Wer hätte je geglaubt, dass sich die zwei bedeutendsten Formationen der linken Opposition an der demagogischen Kampagne zur politischen Brandschatzung der Reichen zerstreiten werden? (…) Ferenc Gyurcsány war ein wenig angefressen, als seine einstigen Parteikollegen – insbesondere der gute „Laci Botka“ – in seine ziemlich dicke Geldbörse greifen wollten. Auf der Stelle teilte er unaufgefordert allen die unglaubliche Zahl mit, als ob er nur darauf gewartet hätte: So wurde bekannt, dass er 460 Millionen Forint [etwa 1,5 Millionen Euro] innerhalb eines Jahres an Steuern zahlte. (…) Halten wir also fest: Eine ungarische Meinungsinstanz der Linken, die sich traditionell als Chancenbereiter der gesellschaftlich Abgestürzten und – oft auch ungefragt – als Vertreter der Arbeiterschichten betrachten, trompetet ins Gesicht der Sozialisten, mit denen sie gemeinsam theoretisch eine Wahl gewinnen möchten, aber auch ins Gesicht der breiten Öffentlichkeit: „Ich bin Milliardär!“ István Nyakó, das Sprachrohr der MSZP, stellte daraufhin schnell klar, dass sehr wohl auch Gyurcsány zu zahlen hätte, wenn er reich ist. Darüber hinaus wäre gar nicht mehr der Fidesz der wahre Rivale des gescheiterten Regierungschefs, sondern mittlerweile die MSZP. Er fügte noch hinzu, der DK-Präsident wäre einer der unpopulärsten Politiker des Landes. (…)

Statt Wunderwaffe bloß ein Suizid-Gewehr mit verkehrtem Lauf

Wenn wir einmal von der – bei Weitem nicht klitzekleinen – Tatsache absehen, dass sowohl Botka als auch Nyakó Teil der Gyurcsány-Ära waren. Beide stimmten damals für die ganzen Restriktionen und standen bis zuletzt hinter Gyurcsány und später seinem Nachfolger, Gordon Bajnai. (…) Vor gar nicht so langer Zeit bezichtigte Gyurcsány seine theoretischen Partner auch noch des Verrats wegen des verabscheuenswürdigen Abkommens hinter seinem Rücken. Man konnte schon erahnen, dass daraus nicht so schnell ein „demokratisches“ Händchenhalten wird. Aber dass der neue Konflikt aufgrund der eventuellen Brandschatzung des Gyurcsány-Vermögens, dessen Basis in unklaren Zeiten der Privatisierungen mithilfe von guten postkommunistischen Beziehungen gelegt wurde, darauf hätten wir nicht zu Wetten gewagt. (…) Statt der Wunderwaffe zur Ablösung der Regierung nahmen sie erneut ein Gewehr, dessen Lauf genau in ihre Richtung zeigt. Aber es ist dennoch niederschmetternd, dass die Opposition auch weiterhin nur eine derartige, geistig nicht wirklich fordernde Leistung erbringt.

Immer größer, immer unüberschaubarer: Die Zahl der Kleinparteien

Theoretisch könnte das zur Folge haben, dass wenn die alten „Großen“ sich zu blöd anstellen, die Jungen kommen werden, die die unsicheren Wähler mit ihrer authentischen Art und ihrer Professionalität faszinieren. Aber davon kann hier nicht die Rede sein. Vergangene Woche wurden „nur“ zwei neue Parteien gegründet: György Gémesi, der Bürgermeister von Gödöllő, und sein unbekannter Kreis sowie der Verräter der Lehrerproteste, István Pukli, sahen jetzt die Zeit dafür gekommen, um ihre Segel zu spannen. Derweil gewinnt man den Eindruck, dass die Zerstörer der olympischen Träume, die Momentum-Bewegung, die scheinbar zu größeren geistigen Würfen gar nicht mehr fähig ist, fast schon in der Versenkung verschwindet. Aber auch sie bereicherten unlängst den immer größer und unüberschaubarer werdenden Kreis der Parteien. Hier stehen wir also: inmitten von Lohnerhöhungen, die in ihren Verhältnissen auf europäischer Ebene herausragend sind, inmitten einer immer stärker werdenden Bauindustrie und einer Wirtschaft, die einem schon lange nicht mehr dagewesenen Wachstum entgegenblickt, und natürlich inmitten von europäischen Diskussionen und Kämpfen, die unsere Zukunft grundlegend bestimmen werden. Und die ungarische Opposition ist nur mit sich selbst beschäftigt, während sie untereinander nur streitet – hier ist natürlich auch die Simicska-freundliche, exradikale Jobbik keine Ausnahme. Es ziehen Stürme auf, die Positionen im Parlament und in sonstigen politischen Bereichen sind begrenzt, man muss sich positionieren, man muss feilschen, ganze Politiker-Existenzen könnten davon abhängen – hui, es geht hier um viel! Da aber daraus wahrscheinlich kaum eine MSZP-Regierung hervorgehen wird, kann sich zumindest Gyurcsány beruhigen: Er muss keine Vermögenssteuer zahlen. Statt ihm und vor allem wegen ihm zahlte leider schon das ganze Land.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 21. März auf dem Online-Portal der konservativen regierungsnahen Tageszeitung Magyar Hírlap.

Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

Konversation

WEITERE AKTUELLE BEITRÄGE
PICK Deli und Gourmet im V. Bezirk

Die Gourmetkantine der Wurstfabrik

Geschrieben von Katrin Holtz

Die Salamis und Wurstspezialitäten aus dem Hause Pick lassen nicht nur in Ungarn, sondern in ganz…

Shell Beach

„In Budapest killen sie die Clubs“

Geschrieben von Andrea Ungvari

Post-Hardcore ist grundsätzlich ein Außenseiter, das will es auch sein. Die Musikrichtung, die einst…

Die Oppositionsseite / Kommentar zur Causa CEU

Uns stehen große Veränderungen bevor

Geschrieben von Zoltán Lakner

Schon vor vier Jahren war klar, dass sich die Regierung eher früher als später einmal der CEU…