Was mir nicht in den Kopf gehen will: Warum wurde dieses Attentat nicht von einem Urochsen der alten Schule verübt? Von László Kovács oder Ildikó Lendvai, eventuell Gábor Kuncze. Genau, Letztgenannter wäre doch sicher die passende Wahl gewesen. Er fühlt sich nämlich – von der Frontlinie der Tagespolitik bereits zurückgezogen – in der Rolle der allmächtigen Meinungsinstanz ganz wohl. (…)

Veteranen hätten die Olympischen Spiele unter Beschuss nehmen sollen: Sie verursachen nur Probleme, kosten eine Menge Geld. Und überhaupt: Wozu die ganze Stadt aufwühlen? Es kommen die ganzen fremden Leute her, dafür sind wir doch zu klein, wir brauchen keine Olympischen Spiele, sondern Versorgung in den Krankenhäusern, Sicherheit, gute Renten. (…) Die Ängste der älteren Generation, denen sämtliche Veränderungen widerstreben, sind irgendwo noch verständlich. Was könnte man denn darauf schon sagen? Nur so viel, dass die Olympischen Spiele unsere gemeinsame Sache sind, dass das Glück unserer Enkelkinder alle Schätze der Welt wert sind.

Momentum: die befleckte Empfängnis als linkes Zugpferd

Aber dass sich ein siebenundzwanzigjähriger junger Mann nicht einmal mehr zu träumen wagt, ist höchst verdächtig. Nehmen wir die wirtschaftlichen (das Land wird unter dieser Last zusammenbrechen) und die moralischen (die Menschen müssen befragt werden) Gesichtspunkte nicht ganz so ernst, es geht ja offensichtlich darum, dass die Bewegung, die sich auf dem Weg der Parteiwerdung befindet, die Sache der Olympischen Spiele dazu verwendet, um politisches Kapital zu schlagen. In der Hitze des Gefechts war es Momentum wohl nicht bewusst, dass die Idee an sich schon eine befleckte Empfängnis war: Mit ihrer ersten halbwegs brauchbaren Aktion spannt sie sich nämlich vor den Karren der Linken, die sich bekanntlich durch einen Treueschwur der ewigen Negation verpflichteten.

(…) Die Linken kalkulieren damit, dass sie 2024 nicht an der Macht sein werden. Im gegensätzlichen Fall würde Ferenc Gyurcsány von dieser Chance für kein Geld der Welt absehen wollen. Stellen wir uns nur einmal vor, wie er bei bei der Eröffnungsfeier die magischen Wörter vorhaspelt: „Hiermit eröffne ich die Spiele.“ Und wie wir ihn kennen, würde er auch noch das jahrhundertealte Protokoll missachten und noch ein-zwei Sätze hinzufügen, natürlich nur, um seine Bescheidenheit und Demut zu unterstreichen. Die ungarischen Linken haben sich jedoch mit der Verstärkung von Jobbik und der Momentum-Bewegung selbst auf die Verliererseite verdammt.

Das war kein faires Spiel

Es steht allerdings viel mehr auf dem Spiel. Bei der Bewerbung für 2024 ging es nicht einfach nur um 2024. Es wäre zwar sehr gewagt, das Ergebnis – neben einer weiterhin im Rennen befindlichen Bewerbung Budapests – vorauszusagen, in der Sportwelt hält sich dennoch zweifellos der Standpunkt, dass Paris der Favorit sei. In einem Wettkampf mit Paris und Los Angeles ist es aber auch keine Schande, als Dritter abzuschneiden. Und genau das ist das Wesentliche: Als Sportler sollte man nicht zwischendurch aufgeben. Denn im Jahr 2028, 2032 oder viel eher 2036, wenn Europa entsprechend des nicht ganz so streng in Stein gemeißelten Rotationsprinzips erneut an der Reihe wäre, würde der Versuch von 2024 enorm viel zählen.

In einer Frage solchen Ausmaßes kann man natürlich ein Referendum verlangen. Aber nicht in letzter Sekunde, indem man den Mehrparteien-Konsens mit Füßen tritt. So fällt man einem offen in den Rücken, denn das ist Verrat an einem unserer letzten gemeinsamen Ideale. Was kann denn der Hürdenläufer schon machen, wenn er sich zwar im Rennen befindet und das Ziel vor Augen hat, dann aber plötzlich einer unerwarteten Intrige zum Opfer fällt, indem eine Hürde unüberwindbar hoch angehoben wird? Er bremst ab und bleibt stehen. Obwohl der Regierungschef, der Oberbürgermeister und der Präsident des Ungarischen Olympischen Komitees gleichermaßen Hoffnungen in die Wiederherstellung der nationalen Einheit setzten und an der Bewerbung für die Olympischen Spiele weiterhin glaubten, mussten sie gestern einsehen, dass man nicht in den Kampf ziehen kann, wenn zu Hause das Haus brennt, denn dass würde zum Verlust unseres schwer erkämpften Prestiges führen.

Die linke Seite hatte nun wieder „den Mut“, uns „klein“ zu machen, uns um einen Traum ärmer zu machen. Lebe wohl, Olympia! Du wirst uns fehlen!


Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 23. Februar auf dem Online-Portal der konservativen Regierungszeitung Magyar Idők.

Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

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