Daran sollten sich auch andere ein Beispiel nehmen: Etwa die öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsender. Denn, auch wenn nicht darüber gesprochen wird, so tragen doch gerade sie in den deutschsprachigen Ländern zu einer wachsenden Radikalisierung bei, und zwar über die nicht enden wollenden Talk-Shows zu Themen wie Islam, Islamismus, Terror und Flüchtlingskrise. Wer hier zuschaut, stellt sich schon lange die Frage: Wird in diesen Sendungen tatsächlich noch ernsthaft debattiert oder nicht doch eher ganz bewusst und absichtlich oberflächlich polemisiert und darüber dann auch radikalisiert?

„Mangelnder Anstand als Sendungskonzept“

Beispiel Nummer 1: der RTL Talk „der heiße Stuhl“ im Dezember des vergangenen Jahres. Da kam es zu einem Eklat, den selbst die Wochenzeitschrift Der Spiegel gebührend kommentierte. Unter dem Titel „Mangelnder Anstand als Sendungskonzept“ wurden hier die rüpelhaften Zuschauer kritisiert, die eben nicht wie vorgesehen gegen den Ehrengast Thilo Sarrazin, sondern gegen die Muslima Khola Maryam Hübsch wetterten und sie mit unflätigen Rufen wie „Aufhören!“ und „Raus!“ zum Schweigen brachten.

Beispiel Nummer 2: der Talk im Hangar im österreichischen ServusTV. Hier kam es am 23. Dezember ebenfalls zum Eklat, da der Moderator Michael Fleischhacker dem „islam-kritischen“ Politologen Christian Zeitz ganz demokratisch androhte, das Mikrofon abzustellen, weil dieser, da er zu bestimmten Fragen nicht wirklich zu Wort kam, der muslimischen Religionslehrerin immer wieder ins Wort fiel.

Die Teilnehmer solcher Debatten sind in der Regel Journalisten, Religionslehrer, Politiker, Ökonomen, Nahost-Experten und sogar Schauspieler oder Schriftsteller. Solche Debatten finden übrigens nicht nur in deutschsprachigen Ländern statt, sondern auch in Ungarn. Etwa wenn der bekannte Moderator und Schriftsteller András Kepes mit Alinda Veiszer im HírTV gerne lange und ausführlich über den Islam und seine Radikalisierung spricht.

Natürlich hat man als Zuschauer dann irgendwann einmal die Nase voll von der immer gleichen Inkompetenz, sowohl von rechts, als auch von links. Das macht wütend und irgendwann ist es bis zum Verzweiflungsschrei „Aufhören“ dann auch nicht mehr weit.

Was passiert da eigentlich?

In der Diskussion beim heißen Stuhl wurden zwei Thesen vertreten. Die These von Thilo Sarrazin: Mit den Muslimen kommt mehr sexuelle Gewalt ins Land. Und die These seiner Kontrahentin, Khola Maryam Hübsch: Gewalt ist kein kulturelles Problem. Leider nutzen weder die eine noch die andere These einer adäquaten Analyse der Massenvergewaltigungen in Köln. Laut Frau Hübsch wird in Deutschland alle 10 Minuten eine Frau vergewaltigt und insofern besteht da kein Unterschied zu den Vergewaltigungen am Kölner Dom. Man versteht zwar nicht recht, was das eine mit dem anderen zu tun hat, aber das ist in diesem Moment auch gleichgültig.

Nach Thilo Sarrazin sind vor allem Muslime, die ohne Frauen hierherkommen, potentielle Vergewaltiger. Nun, sicherlich ist das muslimische Frauenbild, das hier auf eine extreme Freizügigkeit stößt, mit verantwortlich für die Geschehnisse in dieser Nacht, trotzdem predigt auch der Islam keine Vergewaltigungen. Meist kommen dann noch irgendwelche angeblichen „wissenschaftlichen“ Daten zur sozialen Not der Migranten hinzu oder aber etwas nettes über die Aufklärung. Schließlich wird noch darauf bestanden, dass die katholische Kirche einst auch nicht besser war, als der heutige radikale Islamismus und dann ist in der Regel auch schon Schluss.

Diskutierende Thesenwerfer

Und genau hier liegt das Problem: In diesen Arenen der Wortgefechte diskutieren keine Spezialisten, sondern Thesenwerfer. Mögen all diese Leute auf ihren Gebieten noch so kompetent sein wie sie wollen, in Fragen der Komplexität der muslimischen Religion sind sie inkompetent und man fragt sich wirklich, warum diese Leute und nicht eher wirkliche Spezialisten eingeladen werden.

Denn ganz gleich wie interessant im Fernsehsender ServusTV die Analysen der Nahost-Expertin Karin Kneissl zu Fragen der Integrationspolitik und des Nahostkonfliktes auch sein mögen, Frau Kneissl ist keine Expertin für islamische Theologie. Frau Khola Maryam Hübsch mag selbst eine engagierte Muslima sein, aber sie ist eben keine Expertin für Fragen der Integrationspolitik. Herr Kepes ist sicherlich durch ganz Nordafrika gereist, aber deshalb kennt er noch lange nicht alle Ecken und Winkel dieser Kulturen. Und wenn eine islamische Religionslehrerin, wie im ServusTV, behauptet, der Koran wäre bis heute nicht richtig übersetzt worden und man lehre den armen Muslimen etwas „Falsches“ auf Türkisch, dann sagt sie nur die halbe Wahrheit.

Das klassische Arabisch ist keine außerirdische Geheimsprache und es gibt seit Jahrzehnten sehr gute deutsche, wie auch türkische Übersetzungen auf dem Markt, die von den jeweiligen theologischen Fakultäten oder den Instituten für Islamwissenschaften herausgegeben wurden und die sich jeder kaufen kann.

Doch trotz all dieser Widersprüche sind die Fernsehanstalten voll von solchen Talkrunden. Über solche gebetsmühlenartigen Wiederholungen halbwahrer und inkompetenter Aussagen kommt es dann zu einer redundanten und hochexplosiven Polarisierung, meist schon während der Sendungen, was an die Zuschauer und darüber hinaus auch an die Gesellschaft weitergegeben wird.

Es nutzt nämlich nichts, wenn Muslimas, die durch ihre Kopfbedeckungen zeigen, dass sie dem konservativen Islam angehören, davon reden, wie tolerant ihre Religion sei. Wie tolerant es ist, gläubige Frauen zu verpflichten, eine Kopfbedeckung zu tragen, muss erst einmal ausdiskutiert werden. Es nutzt nichts, ständig erzählt zu bekommen, der „Jihad“ würde ja eigentlich falsch interpretiert werden und bedeute in Wirklichkeit etwas „ganz Anderes“, wenn am nächsten Tag mit Bezug auf eben diesen Jihad wieder Menschen getötet werden. Diese sinnlosen Präsentationen von netten Muslimen und Muslimas und deren Reproduzierung von leeren Worthülsen, verärgern die meisten Bürger nur, weil sie verständlicherweise den Eindruck bekommen, dass sie für dumm verkauft werden.

Modernisierung des Korans

Was also wäre der bessere Ansatz? Etwa eine ehrliche und mutige Diskussion darüber, wie der Islam tatsächlich europäisch werden könnte. Denn wer fördern will, muss auch fordern dürfen, was nicht nur die deutschen Sprachkenntnisse betrifft. Es gibt genügend Islamwissenschaftler und islamische Theologen, die genau sagen könnten, welche Stellen im Koran nicht mit der europäischen Vorstellung von einer freien Gesellschaft übereinstimmen. Stellen, die gestrichen, umgeschrieben oder durch moderne Kommentare historisch relativiert werden könnten.

Das hat es im jüdischen Talmud in Bezug auf bestimmte Textpassagen über Mischehen und auch im christlich apostolischen Glaubensbekenntnis bereits gegeben. Solche Veränderungen sakraler Texte waren oft das Ergebnis von mehr oder weniger öffentlich geführten Diskussionen. Die ersten Versuche solcher Überarbeitungen heiliger Texte reichen bis ins Jahr 1422 zurück, wo in der spanischen Provinz, in der Nähe von Calatrava, der Rabbiner Moïse d’Arragel zusammen mit christlichen Theologen an einer ersten jüdisch-christlichen Bibelausgabe arbeitete.

1970 wurde im apostolischen Glaubensbekenntnis der ersten ökumenischen Fassung der Ausspruch „die heilige katholische Kirche“ in „heilige christliche“ Kirche umformuliert. Dies war ein Beitrag zum innerchristlichen Dialog. Will der Islam nun tatsächlich europäisch werden, müssten sich hier muslimische Theologen ans Werk machen. Und würde man darüber öffentlich im Kreise kompetenter Theologen unterschiedlicher Konfessionen diskutieren, hätten die Bürger zumindest mal den Eindruck, dass sich langfristig etwas positiv verändern kann.

Es wäre darüber hinaus ebenfalls sinnvoll, theologische Debatten über den Islam von den Diskussionen über die innere Sicherheit und diese wiederum von den Diskussionen über Flüchtlingspolitik zu trennen, so wie es das französische Fernsehen strikt praktiziert, was wirklich sehr gut ist, weil sich diese vollkommen unterschiedlichen Problematiken in den Köpfen der Bürger nicht vermischen. Und jeder dieser Bereiche hat seine kompetenten Spezialisten. In erster Linie kommen hier Fachleute aus der nationalen Forschungsgemeinschaft CNRS zu Wort, weshalb denn auch die französischen Talk- und Diskussionsrunden wesentlich nüchterner und auch viel informativer sind.

Vielleicht sollten sich die deutschsprachigen und auch ungarischen Fernsehanstalten tatsächlich ein paar Gedanken dazu machen, wie sie im neuen Jahr durch anspruchsvollere Gesprächsrunden zur grundsätzlichen Deeskalation beitragen könnten.

Die Autorin publiziert und produziert Radiosendungen zu politischen Themen in MOE und religionshistorischen Debatten in Europa und Israel. Sie wuchs in Heidelberg auf, studierte in Paris und lebte seit 1990 in Bukarest, Paris und Budapest.

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