Einer von ihnen ist der holländische Schriftsteller Jaap Scholten, der sich schon Anfang der 90er Jahre in Budapest verbliebt hat und heute die Inspiration für seine Literatur hier findet. Mit der Budapester Zeitung sprach er über „sein Budapest“, das boheme Leben, die Gebäude und Innenhöfe, die nächtlichen Spaziergänge durch die Stadt und die reiche Geschichte Ungarns. Ausserdem verrät der Schriftsteller, wo er seinen Kaffee am liebsten trinkt.


Herr Scholten, seit wann leben Sie in Budapest?

Seit 2003 lebe ich dauerhaft in Budapest. Ich war aber schon Anfang der 90er häufig hier. Meine Frau ist Halb-Ungarin, die in Deutschland und den Niederlanden aufgewachsen ist und wegen ihr kam ich damals nach Budapest. Sie bekam dann von einer englischen Anwaltskanzlei das Angebot, bei dem Aufbau eines Budapester Büros zu helfen. 2002 haben wir unser Haus in den Niederlanden verkauft und damit begonnen, hier nach einem Haus zu suchen. Unsere drei Kinder waren damals noch klein, es war also ein abenteuerliches, vielleicht sogar verantwortungsloses Unterfangen. Wir fanden schließlich ein verfallenes Haus auf dem Svábhegy, an dem über 60 Jahre lang nichts gemacht wurde. Das Haus ist aus dem Jahr 1881 und hat eine reiche Geschichte, die die jüngste Vergangenheit Ungarns widerspiegelt. Aber wie gesagt, ich war schon Anfang der 90er-Jahre häufig hier. Als ich noch ein Student an der Kunsthochschule in Rotterdam war, reiste ich mit dem Zug nach Budapest, das war zwar eine lange, aber auch eine sehr romantische Art zu reisen.


Wie war die Stimmung damals?

Das war direkt nach dem Fall des eisernen Vorhangs und das war eine aufregende Zeit in Ungarn, die Leute waren voller Energie und Hoffnung. In der Stadt roch es nach Braunkohle, all die Fassaden waren schwarz, braun oder grau und man konnte noch die Einschusslöcher an den Gebäuden sehen. Trotzdem konnte man die Hoffnung spüren, dass das Leben besser werden würde. Als ich damals häufiger zu Besuch war, habe ich eine wilde Clique kennengelernt, viele Künstler und solche, die aus ihren Heimatländern geflohen waren.

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Der Schriftsteller über seinen Umzug nach Pest: „Hier in Pest zu leben, bietet mir viel Inspiration.“ Im Hintergrund: Ein Gemälde von Ludovic Thiriez. (Foto: BZT / Nóra Halász)

Außerdem gab es hier eine Gruppe von jungen Aristokraten, die aus der ganzen Welt nach Ungarn zurückgekehrt waren. Mit ihnen haben wir uns freitags oder samstags in der Piaf Bar getroffen und uns hemmungslos betrunken. Schließlich konnte man für umgerechnet ein paar Gulden eine Flasche Champagner kaufen. Ich war zwar ein armer Student, aber hier war ich ein König. Wir hatten Anfang der 90er eine wunderbare Zeit in Budapest.


Sie haben sich also schon damals in die Stadt verliebt?

Ich habe mich erst in meine Frau verliebt, dann in Budapest und dann in Ungarn. Für mich war es hier eine ganze andere, wilde und freie Welt.


Aber Sie stammen aus den Niederlanden, also aus einem Land, das doch für seine Offenheit und seine liberale Lebensweise bekannt ist. Inwiefern war es in Ungarn freier?

Aber die Niederlande haben auch eine andere Seite, die Gesellschaft kann durchaus streng sein. Jeder weiß alles über den anderen. In Wahrheit ist das eine versteckte Klassengesellschaft und wir benehmen uns immer, als sei es nicht so. Aber es ist so. Meine holländischen Freunde zuhause waren immer sehr viel verschlossener, als die Leute hier. Hier habe ich sehr viele verschiedene Freunde. Als Fremder ist es vielleicht auch einfacher, sich mit unterschiedlichen Menschen anzufreunden. Ich mag diese Seite am Expat-Dasein. Aber vielleicht sollte man mit dem Begriff „Expat“ differenzierter umgehen. Für mich ist ein Expat eigentlich jemand, der von seiner Firma für ein paar Jahre zu einem anderen Standort geschickt wird. Ich sehe mich anders, ich bin hier, weil ich gerne hier bin und ich werde auch noch lange hier bleiben. Zumindest plane ich nicht, wieder zu gehen.


Dann haben Sie in Ungarn quasi schon Wurzeln geschlagen?

Ja, das habe ich. Die Stadt ist für mich wie eine Landkarte der Erinnerungen. All die verschiedenen Schichten und Epochen verschmelzen zu eins. Wenn ich durch die Stadt laufe, dann gibt es so viele Orte, die ich entweder mit einer persönlichen Erinnerung verbinde oder von denen ich die Geschichte kenne. Ein Haus beispielsweise, von dem ich weiß, was dort passiert ist. Und das ist die Art, mit der ich mich einer Stadt verbunden fühle. Ich kenne viele Geschichten von Städten. Ich weiß, welche Personen wo gelebt haben, oder weiß, dass dort früher ein Club stand oder kenne eine geheime Passage zu einem alten Bordell. Und dieses Wissen zu haben, gerade in Budapest, verbindet mich mit der Stadt. Und ich liebe es, durch die Stadt zu laufen.


Gibt es einen Stadtteil, den sie besonders mögen?

Nein, eigentlich nicht. Es ist wirklich nur dieses besondere Gefühl, durch die Stadt zu laufen. Budapest ist wunderschön und man fühlt sich so sicher. Wenn ich mich abends mit Freunden auf einen Drink treffe, dann genieße ich den Spaziergang nach Hause am meisten. Vielleicht ist das Treffen mit meinen Freunden nur ein Vorwand, um nach Hause spazieren zu können. In Budapest ist es ein besonderes Gefühl, diese wunderschönen Brücken zu überqueren. Drei Elemente können einer Stadt wirkliche Pracht verleihen: ein Fluss, ein Berg oder das Meer. Und Budapest hat zwei davon. Die Hügel und der breite Fluß vermitteln ein Gefühl von enormem Raum.


Sie haben eingangs von ihren Eindrücken aus der Zeit nach dem Systemwechsel und der besonderen Stimmung, die man fühlen konnte, berichtet. Bemerken Sie einen Unterschied zwischen damals und heute, bezüglich der Gesellschaft und der allgemeinen Stimmung in Ungarn?

Was die Gesellschaft betrifft, so glaube ich schon, dass sich das sehr verändert hat. Diese optimistische Einstellung, dass alles gut werden würde, dass Ungarn endlich wieder völlig zu Westeuropa gehören würde, dass der Lebensstandard steigen würde. Dass all das nicht so eingetroffen ist, das ist für die Gesellschaft eine große Enttäuschung. Manche hatten vielleicht auch zu große Erwartungen gegenüber der Zukunft. Viele Menschen fühlen sich auch von Europa zurückgewiesen, deswegen suchen sie nach neuen Ideen, an die sie glauben können. Viele davon sind natürlich Blödsinn. Mir waren diese Dinge damals nicht so bewusst, schließlich war ich in meinen 20ern, ich dachte nicht viel darüber nach. Aber heute denke ich, dass Ungarn klar zum Westen gehört. Byzanz beginnt hinter den Karpaten.

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Der erfolgreiche Schriftsteller lebt und arbeitet seit 2003 in Budapest. Vor einem Jahr ist er vom Svábhegy in die Pester Innenstadt gezogen.

Ich habe ein Buch über Siebenbürgen und seine Aristokratie geschrieben, „Comrade Baron“. Dieses Buch war eine sehr interessante Erfahrung für mich, denn als ich 2003 nach Ungarn kam, war auch ich ein arroganter Mann des Westens, der dachte, die Ungarn machten alles so ineffektiv. Während der Recherchen für das Buch, erkannte ich was in diesen Ländern, Ungarn, Rumänien und den anderen ehemaligen Ostblockstaaten, tatsächlich passiert ist. Und das hat mich verständnisvoller und empathischer gemacht. Gegenüber den Ungarn, aber auch den Rumänen, die so lange unter der Sowjet-Diktatur lebten. Das hat soviel in der Gesellschaft kaputtgemacht, denn für mich ist eine der wesentlichsten Dinge Vertrauen, und das Vertrauen der Menschen wurde zerstört. Für jemanden wie mich, der im ungetrübten Holland aufgewachsen ist, in Frieden und einer weltoffenen Gesellschaft, war es nicht immer einfach zu verstehen, was es für einen Ungarn bedeutet haben muss, unter solchen Restriktionen aufzuwachsen.


Sie erwähnten ihr Buch „Comrade Baron“, ein Buch über die siebenbürgische Aristokratie. Wie ist es angekommen?

Interessanterweise war es gerade dieses Buch, von dem ich dachte, es würde nicht auf viel Nachfrage stoßen. Es begann als sehr persönliches Projekt, aber mittlerweile wurde es in viele Sprachen übersetzt. Ins Rumänische, Französische, Ungarische und Englische. Und in den USA wird demnächst eine neue, gebundene Auflage des Buches erscheinen. Ich bin sehr glücklich darüber, dass es in England und in den USA sehr gute Kritiken erhalten hat. In den Niederlanden wurde es auch überwiegend positiv aufgenommen, wenn auch teilweise etwas politisch. Es war aber über lange Zeit Besteller mit über 30.000 Exemplaren, was für ein historisches Buch sehr selten und außergewöhnlich ist.


Wie wurde das Buch in Rumänien aufgenommen, schließlich hat das einstige Regime dort, fast den Untergang des siebenbürgischen Adels bedeutet?

Es ist erstaunlich, denn ich habe sehr viele Interviews in Rumänien gegeben und auch in einigen literarischen Fernsehshows wurde das Buch sehr positiv rezensiert. Rumänische Intellektuelle waren angetan davon und meinten, es sei wichtig, dass diese Geschichte erzählt wird. Interessant ist, dass es in Ungarn gar nicht thematisiert wurde, obwohl es sich über 3.500 Mal verkauft hat, was für Ungarn sehr gut ist.


Glauben Sie denn, dass Sie als Schriftsteller einen anderen Blick auf Budapest haben?

Als Schriftsteller lebt man immer ein wenig fernab der Realität, weil man sich abseits der Gesellschaft befindet und still beobachtet. Ich habe meine eigene Sicht auf die Realität, außerdem benutze ich meine Augen sehr intensiv, vielleicht intensiver als andere.


Und wenn Sie einmal nicht an Ihrem Schreibtisch sitzen und arbeiten, was genießen Sie am meisten an der Stadt?

Ich liebe diese Gebäude hier, die nicht renoviert sind. Sie sind wunderschön, weil man seine Träume in sie hineinprojizieren kann. Das war es auch, was ich 1991/92 so sehr geliebt habe an der Stadt, es bot soviel Raum zum Träumen. Budapest war wie ein Rohdiamant. Und wenn ich in der Stadt herumlaufe, einfach so, dann schaue ich immer in die Innenhöfe, wenn die Türen geöffnet sind. Aber diese Innenhöfe sind auch sehr traurig, sie sind der optische Beweis für das fehlende Vertrauen. Niemand vertraut dem anderen oder tut sich zusammen, um die Innenhöfe wieder in ihren früheren Glanz zu versetzen. Für mich ist Budapest eine sehr schöne Stadt, vor allem abends, wenn all die Lichter an sind. Die Ungarn haben ein gutes Gefühl für Drama und Inszenierungen. Das kann man sehen, wenn man die Kettenbrücke bei Nacht überquert. Das ist ein atemberaubender Anblick.


Und welches sind ihre Lieblingsplätze?

Ich mag das Brody Studio sehr, das ist ein ausgezeichneter Club und ich finde, die Betreiber haben großartige Arbeit geleistet. Dort genieße ich die Atmosphäre sehr, man kann seine Träume auch dort sehr gut projizieren. Schon als Kind mochte ich diese freigelegten Gebäude und das Brody Studio mit seinem ganzen Konzept ist sehr gelungen. Es ist eine wichtige Institution für Budapest, ein Ort wo sich Künstler treffen. Und es sollten viel mehr Künstler nach Budapest kommen, es ist eine so lebhafte und lebendige Stadt. Und auch eine kreative Stadt, in der die Zimmer und Wohnungen noch immer günstig sind für Künstler. In Amsterdam sind um 2 Uhr morgens alle Bars schon geschlossen, ganz im Gegensatz zu Budapest.


Wo findet man Sie, wenn sie einen Kaffee in der Stadt trinken?

Ich gehe gerne ins Massolit, ein kleines Café und Buchhandel im 7. Bezirk (Nagy Diófa utca 30). Das ist mit Abstand mein liebster Platz, um einen Kaffee zu trinken und zu lesen. Für Drinks gehe ich ins Csendes (Csendes Vintage Bar & Café, V. Bezirk, Ferenczy István utca 5). Dort trinke ich gerne meine Fröccs‘s, im Sommer auch draußen.


Haben Sie ein Lieblingsrestaurant?

Als wir noch auf dem Svábhegy gewohnt haben, sind wir sehr oft ins Déryné Bistro gegangen (I. Bezirk, Krisztina tér 3). Außerdem liebe ich das Gerlóczy (V. Bezirk, Gerlóczy utca 1) und als ich an der Central European University studiert habe, war das Café Kör (V. Bezirk, Sas utca 17) mein Favorit. Was ich jetzt gerne mag, das ist das Kiosk (V. Bezirk, Március 15. tér 4). Ich bin in dieser Hinsicht ein ziemlich praktischer Mensch und suche nach den nächstgelegenen Lokalen. Aber seit wir vor einem Jahr nach Pest gezogen sind, ist ja alles zu Fuß erreichbar.


Wieso sind Sie vom Svábhegy in die Innenstadt gezogen?

Wir haben zuvor in der Writer´s Villa gelebt, die nun ein Hotel geworden ist und von den Brody Betreibern geführt wird. Ich habe es im Sommer immer besonders geliebt, in dem Haus zu leben, es hat eine wunderbare Terrasse. Wir haben dieses Haus vor etwa 13 Jahren in mehreren Phasen renoviert und insgesamt vier Jahre daran gearbeitet, um es in den Originalzustand zu bringen. Wir konnten es dank des Architekten Bálint Medgyesy sehr detailgetreu rekonstruieren. Das Haus ist wirklich dafür gemacht, dort Gäste zu empfangen.

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Sein Bestseller „Comrade Baron“, ein Buch über die siebenbürgische Aristokratie, erhielt überwiegend positive Rezensionen und gewann internationale Buchpreise.

Es verfügt über die traditionellen drei großen Räume, die sich nebeneinander befinden: einen für die Drinks, einen für das Abendessen und einen zum Rauchen. Es gibt sieben Schlafzimmer, das heißt es können 14 Menschen auf einmal übernachten. Außerdem gibt es einen wunderschönen Wintergarten mit Fenstern, die von dem Glaskünstler Miksa Roth gestaltet wurden. Er hat auch die Fenster des Parlaments und des Gresham Palota gemacht. Wir haben 13 Jahre lang in diesem Haus gelebt und als unsere Söhne wegzogen, wurde es einfach zu groß. Meine Frau und ich reisen sehr viel und so entschieden wir uns dazu, aus der Villa auszuziehen und etwas Kleineres in der Stadt zu suchen. Und hier in Pest zu leben, bietet mir viel Inspiration. Ich arbeite gerade an einem Buch über die Osmanen, und ich habe erst kürzlich herausgefunden, dass sich in der Nähe meiner Wohnung eine riesige Moschee und ein Minarett befunden haben muss.


Sie erwähnten das Brody Studio, ein Privatclub der bei vielen internationalen Menschen in Budapest sehr beliebt ist. Sind Sie außerdem noch Mitglied in anderen Communitys? Sind Ihre Freunde hauptsächlich international oder sind auch Ungarn darunter?

Ich habe vor circa zehn Jahren den „Budapest Culture Club“ gegründet, ein Club der sich etwa vier Mal im Jahr trifft, dort gibt es Lesungen und Konzerte. Das ist ein internationaler Club, aber auch viele Ungarn sind dort, die wiederum international geprägt sind. Viele meiner Freunde sind Mitglieder im Club, aber ich habe auch einen holländischen Freundeskreis, mit dem ich mich häufig treffe. Darüber hinaus habe ich auch viele kreative Freunde aus den Niederlanden, England und Ungarn. Ich habe aber auch Ungarn in meinem Freundeskreis. Es sind also sehr viele verschiedene Freundeskreise.


Wie fühlt es sich für Sie an, Ausländer in Ungarn zu sein?

Sehr gut, das Land ist sehr gastfreundlich. Als Holländer ist es sehr bequem, da ich fast überall auf Englisch kommunizieren kann. Außerdem sind die Leute viel freundlicher zu mir, wenn ich Englisch spreche, als wenn ich mein sehr schlechtes Ungarisch anwende. Ich habe die Sprache zwar gelernt, aber wirklich nur als Anfänger. Ungarn ist ein wunderschönes Land, natürlich gibt es auch den „szomorú“ Part bei den Ungarn und diese spezielle Mentalität, die sich darin äußert, dass viele Ungarn lieber die Hintertür benutzen. Das ist ein großer Unterschied zu den Niederlanden, dort wären solche Dinge wie in Ungarn, vor allem in Sachen Korruption, nicht allgemein akzeptiert – auch wenn es darum geht, bei den Tatsachen und Fakten zu bleiben. Durch die Jahrhunderte der Besetzung Ungarns, erst durch die Habsburger und dann die Sowjets, sind die Ungarn kreativ im Umgang mit der Wahrheit geworden. Auch wenn sie das auf eine höfliche Art machen.


Hängt das auch mit der hohen Bürokratie im Land zusammen?

Ja, ich denke, das hat System. Eine autokratische Regierung möchte seine Bewohner so sehr mit ihrem Alltag und den Problemen beschäftigt halten, dass sie gar keine Zeit dazu haben, viel nachzudenken. Man macht ihnen das Leben sehr schwer, es werden auch so viele Gesetze aufgestellt, dass es einem fast unmöglich wird, nicht dagegen zu verstoßen, man bricht quasi ständig das Gesetz, man ist ständig in der schwächeren Position und in der Opposition zur Regierung. Diese kann einem den Gesetzesbruch natürlich ständig vorhalten und einen so erpressen. Es ist ein integraler Bestandteil eines autoritären Staates, das Leben der Bürger so schwierig wie möglich zu gestalten. Im Gegensatz dazu, versucht ein demokratischer Staat im besten Fall, wenn alles gut funktioniert, das Leben der Bürger so einfach wie möglich zu machen.


Spüren Sie diese alltäglichen Schwierigkeiten als Ausländer auch?

Nein, nicht wirklich, aber ich glaube ich spüre es deshalb nicht, weil ich sehr viel Glück habe. Überhaupt denke ich, dass das Leben für Ungarn häufig viel schwieriger ist, als für Ausländer. Ich liebe es wirklich, hier zu leben. Ich kann es den Holländern und auch Deutschen nur empfehlen, hier zu leben, es sollten sehr viel mehr hierher kommen. Überhaupt finde ich, dass die Holländer und die Deutschen mit den Ungarn sehr gut zusammenpassen, beziehungsweise voneinander lernen können. Die Ungarn zum Beispiel fokussieren sich sehr auf das Problem, wohingegen die Holländer sehr auf die Lösung des Problems gerichtet sind. Wir sind ein wenig oberflächlicher als die Ungarn, aber wir lösen die Probleme schneller. Denn das ist schon eine Stärke der Ungarn, dass sie zwar sehr lange, viel zu lange, über ein Problem reden, aber wenn sie dann eine Lösung gefunden haben, ist das häufig eine sehr gute Lösung. Denn all die Varianten, die schief laufen könnten, wurden schon in die Lösung miteinkalkuliert.


Was ist Ihnen in all den Jahren noch an den Ungarn aufgefallen?

Ich finde, dass sie sehr warmherzig sind. Das ist die Erfahrung, die ich gemacht habe, aber ich lebe ein sehr merkwürdiges Leben. Denn auf der einen Seite war ich immer von Bauarbeitern umgeben, da ich viel gebaut oder renoviert habe – auf der andere Seite war ich von Intellektuellen, Kreativen und Aristokraten umgeben. Das ist schon eine bemerkenswerte Kombination von Menschen, die mich umgeben haben. Ich kann also sagen, dass ich die Ungarn wirklich mag. Natürlich gibt es da ihre traurige Seite, die nicht immer einfach zu ertragen ist. Oder dass sie oft kein Gefühl für Service haben. Aber ich habe gelernt, das nicht so sehr an mich herankommen zu lassen. Als Schriftsteller lebe ich so sehr in meiner eigenen Welt, in meinem Kokon, dass ich mich davon abschotten kann.


Was würden Sie an Budapest vermissen, wenn Sie nicht mehr hier leben würden?

Interessante Frage. Für mich ist Ungarn sehr reich an Geschichten, es hat eine so dramatische und ereignisreiche Vergangenheit. Um als Ausländer dieses Land zu verstehen, habe ich viel Literatur und historische Bücher gelesen, ich kenne die ungarische Geschichte schon besser als die niederländische. Dieser Reichtum, diese Vielfalt an historischen Geschichten, das würde ich wohl vermissen. Ich versuche die verschiedenen Schichten eines Landes, seiner Geschichte und seiner Gesellschaft zu verstehen. Aus der Perspektive eines Fremden, denn ich bin ein Fremder hier. Ich genieße dieses Gefühl sehr, ein Außenseiter zu sein. Mittlerweile bin ich ja schon so lange in Ungarn, dass ich auch in den Niederlanden ein Außenseiter bin. Manchmal, wenn ich aus dem Flugzeug auf die holländische Landschaft hinabsehe, auf dieses organisierte und strukturierte Land, möchte ich am liebsten wieder umkehren. Ich bin natürlich in einer privilegierten Position als Schriftsteller, da ich meine Bücher in den Niederlanden verkaufe. Ich lebe in zwei Welten. Was ich auch sehr an Ungarn mag das ist, dass es hier noch viel Raum gibt – im Vergleich zu den Niederlanden. Selbst in der Stadt gibt es viel mehr Raum, als in niederländischen Städten, abgesehen von Rotterdam.


Sie erwähnten ihre drei Söhne, die in Ungarn aufgewachsen sind. Wie stehen sie zur ungarischen Identität?

Na ja, sie sind zu einem Viertel Ungar, aber sehr holländisch geprägt. Das war mir auch wichtig, ihre holländische Identität zu stärken. Das haben wir gemeinsam mit meiner Frau beschlossen, noch bevor wir nach Ungarn gezogen sind. Ich bin davon überzeugt, dass man in der heutigen Welt sehr international sein muss, aber gleichzeitig ist es wichtig, ein Gefühl der Zugehörigkeit zu haben. Der holländische, pragmatische und freiheitsliebende Geist ist dafür gut geeignet. Am Wochenende liefen bei uns zuhause immer die Fußballspiele der holländischen Bundesliga. Mit Ausnahme der letzten Fußball-WM, da haben wir natürlich Ungarn die Daumen gedrückt – aber nur, weil Holland nicht mit dabei war. Und Ungarn hat großartig gespielt, so ehrgeizig und mutig, ganz so wie der holländische Fußball einst war.


Zur Person:

Jaap Scholten, Jahrgang 1963, hat Industriedesign und Grafikdesign in den Niederlanden und Social Anthropology an der Central European University in Budapest studiert. Er hat sieben Bücher veröffentlicht, darunter verschiedene Sammlungen an Kurzgeschichten und drei Romane. Sein vorletztes Buch „Comrade Baron“ hat unter anderem den Libris History Preis gewonnen und ist in fünf Sprachen erschienen. Derzeit arbeitet er an neuen Projekten, darunter ein Buch über die Osmanische Zeit in Ungarn.

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