Alles in allem hinkt Ungarn auf diesem Gebiet dem Rest Europas hinterher und erntete dafür vor knapp einem Jahr sogar eine Rüge von UN-Menschenrechtsexperten. Diese kritisierten die Regierung unter Premier Viktor Orbán für die „hinter konservativen Familienwerten versteckte Diskriminierung aus Gründen des Geschlechts“. Denn während das ungarische Grundgesetz die Gleichberechtigung von Mann und Frau garantiert, wird in der politischen Praxis recht wenig für die Stärkung der Position von Frauen getan. Ganz im Gegenteil, die Regierungskoalition aus Fidesz und KDNP zementiert Geschlechtsstereotype, die Frauen bevorzugt in die Rolle der Mutter und Hausfrau drängen.

Laut dem im Oktober vergangenen Jahres veröffentlichten Gender-Gap-Report des Weltwirtschaftsforums, der Faktoren wie die Partizipation von Frauen in Wirtschaft und Politik sowie ihren Zugang zu Bildung und Gesundheitsleistungen betrachtet, landete Ungarn daher auch nur auf Platz 101 von 144 untersuchten Nationen. Während ungarische Frauen in den Bereichen Gesundheit und Bildung ihren Landsmännern sogar geringfügig überlegen sind, bleibt insbesondere die politische Teilhabe seit Jahren auf der Strecke. Unter den Abgeordneten im ungarischen Parlament sind Frauen etwa mit lediglich zehn Prozent vertreten und unter Orbáns Ministern sucht man sogar ganz vergeblich nach Vertretern des „zarten Geschlechts“. Ebenso wenig erfreulich sieht es bei den Einkommensunterschieden aus. So verdienen erwerbstätige Frauen in Ungarn laut dem Gender-Gap-Report durchschnittlich rund 40 Prozent weniger.

Noch über 50 Jahre bis zur Gleichstellung

Das dies auch noch lange so bleiben wird, suggeriert eine Forschungsarbeit der B2B-Plattform „Expert Market“. Diese veröffentlichte kürzlich statistische Vorhersagen basierend auf Daten aus den Jahren 2007 bis 2014, laut denen Ungarn erst 2068 in der Lage sein werde, den Gender-Pay-Gap – also die Differenz des durchschnittlichen Bruttostundenverdienstes zwischen den Geschlechtern – zu schließen. Damit bildet Ungarn gemeinsam mit Portugal das Schlusslicht des insgesamt 26 europäische Staaten umschließenden Rankings. Überraschenderweise soll laut dem Ranking ausgerechnet Ungarns östlicher Nachbar, Rumänien, als erstes europäisches Land den Gender-Pay-Gap spätestens im nächsten Jahr überwunden haben.

Bei ihren Vorhersagen bezog „Expert Market“ Faktoren wie Arbeitszeit, Alter, Art der Tätigkeit und Branchenzugehörigkeit mit ein. Auch Unterschiede zwischen Angestellten im öffentlichen Dienst und der Privatwirtschaft wurden berücksichtigt, wobei sich zeigte, dass geschlechtsspezifische Einkommensunterschiede in Ungarns öffentlichen Dienst bereits 2030 der Vergangenheit angehören könnten. Vorreiter ist laut „Expert Market“ heute schon die ungarische Energiebranche, hier soll sich der Gender-Pay-Gap bereits 2019 schließen.

Natürlich sind die Vorhersagen mit Vorsicht zu genießen, beruhen sie doch allein auf den Trends der letzten Jahre. Ob es nun tatsächlich noch ein weiteres halbes Jahrhundert dauern wird, bis werktätige Frauen und Männer im Durchschnitt auf ein ähnliches Einkommen blicken können, liegt zum einen in der Hand der ungarischen Regierung, zum anderen aber auch in der Hand der ungarischen Frauen, die ruhig tatkräftiger für ihre Rechte in der Gesellschaft kämpfen könnten.

Weitere Informationen zu den Forschungsergebnissen der Expert-Market-Gruppe finden Sie unter www.expertmarket.co.uk/focus/closing-eu-gender-pay....

Alle Daten des Gender-Gap-Report sind unter www.reports.weforum.org/global-gender-gap-report-2... einsehbar.

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