Orbán und Konsorten erklärten allen, die nicht sie selbst sind, den totalen Krieg; gegen jeden, der Kritik gegen sie aussprechen könnte, gegen alles, was demokratisch ist und gegen die illiberale Diktatur gerichtet ist beziehungsweise Hindernisse in den Weg ihrer vollkommenen Verwirklichung legt, gegen alles und jeden, das/der noch einigermaßen frei und unabhängig vom immer aggressiver werdenden Einfluss der Orbán-Diktatur ist.

Dem verlieh der Fidesz-Fraktionsvize Szilárd Németh in den vergangenen Tagen eine Stimme, als er – im Sinne des Schlachtrufs „Ergreifet die Schwerter!“ – die Auflösung, das „Hinauskehren“ und die vollkommene Ausrottung der Zivilorganisationen (NGOs) aus dem öffentlichen Leben als Regierungsprogramm ankündigte. Es soll allerdings niemanden täuschen, dass er zwei Tage später versuchte, seinem ursprünglichen Standpunkt einen Feinschliff zu verleihen, als er ergänzte, er hätte vielleicht etwas gröber formuliert als es notwendig war, aber inhaltlich und im Wesentlichen hätte sich seine Meinung nicht geändert. Sprich: Er log, als er zurückruderte und sagte die Wahrheit, als er Dampf abließ.

Aber warum hätte er denn das Gesagte zurücknehmen sollen, wenn auch diese Ankündigung als ein Teil des seit Jahren laufenden System-Umgestaltungsprozesses oder als eine Art Abschlussprogramm dessen verlautbart wurde?

Der Plan wird schon seit Jahren öffentlich umgesetzt

Die Konsequenz kann man voraussehen. Bis dieses Großreinemachen beendet sein wird, wird ein prägender und tragischer Prozess der jüngsten Geschichte Ungarns abgeschlossen: der Totale Ausbau der Orbán-Diktatur. Die echte Tragödie, der wirkliche bittere Kelch folgt jedoch erst danach, nämlich in der Zeit der Enttäuschung und der späten Bewusstwerdung.

Die vollständig ausgebaute Orbán-Diktatur wird nämlich keinen Begünstigten haben. Eine Ausnahme bilden die Handvoll Leute, die hemmungslos rauben, sich bereichern, alle möglichen Straftaten begehen und dabei doch stets ungestraft davonkommen – zumindest solange sie dem Anführer gegenüber loyal sind und der orbánschen Willkür vorbehaltlos dienen. Aber über sie hinaus wird diese Diktatur keinen einzigen Begünstigten haben, so wie auch keine andere Diktatur und kein anderes Willkürsystem je einen Begünstigten haben werden.

Diejenigen, die jetzt den Diktator mit ihren Wählerstimmen und ihrer Schwärmerei dabei unterstützen, dass dieser seine Macht ausbaut, werden nicht die Begünstigten dieser Macht sein, sondern ihre Sklaven. Jetzt beklatschen und bejubeln sie noch freiwillig (zumindest glauben sie das möglicherweise) einen zum Raubtier verkommenen Politiker, aber später werden sie obligatorisch klatschen und ihren Mund halten müssen (auch wenn sie in der Zwischenzeit die bittere Wahrheit mitbekommen haben sollten), sie müssen dann alles, was sie haben, dieser Herrschaft überlassen und von ihr (alles Mögliche) erdulden. Jetzt wird noch um die Unterstützung und Loyalität der Wähler und Sympathisanten außerhalb des engsten Kreises gerungen, nie realisierbare Versprechen werden gemacht und der zur sinnlichen Freiheit erwachsene, nationalistisch genährte Hass auf gewaltsam ins Fadenkreuz gestellte (Schein-)feinde genährt. Dann werden die vorbehaltlose Loyalität, das stillschweigend zugestandene Einverständnis, die lauten Ovationen (das nationale Glücksgefühl) nicht mehr beliebig wählbare Möglichkeiten sein, sondern sie werden verpflichtend, und zwar auf jener schmal geschnittenen und einzigen Spur der Gedanken, Gefühle und Taten, die der Diktator seinen Untertanen vorgibt.

Die Freiheit des Sklaven

Der Sklave ist keine selbstständige Person, sondern ein bloßes identitätsloses Etwas, dessen einzige Daseinsberechtigung darin besteht, dass er dient. Die Freiheit des Sklaven kann nicht durch seine Dienste ausgelöst werden, weil der Dienst für alle Ewigkeit gilt. So, wie auch Orbán dem ewigen Dasein entgegenblickt und auch seine Herrschaft auf die Ewigkeit und auf das Ausschließliche ausgerichtet ist.

Der Countdown hat begonnen. Als sicher gilt auf jeden Fall, dass nach 2018 – nach der Inthronisation Orbáns und seiner Macht (dessen spektakuläre Manifestation darin bestehen wird, dass Orbán in der königlichen Burg feierlich seinen Platz einnimmt) – diese Macht mit demokratischen Mitteln nicht mehr zu stürzen sein wird, und zwar deshalb, weil ab 2018, wenn Orbán an die Macht kommt (und es spricht ja alles dafür), er das gesamte Institutionensystem der Demokratie in Ungarn abschaffen wird; die Demokratie wird dann endgültig zu Grabe getragen.

Die Sehnsucht nach Freiheit

Die Freiheit oder nur die bloße Sehnsucht nach ihr beziehungsweise der bloße Gedanke daran werden nach 2018 verboten, für gesetzwidrig erklärt, verfolgt und strafbar gemacht. Heute werden diese Gedanken noch oft und gerne ausgesprochen, aber vergeblich. Heute gelten diese Drohungen noch als übertrieben und werden als Schwarzmalerei abgestempelt, die den Trollen nur Raum für antiliberales Geschwätz geben. Bis 2018.

Danach kommt allerdings die Wahrheit, die für uns alle gültige bittere Wahrheit. Dann traut sich keiner mehr, darüber zu reden. Und wenn sich doch noch jemand findet, wird dieser von der Diktatur für sein Leben gebrandmarkt. Von der Diktatur, in der sich dieses unglückliche Ungarn mit seinem tragischen Schicksal – nach der hoffnungsfrohen politischen Wende – selbst ertränkt. Das Land, auf das wir weder zusammen, noch als Einzelpersonen gut genug aufgepasst haben.

Der hier in Auszügen wiedergegebene Kommentar erschien am 15. Januar auf dem Online-Portal der liberalen Wochenzeitung Magyar Narancs.

Aus dem Ungarischen von Dávid Huszti

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