Mit über 1.100 Plätzen für die Studentenschaft ist das zur Eötvös-Loránd-Universität (ELTE) gehörende Studentenwohnheim Kőrösi Csoma Sándor Kollégium, kurz KCSSK, das größte Wohnheim in Ungarn. Angesiedelt ist die Studentenunterkunft im XI. Bezirk, direkt an der Hauptstraße Budaörsi út, nicht weit entfernt vom Bahnhof und der Endhaltestelle der neuesten Metrolinie, der Station Kelenföld. Zu übersehen ist das Gebäude nicht – schon von weitem springt einem der große gelbe Klotz ins Auge. Obwohl sich das Studentenwohnheim nicht unmittelbar im Stadtzentrum der ungarischen Hauptstadt befindet, liegt hier keinesfalls der Hund begraben, denn in drei Gebäuden wohnen, lernen und feiern sowohl ungarische als auch ausländische Studenten.

Wer wohnt hier überhaupt?

Das Leben im Studentenwohnheim ist für viele eine definitiv kostengünstigere Variante zum Anmieten eines WG-Zimmers oder gar der eigenen Bude in Budapest. Doch einfach einziehen, kann man auch nicht, man muss sich schon bewerben. Eines der wichtigsten Kriterien ist dabei natürlich, dass man als Student an der ELTE eingeschrieben ist. Für ungarische Studenten, die ins Studentenwohnheim ziehen möchten, spielen daneben insbesondere die finanzielle Situation der Familie und die Entfernung vom Heimatort zur Uni eine Rolle. Doch auch ausländische Studenten, die hier ein ERASMUS-Semester absolvieren oder sogar für einen ganzen Studienabschnitt nach Budapest gekommen sind, sind im KCSSK willkommen. Rund 66 Plätze gibt es für Studenten aus aller Welt. „Momentan sind 22 verschiedene Nationalitäten vertreten“, berichtet die Zuständige für Internationales, – ziemlich multikulti also.

Die eigenen vier Wände – oder auch nicht

Wer im Studentenwohnheim einzieht, genießt einen Vorteil: Möbel schleppen, muss man hier zum Glück nicht, was bei dem elfstöckigen Gebäude auch eine Horrorvorstellung wäre. Eine Basisausstattung bestehend aus Bett, Schrank und Schreibtisch warten in jedem der Zimmer auf die Neuankömmlinge. Natürlich ist es, wenn man denn möchte, erlaubt, dem Zimmer mit den eigenen Habseligkeiten und etwas Deko eine persönliche Note zu geben – genutzt wird diese Möglichkeit jedenfalls intensiv: Auf unserer Besichtigungstour stoßen wir auf Lichterketten, Muscheln, ein selbst gemaltes Bild der kleinen Schwester und Fotos der oder des Liebsten.

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Das „A“-Gebäude ist das Größte der drei mit elf Stockwerken.

Ein eigenes Zimmer zu haben, ist im Kőrösi Csoma Sándor Kollégium allerdings eher ein Luxus und den ausländischen Gästen vorbehalten. Für alle anderen heißt es, sich zu zweit oder sogar zu dritt ein Zimmer zu teilen und das Bad eventuell noch mit der Nachbarpartei. Abschreckend? Eher Gewöhnungssache und eine gute Übung für gegenseitige Rücksichtnahme, findet Susanne. Die 21-Jährige kam vor fast sieben Monaten für ein ERASMUS-Semester nach Budapest und wohnt seitdem hier im Wohnheim. Durch das beengte Miteinander, so sagt sie, sind schon Freundschaften fürs Leben entstanden. Und wenn man mal so gar keine Lust auf Gesellschaft und einen „Lass mich bloß in Ruhe“-Moment hat? „Na dann dreht man eine Runde um den Block, geht in den hauseigenen Fitnessraum, oder bittet um ein bisschen Auszeit“, erklärt Susanne, die allerdings Glück und selbst eines der begehrten Einzelzimmer ergattert hat.

Rückzugsmöglichkeiten gibt es auch im Studentenwohnheim genügend. „Aber da jeder sowieso seinen eigenen Tagesablauf hat, und es nur wenige Stubenhocker gibt, hat man auch immer ein paar Minuten alleine, ganz für sich“, ergänzt sie noch. Spätestens freitags, wenn alle übers Wochenende heimfahren, verwandelt sich das Wohnheim in ein Geisterhotel. Noch viel ruhiger, fast schon zu ruhig, ist es in den Semesterferien, haben wir uns sagen lassen.

Gemeinsam ist man weniger allein

Sechs Klubs und eine Studentenvereinigung erleichtern das Knüpfen neuer Freundschaften ungemein und bieten gemeinsame Aktivitäten an. Keiner muss alleine sein, wenn er nicht will. Zu jedem Klub, berichtet uns Susanne, gehören ein eigener kreativ eingerichteter Raum und manchmal sogar eine eigene Küche. In diesen Räumlichkeiten wird zu Veranstaltungen wie Karnevalspartys, Cocktailabenden, Fröccs-Pong (in Anlehnung an das unter amerikanischen Collegestudenten beliebte Trinkspiel „beer pong“) und Karaoke eingeladen.

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Die Küche als Treff- und Kochpunkt für den Flur.

Zu Beginn eines jeden Herbstsemesters gibt es Einführungstage, die sogenannten „gólya napok“ (dt.: Storchentage), für die Grünlinge im Uni- und Studentenwohnheimgeschehen. Der perfekte Zeitpunkt, um neue Freunde zu finden und das neue Zuhause mitsamt den Klubs zu entdecken. Kennenlernabende, die in manchen Vereinigungen organisiert werden, gibt es auch im Frühlingssemester noch. Darüber informieren, was demnächst so im KCSSK los ist, so verrät uns Susanne, kann man sich in einer eigenen Facebook-Gruppe. Bei den verschiedenen Veranstaltungen, versichert sie uns, dreht sich aber keineswegs alles nur um Alkohol, sondern auch um Sportspaß beispielsweise auf dem Basketballplatz oder Kochabende.

„Mutti, ich verhungere nicht!“

Da wären wir auch schon beim Thema Ernährung, die ist ja bekanntlich die Sorge aller ängstlichen Mütter – kann sich das Kind denn auch im Wohnheim gesund ernähren oder wird es nur Tütenfraß geben? Doch überraschenderweise leben die Bewohner in Sachen Essen vollwertiger als gedacht, dafür sorgen vor allem die Klubs, die unter der Woche zusammen kochen und wo jeder Hungrige per Vorbestellung ein leckeres Abendessen abstauben kann. Gut, oft gibt es zwar Hamburger, Hotdogs und Nudelgerichte, doch manchmal wird auch richtig ungarisch gekocht, zum Beispiel Lángos, Langállo und Gulyás, verrät uns Susanne, die auch schon mal mitkocht.

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Gerade für die ausländischen Studenten ist das eine prima Möglichkeit, preiswert die ungarische Küche kennenzulernen. Auf die Essensangebote werde man sowohl bei Facebook als auch durch Plakate im Wohnheim aufmerksam gemacht. Mitmachen ist zwar keine Pflicht, aber so lässt man die Selbstverpfleger wenigstens wissen, dass abends ab 20 Uhr die Küche besetzt ist. „Manchmal ist es schwierig, einzuschätzen, welche Menge beim Kochen rauskommt oder es fehlt eine wichtige Zutat“, erzählt Susanne anekdotisch, „dann wird schnell gepostet und beinahe immer spielt einer der 1.100 Mitbewohner den Lebensmitteljoker oder hilft beim Essen.“

Und wenn man einfach überhaupt keine Lust zum Kochen hat? „Dann wird schnell beim Nachbarn geklopft, um den zum Essengehen zu überreden – das hat meist Erfolg“, lacht Susanne. Doch auch wer um Mitternacht ein plötzliches Verlangen nach Coca-Cola oder Túró Rudi verspürt, wird an den Kühlautomaten in der Nähe der Eingänge fündig.

„Love is in the air“

Natürlich ist es auch nicht ausgeschlossen, dass sich der eine oder andere beim gemeinsamen Gemüseschnippeln, Rühren und Verkosten im Kochklub verliebt. Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen, so auch bei einem ungarisch-bulgarischem Pärchen, das sich in der Küche kennengelernt hat. Zusammenwohnen geht übrigens auch, da werden dann einfach mal die Einzelbetten zusammengeschoben und fertig ist die erste gemeinsame „Bude“.

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Nicht nur in der Küche, sondern auch auf dem Weg von der Bushaltestelle ins Wohnheim kommen uns viele Bewohner Hand in Hand entgegen. Wie Susanne berichtet, gibt es auch Beispiele für Pärchen, die nicht nur gemeinsam den Kochlöffel schwingen und den Weg zur Uni antreten, sondern auch zusammen Wäsche waschen und zusammenlegen. Auch den Faschingskostümwettbewerb kann man als Pärchen gewinnen.

Die Musikbar – Kern des Wohnheims

Wie schon der Name sagt, kann man in diesem im Wohnheim integrierten Etablissement Musik hören und auch schon mal, gibt Susanne zu, ein günstiges Bier schlürfen. Die Bar habe aber noch so viel mehr zu bieten. Und tatsächlich – hier stehen neben einem Tischkicker, auch ein Billardtisch, Spielautomaten, Gesellschaftsspiele und ein Fernseher. Besagter Fernseher überträgt je nach Interesse Champions-League-Spiele, ungarische Castingshows oder einfach nur Musik. Natürlich finden hier und in den Nebenräumen auch Partys, sei es zum Geburtstag oder Semesterauftakt, statt. Oft gibt es dann auch einen DJ. Sogar Studentenbands treten manchmal auf. Das Beste an der Party im eigenen Zuhause? Die am meisten gehörte Antwort auf diese Frage lautet: Man kann jederzeit einfach kommen und gehen, ohne irrsinnig lange auf den Nachtbus warten zu müssen.

„Raum der offenen Tür“

Doch auch auf den Zimmern geht die Geselligkeit weiter. So ist es der Fall bei einem sympathischen jungen Studenten aus Japan. Ray lädt uns in sein Zimmer ein. Einsam ist es dort nie, berichtet er uns stolz, denn sein Zimmer sei abends der Treffpunkt von ungarischen und ausländischen Studenten. Doch auch wenn mal nur die Laufzeit von der Waschmaschine auf dem gleichen Flur überbrückt werden soll, sind Freunde stets bei Ray willkommen. Bekannt sei der „Hausherr“ auch für selbst gemachte leckere Pfannkuchen, zu denen er oft einlade.

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„Dann kann der Raum aber schon mal sehr voll werden“, sagt er mit einem Schmunzeln. Woher kennt er so viele Leute hier im Wohnheim? „Im Wesentlichen fing das Ganze beim Einzug im September mit einem Bier und einer Zigarette draußen auf der Bank an“, resümiert Ray seinen Start in Budapest. So lernte er seinen ersten ungarischen Freund kennen. Nachdem der erste Dominostein gefallen war, ging es munter weiter. Doch, wie Ray berichtet, sind es besonders Japan-Interessierte, die sich um ihn sammeln.

Irgendwann geht auch die Wohnheimzeit zu Ende…

„Der anfängliche Kostenfaktor für diese Lebensweise wird ganz schnell durch die Gemeinschaft ersetzt und das Wohnheim wird eine eigene kleine Welt“, erzählt uns Wohnheimurgestein Alexandra. Sie hat die letzten fünf Jahre hier verbracht und der Studentenvereinigung angehört. Bald wird sie ihr Studium beenden und ausziehen, dabei schaut sie mit Nostalgie auf ihre Zeit im KCSSK zurück: „Zugegeben, es ist etwas ganz besonderes, wie hier im Wohnheim, immer unter Menschen zu sein. Doch genau das ist das Abenteuer, verglichen mit Hotel Mama oder dem WG-Leben, in dem man über sich hinauswächst und so viel dazulernt.“

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Und so vermuten wir, dass es mit einem weinenden Auge geschieht, wenn die Bewohner des „gelben Klotzes“ an der Budaörsi út eines Tages wieder ihre Kisten und Koffer packen und ihres Weges ziehen. Doch auch die schönste Wohnheimzeit findet eben irgendwann ein Ende.

Kostenfaktor Studentenwohnheim

Der günstige Mietpreis ist einer der wichtigsten Gründe, warum sich vor allem ungarische, aber auch ausländische Studenten für ein Leben im Wohnheim entscheiden. Im Monat fallen hier Kosten von ... • 15.000 Forint für ungarische Studenten im Mehrbettzimmer • 40.000 / 46.000 Forint für ausländische Studenten im Zweier- bzw. Einzelzimmer ... an.

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