Wie der Meteorologische Dienst bekannt gab, wurde am Sonntagmorgen sogar der Kälterekord gebrochen: In Tésa, im Börzsöny-Gebirge, wurden -28,1 Grad Celsius gemessen. Am kältesten war es an diesem Tag bislang im Jahr 1985. Damals wurden in Nógrád, im Komitat Romhány, bitterkalte -26,5 Grad Celsius verzeichnet. In der Hauptstadt Budapest war es am selben Tag zuletzt vor 22 Jahren so kalt, immerhin -18,5 Grad Celsius.

Herausforderung für die Energieversorgung

Die Kälte und der Frost haben diese Woche in Ungarn ganze Arbeit geleistet: Im Komitat Nógrád hatte der Meteorologische Dienst für Sonntag die höchste Warnstufe verhängt. In Enying, unweit des Balatons, blieben am Samstagmorgen mehrere tausend Haushalte ohne Strom; der regionale Stromversorger stellte die Leitung nach wenigen Stunden jedoch wieder her. An der Autobahn M7 bei Polgárdi sowie in sechs Dörfern im Nordosten des Landes kam es zu Stromausfällen wegen gerissener Hochspannungsleitungen. Am Sonntagmorgen fiel die Fernwärmeversorgung in knapp 700 Wohnungen sowie in öffentlichen Einrichtungen der Komitatshauptstadt Salgótarján aus; der örtliche Versorger stellte die Versorgung bis zum Abend wieder her.

Die Obdachlosenheime sind erstmals landesweit zu 100 Prozent ausgelastet, trotzdem nehmen die Heime auch Person auf, die durch die außergewöhnliche Kälte gefährdet sein könnten. Im Winter sind die Obdachlosenheime in der Lage, circa 11.000 Menschen aufzunehmen, darüber hinaus können die Aufwärmstellen tagsüber etwa 8.000 Menschen versorgen. Insgesamt 83 Straßendienste im Land betreuen obdachlose Menschen, die sie im Rhythmus von wenigen Stunden aufsuchen und mit warmen Getränken und Lebensmitteln versorgen. Doch nicht nur die staatlichen Institutionen kümmern sich um die Menschen, die unter der extremen Kälte am stärksten zu leiden haben. In einer bisher noch nie dagewesenen Welle der Solidarität tragen vor allem in Budapest verschiedene zivile Organisationen und engagierte Bürger dazu bei, denen zu helfen, die nicht über ein warmes Zuhause verfügen. Mehr zu den verschiedenen Hilfsaktionen und dem Engagement für Obdachlose, lesen Sie auf den Seiten 30 bis 33.

Eine Kälte, die niemanden kalt lässt

Doch trotz der enormen Hilfswelle seitens des Staates und der Bürger, hat die extreme Kälte in Ungarn schon ihren Tribut gefordert: vor wenigen Tagen wurde im XIV. Bezirk von Budapest ein Paar gefunden, das nachts im Schlaf erfroren war. Seit Beginn des Herbstes bis Ende Dezember sind in Ungarn mehr als 80 Menschen erfroren, darunter 27 in ihren eigenen Wohnungen. Viele Haushalte können sich die derzeit steigenden Kosten für die Beheizung nicht leisten. Die sibirische Kälte lässt hierzulande niemanden kalt. Sorgen machen sich die Menschen auch darüber, ob die Energieversorgung gesichert ist. Auf einer Pressekonferenz am Dienstag versicherte András Aradszki, Staatssekretär im Entwicklungsministerium, dass die Energieversorgung Ungarns auch in der extremen Kälte gesichert sei. In den Speichern befinde sich zudem ausreichend Gas und auch die ungarische Erzeugung sowie die Importe gewährleisten die Versorgung.

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Atemberaubender Anblick: Noch ist die Donau nicht komplett zugefroren, wird aber zu 60% von den Eisschollen bedeckt. (BZT-Foto: Nóra Halász)

Infolge der außerordentlichen Minustemperaturen steigt der Energiebedarf, der Gasverbrauch liegt derzeit bei täglich 87 Millionen Kubikmetern, das ist das Doppelte des Jahresdurchschnitts. Der Januar ist ohnehin der kälteste Wintermonat, doch seit dem 7. Januar hat die Kältewelle Verbrauchswerte wie zuletzt 2012 herbeigeführt. Sollte die Rekordkälte noch länger anhalten, könnte zusätzlich der strategische Gasspeicher geöffnet werden. Die konservative Tageszeitung Magyar Nemzet berichtete hingegen, dass die gewerblichen Gasspeicher – sollte der Verbrauch so hoch bleiben wie momentan – schon Mitte Februar leer sein würden. Die Gasspeicher mit Gesamtkapazitäten von 4,3 Milliarden Kubikmetern sind aktuell zu weniger als 19 Prozent gefüllt. Aradszki betonte derweil, die Regierung habe vorausschauend gehandelt, als sie ab 2013 in drei Schritten die Energiepreise um 25 Prozent senkte. Seit Beginn der Wohnnebenkostensenkung habe die Bevölkerung insgesamt 910 Milliarden Forint eingespart. Vor 2010 hätten die Versorgungsunternehmen Extraprofite in Höhe von ca. 1.000 Milliarden Forint außer Landes gebracht, dieses Geld sei den ungarischen Bürgern nunmehr zurückgegeben worden.

Die schönen Seiten der Kälte

Dass die sibirischen Zustände in Ungarn auch schöne Seiten mit sich bringen, das beweist der atemberaubende Anblick der gefrorenen Seen und treibenden Eisschollen auf der Donau. Vor allem die Eisschicht auf dem Balaton sorgt für besondere Naturerscheinungen. An vielen Stellen sei das Eis gebrochen, Eisscholen seien aufeinander geschoben worden und hätten so seltene und schöne Gebilde geformt.

Viele Ungarn machen derzeit aus der Not eine Tugend und nutzen die gefrorenen Eisdecken der Seen zum Schlittschuhlaufen. Zwar ist dies nicht überall gestattet und auch große Warnschilder weisen auf die Gefahr hin, dass die Eisschicht brechen könne. Dennoch lassen sich viele Wintersportfreunde nicht davon abhalten, bei strahlendem Sonnenschein der Kälte des Beste abzugewinnen. Während der Balaton wegen starker Winde weiterhin gefährdet bleibt und das Betreten der 4 bis 6 Zentimeter dicken Eisschicht untersagt ist, wurde der Popstrand Agárd am Velence-See am Samstagmorgen offiziell zum Schlittschuhlaufen freigegeben. Auch der Omszker See im Budapester Vorort Budakalász zieht derzeit viele Schlittschuhläufer an. Und wer vom Wintersport gar nicht genug bekommen kann, dafür aber nicht zu weit fahren möchte: auch in Ungarn kann man Skifahren. Die bekannteste Skipiste Ungarns befinden sich in Eplény, nur 120 Kilometer von Budapest entfernt. Noch näher an der Hauptstadt liegt die 860 Meter lange Skipiste von Dobogókő, nur 39 Kilometer entfernt.

Was auch immer Sie der Kälte persönlich abgewinnen können, vergessen Sie Ihre Mütze und den Schal nicht zu Hause. Denn auch wenn die Meteorologen Entwarnung geben und es in Ungarn schon wieder Plusgrade gibt – der Winter ist noch lange nicht vorbei. Eine kleine Weisheit zum Schluss: Wer sich wiederholt der Kälte aussetzt, verträgt diese besser.

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