Was war der Hintergrund der Integration des Balassi-Instituts ins ungarische Ministerium für Auswärtiges und Außenhandel?

Bei einem Institut wie dem Balassi, das für Kulturdiplomatie verantwortlich ist, stellt sich immer die Frage, in welchen Zuständigkeitsbereich es fallen soll. Gehört es nun eher dem Ministerium an, das sich mit Kultur beschäftigt, oder demjenigen, welches für die Auslandsbeziehungen zuständig ist? Das ist eine ganz relevante Frage und die Schwierigkeit dabei ist, dass wir immer dazwischen stehen, der Aufgabenbereich des Balassi-Instituts ist breiter als die Zuständigkeit eines einzigen Ministeriums.

Kulturpolitik und Kulturdiplomatie basieren schließlich aufeinander. Dem Balassi-Institut sind nicht nur 24 Kulturinstitute im Ausland unterstellt, sondern auch die Gastlehrer und Gastlektoren, die Ungarisch unterrichten oder hungarologische Vorträge an verschiedenen Universitäten der Welt halten. Darüber hinaus bieten wir Ausbildungen für Fach- und Literaturübersetzer an, organisieren sehr viele Sprachkurse und sind zugleich auch wichtigster Ansprechpartner im Ausland für Ungarnstudien und Ungarnkunde. Das ist ein riesiges Portfolio, für das wir eigentlich noch mit weiteren Ministerien enger zusammenarbeiten müssten.


Trotzdem ist Ihr Institut nun ganz klar dem Außenministerium rechenschaftspflichtig und wird von ihm finanziert. Welche Auswirkungen hat das für die Arbeit Ihres Instituts?

Die Entscheidung, es ganz klar einem Ministerium zuzuordnen, war ganz richtig. In der Vergangenheit gab es teilweise parallele Strukturen zwischen den Botschaften und den Balassi-Instituten. Es gab nicht unbedingt eine so enge Zusammenarbeit der beiden wie wünschenswert gewesen wäre.

In Berlin beispielsweise gibt es das Collegium Hungaricum Berlin und die Ungarische Botschaft. Es konnte gut vorkommen, dass die Botschaft versuchte, bestimmte kulturdiplomatische Aufgaben zu erfüllen und das CHB ebenfalls. Dabei wurden die Programme nicht unbedingt aufeinander abgestimmt oder koordiniert. Diese Parallelität wurde nun mit der Integration ins Ministerium für Auswärtiges und Außenhandel abgeschafft.

Damit ist die Zusammenarbeit zwischen Botschaften und Balassi-Instituten jetzt auch nicht mehr davon abhängig, ob der Botschafter und der Leiter des jeweiligen Balassi-Instituts gut befreundet sind. Unabhängig davon müssen sie miteinander kooperieren und das ist auch richtig so.


Hat sich an den Aufgabenbereichen des Balassi-Instituts etwas verändert?

Auch nach der Transformation nehmen wir fast alle Aufgabenbereiche wahr, die wir auch zuvor abgedeckt haben. Eine Ausnahme bildet das Márton Áron Fachkollegium, das vor mehreren Jahren mit der Zielsetzung gegründet worden war, ungarische Jugendliche aus den Nachbarländern mit einem speziellen Fachprogramm zu unterstützen. Doch ein solches Studentenwohnheim konnten wir in unserer neuen ministerialen Struktur nicht beibehalten, deshalb haben wir es noch im August 2016 über das Ministerium für Humanressourcen an die Loránd-Eötvös-Universität übergeben. Allerdings liegen nach wie vor die Vergabe von Stipendien für ungarische Studenten jenseits der Grenzen sowie alle Talentförderungs- und Forschungsförderungsprogramme in unserer Hand.

Was uns auch sehr wichtig war, ist, dass wir den Namen des Instituts beibehalten haben. Man könnte natürlich eine Debatte darüber führen, ob der Name Balassi wirklich für das Ausland geeignet ist, aber er hat sich nun mal sowohl im Ausland als auch in Ungarn eingeprägt, unter ihm ist das Institut zu der wichtigsten Institution der ungarischen Kulturdiplomatie geworden. Deswegen wollen wir auch weiterhin als Balassi-Institut im In- und Ausland auftreten.


Haben sich durch den Anschluss an das Außenministerium neue Möglichkeiten ergeben?

Teilweise. Doch der wichtigste Punkt ist, dass damit die ewige Debatte abgeschlossen wurde, wo das Balassi-Institut nun hingehört. Das hat in der Vergangenheit immer wieder zu gewissen Spannungen und Missverständnissen geführt. Jetzt ist es eine klare Sache. Unsere Mission bleibt aber natürlich weiterhin dieselbe. Wir wollen die ungarische Kultur im Ausland bekannter machen.


Was hat sich die ungarische Kulturdiplomatie in diesem Jahr als Schwerpunkt gesetzt?

Unser Hauptprogramm ist das ungarische kulturelle Jahr in Polen, welches im Mai 2016 begann und bis Ende dieses Jahres dauern wird. Wir organisieren mehrere Hunderte Veranstaltungen in über 30 polnischen Städten.

Der ungarische Schriftsteller János Arany, der vor 200 Jahren geboren wurde, wird auch ein Schwerpunkt sein, vor allem innerhalb Ungarns. Schließlich ist Arany für die ungarische Sprache, Literatur und Identität von enormer Bedeutung. Es ist natürlich nicht so leicht, gute Programme über ihn im Ausland zu organisieren, doch ich bin mir sicher, dass die Institutsleiter und Botschafter einen Weg finden werden, ihn entsprechend zu würdigen.


Womit will sich Ungarn dieses Jahr speziell im Ausland darstellen?

Zoltán Kodály, der vor 50 Jahren gestorben ist, wird eine große Rolle spielen. Für uns ist es viel einfacher, in Verbindung mit ihm gute Veranstaltungen zu organisieren, weil er nicht nur Komponist war, sondern auch ein berühmter Musikpädagoge. Die Kodály-Methode ist weit über die Grenzen Ungarns hinaus bekannt, beispielsweise auch in Asien, wo die Methode heute sehr populär ist. Sie fand 2016 sogar Aufnahme in die UNESCO-Weltkulturerbeliste.

Wir schreiben natürlich den Instituten kein konkretes Programm vor, aber Kodály ist schon fast ein ,,Muss“. Wir erwarten, dass ihn jedes Institut in seine Programmplanung aufnimmt. In diesem Zusammenhang werden wir Ausstellungen, Konzerte aller Art und Workshops organisieren. Dabei helfen wir den einzelnen Instituten auch von Ungarn aus bei der Programmplanung. Wir haben ein Abkommen mit dem Kodály-Institut unterzeichnet, mit dem wir gemeinsam mehrtägige Kodály-Seminare in fast allen Instituten organisieren werden. Dazu werden Pädagogen, Sänger und Chorleiter eingeladen. Für sie wird hier die Kodály-Methode unter einem sehr praktischen Aspekt dargestellt.


Was hat das Balassi-Institut noch auf der Agenda?

Ein ebenfalls sehr wichtiges Thema ist das 500. Jubiläum der Reformation. Dazu organisieren wir viele Ausstellungen, Konferenzen und Rundtischgespräche, in denen es um den ungarischen Anteil an der Reformation geht. Diese war in Ungarn eine sehr starke Bewegung und hat einige interessante Strömungen hervorgebracht, zum Beispiel in Siebenbürgen mit der Gründung der unitarischen Kirche. Siebenbürgen war damals eine eigenartige Insel zwischen den Türken und Habsburgern. Es war eine ganz einzigartige Situation und es gab eine kurze Zeit im 16. Jahrhundert, in der die unitarische, neben der katholischen, lutherischen und kalvinistischen eine „staatlich“ anerkannte Religion war.

Ein drittes wichtiges Thema werden die Feierlichkeiten zum 150. Jubiläum des österreichisch-ungarischen Ausgleichs sein. Das ist natürlich ein Thema, das nicht überall gleich interessant ist, aber in Wien und im deutschsprachigen Raum ist es geradezu obligatorisch, diesbezüglich Veranstaltungen zu organisieren.

Über diese Themen hinaus gibt es noch kleinere Jubiläen, zum Beispiel der 100. Geburtstag von Zoltán Fábri, der ein berühmter ungarischer Filmemacher war. Es wird aber auch viele Gedenktage im Bereich der Literatur geben: Magda Szabó wurde vor 100 Jahren geboren, der ungarische Schriftsteller und Maler Lajos Kassák ist vor 60 Jahren gestorben und natürlich gehen auch die Gedenkjahre bezüglich des Ersten Weltkriegs weiter. Deshalb haben wir unter anderem eine Operettentour zur Csárdásfürstin organisiert.


Wie hängt der Erste Weltkrieg mit der Csárdásfürstin zusammen?

Ohne den Ersten Weltkrieg wäre diese Operette nicht vorstellbar gewesen. In der Mitte des Ersten Weltkrieges feierte sie Premiere und wurde ein Welterfolg. Heute zählt die Csárdásfürstin zu den bekanntesten Operetten der Welt, und ihr Urheber Emmerich Kálmán zu den bekanntesten Ungarn. Deshalb haben wir eine einstündige Produktion mit vier Sängern und einem Quintett auf die Beine gestellt, die auf Tournee geht, um die besten Stücke der Operette vorzustellen. Es begann letztes Jahr in Budapest und seitdem waren wir in 26 Städten, darunter in Schanghai, Peking, London und Rom. Die Aufführung hatte überall riesigen Erfolg.


Sprechen wir über Literatur: Welche wichtigen Buchmessen wird es in diesem Jahr für Ihr Institut geben?

In diesem Jahr stehen nicht ganz so viele Programme auf unserem Plan wie noch im letzten Jahr, als wir beispielsweise Gastland auf der Buchmesse in Peking und Taipei waren und als Ehrengast in Warschau das ungarische kulturelle Jahr in Polen – im Moment unser wichtigstes Programm –eröffnet haben.

Im März waren wir auf der Buchmesse in Leipzig und Anfang April auf der Kinderbuchmesse in Bologna, dort haben wir 13 Kinderbuchverlage und sechs ausgewählte Illustratoren präsentiert. Es ist für uns ein wichtiger Schwerpunkt zu zeigen, wie gut eigentlich die ungarische Kinderliteratur ist.

In Leipzig haben wir uns auf die aktuellen Neuerscheinungen konzentriert: Gergely Péterfys Roman „Der ausgestopfte Barbar“ erschien beispielsweise gerade auf Deutsch. Es wurden aber auch die zeitgenössischen Frauenlyrikerinnen Orsolya Kalász und Kinga Tóth vorgestellt. Dazu gab es eine Lyrikperformance mit Livemusik. Weiterhin haben wir in der deutschen literarischen Zeitschrift die horen einen Ungarn-Schwerpunkt mit vier ungarischen Autoren präsentiert.

Die Leipziger Buchmesse ist für uns sehr wichtig, weil sie nicht nur eine Fachmesse ist, sondern auch für das Publikum offensteht. Wir werden natürlich auch mit einem großen Stand in Frankfurt dabei sein. Weiterhin werden wir auch an den Buchmessen in Moskau und Sankt Petersburg teilnehmen, denn zum Glück werden viele Werke auch auf Russisch erscheinen. Vor ein paar Jahren war das noch nicht selbstverständlich und es war sehr schwierig, Zugang zu den russischen Verlegern zu finden.

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„Es ist uns ein sehr wichtiges Anliegen, Bemühungen im Bereich der Übersetzungen zu bewerten und anzuerkennen.“

Was haben Sie noch vor?

Wir planen weiterhin einen großen Übersetzerpreis zu etablieren. Dieser richtet sich an Ausländer, die vom Ungarischen in eine andere Sprache übersetzen. Es ist uns ein sehr wichtiges Anliegen, Bemühungen im Bereich der Übersetzungen zu bewerten und anzuerkennen, denn ohne gute Übersetzungen kann man die ungarische Literatur im Ausland natürlich nicht bekannt machen.


Es werden ja vor allem junge, zeitgenössische Autoren übersetzt, doch lassen Sie uns auch über die großen Klassiker sprechen. Kann man im Ausland auch mit diesen noch für Ungarn trommeln?

Auf jeden Fall. Es wird in diesem Jahr auch wieder Neuübersetzungen von Klassikern geben. Das ist für uns auch sehr wichtig, um den Reichtum der ungarischen Literatur zu zeigen. Denn dazu gehören sowohl die Klassiker, also auch die neuen Klassiker und die junge Generation. Es ist sehr erfreulich festzustellen, dass die ungarische Literatur in den letzten 26 Jahren wirklich in Mode gekommen ist.


Worauf ist das zurückzuführen?

Zum einen darauf, dass Ungarn 1999 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse war, aber auch auf die Neuentdeckung von Sándor Márai und den Nobelpreis für Imre Kertész. Vor zwei Jahren hat László Krasznahorkai den Man Booker International Prize bekommen, welcher der zweitwichtigste internationale Literaturpreis nach dem Nobelpreis ist. In den letzten Jahren ist György Dragomán zum Starautor geworden – auch in Deutschland. Dasselbe gilt für Krisztina Tóth. Es gibt also immer wieder ungarische Autoren, die sich über große Erfolge freuen können. Der Holocaustroman von Péter Gárdos „Fieber am Morgen“ wurde auch in zahlreiche Sprachen übersetzt. Sogar der deutsche Bestsellerautor Daniel Kehlmann lobt die ungarische Literatur.

Lange haben die ungarischen Schriftsteller sich selbst bemitleidet und beklagt, dass man trotz aller Bemühungen es nicht schaffen würde, für die ungarische Literatur im Ausland die Anerkennung zu bekommen, die ihr gebührt. Das hat sich meiner Meinung nach geändert. Wir hoffen, dass wir mit unserem Publishing-Hungary-Programm auch einen kleinen Teil dazu beitragen.


Welche positiven Wechselwirkungen gibt es eigentlich zwischen der ungarischen Literatur und dem ungarischen Film, der ja in den letzten Jahren ebenfalls große Erfolge gefeiert hat? Ich denke da etwa an den Oscar für „Saul fia“ oder für den Kurzfilm „Sing“.

Solche Erfolge machen Ungarn natürlich generell spannender und das merkt man auch bei der Präsentation von ungarischer Literatur im Ausland. Mit Géza Röhrig, der die Hauptrolle in „Saul fia“ spielte, gab es auch eine wunderbare Brücke zwischen beiden Domänen. Röhrig ist nämlich auch Dichter, doch vor seinem Filmerfolg war er als solcher kaum bekannt. Wir haben dann natürlich die Chance genutzt, ihn überall auch als Dichter vorzustellen. Eine weitere Brücke kann geschlagen werden, wenn Erfolgsromane verfilmt werden. Gerade wurde beispielsweise György Dragománs erster Roman „Der weiße König“ verfilmt.


Gibt es noch ein Projekt, das Ihnen aktuell besonders am Herzen liegt?

Es gibt tatsächlich ein Programm, das ich abschließend noch besonders erwähnen möchte: Vergangenen Sommer wurde im Guggenheim-Museum in New York anlässlich des 70. Todestages von László Moholy-Nagy, dem maßgebendem ungarischen Vertreter der Bauhaus-Bewegung eine Ausstellung organisiert. Das Museum hatte uns gefragt, ob wir mitwirken wollten, was wir natürlich gemacht haben. Wir wollten zum einen das Werk von Moholy-Nagy im ungarischen Kontext betonen, aber auch zeigen, dass er ursprünglich nicht vom Bauhaus kam, sondern vom ungarischen Modernismus. Weiterhin war es uns wichtig, in zahlreichen Programmen darzustellen, dass der ungarische Modernismus ein organischer Teil des universellen Modernismus ist und nicht nur Empfänger, sondern auch ein Inspirator und Mitgestalter dieser Strömung.

Dafür haben das Ministerium für Auswärtiges und Außenhandel, das Balassi-Institut und das Generalkonsulat in New York intensiv zusammengearbeitet. Das möchten wir auch in diesem Jahr fortsetzen. Als nächstes würden wir gerne – und das bereiten wir gerade vor – gemeinsam mit einer sehr namhaften Galerie in New York, eine Ausstellung über die Kunst des Widerstandes im sozialistischen Ungarn organisieren.

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