Allein ein Blick auf die Teilnehmer reicht, um festzustellen, hier ist etwas anders. Während bei Parteikundgebungen zumeist Vertreter der älteren Generation das Gros der Zuhörerschaft ausmachen, waren es in den vergangene Tagen Schüler, Studenten und junge Erwachsene, die es auf die Straße zog. Eben jene Generation, deren Großteil laut Umfragen kaum bis keine Zukunftsperspektive im eigenen Land sieht. Und doch, mit der Kundgebungswelle der vergangenen Tage scheinen sich lange aufgestaute Frustrationen ihre Bahn gebrochen zu haben.

Nun wäre es in Ungarn keinesfalls unüblich, dass sich diese Frustration in Aggression auf der Straße niederschlägt, so geschehen 2006. Im Gegensatz zu damals gibt es heute zwar auch die fast unumgänglichen Rangeleien mit der Polizei vor dem Parlament oder der Parteizentrale, aber zum einen ist die Polizei empfindlich auf Deeskalation bedacht und zum anderen sind es heute eben keine aufgewiegelten Fußballhooligans, die ihrem Unmut Luft machen.


Unter Gleichgesinnten

Spricht man mit Teilnehmern der Kundgebungen, wird eines sehr deutlich: Die generelle Unzufriedenheit mit der Regierung ist enorm, noch größer jedoch ist das Gefühl, für dumm verkauft zu werden. Und eben dagegen erheben die Demonstranten nun ihre Stimme. Sprechchöre wie „Wir kommen, um zu konsultieren“ (eine Anspielung auf die derzeit laufende Nationale Konsultation, ein per Brief versandter Fragebogen mit suggestiven Fragen, dafür aber ohne jegliche rechtliche Konsequenz) oder „Wer nicht hüpft, ist ein Gasmonteur“ (gemeint ist Lőrinc Mészáros, enger Vertrauter Viktor Orbáns und wie durch Zauberhand binnen weniger Jahre zu einer der reichsten Personen des Landes aufgestiegen) zeigen, wer heute auf die Straße geht, will eben nicht mehr mit Erfolgspropaganda bombardiert werden, während die Realität des Alltags zeigt, dass es immer mehr Menschen an immer mehr fehlt, vom Zerfall des Gesundheits- und Bildungssystems ganz zu schweigen. Ebenfalls deutlich zu spüren, ist die Befreiung, die viele Demonstranten dieser Tage empfinden. András ist Anfang 30, Arzt und auf jeder Kundgebung dabei, wenn es sein Dienstplan gestattet. Sein Gefühl zu Mittwochabend fasst er kurz zusammen: „Es tut gut, mit so vielen gleich gesinnten Menschen zu sein.“


Regierung versucht gegenzusteuern

Die Regierung und die ihr nahe stehenden Medien tun sich derweil schwer, dem immer größer werdenden Protest gehaltvoll entgegenzutreten. Allein das geflügelte Wort des „Sorossöldners“ taucht immer wieder auf. Die regierungsnahen Newsportale und Nachrichten gingen am Sonntag gar so weit, zu behaupten, dass nur deswegen so viele Menschen an der Demonstration teilgenommen hätten, weil der amerikanische Milliardär George Soros kostenlose Flugtickets zur Verfügung gestellt hätte. George Soros ist seit Jahren das liebste Feindbild insbesondere Viktor Orbáns, wird ihm doch stetig Einflussnahme auf die ungarische Politik über NGOs oder eben die von ihm gegründete CEU unterstellt. Doch mit dieser Rhetorik scheint die Regierung ins Leere zu laufen, mehr noch lieferte sie damit den Demonstranten eine weitere Steilvorlage. Auch Balázs, der zwar im Ausland arbeitet, aber nun für Ostern heimgekommen ist und dessen erster Weg in Budapest auf die Demonstration führte, lacht nur über diese Behauptung. Nein, er hätte sein Ticket selbst bezahlt. Zwar sehe er die Chancen auf einen Regierungswechsel noch immer skeptisch, „aber es ist verdammt gut, dass endlich was passiert. Jetzt gibt es endlich Hoffnung, dass sich hier doch noch etwas ändert.“

Bis in die frühen Morgenstunden hinein besetzten die Demonstranten den Verkehrsknotenpunkt Oktogon, und während zu Technobässen immer wieder „schnauzbärtige Scheiße“ skandiert wurde (eine Anspielung auf Staatspräsident János Áder, der trotz internationalem Protest und der größten Demonstration in Ungarn seit Jahren die Lex CEU trotzdem unterzeichnete), ließen sich andere Teilnehmer auf Decken nieder, vertieften sich in Gesellschaftsspiele oder Gespräche. Die Picknickstimmung hielt bis 4.30 Uhr am Morgen an, als die verbliebenen Teilnehmer beschlossen, ihre Blockade aufzulösen, um den Berufsverkehr nicht zu behindern. Friedlich und zumeist gar mit einem Lächeln auf den Lippen zogen sie von dannen. Premier Orbán, der für seine permanente Kriegsrhetorik berühmt ist und sich stetig Angriffen ausgesetzt zu fühlen scheint, wird es schwer haben, diese Protestler als Feinde der Nation zu deklarieren.

Für den kommenden Samstag ist eine erneute Kundgebung angesetzt, wie am Mittwoch wird es vermutlich parallel auch in weiteren Städten des Landes Kundgebungen geben.


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