wie in allen Bereichen auch hier. Kusterer kennt viele Studenten, die beispielsweise aus finanziellen Gründen zurück nach Deutschland gehen mussten und darüber sehr traurig sind. Auch Christine Michels, die selbst als Tutorin an der Semmelweis-Universität fungiert, berichtet, dass ein Großteil der Studenten dem Ende des Studiums und damit dem Praxisjahr in Deutschland alles andere als entgegenfiebert.

Budapest – ein „Melting Pot“

Beide Studentinnen haben sich, daran lassen ihre Erzählungen keinen Zweifel, ein wenig in die zauberhafte Donaumetropole verliebt. „Abgesehen von den vielen verschiedenen Bars und Clubs bietet Budapest auch zahlreiche Möglichkeiten der kulturellen Beschäftigung“, freut sich Michels. Die Medizinstudentin sei schon oft auf Konzerten oder in einem der vielen Museen gewesen. Für die Veterinärmedizinstudentin Kusterer ist das Besondere an Budapest, dass man so viele Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern begegnen kann. So können Freundschaften fürs Leben entstehen. Doch auf die Frage, ob sie sich vorstellen können, später einmal als Ärzte in Ungarn zu arbeiten, geben beide ein bisschen verlegen zu, dass die berufliche Orientierung definitiv nach Deutschland ausgerichtet ist. „In Deutschland steht man als Arzt eben doch etwas besser da. Nicht ausbildungstechnisch, da stehen uns die Ungarn in nichts nach, doch Bezahlung und Arbeitsbedingungen sind in Deutschland in der Regel besser“, so Jacqueline Kusterer. Sorgen, auf dem deutschen Stellenmarkt schlechtere Chancen zu haben, machen sich beide nicht.

Auch wenn sie Brezeln, deutsches Brot und Maultaschen hier in Budapest vermissen, möchten doch beide Studentinnen so schnell nicht wieder nach Deutschland zurück. Dies gilt für viele der deutschen Studenten, die ungarische Universitäten besuchen. Bleibt also die Frage, ob die Bezeichnung „NC-Flüchtling“ nicht längst überholt ist, da sich Budapest für die meisten schnell zur neuen Wahlheimat entwickelt.

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