Dass Tausende kriegsmüder Füße es schafften, sich im stetigen Strom aus den krisenerschütterten Gebieten des Nahen Ostens und Nordafrikas einen Weg bis ins Herz Europas zu bahnen, hat für viele die Verbindlichkeit, aber auch die Sinnhaftigkeit von Grenzen infrage gestellt. Zu ihnen gehört auch Réka Lőrincz, die mit ihrer interaktiven Rauminstallation „O P E N“ versucht, die Auswirkungen von Migrationsbewegungen in einer längst schon globalisierten Welt zu visualisieren. Aus farbigem Sand fertigte sie ein filigranes Bodenmosaik, welches sich zu einer Landkarte nebst Grenzen zusammenfügt. Der Ausschnitt, über den Ausstellungsbesucher unweigerlich immer wieder auf ihrem Weg von und zu anderen Werken treten, spannt sich von Afghanistan bis in die Region Mittel- und Osteuropa. Wo anfänglich noch harte, mit dunklem Sand gezogene Grenzen zu sehen sind, verwischt der kontinuierliche Strom der Besucher bald jegliche Spur der trennenden Linien.

Judith Butler stand gedanklich Pate

Lőrincz' Werk ist eine von insgesamt neun künstlerischen Positionen, die in der Ausstellung „The Frame that blinds us“, die vergangene Woche in der Galerie Ateliers Pro Arts (A. P. A.) in Budapest eröffnet wurde, zu sehen sind. Sie alle setzen sich explizit mit der derzeitigen Flüchtlings- und Migrationskrise aus künstlerischer Sicht auseinander. Konzeptionelle Grundlage für den grenzüberschreitenden Gedankenaustausch unter der Leitung der österreichischen Kuratorin Katharina Swoboda, ihrer niederländischen Kollegin Mare van Koningsveld und des ungarischen Kurators Péter Bencze waren dabei die Essays der US-amerikanischen Philosophin und Philologin Judith Butler. In den 2009 unter dem Titel „Frames of War“ erschienenen Texten elaboriert Butler ihre Überzeugung, dass zwischen Wahrnehmung von bestimmten Personengruppen und der materiellen Realität eine Wechselwirkung besteht, die in der Politik sichtbar wird. Auch wenn Butlers Essays sich nicht direkt auf die aktuelle Flüchtlingskrise und Wertekrise in Europa beziehen, so passen sie doch auch heute wie die Faust aufs Auge.

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János Brückner und Khansa Humeidan wollen mit ihrer Multimedia-Installation „Home – You Are Not Alone“ Brücken zwischen Geflüchteten und Außenstehenden bauen.

Doch neben der Identifikation jener Wahrnehmungsmuster, die derzeit für so viel Misstrauen oder gar Ablehnung gegenüber Flüchtlingen und Migranten sorgen, versuchen viele der jungen Künstler sich dem Thema auch auf der Ebene des eigenen Erfahrungsschatzes zu nähern. So beispielsweise die beiden in Berlin wohnhaften Künstler János Brückner und Khansa Humeidan. Mit ihrer Multimedia-Installation „Home – You Are Not Alone“ wollen die beiden die Kluft zwischen jenen, die als Flüchtlinge von der Krise betroffen sind und jenen, die in die Galerie kommen, um sich Kunst über die Flüchtlingskrise anzuschauen, überbrücken. Dazu laden sie Besucher ein, sich auf allen Vieren durch den Eingang eines Zeltes in einen dunklen Raum zu begeben, um dort sowohl in auditiver als auch visueller Form eine persönliche Geschichte aus dem Gravitationsraum der Flüchtlingskrise zu erleben. Humeidan selbst stammt aus Syrien, hat an der Universität von Damaskus studiert und auch ihre Familie lebt noch dort – sie lässt die Besucher teilhaben an einer Episode in ihrem Leben, nämlich den durch die Krisenzeiten fast unmöglich gewordenen Besuch in der Heimat.

Fließende Grenzen zwischen Kunst und Aktivismus

Andere Künstler, wie der US-amerikanische Künstler Joe Joe Orangias setzen sich eher mit den politischen Dimensionen der Flüchtlingskrise auseinander. „Die Menschen, die aus Konfliktzonen im Nahen Osten und Nordafrika fliehen, brauchen dringend Plätze, wo sie sich nun niederlassen können“, kommentiert Orangias sein Werk „In Full Flow“. Die im A. P. A. ausgestellten Drucke zeigen Vergrößerungen von Fürsprachebriefen, die der Künstler an die Staatsoberhäupter der Länder Ungarn, Japan und die USA (in der jeweiligen Landessprache) geschickt hat. Darin fordert er die Verantwortlichen auf, sich für mehr Flüchtlingshilfe einzusetzen und von stigmatisierenden politischen Kampagnen abzusehen. Orangias testet damit nicht nur die Grenzen des Einflusses bürgerlichen Engagements, sondern zeigt auch auf, dass die Grenzen zwischen Kunst und politischem Aktivismus fließend sind.

Neben den oben genannten zeigt die Ausstellung auch Werke der folgenden Künstler: Azahara Cerezo (Spanien), Marta Fiserova (Tschechische Republik) Marko Markovic, Sandro Dukic sowie Branko Cerovac (Kroatien), David Reumüller (Österreich) und Kamen Stoyanov (Bulgarien).

„The Frame that blinds us“ wurde durch eine Vielzahl an Akteuren unterstützt, darunter die Steiermärkische Landesregierung, das österreichische Bundeskanzleramt und das Österreichische Kulturforum Budapest sowie die Kanadische Botschaft in Budapest.

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Zum Eröffnungsabend trugen auch zahlreiche künstlerische Performances bei: Hier die kanadische Künstlerin Rah Eleh.


„The Frame that blinds us“

noch bis zum 15. März in der Galerie A. P. A.

Budapest, VIII. Bezirk, Horánszky utca 5

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 12 bis 18 Uhr


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