Jedes Märchen hat seine Guten und Bösen. Die Guten sind nett und helfen den Hilfsbedürftigen. Sie sehen auch äußerlich so aus, als ob sie ihren Mitmenschen und der ganzen Welt helfen wollten. Die Bösen hingegen tragen Stiefel, haben zornige Gesichter und sind immer daran, Gaunereien gegen die Guten zu begehen.
Aus den Märchen kann man lernen. Man muss es sogar. Man darf sie jedoch nicht ernst nehmen, denn die wirkliche Welt ist nicht so gestrickt und auch die Menschen sind nicht so, ja selbst die Staaten funktionieren nicht nach dem Märchen-Schema. In der Person Wladimir Putins kam ein allmächtiger Anführer einer Großmacht nach Ungarn. Er hat keine Bärentatzen, stampft nicht in Stiefeln daher und er wird auch nicht von Panzern begleitet. Er strebt etwas Bestimmtes an, denn die Anführer von Großmächten befinden sich in einem ständigen Kampf. Sie bringen die Interessen ihres Reichs mit allen möglichen Mitteln zur Geltung – mal mit Milde, mal mit Härte. Eine Ideologie kaufen jedoch nur Menschen, bei denen die Zeitmaschine ihren Geist aufgegeben hat, als sie gerade in sehr stürmischen Zeiten unterwegs waren.

Nehmen wir zur Kenntnis, dass die Sowjetunion Geschichte ist

26 Jahre sind seit dem Zerfall der Sowjetunion vergangen, und Russland hält heute genau die gleiche Ideologie hoch, wie auch die Amerikaner, die Deutschen oder die Chinesen, nämlich gar keine. Der Putinismus funktioniert in Russland, er ist jedoch in Ungarn nicht interpretierbar. Es gibt kein politisches oder wirtschaftliches Modell, das der russische Präsident verkaufen würde, die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen könnten jedoch für Ungarn und für Russland gleichermaßen von Nutzen sein. Es ist zwar legitim, Ungarn als einen vorgeschobenen Keil Russlands zu verstehen oder die Welt erneut in Blöcken zu sehen, wobei sich Ungarn den bösen Truppen anschließt, weil es den Anführer der Bösen empfängt, aber das wäre nichts anderes, als niederträchtige Boulevard-Politik oder vielleicht noch die Analyse eines übertrieben idealistischen Schöngeistes.

Sanktionen gegen Russland sind Sanktionen gegen Ungarn

Von der Warte Ungarns ist die russische Energie lebensnotwendig, das wissen alle Beteiligten. Die Verhandlungen verlaufen genau entlang dieses Themas. Die Sanktionen gegen Russland schädigen ebenso die ungarische Wirtschaft, weil es im ungarischen Interesse ist, ungarischen Produkte nach Russland zu liefern – unabhängig davon, ob dies für die westlich von Ungarn gelegenen Länder eine weniger elementare Frage ist. Jedes Jahr kann man konkret sagen, wie groß die Verluste Ungarns waren, weil bestimmte Produkte nicht nach Russland geliefert werden konnten, während im Laufe der Geschichte noch nie auch nur ein einziges Land wegen irgendwelcher Sanktionen nachgegeben hatte. Damit werden nur die Länder zu Verlierern gemacht, die auch in schwierigen Zeiten leben wollen. In dieser Situation liegt es umso mehr im Interesse Ungarns, dass man mit sämtlichen Großmächten der Welt freundschaftliche Beziehungen pflegt und gleichzeitig unter Beweist stellt, dass wir zuverlässige Partner sind.

Dynamische Zeiten erfordern dynamische Akteure

Durch den Besuch Putins erhält auch Ungarn mehr internationales Gewicht. Das Land wird auf der internationalen Bühne in den Vordergrund gestellt, was Budapest mehr strategischen Bewegungsraum verschafft. In bestimmten Kreisen wäre es sicherlich wünschenswert, dass die Europäische Union ein fester und geschlossener Granitblock ist, in dem sich nie etwas ändert, aber auch die EU hat ihre Dynamik. Ihre Verhältnisse werden von diplomatischen und politischen Prozessen geprägt. Deutschland unterhält enge Beziehungen zu Russland, man denke nur an die Ostseepipeline, oder nehmen wir nur Österreichs Bestrebungen Richtung Moskau, einfach nur aus dem Grund, weil es sich kein einziges Land leisten kann, auf nur einem Bein zu stehen. Wer Russland als Option gänzlich fallen lässt, erhält wahrscheinlich eine Menge Geld von den Rivalen Russlands.Und wenn wir den ganzen romantischen Schleier vom Treffen Viktor Orbáns mit Wladimir Putin herunterreißen, werden wir feststellen können, dass auch diese Kooperation eine dynamische ist, die wir mit einer geschickten Politik in die Dienste der Bestrebungen Ungarns stellen können. Man kann von jedem Anführer der Großmächte sagen und auch beweisen, dass wir es mit einem Feind der Menschheit zu tun haben. Sehen wir uns nur an, wie der chinesische Präsident Xi Jinping mit den Tibetern umgeht, oder Donald Trump, der entlang der Grenze zu Mexiko eine Mauer baut. Das alles soll aber bitte ihre Angelegenheit bleiben. Beschäftigen wir uns lieber damit, was für uns gut ist. Lernen wir endlich, egoistisch zu sein und niemals an Märchen zu glauben.

Der hier wiedergegebene Kommentar erschien am 3. Februar auf dem Online-Portal der konservativen Regierungszeitung Magyar Idők.
Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

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