Wie kam es zur Gründung Ihres stellvertretenden Staatssekretariats?

Ende August nahmen Ministerpräsident Viktor Orbán und Sozialminister Zoltán Balog in Rom an einer Beratung mit mehreren Patriarchen aus dem Nahen Osten teil. Hauptthema war die Christenverfolgung in dieser Region. Nach einer Schilderung der Lage vor Ort wandten sich die Patriarchen mit einem konkreten Hilfeersuchen an die anwesenden europäischen Vertreter. Premier Orbán versprach daraufhin, dass sich Ungarn im Rahmen seiner Möglichkeiten noch stärker für den Schutz und die Stärkung der christlichen Gemeinschaften der Region engagieren werde.

Gab es bereits Hilfe von Ungarn für die bedrohten christlichen Glaubensgemeinschaften?

Ja, Ungarn leistete schon bis dato sowohl humanitäre Hilfe als auch Unterstützung dabei, auf die Verfolgung von Christen insbesondere im Nahen Osten aufmerksam zu machen. Bisher konnte mit ungarischer Hilfe unter anderem eine christliche Schule in Erbil wieder aufgebaut werden. Die ungarische Regierung fühlt sich den, sowohl in ethnischer als auch in religiöser Hinsicht verfolgten christlichen Gemeinschaften sehr verbunden, und hat dies in der Vergangenheit bereits mehrfach bekundet. Mit der folgerichtigen Schaffung des stellvertretenden Staatssekretariats sind wir nun noch einen Schritt weiter gegangen.

Was genau sind Ihre Aufgaben?

Zunächst einmal wollen wir die auch bisher schon laufenden verschiedenen humanitären Hilfsaktionen noch besser koordinieren. Außerdem wird mein stellvertretendes Staatssekretariat ein Stipendienprogramm starten, in dessen Rahmen in den kommenden zwei Jahren 250 verfolgte christliche Jugendliche in Ungarn empfangen werden. Ganz wichtig finden wir auch die Aufklärung, insbesondere die Sensibilisierung der Weltöffentlichkeit bezüglich der neuzeitlichen Christenverfolgung. Zu diesem Zweck wollen wir jährlich in Budapest einen Weltkongress unter Mitwirkung von internationalen Experten und natürlich von Leitern der betroffenen christlichen Gemeinschaften abhalten. Weiterhin wollen wir jährlich in mehreren Sprachen ein Jahrbuch zur weltweiten Situation der verfolgten Christen herausgeben. Außerdem wollen wir entsprechende Dokumentarfilme drehen. Wir möchten, dass Budapest beim Schutz von verfolgten Christen zu einem maßgeblichen internationalen Zentrum wird.

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„Keinen Europäer, ob nun Christ oder nicht, sollte das Schicksal unserer Geistesverwandten im Nahen Osten kalt lassen!“

Ganz wichtig ist auch die Analyse der Ursachen und Triebkräfte der Christenverfolgung. Um grundlegende Änderungen zum Besseren zu bewirken, ist es ganz wichtig zu verstehen, was sich in diesen Regionen vollzieht. Über 2000 Jahre konnten Christen und Nicht-Christen in der Region mehr oder weniger friedlich zusammenleben. Jetzt plötzlich nicht mehr. Was ist jetzt innerhalb nur weniger Jahre passiert? Wie konnte sich die Situation so dramatisch verändern? Wie entstand die religiöse Intoleranz, die die christlichen Gemeinschaften nun in ihrer Existenz gefährdet? Wie und warum wurden zuvor friedliche Muslime aufgehetzt? Dabei ist es wichtig, zu betonen, dass auch zahlreiche Muslime Opfer dieser Radikalisierung sind, dieses Missbrauch des Glaubens, um Menschen zu fanatisieren. All dem muss Einhalt geboten werden!

So auch mit der Schaffung des stellvertretenden Staatssekretariats.

Die ungarische Regierung möchte damit international ein Zeichen setzen. Wir möchten darauf hinweisen, dass etwas grundlegend falsch läuft. Es ist unsere moralische Pflicht, einer Gemeinschaft zu helfen, mit der wir uns seelenverwandtschaftlich verbunden fühlen. Unsere Regierung hat mehrfach betont, dass es mit Blick auf die Zukunft wichtig sei, unsere christlich-jüdischen Wurzeln zu verteidigen. Wir Europäer sind Europäer, weil wir im Geiste dieser Wurzeln aufgewachsen sind. Auch wenn jemand ein Atheist ist, kann er heutzutage die Früchte dieser Wurzeln genießen. Er kann in Europa frei seine Meinung äußern, weil bei uns Demokratie herrscht. Ohne unsere christlich-jüdischen Wurzeln gäbe es bei uns aber keine Demokratie, gäbe es keine Gleichberechtigung von Frau und Mann, und keine bürgerlichen Gesetze.

Leider nehmen insbesondere europäische Jugendliche all diese Errungenschaften als so automatisch und gegeben hin, dass sie sich nicht mehr vorstellen können, dass diese Werte auch verteidigt und gestärkt werden müssen. Ganz anders die christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten. Ihr Mut bei der Verteidigung ihrer Werte, die auch unsere sind, sollte für uns beispielgebend sein. Nun brauchen sie unsere Unterstützung, damit sie entsprechend ihrer Werte und ihrer Lebensart weiterhin in ihrer Heimat leben können. Das ist der ausdrückliche Wunsch der Leiter dieser christlichen Gemeinschaften. Niemand gibt freiwillig seine Heimat auf. Keinen Europäer, ob nun Christ oder nicht, sollte das Schicksal unserer Geistesverwandten im Nahen Osten kalt lassen!

Gibt es in anderen Ländern etwas Ähnliches wie Ihr stellvertretendes Staatssekretariat?

In anderen Ländern gibt es Institutionen, die sich mit dem Schutz der Glaubensfreiheit und der Religionsfreiheit im Allgemeinen beschäftigen. Aber eine so hoch angelegte Institution wie die unsere, die sich speziell mit dem Schicksal von verfolgten Christen beschäftigt, ist einzigartig. Es ist sehr wichtig, dass wir es wagen, auszusprechen, worum es geht. Sprechen wir aus, dass es eine Gemeinschaft gibt, mit der wir uns ideell verbunden fühlen und für die wir eine größere Verantwortung empfinden, als für andere religiöse Gruppen. Dafür sollten wir uns als Europäer nicht rechtfertigen müssen. Das Engagement für Seinesgleichen ist etwas ganz natürliches. Auch die islamische Gemeinschaft setzt sich schließlich etwa in Europa speziell und ausdrücklich für ihre Anhänger ein.

Im „politisch korrekten“ Westeuropa dürfte Ihre Initiative dennoch sicher nicht nur Zustimmung finden.

Ich finde es politisch korrekt, die Wahrheit auszusprechen und Solidarität für Verwandte zu bekunden. Immerhin geht es um unsere Wurzeln, es geht um unsere Werte und bestimmenden Prinzipien. Diese müssen wir kontinuierlich verteidigen. Dafür müssen wir uns aber bewusst sein, warum uns diese Werte etwas bedeuten und warum sie uns so wichtig sind. Ohne das Christentum würde es unsere Lebenswirklichkeit mit Demokratie und Meinungsfreiheit nicht geben.

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„Mir fällt es sehr schwer, die Gleichgültigkeit in den westlichen Medien gegenüber dem Schicksal der verfolgten Christen nachzuvollziehen.“

Wir sollten uns aber nicht nur wegen der gemeinsamen Wurzeln für die bedrohten christlichen Gemeinschaften einsetzen, schließlich werden sie jetzt deswegen so intensiv attackiert, weil sie von ihren Gegnern mit den europäischen Christen identifiziert werden. Die Angriffe gegen sie gelten also in erster Linie uns und unserer Lebensart. Der einzige Unterschied zwischen uns und unseren christlichen Glaubensbrüdern ist, dass die Christen außerhalb des Schutzes der christlich fundierten Länder im Moment noch leichter angegriffen werden können als wir. Letztendlich befinden sich aber alle Christen und Anhänger der abendländischen Kultur im Fadenkreuz von islamistischen Fanatikern, es gibt eine gemeinsame Front. Schon allein deswegen dürfen wir unsere Geistesverwandten im Nahen Osten nicht im Stich lassen! Sie brauchen jetzt unsere Hilfe und wir müssen sie ihnen geben!

Heute sind die Christen die gefährdetste Glaubensgemeinschaft der Welt. Alle fünf Minuten wird weltweit ein Christ wegen seines Glaubens ermordet. In 80 Ländern müssen etwa 200 Millionen Christen eine Form der Diskriminierung erdulden. Derzeit sind 80 Prozent der wegen ihres Glaubens ermordeten Menschen Christen. Anfang des 20. Jahrhunderts war im Nahen Osten jeder vierte Bewohner ein Christ, heute gehört dort nur noch jeder 33. einer christlichen Glaubensgemeinschaft an. Vor unseren Augen vollzieht sich eine schreckliche Entwicklung. Trotzdem bleibt der Westen erstaunlich passiv. Zuweilen hat es gar den Anschein, als würde der westlichen Öffentlichkeit das Schicksal von anderen Leidtragenden der Konflikte im Nahen Osten deutlich näher am Herzen liegen. Was wird nicht alles für muslimische Flüchtlinge unternommen!

Möglicherweise ist das ein Resultat eines fehlenden europäischen Traditionsbewusstseins insbesondere in Westeuropa.

Durchaus. Während kleine Gruppen an Extremisten die Glaubensgemeinschaften gegeneinander aufhetzen, also den Glauben – wenn auch in einem sehr negativen Sinne – aufwerten, verliert Europa immer mehr seinen Glauben also auch seine Identität. Diese beiden gegenläufigen Prozesse finden gleichzeitig statt und verstärken sich einander. Ich verstehe nicht, wie man freiwillig seine eigene Lebensart aufgeben, sein eigenes Ich negieren und sich quasi von seinen Eltern distanzieren kann. Ich sehe hier keine Logik. Mir fällt es daher sehr schwer, die Gleichgültigkeit in den westlichen Medien gegenüber dem Schicksal der verfolgten Christen nachzuvollziehen. Immerhin handelt es sich bei ihnen um entfernte Verwandte, die sich noch ihren Glauben bewahrt haben. Gegenwärtig findet eine Verfolgung von Christen in einem Ausmaß statt, wie zur Zeit der Gründung des Christentums. Dennoch nehmen die „christlichen“ Länder von diesen Ungeheuerlichkeiten kaum Notiz.

Die Lage der christlichen Gemeinschaften hat sich nicht zuletzt durch den „Demokratie-Export“ des Westens so dramatisch verändert.

Allerdings. Auch im Sinne dieses durchaus fragwürdigen Konzeptes müsste es übrigens eine Selbstverständlichkeit sein, in den betroffenen Ländern prinzipiell alle demokratiefähigen Teile der Gesellschaft, also auch die Christen massiv zu unterstützen. Zumindest, wenn die Urheber des „Demokratie-Exports“ das mit der Demokratisierung auch wirklich ernst meinen. Bisher hat der „Arabische Frühling“ für die Christen in den betroffenen Ländern jedoch das ganze Gegenteil der bekundeten Absichten der „Demokratie-Exporteure“ bewirkt. Für die Christen war es im Nahen Osten nie ganz unproblematisch zu leben, inzwischen ist es für sie jedoch teils lebensgefährlich geworden. Es gibt sogar regelrechte ethnische Säuberungen. Die Weltgemeinschaft darf dabei nicht länger tatenlos zusehen!

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Wir wollen mit dazu beitragen, dass immer mehr Menschen zumindest mitbekommen, was dort mit Menschen geschieht, die sich zu ähnlichen Werten bekennen wie wir. Das oberste Ziel unseres neugeschaffenen stellvertretenden Staatssekretariats ist es, dass es eines Tages keine Existenzberechtigung mehr hat, weil alle Christen überall auf der Welt so sicher leben können wie in Europa oder den USA. Ich fürchte aber, dass es sich dabei um ein sehr langfristig gestecktes Ziel handelt. Solange wird meine Abteilung ein fester Teil unseres Ministeriums bleiben.

Warum ist Ihr stellvertretendes Staatssekretariat nicht im Außen-, sondern Sozialministerium EMMI angesiedelt?

Das EMMI ist unter anderem für die zukünftigen Generationen verantwortlich, für die Zukunft unserer Kultur, der Familien, der Gesellschaft, unserer Lebensart, aber auch unserer Identität. Zu dieser Identität gehört mit dazu, dass wir begreifen, dass wir Teil einer größeren Gemeinschaft sind, deren Mitglieder jetzt in Not sind und unsere aktive Solidarität brauchen.

Wie viele Mitarbeiter wird Ihr stellvertretendes Staatssekretariat haben?

Zunächst erst einmal zehn. Selbstverständlich können wir uns aber auch auf die vorhandenen Ressourcen unseres Ministeriums stützen und auch auf die von anderen Einrichtungen und Kooperationspartnern.

Waren Sie schon einmal vor Ort?

Nein, noch nicht. Ich habe aber unter anderem vor, im nächsten Jahr nach Erbil zu reisen, wo es auch ein ungarisches Generalkonsulat gibt.

Wie sind bisher die internationalen Reaktionen auf die Gründung Ihrer Abteilung?

Sehr positiv. Viele betrachten uns als Vorbild und wollen diesbezüglich von Ungarn lernen. Das Interesse ist groß, kontinuierlich bekommen wir Besuche, die sich direkt bei uns über die Art und Weise unserer Hilfestellung für verfolgte Christen informieren wollen. Permanent erhalten wir Kooperationsangebote. Die Zeit wird unsere Arbeit beurteilen. Wir machen unsere Arbeit, weil wir sie für wichtig erachten. Wenn Länder von unserem Vorbild lernen wollen, dann ist das natürlich schön, aber nicht der tragende Gedanke unserer Arbeit.

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