Nach der Führung durch das geschichtsträchtige Museum, dessen Gebäude erst der Pfeilkreuzlerpartei von Ferenc Szálasi als Sitz und dann dem kommunistischen Sicherheitsdienst ÁVO als Gefängnis diente, war den Teilnehmern die Beklemmung deutlich anzumerken. In den 25 Räumen des Museums konnten sich die Mitglieder und Gäste des DWC ein Bild davon machen, wie die Banalität des Bösen im ungarischen Alltag des zwanzigsten Jahrhunderts allgegenwärtig war. Das bedrückende Gefühl, das die Führung bei den Teilnehmern hinterließ, bestätigte auch DWC-Vorsitzender Dr. Arne Gobert zu Beginn der Veranstaltung. Obwohl er das Haus des Terrors bereits zweimal besichtigt habe, sei es immer wieder „beklemmend, durch das Museum zu gehen“. Als Westberliner, dem ein Teil seiner Familie aus Ostdeutschland geflohen und ein anderer verschleppt worden war, habe er einen ganz persönlichen Bezug zu den Schrecken des Kommunismus und sehe das Museum mit anderen Augen.

Sechs Millionen Besucher in den 15 Jahren des Bestehens

Die Leiterin des Museums, Mária Schmidt, ging zu Beginn ihrer Einführung auf die Entstehungsgeschichte des Museums ein. Sie machte deutlich, dass nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Ende des Kommunismus, sich viele ungarische Familien die Frage stellten: „Wie gehen wir jetzt mit unserer Vergangenheit um?“. Der gesellschaftlichen Fragestellung nach der Aufarbeitung des Geschehenen, folgte in der Politik die Suche nach einem adäquaten Umgang mit den „Taten gegen das ungarische Volk“, so Schmidt. Zum einen sollten die Täter zur Rechenschaft gezogen und zum anderen, ein Weg gefunden werden, der Gesellschaft einen Ort für den Ausdruck ihrer Gefühle zu schaffen. Mit dem Haus des Terrors sei schließlich ein Ort geschaffen worden, der anhand „visueller, emotionaler und sprachlicher Mittel das Unaussprechliche deutlich macht“.

Seit der Eröffnung im Jahr 2002, am Ende der ersten Regierungszeit von Premier Viktor Orbán, hatte das Museum bereits rund sechs Millionen Besucher. Neben ungarischen Schülern und Studenten seien in den letzten Jahren vermehrt Touristen an der Geschichte des „Terrors in Ungarn“ interessiert gewesen – der Erfolg habe dem Museum recht gegeben.

Dabei habe man vor allem zu Beginn gegen die Kritik und den Widerstand von Linken kämpfen müssen, die „die Freiheit dieses Umgangs mit der Vergangenheit nicht dulden und das Haus schließen wollten“, so Schmidt. Die Angriffe hätten sich aber schließlich als beste PR-Maßnahme erwiesen, um das frisch eröffnete Museum bekannt zu machen. Die Leiterin erinnerte daran, dass an der Eröffnungsfeier 120.000 Menschen teilgenommen hatten: „Die Leute standen in einer langen Schlange vor dem Museum, einige trugen Kerzen in der Hand.“

Für viele Ungarn, die zu den Zeitzeugen des Kommunismus gehörten, sei es mit der Eröffnung des Museums möglich geworden, die traumatischen, aber Jahrzehnte totgeschwiegenen und verdrängten Ereignissen wieder lebendig werden zu lassen und so aufarbeiten zu können. Dafür seien Austausch und Dialog besonders wichtig. Die Ungarn konnten so lange nicht über die kommunistische Diktatur sprechen, dass es nun endlich an der Zeit gewesen sei, auch mittels des Museums „die Vergangenheit zu verarbeiten“. Dabei sei es sehr förderlich, dass die Ungarn generell ein großes Interesse an Geschichte haben.

„Vergangenheit kann nicht bewältigt werden“

Die Möglichkeit, der Leiterin im Anschluss an ihre Einführung Fragen zu stellen, traf auf eine große Resonanz und die dadurch entstandenen Diskussionen machten deutlich, dass Geschichtsinterpretation bei einem Großteil der Menschen ein sensibles Thema darstellt. Eine der Fragen zielte auf die Rolle der Pfeilkreuzler und Miklós Horthys ab, die im Haus des Terrors nicht im gleichen Maße thematisiert werden, wie der Kommunismus. Nur einer von 25 Räumen beschäftigt sich mit den Taten der Pfeilkreuzler. Die Leiterin des Museums erklärte dies damit, dass die Herrschaft der Pfeilkreuzler nur eine sehr kurze Zeitspanne in der ungarischen Geschichte darstellt und diese extrem-radikale, aber marginale Gruppe ohne die deutsche Besatzungsmacht nicht an die Macht gekommen wäre. Viele der Pfeilkreuzler gingen zudem in kommunistische Parteien über, es gab also eine Fluktuation zwischen den Gruppen.

Eine Frage nach dem Vorhandensein von aktuellen Vereinigungen, die sich ideologisch an den Pfeilkreuzlern orientieren, wurde von der Leiterin verneint: „Die Pfeilkreuzler haben kaum Gefolgschaft oder Anhänger in Ungarn, es interessieren sich hier kaum Leute für sie.“

Was die Rolle Horthys betreffe, so müsse es möglich gemacht werden, über seine Rolle frei reden zu können. Dass dies in Ungarn derzeit noch nicht der Fall ist, gehe auf die westlichen Großmächte zurück, die nicht wollen, dass die Frage berührt werde. Man muss aber, so Frau Schmidt, die „ganze Vergangenheit für alle Generationen“ aufarbeiten. „Ich hoffe, ab nächstem Jahr damit beginnen zu können.“

Ein weiterer Fragesteller wollte wissen, wie es um die Vergangenheitsbewältigung in Ungarn stehe und merkte an, er als Ungar habe oft den Eindruck, dass man sich in Ungarn häufig zu sehr mit der Vergangenheit beschäftige und dadurch nicht weiterkomme. Die Leiterin machte deutlich, dass sie mit dem Begriff der „Vergangenheitsbewältigung“, einem Terminus der deutschen Geschichtsschreibung vor dem Hintergrund der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen, nicht viel anfangen könne. Ihrem Verständnis nach sei es unmöglich, die Vergangenheit zu „bewältigen“, denn mit dem Geschehenen könne man kein Ende machen, man trage es immer mit. Was den zweiten Punkt angehe, dem Verweilen in der Vergangenheit – eine Eigenschaft, die den Ungarn häufig nachgesagt werde, so stimme sie damit nicht überein. Man könne weder in der Vergangenheit, noch in der Zukunft leben: „Man soll mit den Erfahrungen der Vergangenheit in der Gegenwart leben.“

Vermittlung eines modernen Geschichtsbildes

Über die Rolle der Gauck-Behörde (Anm.: Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, kurz: BStU) entfachte sich im Anschluss eine hitzige Diskussion, da bezüglich der Frage nach einer ähnlichen Institution in Ungarn, welche die Daten der ehemaligen Mitarbeiter und IMs des ungarischen Geheimdienstes aufarbeitet, kein Konsens herrscht. Frau Schmidt machte bei diesem Punkt deutlich, dass sie von dem Nutzen der Gauck-Behörde nicht überzeugt und ihr kaum ein Fall bekannt sei, in dem ein Stasi-Spitzel wirklich zur Rechenschaft gezogen worden ist.

Überhaupt sei Deutschland kein gutes Beispiel dafür, wie mit den Schrecken der Diktatur, und generell der „Schuldfrage“ umgegangen werde. Dies bestätigte auch Frank Spengler, der Leiter der hiesigen Vertretung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Seiner Meinung nach sei es bewundernswert, dass Ungarn mit dem Haus des Terrors einen Ort für die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus geschaffen habe. In Deutschland fehle leider noch immer ein ähnliches Kommunismus-Denkmal, das dieses Kapitel der gesamtdeutschen Geschichte aufarbeiten könne. „Es bleibt abzuwarten, welche Generation es schaffen wird, ein solches Denkmal zu errichten“, so Spengler.

Zum Thema Geschichtserziehung der jungen Generation betonte Frau Schmidt, dass sich das Haus des Terrors bemühe, einen pädagogischen Auftrag zu erfüllen. Vor allem anhand von Lehrerfortbildungen werde versucht, den Pädagogen das richtige Werkzeug an die Hand zu geben, um ein realistisches Geschichtsbild zu vermitteln. Eine Herausforderung dabei stellten noch immer die Schulbücher dar, die zwar schon angepasst worden sind, bei denen es aber noch immer Verbesserungsbedarf gebe. Bei der Konzeption des Museums sei es Frau Schmidt sehr wichtig gewesen, die Räume und Ausstellungsstücke für alle Altersgruppen interessant und ansprechend zu gestalten. Um dies sicherzustellen, habe unter anderem ihre eigene Tochter das Museum noch vor dessen Eröffnung besichtigt. Die positive Rückmeldung der Tochter habe die Leiterin darin bestätigt, ein modernes, erfolgreiches Konzept erarbeitet zu haben.

Die Botschaft von Frau Schmidt an die jungen Generationen, die die beiden Diktaturen des 20. Jahrhunderts nicht persönlich erlebt haben, sei es, „stolz auf die Helden zu sein, die für die Freiheit gestorben sind. Es ist gut, frei zu sein.“

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