Europas gespenstische Vergangenheit wurde durch Ungarn wieder zum Leben erweckt. Dass die Regierung in die Budaer Burg übersiedelt, erinnert stark an die Ära Horthys, die neuen Großgrundbesitzer des Fidesz an die Zeit des Feudalismus, die Attacke der Regierung gegen die CEU bereits an das Mittelalter, insbesondere an die dunkelste Zeit der Inquisition.

Die rechtsextreme Ungarische Nationale Front verbrannte vor ein paar Jahre „nur“ Bücher. Bücher von Autoren wie Radnóti, „heimatlose, dahergelaufene“ – jüdische, nicht-jüdische – Schriftsteller. Im Geiste der „Reinigung“. Die Regierung Orbán geht jetzt hier weiter. Ihr reicht die Liquidierung der Schriften nicht mehr aus, die ihres Erachtens zu verbietende Inhalte aufweisen. Jobbik-Bürgermeister Toroczkai und Ministerpräsident Orbán wollen die CEU gemeinsam dem Erdboden gleichmachen.

Vergeblich protestiert die Regierung Trump, was übrigens die ungarische Regierung völlig überraschte, vergeblich protestieren die Nobelpreisträger und die Wissenschaftler von internationalem Rang, vergeblich kommen die Stellungnahmen der ungarischen Fachgremien zum Schutz der CEU, vergeblich agiert der normale Teil der ungarischen Gesellschaft, die Fidesz-Regierung ist einfach unbeugsam. Ihrer Meinung nach ist das die Demokratie, ist das der Ruf der Zeit – und nur sie verstehen, was uns die Zeit sagen will.

Die Macht will nur Facharbeiter

Die Zeit will uns laut der Regierung mitteilen, dass das Wissen geradewegs vom Teufel stammt. Es ist nichts anderes, als die Intrige des Satans gegen die universelle Ordnung. Und die Ordnung ist zugleich die Unfehlbarkeit. Wenn die Ordnung besagt, die Erde wäre flach, dann ist sie auch flach. Wenn irgendein Dahergelaufener behauptet, dies wäre anders, dann gehört dieser auf den Scheiterhaufen. Wenn uns die wunderbare Kleinspurbahn von Felcsút nicht gefällt, dann verlängern sie sie bis ans Ende der Welt.

Denn die Ordnung ist nichts anderes als die Macht selbst. Die Macht, mit anderen Worten: die Ordnung, wird uns schon sagen, wo und was wir lehren dürfen. Die Macht wird uns sagen, was gut und was schlecht ist. Die Macht wird uns auch sagen, was schön und was hässlich ist. Die Macht sagt uns dann auch, was uns lieb ist und was nicht. Die Macht sagt uns auch, was moralisch ist und was nicht. Die Macht wird uns das auch in den Schulen unterrichten. Aber viel mehr wird sie uns nicht beibringen. Nur gerade so viel, wie auch wirklich für den Machterhalt notwendig ist. Wir brauchen Facharbeiter, nicht die vielen Tagediebe von Uni-Absolventen. Von den Facharbeitern brauchen wir Massen. Die werden schon das Maul nicht aufreißen. Eine schöne Kádár-Rede zum ersten Mai, eine schön heiser geschriene Orbán-Rede zum 20. August, heiße Würste, kaltes Bier, das wird die Verachteten schon zufriedenstellen.

Feindbilder für ein besseres Mittelalter

Jetzt, wo die Migranten ausgegangen sind, gibt es plötzlich keinen Feind mehr. Die Macht ist aber ohne einen Feind, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Sie kann so nicht existieren. Deshalb fabriziert, kreiert, erbaut und erfindet sie sich selbst einen Feind nach dem anderen. Zuerst physische, dann geistige Feinde. Wenn ihnen alle ausgegangen sind, sind die geistigen Feinde die letzten.

Für die Macht ist das Wissen der gefährlichste Gegenspieler. Im Moment stehen wir vor dieser Situation und das ist nicht gerade verheißungsvoll. Jede Macht ist endlich, und wir stehen vor der letzten Station. Es sind noch paar Dinge zu erledigen. Vor dem Zusammenbruch wird Orbán – sofern dies seinen Interessen dient – noch Lázár, Rógán, Mészáros und Vajna öffentlich bloßstellen, aber vielleicht werden sie nicht ganz so schlimm enden, wie Stalins Ex-Kameraden. (…)

Vielleicht. Aber das wird nicht mehr von der Macht abhängen. Denn nach der Logik der Macht wird auf das Verbot der kleinen Religionsgemeinschaften und auf die Regulierung und die Schließung von Universitäten genau das folgen. Die Migranten werden in Lagern entlang der Grenze untergebracht und das anti-nationale, liberal-bolschewistische Gesindel in Lagern im Inneren des Landes. Die schlechteren Ungarn werden von den guten Ungarn isoliert und weggesperrt. Und dann wird der Macht zufolge endlich Ordnung herrschen. Die mittelalterliche Ordnung wird wiederhergestellt.


Der hier wiedergegebene Kommentar erschien am 7. April auf dem Online-Portal der linksliberalen Tagesszeitung Népszava.

Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

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