Es ist durchaus möglich, dass Trump den US-Markt besser gegen ausländische Importwaren schützen wird, genauso ist aber auch möglich, dass er genau das nicht machen wird, weil sich die US-Verbraucher lieber weiterhin preiswert einkleiden und preiswerte Autos fahren wollen. Und US-Verbraucher gibt es nun einmal deutlich mehr als US-Textilarbeiter und -Fahrzeugbauer. Gerade als Geschäftsmann wird Trump sicher auch dieser Realität einen ausreichenden Respekt zollen. Zur US-Realität gehören ebenso gewaltige Lobby-Gruppen, allen voran die der Rüstungsindustrie, des Finanzwesens und der Energiewirtschaft. Erwähnt werden muss hier freilich auch die sich staatlich gebende Privatbank FED.

Das Geschäftsmodell dieser Giganten beruhte bisher fest auf der Annahme, die jeweilige US-Administration in ihr genehme Richtungen beeinflussen zu können. Auch ein Egozentriker wie Donald Trump wird es sicher nicht wagen, sich mit diesen einflussreichen Lobby-Gruppen mehr als nur etwas zu reiben. Mit Anti-Lobby-Rhetorik gewinnt man vielleicht Wahlen, Präsident bleibt man aber nur, wenn man es sich mit diesen Lobby-Gruppen möglichst nicht verscherzt. Auch hier wird es also eine gewisse Konstante geben. Die US-Rüstungsindustrie wird weiterhin Waffen produzieren, diese Waffen werden im In- und Ausland kräftig verkauft werden. Und weil das Geschäft möglichst nicht stocken sollte, müssen sie auch gelegentlich eingesetzt werden.

Überraschungen kann es freilich immer geben. Im Koordinatensystem der zuvor erwähnten harten Gegebenheiten wird es aber weit weniger geben, als die Reden des scheinbar von allen Zwängen befreiten Wahlkämpfers Trump zuvor vermuten ließen. Klar wäre es schön, wenn die USA in Sachen Russland auf weniger Konfrontation setzen würden. Aber würde der als russlandfreundlich titulierte Trump wirklich eine zu starke Annäherung zwischen westeuropäischem Know-how und russischen Rohstoffen gestatten? Würde er den europäischen Verbündeten – einige namhafte US-Strategen sprechen hier eher von Vasallen – tatsächlich gestatten, eine vernünftige Währungs- und Migrationspolitik zu machen? Oder den kalten Wirtschaftskrieg mit Russland zu beenden? Der übrigens Europa riesige Beträge gekostet hat, während die USA als lachende Dritte prima davon profitierten.

Die Kernfrage für uns Europäer wird sein, ob uns Trump in Analogie zu seinem, auf die USA bezogenen Wahlkampf-Slogan vom Amerika, also den USA, die es wieder groß zu machen gilt, gleiches für unseren Kontinent zugesteht. Immerhin wird sein Sturmlauf gegen die Political Correctness – „Amerikas größtes Problem“ – nicht ohne Folgen für die – wie sage ich es jetzt politisch korrekt? – ähnlich versehrte westeuropäische Öffentlichkeit bleiben. Mit seinen permanenten Attacken gegen die Political Correctness, deren Zwängen er sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nach seiner Vereidigung nicht unterwerfen wird, trägt er zumindest dazu bei, dass sich möglicherweise auch bald die Europäer wieder freier und wirklichkeitszugewandter Gedanken über ihr Schicksal machen können. Selbst wenn die neue Meinungsfreiheit auch kritische Gedanken etwa zur bisherigen US-Außenpolitik mit einschließt. In diesem Zusammenhang wird es übrigens interessant sein zu beobachten, wie sich die transatlantischen Lobbyorganisationen mit Blick auf den europäischen Alltag verhalten werden. Wird es neben den bisherigen, eher „demokratisch“ geprägten Netzwerken bald auch „republikanische“ geben?

Sicher ist auf jeden Fall eins: 2017 wird auch mit Blick auf den Machtwechsel im Weißen Haus ein sehr spannendes Jahr werden.

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