Als die Momentum-Bewegung (abgekürzt MoMo) auftauchte, schoss mir der Gedanke der Beherrschung des Augenblicks in den Kopf. Schon wieder haben sich irgendwelche Leute irgendetwas hinter heruntergelassenen Jalousien in qualmendem Zigarettenrauch ausgeklügelt. Jetzt beherrschen sie den Augenblick (den Moment), indem sie ein paar „unverdorbene“ junge Menschen vor sich hintreiben, die in der ersten Runde nur keine Olympischen Spiele haben wollen, in der zweiten Runde aber schon die ganze gegenwärtige politische Elite in die Rente schicken möchten. Natürlich auch von dieser Elite hauptsächlich den potenten Teil auf der Regierungsbank.

Es ist ein verräterischer Zug, dass mit der anti-olympischen Unterschriftensammlung zur Volksabstimmung auch gleichzeitig der Bund Alter Demokraten seine Flagge hisste. Schon bei seiner Namenswahl kommt eine eindeutige Anti-Fidesz-Linie zum Vorschein: eine Verunglimpfung des Bundes Junger Demokraten (so heißt der Name der Regierungspartei Fidesz ausgesprochen). Alte Hasen werden wohl kaum solch fatale Zufälle durchgehen lassen. Jetzt haben sich die Spindoktoren ausgedacht, dass sie die Regierungspartei mangels besseren Wissens in die Generationenzange nehmen werden. Es geht um eine Art Neo-KISZ (früherer Kommunistischer Jugendbund; selbst die Altersgrenze von 35 stimmt!) und eine oppositionelle Rentner-Partei beziehungsweise um eine verdeckte Operation.

Bewegte Zeiten mit ahnungslosen, lauten Gestalten

Im zerzausten Linksblock kann dies mindestens genauso viel Unruhe stiften, wie auf der massiveren Regierungsseite. Statistisch gesehen kann man die Wählerstimmen der jungen Leute mindestens genauso geschickt umlenken, wie jene der älteren. Auf den Internetforen wurden sogleich Theorien geboren, dass sich hinter den Formationen, die aus dem Nichts aufgetaucht sind und für die Wahlen 2018 bereits in Schlange stehen, gar nicht die formalen Oppositionskräfte verstecken, sondern vielmehr verschleierte liberale Interessen oder sogar abtrünnige Fidesz-Gestalten. An eine spontane Organisierung glauben dem Anschein nach eher wenige.

Die Demokratie ist natürlich nur dann schön, wenn sie in Bewegung ist und für die kontinuierliche Erneuerung bereit steht: Dem ist wahrscheinlich auch zuzuschreiben, dass die MoMo (über deren Namenswahl MoMa-Parteivorsitzender, der ehemalige MSZP-Finanzminister und EU-Parlamentsabgeordnete, Lajos Bokros bestimmt ein wenig verärgert sein muss) in den linksliberalen und scheinkonservativen Medien eine derart stürmische Tournee hingelegt hat, wie wir es zuletzt nur beim ehemaligen SZDSZ-Spitzenpolitiker Gábor Kuncze während des organisierten Aufbaus seiner von Null gestarteten Partei beobachten konnten.

Der neue jugendliche Anführer (dessen Namen ich hier nicht populär machen werde, weil sowieso nur sein lokaler Wert ausschlaggebend ist) klopft Standardsprüche, sein Programm und dessen Verbreitung zeugen von einer starken Orientierungslosigkeit im öffentlichen Leben, manchmal sogar von einer schmerzhaften Unwissenheit. Ab und zu erscheint eine junge Dame an seiner Seite, was vielleicht an das letzte Parteigründungsexperiment LMP und ihr Ko-Vorsitzendenmodell erinnern soll.

„Wir sind dagegen!“ als Programm der nicht allzu weit gefallenen Äpfel

Die Generationen halten bereits enge Tuchfühlung, die politische Verjüngung ist eine Existenzfrage – und doch bin ich irgendwie mies gelaunt, dass diese Möglichkeit von öffentlichem Interesse auf diese Weise ausartet. Vor allem deshalb, weil ich den Schwung vermisse, der zum Beispiel beim Fidesz zur Zeit der „Schlacht bei der Kettenbrücke” – kurz vor der politischen Wende –, bei der Batthyány-Statue oder am Heldenplatz stark präsent war; und dieses anti-olympische Debüt ist schlichtweg eine Enttäuschung.

Sie verheimlichen es ja noch nicht einmal: Das eröffnete Feuer auf die Ausrichtung der olympischen Spiele ist bloß ein Vorwand für sie, so eine Art politisches Sprungbrett, denn ihr wahres Ziel ist in Wirklichkeit die Übernahme der großen politischen Macht. („Auch wir schauen gerne die Olympischen Spiele“, so lautet einer ihrer verräterischen Sätze. Von Sport oder irgendeiner schöpferischen Tätigkeit fällt kein Wort, nur lauter passive Dinge: am ehesten in Form der Neuverteilung der vorhandenen Gelder.) Sie nehmen das Ganze natürlich auch gar nicht ernst: Die MoMo tat im Laufe ihrer anderthalbjährigen Geschichte rein gar nichts.

Für ihre Anti-Olympia-Unterschriftensammlung sind aber plötzlich Gelder und 600 Aktivisten da. Dem Image schadete sehr viel, dass MSZP-Politberater Viktor Szigetvári sofort seine Hilfe angeboten hatte – als ob die Unruhestifterei und die paar Tausend gestohlenen Wählerstimmen nicht schon genug wären. Die Mitglieder der Bewegung definieren sich als die Waisen der Politik, aber in ihren Reihen befinden sich auch die gut situierten Elite-Kinder des brachial gescheiterten Bundes der Freien Demokraten (SZDSZ): Sie könnten also auch die Waisenkinder der ehemaligen liberalen Regierungspartei sein.

Der damals an die Regierung gekommene SZDSZ hatte als eine seiner ersten Amtshandlungen die geplante Budapester Weltausstellung unter Beschuss genommen. Die „verwaisten“ Kinder wollen jetzt wohl ihren Eltern hinsichtlich der Olympischen Spiele nacheifern. Nur, damit bloß nichts zustande kommt und sich nur ja keine Veränderung ergibt! Geben wir nur alles aus, was wir haben, beherrschen wir den vergänglichen Augenblick und verschwinden wir dann spurlos von dieser Welt, genau wie es auch der SZDSZ tat. Wenn diese Sichtweise wieder an die Macht käme, würden jedoch ganz sicher erneut diejenigen, die etwas bewegen möchten, zu Waisen der Politik.

Der hier wiedergegebene Kommentar erschien am 21. Januar auf dem Online-Portal der konservativen Regierungszeitung Magyar Idők.

Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

Konversation

ÄHNLICHE BEITRÄGE
Parlament startet in den Herbst

Absurde Behauptungen, schwachsinnige Argumente

Geschrieben von BZ heute

Wenn es Arbeit gibt, ist alles gegeben, sagte Ministerpräsident Viktor Orbán in seiner Ansprache zum…

Die Letzte Seite: Urheberrechtsvorstoß der EU

Memes ade?

Geschrieben von EKG

Am Mittwoch stimmten die Abgeordneten des Europäischen Parlamentes über eine neue…

15. Jameson CineFest in Miskolc

Starkes Programm zur Jubiläumsedition

Geschrieben von Katrin Holtz

Ab heute dreht sich in der nordungarischen Stadt Miskolc erneut alles rund um das Thema Film. Zum…