Wie konnten die Demokraten mit einer so unpopulären Spitzenkandidatin wie Hillary Clinton ins Rennen gehen?

Die meisten Demokraten dachten, dass sie mit Hillary auf der sicheren Seite stehen. Die demokratische Partei schien so stark, dass man die Republikaner gar nicht als Bedrohung wahrgenommen hat. Vor allem nicht Trump. Die haben ihn zuerst gar nicht für voll genommen. Das war ein Fehler. Doch selbst die Republikaner haben ja nicht daran geglaubt. Noch zwei Wochen vor der Wahl gab Paul Ryan (republikanischer Politiker und Sprecher des Repräsentantenhauses, Anm.) bekannt, dass er Trump nicht unterstützt. Er war nicht der Einzige. Viele, die glaubten, dass Trump nicht gewinnen würde, wollten so ihre Karrieren schützen. Das ist eine Schande und auch ein Beispiel dafür, wogegen sich Trump-Unterstützer aussprechen.

Obwohl sich Hillary Clinton nahezu auf die gesamten überregionalen US-Medien sowie den größten Teil des Show- und Musik-Business stützen konnte, machte trotzdem Donald Trump das Rennen. Wie konnte so etwas im Medienzeitalter möglich werden?

Amerikaner, die für ihr tägliches Überleben hat arbeiten müssen, scheren sich nicht um berühmte Leute. Den Leuten ist klar, was es bedeutet, wenn ein „Star“ einen Politiker öffentlich unterstützt: Die werden dafür bezahlt. Die Demokraten haben geglaubt, dass dieser alte Trick noch ziehen würde. Doch seit wann sind Schauspieler überhaupt Personen von politischer Relevanz? Das ist ein Schlag ins Gesicht der Amerikaner. Das betrifft nicht nur die Republikaner. Doch die Demokraten haben nichts gesagt, weil sie dachten: „Alles besser als Trump“. Sie haben es den Medien überlassen, sich für sie eine Meinung zu bilden und nicht einmal versucht, darüber nachzudenken, welche Chance Trump für die USA ist. Die wollen es auch gar nicht wissen. Die Presse gaukelt ihnen eine falsche Realität vor und sie glauben es blind. Es gibt zwar auch Republikaner, die so sind, aber wie wir an den Wahlen sehen können, waren es vor allem die Demokraten.

Wie konnten die US-Meinungsforscher über weite Strecken so daneben liegen?

Alle wissen, dass die Presse zum Großteil aus Liberalen besteht. Sie haben sich nicht an das Credo gehalten, neutral zu bleiben. Jetzt werden sie dafür zahlen. Die Presse hat versucht, alle Trump-Wähler als dumme, aggressive Rassisten abzustempeln, daher haben sich viele in Befragungen nicht getraut, zu sagen, dass sie für Trump stimmen. Außerdem sind letztendlich weniger Demokraten wählen gegangen, weil sie den Umfragen geglaubt haben und dachten, dass Hillary eh gewinnt. Ein weiterer Grund ist, dass viele Umfragen von Geschäftsleuten finanziert werden. Die erwarten für ihr Geld natürlich die „richtigen“ Ergebnisse. Und die mit den Meinungsumfragen befassten Firmen wollen solche lukrativen Aufträge natürlich nicht verlieren. Im Endeffekt sind jedoch die ganzen einseitigen Berichte und manipulierten Umfragen nach hinten losgegangen. Der Begriff Public Opinion Engineering muss schleunigst neu definiert werden.

Wie groß ist der Spielraum eines US-Präsidenten Trump überhaupt? Wie weit kann er auf Konfrontationskurs zur bisher tonangebenden Rüstungsindustrie, Finanzwirtschaft und der FED gehen?

Es liegt an seinen Unterstützern in der Presse, im Kongress und im Senat, nicht zuletzt aber auch an dem Team, das er aufstellt. Genau wie im Wahlkampf, spielt auch hier die öffentliche Meinung eine riesige Rolle. Letztendlich kann er fast immer eine Executive Order erlassen, was für seine ersten hundert Regierungstage auch von vielen erwartet wird, aber die Kulanzzeit ist kurz, vor allem wenn keine Unterstützung von Seiten einiger Schlüsselfiguren und der Presse da ist. Die Außenpolitik kann er immer mit einfachen Besuchen oder Einladungen beeinflussen. Die FED ist kein Regierungsapparat, sondern eine private Institution, da hat er also wenig zu sagen. Sicherlich hat er Einfluss, aber nicht das letzte Wort. Die Politik ist ein Schachspiel – wenn der Präsident etwas vorschlägt, selbst wenn die Presse es nicht will, solange es das amerikanische Volk will, hat er schon gewonnen. Es sind zwar selten die direkten Schachzüge, die Änderungen bringen, doch Trump ist ein Meister des Geschäftes und ich denke, dass er genau das drauf hat. Und wenn nicht, dann hat er zumindest unfassbare „Macher“ in seinem Team. Die sind zwar nicht alle erste Wahl, aber Trump weiß, dass sie das erreichen und machen werden, was gemacht werden muss, um das Ziel zu erreichen. Rudi Giuliani und hoffentlich auch Trey Gowdy sind dafür Beispiele.

Obwohl es bei Trumps Vorstellungen vieles gibt, das deutschen Linken sehr sympathisch sein müsste (Schaffung von Arbeitsplätzen, Konjunkturprogramm, Zurückdrängung des Freihandels, friedlichere Außenpolitik, Entspannung der unter den Demokraten angeheizten Eskalation mit Russland etc.) brachten die strukturell eher linken deutschen Mainstream-Medien Trump keinerlei Sympathie entgegen. Etwa 85 Prozent der Deutschen hätten trotz der offensichtlichen Willfährigkeit von Hillary Clinton gegenüber Lobbys aus der Rüstungsindustrie und der Finanzwelt sowie gegenüber arabischen Diktatoren die Spitzenkandidatin der Demokraten gewählt. Bitte erklären Sie uns diesen Wiederspruch!

Ganz einfach: Trump wurde als verrückter, unkontrollierbarer, unberechenbarer Sexist und Xenophob dargestellt und Hillary aufgrund ihrer Erfahrung und dem über Jahrzehnte gehegten falschen liberalen Bild als die richtige Wahl. Viele Menschen, besonderes in Europa, sind bereit Dinge zu tun, nur um ihr Gewissen zu beruhigen. Wenn die öffentliche Meinung sagt „Trump ist böse“ und sich jemand als liberal definiert, ist es egal, wer zur Kandidatur steht, sie werden immer liberal wählen. Es ist eine Gewissensfrage beziehungsweise eine persönliche Entscheidung, um ihre eigene Welt zu schützen. Sie glauben, was gesagt wird, weil sie es glauben müssen, sonst müssten sie zugeben, dass liberal nicht mehr liberal ist und dass vieles, worauf ihr Glauben baut, Propaganda ist und es nicht mehr ihre Grundsätze sind, die die liberale Welt beherrschen. Das sieht man auch an den großen Demonstrationen. Die sind nicht wirklich sauer darüber, dass Trump gewonnen hat. Die sind sauer, weil sie verloren haben. Sie werden laut, sauer und destruktiv, weil sie sonst zugeben müssten, dass die liberale Botschaft von Toleranz und Menschlichkeit tot ist. Klar werden sie wütend, weil es nun mal nicht sein kann, dass sie daneben lagen und Unrecht haben. Das kann Menschen in den Wahnsinn treiben. Man hört viele intelligente Liberale, die laut und beleidigend werden, weil es ihren Kopf zerbricht. In Europa und besonders in Deutschland darf man nicht außer Acht lassen, dass man aus bestimmten Gründen liberal ist. Sozialpolitisch gesehen wird das „N-Wort“ (Nazi, Anm.) immer wieder benutzt, um eine Person oder Partei (zum Beispiel die AfD) zu diskreditieren. Doch vor allem wird es benutzt, um die Deutschen zu manipulieren. Es wird in Erinnerung gebracht, was im Zweiten Weltkrieg passiert ist. Damit wird jeder, der aus der Reihe tanzt, in die Schranken verwiesen. Ich finde das kriminell und schwach. Ich denke, es ist an der Zeit, dass die, die nichts damit zu tun hatten, und das ist der Großteil aller Deutschen, dies nicht weiter akzeptieren. Aber wie gesagt, hier stehen Jahrzehnte der Propaganda dahinter, der sich viele gar nicht bewusst sind. Wieso bin ich, wenn ich sage „Ich liebe Amerika“ ein Patriot, aber ein Deutscher, der sagt „Ich liebe Deutschland“, ein Nationalist? Klare Antwort: Die Geschichte wird immer benutzt, um alle Versuche, stark zu werden, zu vernichten.

Das bringt uns zu einem Punkt, den sich alle Liberale merken sollten: Merkel, die liberale Königin von Europa, sagte vor einigen Tagen, dass Deutschland die USA nicht mehr braucht und dass „wir“ selbst für Sicherheit sorgen können. Wieso wird ihr nicht Nationalismus vorgeworfen? Etwa, weil sie diesen Gedankengang in einem liberalen Kontext geäußert hat? So wird es jedenfalls kommuniziert und damit wieder die zerbrechliche Welt in den Köpfen der Pseudoliberalen ausgenutzt.

In seinem Buch „Die gekauften Journalisten“ deckt der Enthüllungsjournalist Udo Ulfkotte die massive Infiltrierung deutscher Redaktionen durch US-amerikanische Lobbyorganisationen auf. Diese „transatlantischen Netzwerke“ liefen so lange wie geschmiert, so lange sich das Establishment auf beiden Seiten des Atlantiks in wesentlichen ideologischen Punkten einig war (rücksichtlose Forcierung des Freihandels, Umverteilung von Süd nach Nord und von unten nach oben, Konfrontationskurs mit Russland etc.). Wie wird es jetzt mit diesen Netzwerken weitergehen? Kann es eventuell zur Bildung einer transatlantischen großen Koalition der „Politisch Korrekten“ gegen Trump kommen?

Alles ist möglich. Und wie man am letzten Spiegel-Titelblatt sieht, ist es schon im vollen Gange. Dieses idiotische Titelbild mit Trump als Komet und dem Satz „Das Ende der Welt“, zeigt, wie sehr sie es auf Trump abgesehen haben. Sie können nicht akzeptieren, dass zum ersten Mal in langer Zeit entgegen aller Versuche und trotz der manipulierten Presse die Demokratie tatsächlich funktioniert hat. Das ist ihnen ein Dorn im Auge. Es war eine Überraschung, dass Trump, trotz illegaler Wähler und nachgewiesener Wahlzettel von Toten, gewonnen hat. Es wird große Umwälzungen geben, Land für Land. Die Zeiten des passiven „Die machen das schon!“ sind vorbei, zumindest in der westlichen Welt. Wir müssen nur vorsichtig sein, wie weit wir gehen, zu weit in jede Richtung ist nie gut. Ich schätze Trump und sein Team so ein, dass die keine Spielchen spielen, sondern Tacheles reden werden, aber natürlich mit Rücksicht auf Beziehungen. Ich denke, Trump wird für viele Politiker, in vielen Ländern, die Anti-Establishment sind, das Zugpferd sein. Ungarn zum Beispiel oder auch die AfD. Beide wollen die Gesetze befolgen und die Souveränität ihrer Länder wahren. Doch wie gesagt: Die Anti-Trump-Kampagne ist in vollem Gange, was in Europa überhaupt keinen Sinn macht, da man hier, wenn überhaupt, von Trumps neuen Wegen eher profitieren wird.

Welchen Einfluss hat das US-Wahlergebnis auf patriotische Kräfte innerhalb und außerhalb der deutschen Altparteien?

Meiner Meinung nach wird es einige Parteien stärken und anderen eher schaden. Die AfD profitierte zuerst vom Brexit und jetzt auch von Trump, der zeigt, dass auch ein Underdog gewinnen kann, wenn er für das Volk spricht. Die alten Parteien haben schon Probleme. Sie sind nicht mehr zeitgemäß, sie sind den heutigen Problemen nicht gewachsen. Es gibt viele Alt-Politiker, die noch in den 90ern hängengeblieben sind. Einige Politiker sind auch irrelevant geworden, weil sie sich Änderungen verweigern

Ist in der Bundesrepublik durch verschiedene Effekte (Angst, sich bei Meinungsumfragen zu äußern und Unwillen, sich überhaupt an Umfragen durch das „Establishment“ zu beteiligen) die Unterstützung der AfD in Wirklichkeit höher als aus Meinungsumfragen ersichtlich?

Als Amerikaner in Deutschland und Ungarn höre ich mehr als man vermuten würde. Viele vertrauen mir und wollen hören, was ich denke. Viele sehen die USA immer noch als ein Vorbild, wenn es um Liebe zum eigenen Land und klare Kommunikation geht. Die AfD hat mehr Unterstützer als öffentlich bekanntgegeben wird. Die Umfragen werden fabriziert und die manipulierten Ergebnisse dann an die Öffentlichkeit gebracht, um die Stimmung zu beeinflussen. Deshalb werden die Umfragen in Sachen AfD immer daneben liegen. Ich bin mir sicher, dass uns die AfD bei den nächsten Wahlen mit über 20 Prozent überraschen wird.

Welche Chancen eröffnen sich für Europa, wenn die USA hier ihre Zügel etwas lockern?

Das ist schwierig zu sagen, aber in einem können wir uns sicher sein: Die Probleme mit Russland werden weniger werden. Das ist nicht nur für Europa gut, sondern auch für den Nahen Osten. Es kann aber auch sein, dass die USA zumindest eine kleine Rolle in Europa spielen werden. Wenn Trump sein Wort hält, werden wir in der UN und derartigen Organisationen kürzer treten. Ich habe das Gefühl, dass es mehr Freundschaften mit Ländern geben wird, die sonst immer zweite Wahl waren oder „nicht für sehr wichtig“ gehalten wurden, zum Beispiel Ungarn. Dass sich die geopolitische Landschaft Europas drastisch ändern wird, ist, wie es bereits der Brexit und das Erstarken der AfD zeigen, zwangsläufig. Wer das nicht sieht, will es einfach nicht sehen.


Dem interessierten deutschen Publikum ist Steven E. Kuhn seit 2003, seit dem Erscheinen seines Buches „Soldat im Golfkrieg – Vom Kämpfer zum Zweifler“ und seinen begleitenden Lesungen und Talkshow-Auftritten kein Unbekannter mehr. Auch bezüglich der jüngsten US-Wahl wurde er als politisch interessierter, deutsch sprechender US-Amerikaner mehrfach im Fernsehen interviewt. Steven E. Kuhn pendelt zwischen Berlin und Budapest, wo seine Familie lebt.

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