Bereits ab 17.30 Uhr versammelten sich die Demoteilnehmer auf dem Szabadság tér. Angekündigt war die „lauteste Demonstration Ungarns“ und nicht nur die Teilnehmer waren zum Krachmachen angehalten. Inspiriert durch die Partystimmung der „Occupy Oktogon“-Spontanbesetzungen der vergangenen Woche stand auch die Kundgebung am Samstagabend eindeutig unter dem Motto „politisches Event mit Spaßfaktor“. Das Konzept ging auf und neben bekannten Parolen und unterschiedlichster Musik waren es die Reden von Vlogger Márton Gulyás und Gergő Varga, die die Menschen mitrissen.

Volksfeststimmung

Doch zurück zum Anfang. Als Redner waren neben Schauspieler und Regisseur Simon Szabó auch die Poetry-Slammerin Luca Borsos, die Frauenrechtlerin Rita Antoni sowie zahlreiche Musiker geladen. Dies war nicht verwunderlich, hatten die Organisatoren doch bereits im Vorfeld angekündigt, die Reden kurz und die Stimmung hochhalten zu wollen. Und tatsächlich fühlte sich der gut gefüllte Szabadság tér zwischenzeitlich eher wie das innerstädtische „Belvárosi Fesztivál“ an. Um kurz vor halb 9 dann der Höhepunkt der Veranstaltung: Márton Gulyás und Gergő Varga betreten die Bühne. Die beiden zu Sozialstunden Verurteilten kamen frisch aus Röszke, wo sie ebenfalls an einer Anti-Regierungskundgebung teilnahmen. Varga, der bisher kaum Erfahrung darin hat, Reden vor großen Menschengruppen zu halten, machte den Anfang. Er bedankte sich bei den zahlreich Erschienenen. Es hätte sich, so Varga, etwas in Ungarn verändert: „Wir haben Habonys Zauberspiegel durchbrochen.” Den wohl begeistertsten Beifall des Abends erhielt Varga, als er – vermutlich von der Hitze des Moments mitgerissen, dafür aber umso authentischer – rief: „Die Regierung tritt entweder zurück oder das ruhmreiche Pester Volk wird sie aus dem Parlament zerren!”

Dann übernahm der Medienprofi Márton Gulyás das Wort. Dieser war nur zwei Tage zuvor wegen Vandalismus zu 300 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden. Er bedankte sich ebenfalls für die ihm zuteilgewordene Solidarität.

Kritik an den Regierungsmedien

Den inhaltlichen Teil seiner Rede begann Gulyás mit der Aufforderung an Vertreter der Regierungsmedien, ihn hier live zu fragen, ob er „eine Schwuchtel” sei. Denn dies war in den Tagen zuvor sowohl von den Portalen Origo und 888.hu als auch dem Boulevardblatt Ripost verbreitet worden. Schon vor der Kundgebung hatte Gulyás angekündigt, den Regierungsmedien gern Rede und Antwort stehen zu wollen, nannte es aber gleichzeitig auch „unterste Schublade”, dass, wenn sie ihm inhaltlich nichts anhaben können, versucht wird, sein Privatleben anzugreifen. Gulyás forderte die Anwesenden sodann zu Stille auf, auf dass die Medienvertreter den Weg zu ihm fänden, sein Aufruf blieb jedoch unbeantwortet. Gulyás weiter: „In den Augen der Regierung ist jeder eine Schwuchtel, der es wagt, die von ihr eingeheimste Macht anzugehen, jeder, der ihr gegenüber kritisch ist. Die Mehrheit des Landes ist in ihren Augen eine Schwuchtel.” Doch wichtiger, als seine persönlichen Belange (Gulyás teilte später in einem Interview mit, er werde zivilrechtliche Schritte gegen die ihn als „Schwuchtel” bezeichnenden Medien einleiten) sei es, jetzt für ein tatsächliches Ziel einzutreten. Und dies ist, so ist sich der Vlogger sicher, ein neues und faireres Wahlgesetz. Denn egal, ob man selbst für Gyurcsány oder Vona sei, Ungarn benötige ein Wahlrecht, in dem sich jede Partei an ihrer tatsächlichen Unterstützung im Land messen lassen kann und nicht ein auf den Wahlsieg des Fidesz zugeschnittenes System. Der einzige Weg, die Fidesz-Regierung abzulösen, sei ein neues, faires Wahlsystem. Um die Wichtigkeit wirklich allen bewusst zu machen, verkündete Gulyás gestern Abend die Gründung einer neuen Bewegung, denn „nach 2014 haben wir drei Jahre lang nichts getan und erwarten nun, dass sich 2018 etwas ändert?” Damit sich etwas ändert, müsse auch etwas getan werden, deswegen starte er, Márton Gulyás, nun den „Gemeinsames Land”-Club, ungarisch „Közös Ország Klub”.

Party setzt sich friedlich fort

Das offizielle Ende der Kundgebung war damit zwar noch nicht erreicht, doch viele Teilnehmer machten sich nach dem Ende der Rede des Varga-Gulyás-Gespanns auf den Heimweg. Ein Kern aus rund 2.000 Demonstranten wollte die Nacht noch nicht beenden und zog zuerst etwas unschlüssig gen Kossuth tér weiter, um von dort aus erneut auf dem Oktogon die Party ausklingen zu lassen.

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